Efeu - Die Kulturrundschau
Gleichermaßen verliebt wie heartbroken
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
09.02.2026. William Swiftspeare? Die Kritiker bleiben in Leipzig skeptisch, ob das Medley zwischen dem englischen Dramatiker und Taylor Swift funktioniert. Hervorragend funktioniert FAZ und FR zufolge aber die Stuttgarter "Meistersinger"-Inszenierung. Die FAZ hört mit Angelika Niescier die Zukunft des Jazz. Statt Bad Bunny sieht ebenfalls die FAZ in der Super Bowl-Halbzeitshow eher Lame Bunny, der auf eine politische Botschaft verzichtet und lieber den harmlosen Entertainer mimt.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
09.02.2026
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Bühne

Nachtkritikerin Jorinde Minna Markert bleibt ebenfalls skeptisch: "Das Ganze kommt Best-of-mäßig daher. Handlung wird gerafft, Sätze werden mundgerecht gemacht, das Rollenpersonal durchökonomisiert, ebenso die ausufernde, aber nie uferlose Shakespeare'sche Sprache. Alles in allem - ziemlich entwilliamisiert. Das wäre ja gar kein Problem, wenn es dafür im gleichen Maße taylorisiert würde, wenn es zwischen elisabethanischer und spätkapitalistischer Motivik synergetisch glitzerte. Wenn im Zusammenspiel von Hoch- und Populärkultur eine Musik entstünde, die uns gleichermaßen verliebt wie heartbroken zurücklässt - wie eben nur gute Popsongs das können. Dafür wirken die Pop-Elemente und vor allem die Pop-Ikone hier aber oft zu behelfsmäßig, zu funktional und konstruiert ins Geschehen eingefügt. Zu viel wird erklärt, zu wenig den Zuschauenden zugetraut."
Wagners "Meistersinger von Nürnberg" sind nicht nur durch ihre NS-Rezeption ein schwieriges Stück, weiß Judith von Sternburg in der FR, aber Elisabeth Stöpplers Inszenierung an der Stuttgarter Staatsoper weiß zu überzeugen: "Stöppler und ihr Team erkennen ja die Energie dieser Musik und lassen sich davon tragen. Selten so heitere, leichtfüßige 'Meistersinger' gesehen und auch gehört, denn Cornelius Meister und das formidabel aufgelegte Orchester sind ihrerseits voll in Stimmung. Dann ist von der Ouvertüre an eine beträchtliche Wucht möglich und klingt dennoch nicht pathetisch. Tanzen will man, nicht marschieren."
FAZ-Kritiker Stephan Mösch ist auch absolut begeistert: "Die Stuttgarter Premiere ist klug ohne Krampf und sensibel ohne Selbstgefälligkeit. Ihre Fantasie ist so genau, dass sie mit gezielten Unschärfen arbeiten kann. Sie bleibt auch dort gelassen, wo es um die heikle Rezeption geht. Sie entlastet das Stück keineswegs vom Odium der Verführungskraft, aber sie verrät es auch nicht an die braunen Abschnitte seiner Wirkungsgeschichte. Kurz: Sie sucht und findet eine Balance zwischen dem, was die 'Meistersinger' seit jeher anziehend, und dem, was sie abstoßend macht."
Besprochen werden: Ersan Mondtag inszeniert Albert Ostermaiers "Munich Machine" am Münchner Residenztheater (unser Resümee, FAZ, Nachtkritik, Spiegel Online, SZ), Stefan Pucher inszeniert Büchners "Leonce und Lena" am Wiesbadener Staatstheater (FR), Michael Thalheimer inszeniert Einar Schleefs "Salomé"-Text, inspiriert von Oscar Wilde an der Berliner Schaubühne (Zeit, Berliner Zeitung, Nachtkritik, Tagesspiegel, taz), Marcel Kohler lehnt seinen "Robo Faber" am Staatsschauspiel Dresden an Max Frisch an (Nachtkritik), Joana Tischkau inszeniert Lamin Leroy Gibbas "Die Zwillinge" am Gorki Theater in Berlin (Nachtkritik), Ronny Scholz bringt "Polnische Hochzeit" am Theater Regensburg auf die Bühne, das Haus engagiert sich seit einiger Zeit für den vor den Nazis geflohenen Komponisten Joseph Beer (NMZ), Verdis "Luisa Miller" wird von Philipp Grigorian auf die Bühne der Wiener Staatsoper gebracht (Standard), Ruedi Häusermann bringt, angelehnt an Robert Walser, "Du denkst vielleicht, was hör ich da, und ich sage dir - es ist die Waschmaschine" auf die Bühne des Zürcher Schauspielhauses (NZZ) und "Dat Wasser vun Kölle es jot" nach einer Correctiv-Recherche, Regie führt Calle Fuhr am Schauspiel Köln (SZ, Nachtkritik).
Kunst
Ingeborg Ruthe ehrt Paula Modersohn-Becker zu ihrem 150. Geburtstag in der Berliner Zeitung. Florian Weber interviewt die samische Textilkünstlerin Britta Marakatt-Labba für die FR.
Besprochen werden: Die Ausstellung "The China Moment" im Kasseler Kunstverein (taz) und "Anselm Kiefer. Le Alchimiste" im Mailänder Palazzo Reale (FAZ).
Besprochen werden: Die Ausstellung "The China Moment" im Kasseler Kunstverein (taz) und "Anselm Kiefer. Le Alchimiste" im Mailänder Palazzo Reale (FAZ).
Musik
Für ihr neues Album "Chicago Tapes" hat die Kölner Saxofonistin Angelika Niescier ihr Netzwerk zur Chicagoer Jazzszene genutzt, die seit Jahren die aufregendsten Impulse im Jazz setzt: Mit Mike Reed, Dave Rempis, Jason Adasiewicz, Luke Stewart und Nicole Mitchell hat sie ein widerständiges, komplexes Werk aufgenommen, freut sich Ulrich Rüdenauer in der FAZ. "Aus dem Groove scheinen sich die irren Läufe, komplexen Duette, die einander umgarnenden, umschlingenden Melodielinien, die lyrischen Motive und wütenden Ausbrüche von Niescier, Rempis und Mitchell herauszuschrauben, aus ihm entwickeln sie ihre Schubkraft. Das hat zuweilen etwas Hardbophaftes, manchmal etwas verspielt Experimentelles. Da hört man Niescier und Rempis sich beim Song 'Great Horned Owl' in einen Bienenschwarm verwandeln. ... Der Beitrag des Bassisten Luke Stewart ist im Übrigen nicht hoch genug einzuschätzen, sein filigran kraftvolles Pizzicato trägt enorm zur Intensität eines Albums bei, das bei jedem Hören neue Farben, Facetten, Fliehkräfte entwickelt. Falls jemand wissen will, wo die Zukunft des deutschen Jazz liegt: jenseits aller Grenzen und in jedem einzelnen Ton von Angelika Niescier."
Jürgen Kaube hat sich die Nacht um die Ohren geschlagen, um sich den Super Bowl samt Bad Bunnys Halftime-Show zu Gemüte zu führen, die im Vorfeld wegen MAGA-Empörungen und Bunnys "ICE out"-Ansage beim Grammy (unser Resümee) politisch ziemlich aufgeladen war. Fazit? Hat sich nicht gelohnt. Zu sehen war "ein im weißen Anzug auftretender Sänger, der von vielen Frauen, auch ein paar Paaren umtanzt wurde, bewegte sich durch einen Hain so, wie es früher die Schlagerstars in den Kulissen der Abendshows mit dem Fernsehballett taten. Tscha-tscha-tscha in Rap-Version. Gute, rhythmisch beschwingte Laune. Bestätigung aller Phrasen vom lateinamerikanischen Temperament. Politisch war daran gar nichts. Es war harmlos. Wer ausdrücklichen Widerstand, demonstrative Kritik erwartet hatte, wurde enttäuscht. Die Operette ist keine Form des Widerstands, und Bad Bunny ist eine Operettenfigur, ein puertoricanischer Czardasfürst." Der Auftritt steht auf Youtube, ist aber leider nicht einbindbar.
Weitere Artikel: Dorothea Walchshäusl porträtiert in der NZZ den ukrainischen Pianisten Alexey Botvinov, der seine Musik als Mittel begreift, um "der Brutalität des Krieges etwas zutiefst Humanes entgegenzusetzen", aber eine "politische oder ideologische Vereinnahmung rundweg ablehnt". Dennis Sand schreibt in der Welt einen Nachruf auf Brad Arnold, den Sänger von 3 Doors Down, der mit 47 Jahren an Krebs gestorben ist.
Besprochen werden Olga Neuwirths neues, vom BR übertragenes Klarinettenkonzert "Zones of Blue" (ZeitOnline), Uwe Dierksens Album "Hirngespinste / Pipedreams" (FAZ), Jordi Savalls Aufnahme von Mozarts c-Moll-Messe ("säkularen Kunstgenuss vom Feinsten" verspricht FAZ-Kritiker Ulrich Konrad) und eine Kino-Doku über immens erfolgreiche K-Pop-Band Stray Kids (Welt).
Jürgen Kaube hat sich die Nacht um die Ohren geschlagen, um sich den Super Bowl samt Bad Bunnys Halftime-Show zu Gemüte zu führen, die im Vorfeld wegen MAGA-Empörungen und Bunnys "ICE out"-Ansage beim Grammy (unser Resümee) politisch ziemlich aufgeladen war. Fazit? Hat sich nicht gelohnt. Zu sehen war "ein im weißen Anzug auftretender Sänger, der von vielen Frauen, auch ein paar Paaren umtanzt wurde, bewegte sich durch einen Hain so, wie es früher die Schlagerstars in den Kulissen der Abendshows mit dem Fernsehballett taten. Tscha-tscha-tscha in Rap-Version. Gute, rhythmisch beschwingte Laune. Bestätigung aller Phrasen vom lateinamerikanischen Temperament. Politisch war daran gar nichts. Es war harmlos. Wer ausdrücklichen Widerstand, demonstrative Kritik erwartet hatte, wurde enttäuscht. Die Operette ist keine Form des Widerstands, und Bad Bunny ist eine Operettenfigur, ein puertoricanischer Czardasfürst." Der Auftritt steht auf Youtube, ist aber leider nicht einbindbar.
Weitere Artikel: Dorothea Walchshäusl porträtiert in der NZZ den ukrainischen Pianisten Alexey Botvinov, der seine Musik als Mittel begreift, um "der Brutalität des Krieges etwas zutiefst Humanes entgegenzusetzen", aber eine "politische oder ideologische Vereinnahmung rundweg ablehnt". Dennis Sand schreibt in der Welt einen Nachruf auf Brad Arnold, den Sänger von 3 Doors Down, der mit 47 Jahren an Krebs gestorben ist.
Besprochen werden Olga Neuwirths neues, vom BR übertragenes Klarinettenkonzert "Zones of Blue" (ZeitOnline), Uwe Dierksens Album "Hirngespinste / Pipedreams" (FAZ), Jordi Savalls Aufnahme von Mozarts c-Moll-Messe ("säkularen Kunstgenuss vom Feinsten" verspricht FAZ-Kritiker Ulrich Konrad) und eine Kino-Doku über immens erfolgreiche K-Pop-Band Stray Kids (Welt).
Film
Marian Wilhelm porträtiert im Standard Willem Dafoe, der in "The Souffleur" den Manager des Wiener Hotels Intercontinental spielt. Für das CrimeMag räumt Alf Mayer einen großen Stapel Filmbücher vom Nachttisch. In der SZ bespricht Carolin Gasteiger Nanni Morettis "Das Beste liegt noch vor uns", in dem der italienische Regisseur, der hier einen italienischen Regisseur spielt, "seine Liebe zum Kino auslebt".
Architektur
Endlich lässt sich dieses Meisterstück der zweiten Wiener Moderne für alle erleben, jubelt Ulf Meyer für Monopol, denn Josef Franks Villa Beer ist aufwendig restauriert worden und ab dem 8. März für die Öffentlichkeit zugänglich. Die Eleganz des Gebäudes überzeugt auch hundert Jahre später: "Ohne dogmatische Strenge hat Frank einen fließenden Raum über versetzte Ebenen gestaltet - mit Konzertflügel auf einer Empore als sozialem und musikalischem Zentrum des Hauses. Die offene Raumfolge führt entlang eines japanischen Teeraums mit Bullaugenfenster zu den Schlaf-Räumen und Bädern der Bauherrenfamilie. Edle Materialien treffen in der Villa auf nüchtern beige, doppelgeschossige Wände, die nur durch die dekorativen, gemusterten Stoffe, die Frank selbst entworfen hat, einen farbigen Akzent bekommen. Sie werden bis heute von der Firma Svenskt Tenn gefertigt."
Literatur
Besprochen werden unter anderem Margaret Atwoods Memoiren (taz), Barbara Honigmanns "Mischka" (NZZ), Leon Englers "Botanik des Wahnsinns" (Standard), neue Comics aus Südkorea (Tsp), Steffen Martus' "Erzählte Welt. Eine Literaturgeschichte der Gegenwart, 1989 bis heute" (Standard), Felix Philipp Ingolds "Paris als Exil. Die Einwanderung aus Russland 1910 bis 1940" (NZZ) und David Hugendicks Essay "Jetzt sag doch endlich was. Über das Stottern" (SZ). Dazu mehr in unserer Bücherschau.
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