Efeu - Die Kulturrundschau

Jekyll ohne Hyde

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22.04.2026. Antoine Fuquas Michael-Jackson-Biopic "Michael" beschäftigt die Feuilletons. Dass der Film das Leben des Stars als Heiligenvita erzählt und die Missbrauchsvorwürfe ausspart, gefällt der FAZ gar nicht. Laut SZ ist "Michael" obendrein zum Einschlafen langweilig. Einhellige Zustimmung findet hingegen eine Berliner Ausstellung zu Bauhaus-Fotografinnen, der Tagesspiegel zeichnet nach, wie die Künstlerinnen um ihre Bildrechte kämpfen mussten. Die nachtkritik setzt mit Blick auf Marta Górnickas "Kassandra" zu einer Wutrede wider banal aktivistisches Theater an.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.04.2026 finden Sie hier

Film

Strahlemann ohne Abgründe: Jaafar Jackson, Michael Jacksons Neffe, spiel seinen Onkel

Den Regisseur Antoine Fuqua kennt man eher von seinen Actionfilm-Spektakeln, mit "Michael" legt er nun ein Biopic über Michael Jackson vor. Dass er die seit 1993 erhobenen Missbrauchsvorwürfe gegen den "King of Pop" darin großzügig ausspart, indem er den Film einfach 1988, auf dem Höhepunkt von Jacksons Ruhm, enden lässt, lässt die Filmkritiker aufschreien. Der Film ist "als Emanzipationsgeschichte gebaut und als Heiligenvita gefilmt", schreibt Kira Kramer in der FAZ. "Der Film kennt Staunen, aber keine Reibung. Er zeigt Verehrung in immer neuen Variationen, als könne man aus hysterischen Zuschauergesichtern schon Erkenntnis gewinnen." Das alles dürfte maßgeblich auf den Einfluss von Jacksons Manager und Nachlassverwalter John Branca zurückzuführen sein, schreibt Jens Balzer auf ZeitOnline. Branca "hat sich im Film ganz unbescheiden ein Denkmal gesetzt: als der Mann, der den geschundenen Kinderstar vom tyrannischen Vater erlöste".

Gerüchten zufolge soll dem Film wohl ein weiterer über Jacksons dunkle Seiten folgen, allein Ueli Bernays von der NZZ fehlt der Glaube angesichts des offensichtlichen Bestrebens der Nachlassverwalter, der Marke Jackson neues, tantiementrächtiges Leben einzuhauchen. Der vorliegende Film "erweist sich nun als seltsam sonnige Hälfte eines verschatteten Ganzen, von dem man nicht weiß, ob es jemals realisiert wird. Der fehlende Teil erzeugt vorläufig jedenfalls eine Art Phantomschmerz. Man hat gewissermassen den Eindruck, es werde einem Dr. Jekyll gezeigt und Mister Hyde vorenthalten."

Joachim Hentschel packt in der SZ das große Granteln: Der Film ist nichts als "ein Marken-Event. ... Ein gut zweistündiges, offenbar mehr als 150 Millionen Dollar teures Jackson-Image-Bewegtbild, ganz im kunsthandwerklichen Stil der berüchtigten Kabelfernseh- und Netflix-Wikipedia-Dramen. Der Stoff, den man in Hotels zum Einschlafen guckt, aber auf Leinwand hochgerechnet. Ein menschenfleischliches Franchise, in dessen Ruhm sich jede Menge Leute sonnen." Weitere Besprechungen in Welt und Tagesspiegel.

Weitere Artikel: Daniel Gerhardt hebt auf ZeitOnline den Zeigefinger in Richtung der Produzenten der dritten Staffel der HBO-Serie "Euphoria", denen er bei der "Darstellung harter Realitäten" eine "Ästhetisierung und Sexualisierung von Gewalt und Herabwürdigung" vorwirft. In der FAZ gratuliert Maria Wiesner John Waters zum 80. Geburtstag. Besprochen werden Simon Baumanns "Wir Erben" (taz), die Arte-Serie "Reykjavík Fusion" (FAZ) und Massoud Bakshis Langzeit-Doku "All My Sisters" (Standard).
Archiv: Film

Kunst

Grit Kallin-Fischer, Selbstporträt mit Zigarette, Detail, um 1928, Bauhaus-Archiv Berlin © Bauhaus-Archiv Berlin

Begeistert ist Tagesspiegel-Kritikerin Nicola Kuhn von der Ausstellung "Neue Frau. Neues Sehen. Die Bauhaus-Fotografinnen", die das Bauhaus Archiv als Gast des Berliner Museum für Fotografie realisiert. Sichtbar wird erstmals, wie wichtig einerseits die Fotografie als Kunst für das Bauhaus insgesamt war - und wie vielseitig andererseits die Beiträge insbesondere von Frauen zu dieser Tradition ausfallen. "Die Fülle an Exponaten ist überwältigend: hier die sich selbst erforschenden Maskeraden von Gertrud Arndt, die damit heute als Vorläuferin von Cindy Sherman gilt, dort die kühl-eleganten Architektur-Aufnahmen der Bauhaus-Gebäude von Lucia Moholy, mit denen Walter Gropius später im amerikanischen Exil die öffentliche Wahrnehmung der Kunstschule prägen sollte, wie sie heute noch gilt. Zur Geschichte gehört aber auch, dass Moholy jahrelang um ihre Bildrechte kämpfte. Wie bei so vielen ihrer Kolleginnen wurde ihr Name unterschlagen."

Auch taz-lerin Katrin Bettina Müller findet in der Ausstellung viel von Interesse: "Spannend wird es vor allem dort, wo die gut ausgeleuchteten Pfade des Bauhauses verlassen werden. Etwa mit der Fotografin Irena Blühova, engagiert in der kommunistischen Partei der Slowakei. 1931 beginnt sie in der Fotoklasse von Walter Peterhans am Bauhaus zu studieren, arbeitet in der Zeit aber auch schon für die Arbeiter-Illustrierte-Zeitung (AIZ) an Sozialreportagen. Später muss sie als Kämpferin im antifaschistischen Widerstand untertauchen. Von ihr sind Naturstudien zu sehen, aber auch Szenen vom ländlichen Leben."

Christian Wildhagen macht sich in der NZZ Gedanken über Herrscherbilder beziehungsweise die Konflikte zwischen Künstler und Abgebildeten, die sich im Zuge ihrer Entstehung regelmäßig ergeben - zuletzt etwa im Falle Donald Trumps, der sich von einer Malerin "absichtlich verzerrt" dargestellt sah. Wildhagen blickt zurück in die Geschichte: "Schon Elizabeth I. von England sorgte sich um ihr öffentliches Image, besonders mit zunehmendem Alter. ...1596 [lies sie] unvorteilhafte Porträts konfiszieren und mit der Begründung vernichten, sie enthielten 'Fehler und Deformationen'. Um dem Übel ein für alle Mal entgegenzuwirken, wurde in der Porträtkunst eine 'Maske der Jugend' für verbindlich erklärt: ein idealisiertes Gesichtsschema, infolgedessen die 'Virgin Queen' noch im hohen Alter makellos aussah. Jedenfalls auf Gemälden."

Weitere Artikel: Wolf-Dieter Vogel berichtet in der taz von Amir Fattal, einem Künstler, der in Mexiko Stadt ins Fadenkreuz der Palästinasolidarität geraten ist - ausschließlich weil er Israeli ist. Katharina Rustler ruft im Standard der verstorbenen Künstlermutter Brigitte Meese nach. In einem weiteren Standard-Text beschäftigt sich Rustler mit Jenni Parido, die von der Trump-Regierung als Kommissärin für den diesjährigen US-Pavillon auf der Venedig-Biennale installiert wurde - ihre einschlägigste Vorerfahrung bestand in der Leitung eines Luxusgeschäfts für Hundefutter. Thomas Thiel gibt in der FAZ den aktuellen Stand im Rechtsstreit um das Bild von Anne Frank mit Palästinensertuch durch, das im Potsdamer Privatmuseum Fluxus + ausgestellt wurde. Die EU stellt ihre Zuschüsse für die Biennale in Venedig in Frage, weil dort Russland wieder ausstellen dürfen soll, berichtet unter anderem monopol. Für die BlZ kommentiert Ingeborg Ruthe.

Besprochen werden eine Richard Prince gewidmete Ausstellung in der Wiener Albertina (Standard), die große Matisse-Ausstellung im Pariser Grand Palais (FAZ, siehe auch hier), die Schau "Himmel auf Erden - An meine liebste Fußhaut" in der Galerie Nord (taz), "Martin Kippenberger. Per Pasta ad Astra" in der Galerie Gisela Capitain, Zweigstelle Neapel (Welt) und die Ausstellung "Frauen machen Schule. Wegbereiterinnen der Moderne" im Kunsthaus Stade (taz).
Archiv: Kunst

Architektur

Beeindruckt spaziert FAZ-ler Andreas Platthaus durch die frisch rekonstruierte Fest-Etage des Dresdener Residenzschlosses. Die geschichtsträchtigen Zimmer, die nicht weniger repräsentieren als die "Wiege der sächsischen Demokratie", wurden 1945 praktisch komplett zerstört. Jetzt sind sie wieder zugänglich und behalten auch in ihrer aktuellen Funktion als Ausstellungsräume "ihre Würde, und die sichtbar belassenen Wunden steigern sie sogar noch. Auch im Porzellankabinett sind bislang nur 33 der fast zweihundert Podeste besetzt - alles, was fehlt, ist Kriegsverlust. Doch mit einer Umgruppierung der Porzellansammlung im Zwinger, so kündigt Bernd Ebert an, werden weitere Vasen dazukommen, die denen entsprechen, die einmal hier standen. Lückenlos wird die Präsentation nie mehr sein können, doch sie dürfte immer noch reichen für ein Schau-Erlebnis, wie es selbst im Gesamtrekonstruktionskunstwerk Residenzschloss seinesgleichen sucht. Dresden spielt einmal mehr großartig mit seiner Geschichte." In der BlZ berichtet Ingeborg Ruthe vom Wiederaufbau der Fest-Etage.
Archiv: Architektur
Stichwörter: Residenzschloss Dresden

Bühne

Gorki Theater - Kassandra. © Esra Rotthoff

Esther Slevogt nimmt auf nachtkritik Marta Górnickas "Kassandra" am Berliner Gorki Theater (siehe auch hier) zum Anlass für eine Wutrede wider eine aktivistische Theaterpraxis, die sich die Dinge zu einfach macht. Indem sie sich einen uniformen Popanz namens Deutschland zurecht legt, auf den dann alles Übel dieser Welt projiziert wird. Anstatt dass man Überlegungen anstellt, die auch für die eigene, als postmigrantisch verstandene Position unbequem sind. Wie zum Beispiel die Folgenden: "Wie damit umgehen, dass marginalisierte Gruppen in dieser Gesellschaft oft auch Proxies von Parteien geopolitischer Konflikte sind? Wie aushalten, dass an dieser Stelle Interessenskonflikte entstehen können zwischen allen möglichen Parteien, von denen der Mainstream nur eine von vielen möglichen ist? Wie erhält man da einen gesellschaftlichen Konsens? Wie kann das Theater ein Aushandlungsort für alle bleiben? Fragen, die sich jetzt auch diese Kassandra hier offenbar erst gar nicht stellt. Sondern sich in der Pose der Unschuld und der Parteigängerin für die selbstgerechte Sache gefällt und dabei in rechthaberischer Abfälligkeit Fragen von Komplexität als feige, denkfaul oder weltflüchtig abtut."

Simon Strauß besucht für die FAZ eine Probe der Tschechow'schen "Drei Schwestern" am Berliner Ensemble unter der Regie von Mateja Koležnik. Besprochen wird Puccinis "Turandot" an der Oper Frankfurt (Welt - "so eindrücklich wie schrecklich").
Archiv: Bühne

Literatur

Harald Eggebrecht macht in der SZ auf die Lage des Karl May Verlags in Bamberg aufmerksam, der aktuell zum Verkauf steht oder ansonsten wohl schließen müsste. Außerdem sind die Nominierten für den Deutschen Sachbuchpreis bekannt gegeben worden. In unserem Online-Buchhandel Eichendorff21 haben wir sie für Sie als Büchertisch zusammengestellt.

Besprochen werden unter anderem Colm Tóibíns "Die Schwestern" (FR), Katrin Zipses "Moosland" (FR), Safia Al Bagdadis "Unser Haus mit Rutsche" (SZ) und neue Sachbücher, darunter Peter Hayes' "Geschäfte im Schatten des Holocaust. Deutsche Großunternehmen im Dritten Reich" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
Archiv: Literatur

Musik

Das oberöstereichische Mundart-Akrobatik-Akkordeon-Punk-Duo Attwenger hat mit "Wos" wieder zugeschlagen. Erneut greift "Markus Binder die im Land weitverbreitete Kulturtechnik des verbalen Kreistanzes und die Kunst der variantenreichen Wiederholung ganz im Geiste des Attwenger-Fans Ernst Jandl" auf, schreibt Christian Schachinger im Standard. "Attwenger 2026 bedeutet auch weiterhin lose an volksmusikalische Muster angelehnten, scheppernden und polternden und im Zeichen eines maximalen Minimalismus stehenden akustischen Läst. Er dient als zeitgemäße, elektrisch verstärkte Zündstufe für Konkrete Poesie. ... Die politische Grundhaltung ist und bleibt links. Insofern ist ihr Gizi, Läst und Grant auf die Lage des Landes seit ihrer Gründung vor 36 Jahren nicht geringer geworden."



Besprochen werden Slayyyters Album "Wor$t Girl in America" (Standard), Fleas Album "Honora" (FR) und neue Pop- und Rockalben, darunter Sofia Isellas EP "Something is a Shell", auf der laut Standard-Kritiker Christian Schachinger "in Bild und Ton ein Gesamtkunstwerk geboten wird, das sich mit dem Patriarchat, Gewalt und Sexismus beschäftigt".

Archiv: Musik