Efeu - Die Kulturrundschau

Zwischen Kobaltbombe und Kartoffelschälen

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10.03.2026. Die FAZ ist schwer beeindruckt, wie Ilse Ritter am Hamburger Schauspielhaus Inger Christensens Gedicht "Alphabet" und die Atombombe evoziert. In Mailand schneit es aus Chiharu Shiotas Installation "The Moment the Snow Melts" auf die NZZ. Der Standard unterhält sich mit der Regisseurin Louise Unmack Kjeldsen über die Tücken der Wechseljahre. Die Popkritiker trauern um Country Joe McDonald, der "Musik für irre Trips" machte.  
9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.03.2026 finden Sie hier

Kunst

Chiharu Shiota: The Moment The Snow melts, Installation view, 2025, Ph. Claudia Filograsso

In gleich zwei Ausstellungen kann NZZ-Kritikerin Uta Appel Tallone die riesigen Installationen der japanischen Künstlerin Chiharu Shiota bestaunen: Das Turiner Museum für orientalische Kunst zeigt mit "The Soul Trembles" eine große Retrospektive. Und im Mailänder Museo delle Culture versenkt sich die Kritikerin in die Installation "The Moment the Snow Melts": "An weiße Fäden geheftet, wirbeln diese beschrifteten Papierblätter vertikal von der kaum mehr auszumachenden Decke herab (...) Steht man nun unter dieser weißen Wolke und blickt nach oben, werden unterschiedliche Assoziationen geweckt: Blütenregen, Vogelschwärme oder eben Schneegestöber kommen einem unwillkürlich in den Sinn. Im wirbelnden Rhythmus und in ihrer Dichtheit meint man geradezu das Herabschweben großer Flocken zu spüren, wie sie einem auf die Wangen fallen, die Wimpern benetzen und einen für einen kurzen Augenblick die Welt nur noch verschwommen wahrnehmen lassen."

Weitere Artikel: Für 3,25 Millionen Euro hat das Land Nordrhein-Westfalen von den Erben das Recht erstanden, frühe Werke von Joseph Beuys auszustellen, berichtet Hans-Joachim Müller in der Welt. Besprochen wird die Ausstellung "Unvergesslich. Künstlerinnen von Antwerpen bis Amsterdam, 1600-1750" im MSK in Gent (FAZ).
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Film

Superkraft oder Downer? "Mein neues altes Ich" blickt auf die Menopause

Ein Drittel aller Frauen geht ohne größere Beschwerden durch die Wechseljahre. Aber zwei Drittel haben mittlere bis schwere Probleme dabei. Auch weil sie selber zu diesen zwei Dritteln zählte, war es der dänischen Filmemacherin Louise Unmack Kjeldsen ein Anliegen, mit dem Dokumentarfilm "Mein neues altes Ich" auf diesen Umstand aufmerksam zu machen. Wie sehr das Reden über die Menopause an ein Tabu rührt, wurde ihr auch bewusst, als sie ihren Film vor ein paar Jahren zum ersten Mal TV-Sendern pitchte: "Damals fanden einige Sender das Thema zu nischig", erzählt sie im Standard-Gespräch. "Man hat mich sogar gefragt, wer sich das ansehen will und wie man mit dem Inhalt Männer erreichen soll. Da hat sich in diesen wenigen Jahren wirklich viel verändert."

Außerdem: Im Standard empfiehlt Helen Slancar das Animationsfilmfestival "Tricky Women" in Wien.
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Bühne

Szene aus "Alphabet" am Schauspielhaus Hamburg. Foto:Katrin Ribbe

Mit "höchster Vorsicht" nähert sich Thom Luz in seiner Inszenierung von "Alphabet" am Hamburger Schauspielhaus dem gleichnamigen "Jahrhundertgedicht" von Inger Christensen von 1981, versichert Philipp Theisohn in der FAZ. Poesie auf eine Theaterbühne zu bringen ist immer ein Wagnis, und dann noch so ein Gedicht, dass "zwischen Regel und Chaos, zwischen metaphysischer Spekulation und konkretem Erleben, zwischen Kobaltbombe und Kartoffelschälen oszilliert". Aber, das Experiment gelingt über weite Strecken, findet der Kritiker: "Hervorzuheben ist vor allem die Spielleistung von Ilse Ritter, der man die wohl bekanntesten Verse zugemessen hat: jene Verse, in denen von der Atombombe, von der Zerstörung Hiroshimas und Nagasakis gesprochen wird. Nicht selten hat man in der Exegese des Gedichts aus ihnen friedenspolitische Allgemeinplätze abgeleitet. Die kalte Brüchigkeit, in der Ritter die Zeilen zum Vortrag bringt, lässt indessen das innere Drama zutage treten, das sie, das Orakel, in ihnen durchlebt. Da, wo die Auslöschung einmal ins Wort gelangt, ist sie nicht mehr aufzuhalten. Das Wort auszusprechen, heißt - und so hat man es in dieser Szene vor sich - ins 'erste alles entscheidende Nichts' zu starren."

Er wolle nicht am Ballett oder Theater arbeiten, sagte Timothée Chalamet kürzlich in einem Gespräch mit Matthew McConaughey - es würde sich sowieso niemand mehr dafür interessieren. Die Reaktionen reichten von Ärger bis Amüsement. Wiebke Hüster reagiert in der FAZ mit freundlichem Spott und resümiert ein paar Antworten: "Megan Fairchild, Starballerina des New York City Ballet, rückte die Dinge auf ihre Weise zurecht. In einem Insta-Post sagte sie, es sei ihr nicht bewusst gewesen, dass Chalamet über die außergewöhnlichen Begabungen eines Sängers oder Tänzers verfügt und diese zugunsten seiner Schauspielkarriere vernachlässigt habe. Man sieht ihren Spitzenschuh in seinem Schauspielernacken förmlich vor sich: Physisch sind Tänzer und Opernsänger eben Athleten (...) Auf Tiktok hieß es, so wie Chalamet im Film 'Wonka' gesungen habe, sei es letzten Endes für die Opernwelt doch glimpflich ausgegangen." 

Hier nochmal der Interview-Ausschnitt: 


Besprochen werden Julien Chavaz' Inszenierung von Alfred Schnittkes Oper 'Leben mit einem Idioten' an der Oper Magdeburg (Van), Kirsten Uttendorfs Inszenierung von Ethel Smyths Oper "The Wreckers" am Landestheater Detmold (backstage classical), Melina Spiekers Inszenierung des Stücks "Raub. Verladene Erinnerungen" am Theater Bremen (taz), die Performance "Zuhause" in Kooperation mit dem Hamburger Lichthof Theater (taz), Rolando Villazóns Inszenierung der Rossini-Oper "L'Italiana in Algeri" an der Deutschen Oper Berlin (tsp) und Elfriede Jelineks und Olga Neuwirths Oper "Monster's Paradise" an der Oper Zürich (NZZ).
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Literatur

Besprochen werden unter anderem Colin Walshs "Kala" (FR), Marie-Janine Calics "Balkan-Odyssee 1933-1941. Auf der Flucht vor Hitler durch Südosteuropa" (taz), Peter Roseis "Unsterbliche Seelen" (Standard) und Sigrid Undsets Mittelalter-Romanmehrteiler "Olav Audunssohn" (FAZ). Mehr dazu in unserer Bücherschau.
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Musik

Etwas säuerlich kam FAZ-Kritiker Clemens Haustein aus Moritz Eggerts vom Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin aufgeführtem Schlagzeug-Konzert "Master and Servant", in dem sich Schlagzeuger Konstantyn Napolov und Dirigent Vladimir Jurowski sehr zur Freude des Publikums ein durch allerlei Mätzchen angereichertes Duell um die Hoheit über den Klangkörper und die musikalische Darbietung lieferten. Zwar "hat das musikalisch durchaus Witz", doch was "den gedanklichen Hintergrund des Stückes angeht, erstaunt das Bild, das Eggert, Präsident des Deutschen Komponistenverbandes, von Orchestern hat. ... Ein Orchester, das eine halbe Stunde lang in choralem Einheitston spielt, jegliche Individualität unterdrückt und vor allem als nachplappernder Papagei auftritt: Das hat schon etwas Böswilliges. Alles nur Spaß? Ein Spaß auf Kosten der eigenen Arbeitsgrundlage. Ohne die Orchester, die Eggert hier als eine Versammlung Grenzdebiler vorführt und die seine Stücke bislang aufführten, wäre der Komponist ziemlich aufgeschmissen." Im Tagesspiegel bescheinigt Christiane Peitz der Darbietung derweil "reichlich Unterhaltungswert".



Die Popkritiker trauern um Country Joe McDonald, der in der US-Gegenkultur der späten Sechziger zum Namen wurde. Legendär sind sein Fuck-Cheer in Woodstock und seine zynischen Texte, in denen er sich insbesondere am Vietnamkrieg abarbeitete - beides oben eingebettet. McDonald "hat Musik für irre Trips gemacht, schon Jahre bevor das space age rockmusikalisch so richtig losging mit David Bowies 'Major Tom' und Pink Floyds 'Reise zur dunklen Seite des Mondes'", schreibt Jan Wiele in der FAZ. "Links und rechts sah McDonald die Heroen seiner Generation fallen - Hendrix, Joplin, Al Wilson, Jim Morrison, er wusste, was für falsche Freunde Alkohol und Drogen waren", schreibt Willi Winkler in der SZ. "Aber als ihm ein Interviewer vergangenes Jahr mit dem Club 27 der Großen Frühverstorbenen im Gewerbe kam, verriet er ein Geheimnis: Das sei Paul McCartney gewesen, der sich der Konkurrenz entledigte. ... Vielleicht war es sein Humor, der den Country Joe in der weitgehend humorlosen psychedelisch getränkten Umgebung überleben ließ." Weitere Nachrufe in FR und Tages-Anzeiger.

Weiteres: Hanspeter Künzler führt in der NZZ durch das (kaum überschaubare) Schaffen von Bonnie "Prince" Billy, der mit "We Are Together Again" gerade sein wer weiß wievieltes Album veröffentlicht hat. In der "Neuen Musik" des Dlf Kultur erinnert Richard Schroetter an die 1931 von der Geigerin Yvonne Giraud gegründete "Société de Musique de Chambre" und die Konzertreihe "La Sérénade".

Besprochen werden außerdem der von Klaus Abelmann, Detlef Max, Sebastian Moock und Hollow Skai herausgegebene Band "Hey Ho! Let's Go!" über 50 Jahre Punk in Hannover (taz), das neue Album der Gorillaz (NZZ), ein Konzert von Jewgeni Kissin in Wien (Standard) und das neue Album von Mitski (SZ).

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