Efeu - Die Kulturrundschau

Cheerleader-Bunnys samt Lametta-Püscheln

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03.02.2026. Die Grammys wurden verliehen: Zeit Online ist beeindruckt von Bad Bunny, der den Preis für das beste Album des Jahres abgeräumt hat. Die SZ hätte sich von den Gästen mehr politischen Mut erhofft. Der Tagesspiegel schnüffelt sich in der Ausstellung "Die geheime Macht der Düfte" in Düsseldorf durch die Kunstgeschichte. Uneinig sind sich die Kritiker über die Oper "Monster's Paradise" in Hamburg: Tolle Weltuntergangsmusik, meint die SZ, die FAZ sieht eine Bankrott-Erklärung der Kunst. 
9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.02.2026 finden Sie hier

Musik

Bei der Grammy-Verleihung wurde in diesem Jahr "ordentlich etwas geboten", schreibt Jens Balzer auf Zeit Online: Politische Statements, in die Luft gejagte Tankstellen, und und und. Das mit den Statements gelang den Künstlern "auf gleichsam fröhliche, kluge, entschiedene Weise. Es war dies nämlich vor allem ein Abend, der auf die versöhnende Kraft der Musik setzte." Beeindruckend findet Balzer Bad Bunny, der als erster für eine spanischsprachige Platte die Trophäe "Bestes Album des Jahres" davon tragen konnte. In den USA gab Bad Bunny zuletzt keine Konzerte mehr, auch "aus Sorge darum, dass dessen ICE-Milizionäre seine Konzerte nutzen könnten, um Menschen aus seinem Publikum gefangenzunehmen und zu deportieren. In seiner Heimat Puerto Rico hat Bad Bunny hingegen gerade eine Reihe von 30 Konzerten gespielt, dabei hat er darauf geachtet, dass die örtliche Tourismusindustrie davon profitiert und dass die Eintrittspreise für die lokale Bevölkerung erschwinglich bleiben (weswegen er sich, das erwähnt Trevor Noah nicht, auch noch mit dem Monopolisten Ticketmaster anlegte)." Und mit seiner "Ice out"-Dankesrede wurde Bunny gar zur "Stimme einer ganzen Generation".



Joachim Hentschel von der SZ war indessen sehr genervt von dieser "TV-Show allerspeckigster Machart" und der "der äußerst mediokren, fast bürokratischen Manier, in der im Februar 2026 bei der weltweit wichtigsten Musikpreisverleihung die Stellungen bezogen wurden". Denn "während in Minneapolis Tausende auf den Straßen sind, um Widerstand gegen die Willkür und Gewalt der aus Washington geschickten Abschiebungs- und Grenzschützertrupps zu leisten, erschöpften sich die Solidaritätsbekundungen der Grammy-Gäste im Tragen von Buttons und ein paar pflichtschuldig wirkenden 'Fuck ICE'- oder 'ICE Out!'-Rufen." Carolina Schwarz wünscht sich derweil im taz-Kommentar, dass sich deutsche Promis an ihren Kollegen in den USA ein Beispiel nehmen und ähnlich gegen die AfD austeilen. In der NZZ resümiert Rahel Zingg mit zahlreichen Videos die Grammy. Vom Thema Iran ganz zu schweigen, das bei den letztes Jahr noch so palästinasolidarischen Stars (Bilder) keinerlei Regung auszulösen scheint. 

Außerdem: In der taz erzählen Beate Scheder und Julian Weber von ihren teils abenteuerlichen Klang-Expeditionen beim CTM-Festival in Berlin. Besprochen wird ein Konzert von Daniel Kahn in Frankfurt (FR).
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Stichwörter: Bad Bunny, Grammy Awards

Literatur

Sonja Zekri porträtiert in der SZ Dory Manor und Moshe Sakal, die entgegen allen ungünstigen Gegenwartszeichen in Berlin mit Altneuland einen Verlag für hebräische Literatur gegründet haben. "Die Wahl des Druckorts ist mehr als eine logistische Entscheidung, es ist eine verlegerische Geste von größter Symbolik. Denn Sakal und Manor wollen von ihrem Loft in Berlin aus nichts Geringeres als das Hebräische aus der Verschmelzung mit Israel lösen, wollen es als eigenen literarischen Raum, als Kultur- und Gedankenraum etablieren, ein intellektuelles Universum aus eigenem Recht und aus eigener Kraft mit globalem Anspruch. Dass sie damit Widerspruch auslösen, vielleicht Empörung, ist ihnen bewusst. 'Wir verleugnen unsere Herkunft als Israelis nicht, aber wir erweitern sie um ein größeres Verständnis von Judentum', sagt Sakal. ... Der Markt in Deutschland, in Europa wird wachsen, davon sind sie überzeugt. Viele Israelis seien verstört und entfremdet von einer immer rechteren Regierung, immer neuen Kriegen. 'Sie werden das Land verlassen', sagt Sakal: 'Und dann brauchen sie Bücher.'"

Außerdem: Die Welt hat Mladen Gladićs Porträt des Verlegers und Börsenverein-Vorstehers Sebastian Guggolz online nachgereicht. Besprochen werden unter anderem Michal Ajvaz' Prag-Roman "Die andere Stadt" (NZZ) und neue Sachbücher (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau.
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Design

Grit Thönissen hatte sehr viel Freude bei der Fashion Week Berlin, die am letzten Wochenende stattfand. "Die Zeit des Clubbings ist vorbei", beobachtet sie im Tagesspiegel angesichts dessen, dass die Zahl der Lederharnische und Schnürkorsagen deutlich abgenommen hat. Stattdessen setzen junge Designer auf Community, William Fan etwa, der sich für eine neue Strategie entschieden hat: "Nicht mehr Wachstum braucht es, sondern eine Community, die die Entwürfe feiert und kauft. Bei William Fan läuft die sogar über den Laufsteg und alle sind fantastisch angezogen. Da ist die Freundin, die Blumengebinde macht, die Galeristin und Verwandte des Designers. Logischerweise funktioniert deshalb auch diese Schau nicht nach dem Magermodel-Prinzip, sondern soll zeigen: Mode ist für alle da. Wie die wunderbaren Daunenjacken, die die Träger nicht zu Michelin-Figuren aufpumpen, sondern fein abgesteppt mit unterschiedlichen Volumen spielen, die Paillettenmäntel mit sachlichem Karomuster, die auch gestandene Männer geschmeidig aussehen lassen."
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Bühne

Szene aus "Monster's Paradis" an der Staatsoper Hamburg. Foto: Tanja Dorendorf.

"Wenn die Welt schon untergeht, dann bitte zur Musik von Olga Neuwirth", hofft Peter Laudenbach in der SZ nach dem Besuch von "Monster's Paradise" an der Staatsoper Hamburg. Ja, Tobias Kratzers Inszenierung der von Elfriede Jelinek getexteten Oper ist jetzt nicht gerade subtil, gibt der Kritiker zu, aber es hat trotzdem etwas "sehr Befreiendes", wenn hier ein clownesker Trump-Verschnitt von einem Monster mit Namen Gorgonzilla aufgefressen wird und man dabei "Neuwirths raffinierte, sich manchmal zu massiven Klanggebirgen auftürmende, flirrende und garantiert nicht in Wohlklang-Narkotika einlullende Musik mit den hübschen, von Titus Engel dirigierten Soundeffekten wie aus einem B-Movie-Horror-Film (...)" hören kann: "Auf die Farce der Politik reagiert das Musiktheater hier szenisch und musikalisch mit den Mitteln der Groteske, der Kombination aus Komik und Schrecken."

Kein gutes Haar lässt FAZ-Kritiker Jan Brachmann an dieser "Grand Guignol Opéra", wie die Komponistin selbst ihr Werk betitelt: "Diese Oper ist grell überschminkte Verzagtheit, nicht nur, was die Zukunft menschlichen Lebens angeht, sondern auch die Zukunft der Kunst. Kratzer führt mit bunter Varieté-Reklame, Cheerleader-Bunnys samt Lametta-Püscheln, Kinderchören mit Fridays-for-Future-Transparenten nur eine aufwendig inszenierte Resignation vor."

Judith von Sternburg hat sich zumindest nicht gelangweilt, wie sie in der FR schreibt, und hebt die Sänger-Leistung von Georg Nigl hervor, der den fiesen König singt: "Für den Bariton eine schöne Rolle, gesanglich die mit Abstand virtuoseste, durchgeknallteste der Oper." Dagmar Penzlin beklagt in der taz zu viele Kalauer und einen Mangel an "dramaturgischem Biss". Bei VAN besprechen Jeffrey Arlo Brown und Kevin Ng das Stück.

Besprochen werden Francis Poulencs Oper 'Dialogues des Carmélites' an der Semperoper in Dresden (VAN), Fabian Hinrichs Solo-Performance "Irgendetwas ist passiert" an der Volksbühne Berlin (SZ), Martina Drostes Inszenierung des Stücks "Paradiesvögel" an den Kammerspielen Frankfurt (FR) und Irin Claire O'Reillys Inszenierung von Arthur Millers "Tod eines Handlungsreisenden" am Staatstheater Mainz (FR).
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Kunst

Sensationell findet Christiane Meixner im Tagesspiegel die Ausstellung "Die geheime Macht der Düfte" im Kunstpalast Düsseldorf, die die Daueraustellung ergänzt. An 27 "Duftstationen" kann man Halt machen und sich in die Atmosphäre unterschiedlicher Epochen einriechen - ein Experiment, das hervorragend gelungen ist, wie Meixner findet: "Der Geruchssinn wird ab der Kindheit geprägt, verbindet sich mit individuellen Erlebnissen. Sie sorgen dafür, ob man Duftnoten nach Tabak, Leder oder Vanille angenehm oder gar abstoßend findet. Dass ihre Kombination 1919 das Parfüm 'Tabac Blond' ergab, mit dem sich die Avantgarde der Weimarer Zeit, besonders die Frauen mit ihren signalroten Lippen und Bubiköpfen, einsprühte, um modern zu riechen, muss man der Ausstellung glauben. Die Gemälde der Neuen Sachlichkeit begleitet jenes androgyne Parfüm auf jeden Fall perfekt, bevor es mit der Kunst - und einer Komposition mit schweflig-verbrannter Note in den nächsten Raum und auf die Schlachtfelder des Ersten Weltkriegs geht."

Besprochen werden die Ausstellung "Raoul Hausmann. Vision, Provokation, Dada" in der Berlinischen Galerie (SZ) und die Ausstellung "Herkules: Held und Antiheld" in den Staatlichen Kunstsammlungen in Dresden (NZZ). 
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Film

Dierk Saathoff ist in der Jungle World eher ein bisschen genervt von Morgan Nevilles auf Netflix gezeigtem Doku-Essay "Breakdown 1975", der vorgibt, das US-Krisenjahr 1975 mit der Filmproduktion von 1975, dem Höhe- und Scheitelpunkt von New Hollywood, abzugleichen - und dabei doch an mehreren Stellen schummelt (das Jahr 1975 umfasst offenbar einen Zeitraum mehrerer Jahre) oder sich gleich nostalgisch selber in die Tasche lügt. "So arbeitet das Material selbst immer wieder gegen die talking heads, zum Beispiel auch gegen den Filmkritiker Wesley Morris, der pathetisch sagt, die Filme Mitte der Siebziger seien 'wirklich bereit gewesen, uns mit uns selbst zu konfrontieren'. Doch wer erkennt sich schon in einem Psychopathen wie Travis Bickle wieder, dem von Robert De Niro gespielten Protagonisten in Martin Scorseses 'Taxi Driver'? ... Dem Eindruck, dass damals jeder Film irgendwie progressiv, aufklärerisch oder gesellschaftskritisch war (der stellt sich nämlich irgendwann ein), stellt sich die Doku zum Glück in den Weg: 'Death Wish', der auf die exorbitante Kriminalität reagierte und die Geschichte eines Mannes (gespielt von Charles Bronson) erzählt, der in New York City Kriminelle erschießt (die meisten von ihnen sind Afroamerikaner), ist ein absolut reaktionärer Film - ein in der Doku eingespieltes Interview mit Bronson, der darin erklärt, in 'Death Wish' habe es nur 'saubere Gewalt' gegeben, und dann dazu übergeht, sich über Cartoons zu beschweren, ist die wohl bizarrste Szene im Film."

Die Filmkritiker werden von "Melania" in Beschlag genommen: In der NZZ staunt Andreas Scheiner darüber, dass Amazons fürs Weiße Haus produzierter PR-Film über Trumps Ehefrau trotz Unkenrufen über schleppende Ticketvorverkäufe den besten US-Kinostart eines Dokumentarfilms seit zehn Jahren hingelegt hat. Regisseur Brett Ratner ist bei ihm noch "wegen #MeToo-Vorwürfen in Hollywood in Ungnade gefallen", unerwähnt bleibt, dass am Wochenende Bilder von Ratner in den Epstein-Files aufgetaucht sind, die ihn gemeinsam mit Epstein beim Kuscheln mit mutmaßlich Minderjährigen zeigen. Nicht nur wegen dieser Personalie wollen zwei Drittel der an dieser Produktion beteiligten Belegschaft im Abspann nicht genannt werden, schreibt Krsto Lazarević in der taz. Philipp Bovermann liest in der SZ mit nicht wenig Amüsement die Kritiken seiner Kollegen zu diesem Film.

Besprochen wird außerdem Marie-Elsa Sgualdos Historiendrama "À bras-le-corps", das für den Schweizer Filmpreis nominiert ist (NZZ).
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