Efeu - Die Kulturrundschau
Rettung? Auf die lässt sich nicht hoffen
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
29.01.2026. Tell Review bewundert in Hamburg, wie sich die libanesische Malerin Huguette Caland immer wieder aus Zwängen befreite. taz und Perlentaucher haben nichts dagegen, wenn Sam Raimi in seinem neuen Film "Tanz der Teufel" hektoliterweise Körperflüssigkeit spritzen lässt, um zu zeigen, wie schlecht der Mensch ist. Die SZ reist mit Ragnar Axelsson durch die von Klimawandel und Großmächten bedrohte Arktis. Im Tagesspiegel überlegt der israelische Regisseur Noam Brusilovsky, was hinter dem Phänomen der "Fake Jews" stehen könnte. VAN beobachtet, wie an deutschen Orchestern Stellen durch die Hintertür abgebaut werden. Und Houellebecq singt jetzt auch, notiert die SZ.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
29.01.2026
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Kunst

Stephanie Jaeckel kann sich bei Tell nur wundern: Während die Huguette-Caland-Retrospektive in Spanien, wo sie zuerst Station machte, gefeiert wurde, nimmt das deutsche Feuilleton kaum Notiz von der libanesischen Malerin, die aktuell in den Hamburger Deichtorhallen gezeigt wird. Zu entdecken ist eine Künstlerin, die als Tochter des ersten Präsidenten der unabhängigen Republik Libanon, Béchara El Khoury, zwischen den Kulturen wandelte und sich immer wieder aus Zwängen befreite. Zunächst aus der christlichen Tradition ihrer Familie, später lässt sie Mann, Liebhaber und Kinder zurück, um in Paris ein freies Künstlerinnenleben zu beginnen, weiß Jaeckel: "In Tuschezeichnungen aus der Zeit entstehen feinste Liniengespinste, sie beschreiben Begehren, Belauern oder andere Formen körperlicher Annäherung. Wie in einem stream of consciousness fließen die Linien über das Papier, als würde Caland nicht ein einziges Mal den Stift neu ansetzen: Träume, die beim Betrachten wie in einem Kaleidoskop immer neue Bilder entstehen lassen. Weibliche und männliche Körper, die zwischen den Linien entlang rutschen, sich einzwängen oder aufblähen. Das kann ungeheuer komisch sein, wie die Zeichnung 'Mustafa, poids et haltères' von 1970, wo sie die Konturen ihres Liebhabers mit seinen zahlreichen Freundinnen füllt."

Für die NZZ besucht nun auch Susanna Petri den Neubau des wiedereröffneten Studio Museum Harlem in New York (mehr hier). Besprochen wird außerdem die Ausstellung "Privathandtaschen dürfen zum Außendienst nicht mitgetragen werden" im Württembergischer Kunstverein in Stuttgart, in der die Künstlerin Dominique Hurth NS-Täterinnenschaft erforscht (taz).
Film

Mit rustikalen Horror-Grotesken wie dem hierzulande insbesondere aufgrund eines langjährigen Verbots berüchtigtem "Tanz der Teufel" ist Sam Raimi groß geworden, später drehte er Aufsehen erregende Spider-Man-Filme. Mit "Send Help" widmet er sich nun den geschlechtspolitischen Dynamiken einer Robinsonade: Wer behält in der Wildnis die Oberhand, Chef oder Angestellte, Mann oder Frau? Im Grunde bleibt Raimi seinen Wurzeln treu, notiert Karsten Munt im Perlentaucher: Der Film funktioniert "ebenfalls mit dem Holzhammer, teilt allerdings in einem ganz anderen Genre aus. Raimi macht Horrorfilme, auch wenn er mal keinen Horrorfilm macht." Die satirischen Aspekte sind vielleich etwas fade geraten, aber das ändert sich im Laufe: "Wenn 'Send Help' über die Stränge schlägt, dann nicht in seiner Klassenkampf-Allegorie, sondern dort, wo hektoliterweise Körperflüssigkeit spritzt, närrische Match Cuts Erzählmotive verschnüren und ein Crash Zoom oder eine über den Dschungelboden gleitenden Kamera Unheil verkünden." Tazler Benjamin Moldenhauer sieht in dem Film das "äußerst grimmige Menschenbild" aus Raimis frühen Filmen am Werk. Zu sehen sind Menschen "in ihrer Unterwerfungskompetenz, Eitelkeit und Karriere- oder schlicht Geldgeilheit." Doch der Film "kippt nicht ins Misanthropische. Einfach, weil seine doch radikale Negativität eine ausgesprochen heitere ist." Weitere Kritiken in FR und Standard.
Außerdem: Rosalba Vitellaros zum Holocaust-Gedenktag im EU-Parlament gezeigter Animationskurzfilm "La Storia di Sergio" erinnert an die Ermordung von Kindern in Auschwitz im Zuge von Menschenexperimenten, berichtet Nicholas Potter in der taz. Besprochen werden Elsa Kremsers und Levin Peters "White Snails" (Perlentaucher, mehr dazu bereits hier), Simon Verhoevens gleichnamige Verfilmung von Joachim Meyerhoffs autobiografischem Roman "Ach diese Lücke, diese entsetzliche Lücke" (Standard, Tsp, Welt, FR) und Teona Strugar Mitevskas "Mother" mit Noomi Rapace als Mutter Theresa (NZZ).
Literatur

Außerdem: Mit regem Interesse verfolgt Eva Goldbach in der FAZ neue Forschungsmethoden, die es gestatten, die Tinte in Hölderlins Handschriften zu analysieren und damit insbesondere undatierte Manuskripte zeitlich präziser zu verorten und den verschiedenen Aufenthaltsorten Hölderlins exakter zuzuordnen. Erstaunt nimmt Nils Minkmar in der SZ zur Kenntnis, dass Michel Houellebecq nun auch unter die Chansonniers gegangen ist, auch wenn der Schriftsteller in einem französischen Radiointerview kürzlich zu Protokoll gab, Chansons zwar zu lieben, selbst aber gar nicht singen zu können. Auf dem für März angekündigten Album geht es wie bei Houellebecq zu erwarten um "Krieg, Untergang und Verderben".
Besprochen werden unter anderem Ully Arndts Comicadaption von Heinz Strunks Roman "Der goldene Handschuh" (taz), Roberto Grossis Comic "Die große Verdrängung" (FAZ.net), Anke Feuchtenbergers Comic "Der Spalt" (Jungle World), Alexander Schnickmanns Lyrikband "Gestirne" (FR) und Joan Didions "Notizen für John" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau.
Bühne

Weshalb das Theater Magdeburg vergangenes Jahr zum "Theater des Jahres" gewählt wurde, sieht Jakob Hayner (Welt) aktuell durch Julia Prechsls Inszenierung von Maria Lazars Stück "Die Hölle auf Erden" bestätigt. Das Stück, das erst kürzlich im Nachlass der lange vergessenen Wiener Schriftstellerin entdeckt wurde und erzählt, wie Petrus den sich bekriegenden Menschen Frieden bringen soll, besticht nicht nur durch zeitgenössischen Humor, sondern vor allem durch Aktualität, so Hayner: "Internationale Organisationen befinden sich entweder in der Blockade oder in Auflösung, Friedensgeschwätz und Kriegsvorbereitung fallen zusammen, die Bevölkerung verschließt die Augen vor dem drohenden Unheil oder übt bereits den Marschschritt ein. Rettung? Auf die lässt sich nicht hoffen. 'Sind die Menschen allen verrückt geworden?', ruft Petrus aus, bevor er in der Irrenanstalt landet."
Der in Israel geborene Autor und Regisseur Noam Brusilovsky setzt sich in seinem gleichnamigen Stück am Deutschen Theater in Berlin mit sogenannten "Fake Jews" auseinander, also Menschen wie Benjamin Wilkomirski oder Marie-Sophie Hingst, die sich eine erfundene jüdische Identität zuleg(t)en. Im Tagesspiegel-Interview mit Patrick Wildermann überlegt er, was hinter dem Phänomen stehen könne: "Das Jüdischsein berechtige in Deutschland dazu, unbequeme Haltungen zu vertreten, sagt der Brusilovsky. Die 'Ich als Jude'-Position nennt er dieses Phänomen, das von links wie von rechts auftrete: 'Manche behaupten, Jude zu sein, um antimuslimische Hetze zu betreiben. Die andere Seite nutzt die Position, um linke Israel-Kritik zu formulieren.' Spätestens seit dem 7. Oktober ein diskursives Minenfeld hierzulande - aus guten Gründen. So oder so haben dann auch die Goyim, also die nichtjüdischen Menschen, eine Stimme, auf die sich berufen können. 'Die es koscher macht', so Brusilovsky."
Weitere Artikel: Der Regisseur Tobias Kratzer inszeniert derzeit das Stück "Monsters Paradise" von Olga Neuwirth und Elfriede Jelinek an der Hamburger Oper. Pünktlich zur Uraufführung befragt ihn Bascha Mika in der FR, was politische Kunst heute leisten muss und wie man mit Jelineks Sprache arbeitet. Die FR meldet außerdem einen Kulturskandal in Moskau: Der putinnahe Regisseur Konstantin Bogomolow, der gleich zwei hauptstädtische Theater leitet, wurde nun auch "noch zum Rektor der Studioschule des Tschechow-Theaters ernannt - einer der renommiertesten Schauspielschulen Russlands. Absolventen und Kulturschaffende machten mit einem offenen Brief Front gegen Bogomolow - allerdings mit nichtöffentlichen Unterschriften." In der taz schreibt Jan Feddersen zum Tod von Holger Klotzbach, Mitbegründer von den Showbühnen "Bar jeder Vernunft" und "Tipi am Kanzleramt".
Besprochen werden außerdem Nina Laisnés Inszenierung von François Chaignauds Stück "Último helecho" im Haus der Berliner Festspiele (FAZ) und Rolando Villazons Inszenierung von Mozarts "Zauberflöte" bei der von Villazon selbst geleiteten Salzburger Mozartwoche (FAZ).
Musik
Hartmut Welscher beugt sich für VAN über die alle zwei Jahre veröffentliche Planstellenstatistik, die einen Überblick über Stellenabbau und -wachstum an deutschen Orchestern liefert. Dass sich an der Gesamtzahl nur sehr wenig getan hat, sollte einen nicht beruhigen, da diese Statistik "traditionell nur begrenzt die Realität abbildet. Die Träger der Orchester besetzen in der Praxis oft weniger Stellen als offiziell vorgesehen." Bei manchen Orchestern sei die Vakanzquote gar zweistellig, das seien "echte Warnsignale. Für hohe Vakanzen gibt es vielfältige Ursachen wie Fachkräftemangel, regionale Standortnachteile und teils langwierige Einstellungsverfahren. Wo Unterbesetzung jedoch über längere Zeiträume hingenommen werde, entstehe der Eindruck eines 'stillen Personalabbaus, ohne eine politische Debatte, ohne transparenten politischen Beschluss und vor allem auf Kosten der Beschäftigten', so Unisono-Co-Geschäftsführerin Julia Hofmann."
Im Kommentar auf Backstage Classical findet es die Komponistin Kathrin Denner zwar grundsätzlich richtig, dass die GEMA auf veränderte Gegebenheiten mit einer Strukturreform ihrer Kulturförderung reagieren will. Sie warnt aber vor einer Verschiebung zuungunsten von Künstlern "mit mittlerer oder niedriger Aufführungsdichte", bei denen laut ihrer Analyse "deutliche Einnahmeverluste zu erwarten sind, teils in erheblichem Umfang. Auch Studierende verlieren in vielen Fällen, während Berufsanfänger:innen nur dann Zugewinne erzielen, wenn sie außergewöhnlich hohe Leistungsparameter erreichen. ... Kulturförderung droht so, stärker marktförmig zu wirken, statt ausgleichend und stabilisierend zu funktionieren."
Weitere Artikel: Julian Zwingel ärgert sich in der taz, dass die Berliner Universität der Künste im Zuge von Sparplänen der Berliner Politik die Sound Studies als eigenständigen Studiengang künftig einsparen wird - dabei wurden genau in diesem Studiengang in den letzten zwanzig Jahren zahlreiche Künstler ausgebildet, die es "in die ganz großen Kulturhäuser schafften und wichtige Stipendien und Auszeichnungen erhielten". Weitere Hintergründe dazu liefert Eva Murašov im Tagesspiegel. Mit seinem Saisonmotto "American Dream" will Sebastian Nordmann gerade auch angesichts aktueller Ereignisse Künstler und Orchester aus den USA unterstützen, erklärt der neue Lucerne-Festival-Leiter im Backstage-Classical-Interview. Eine "schallende Ohrfeige" sieht tazler Dirk Knipphals darin, dass Philip Glass die Premiere seiner Lincoln-Sinfonie im Kennedy-Center aus Protest gegen Trump abgesagt hat. Gregor Dotzauer schreibt im Tagesspiegel einen Nachruf auf den Jazzmusiker Richie Beirach. Hanspeter Künzler schreibt in der NZZ zum Tod des Schweizer Musikers Hardy Hepp. Der Country-Star Zach Bryan gehört zu den wenigen Ausnahmen der ansonsten zum beträchtlichen Teil MAGA-besoffenen US-Countryszene, die aktuell den Mund aufkriegen gegen den momentan grassierenden ICE-Irrsinn, schreibt Ueli Bernays in der NZZ, und auch "der 29-jährige Sänger Bryan Andrews hat Trumps Politik jüngst aus christlicher Warte kritisiert".
Im Kommentar auf Backstage Classical findet es die Komponistin Kathrin Denner zwar grundsätzlich richtig, dass die GEMA auf veränderte Gegebenheiten mit einer Strukturreform ihrer Kulturförderung reagieren will. Sie warnt aber vor einer Verschiebung zuungunsten von Künstlern "mit mittlerer oder niedriger Aufführungsdichte", bei denen laut ihrer Analyse "deutliche Einnahmeverluste zu erwarten sind, teils in erheblichem Umfang. Auch Studierende verlieren in vielen Fällen, während Berufsanfänger:innen nur dann Zugewinne erzielen, wenn sie außergewöhnlich hohe Leistungsparameter erreichen. ... Kulturförderung droht so, stärker marktförmig zu wirken, statt ausgleichend und stabilisierend zu funktionieren."
Weitere Artikel: Julian Zwingel ärgert sich in der taz, dass die Berliner Universität der Künste im Zuge von Sparplänen der Berliner Politik die Sound Studies als eigenständigen Studiengang künftig einsparen wird - dabei wurden genau in diesem Studiengang in den letzten zwanzig Jahren zahlreiche Künstler ausgebildet, die es "in die ganz großen Kulturhäuser schafften und wichtige Stipendien und Auszeichnungen erhielten". Weitere Hintergründe dazu liefert Eva Murašov im Tagesspiegel. Mit seinem Saisonmotto "American Dream" will Sebastian Nordmann gerade auch angesichts aktueller Ereignisse Künstler und Orchester aus den USA unterstützen, erklärt der neue Lucerne-Festival-Leiter im Backstage-Classical-Interview. Eine "schallende Ohrfeige" sieht tazler Dirk Knipphals darin, dass Philip Glass die Premiere seiner Lincoln-Sinfonie im Kennedy-Center aus Protest gegen Trump abgesagt hat. Gregor Dotzauer schreibt im Tagesspiegel einen Nachruf auf den Jazzmusiker Richie Beirach. Hanspeter Künzler schreibt in der NZZ zum Tod des Schweizer Musikers Hardy Hepp. Der Country-Star Zach Bryan gehört zu den wenigen Ausnahmen der ansonsten zum beträchtlichen Teil MAGA-besoffenen US-Countryszene, die aktuell den Mund aufkriegen gegen den momentan grassierenden ICE-Irrsinn, schreibt Ueli Bernays in der NZZ, und auch "der 29-jährige Sänger Bryan Andrews hat Trumps Politik jüngst aus christlicher Warte kritisiert".
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