Efeu - Die Kulturrundschau

Sanft über die Bucht drapiert

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
26.01.2026. Die Kritiker geben sich in Mainz die Klinke in die Hand: Die Oper "Der Chronoplan" von Judith und Alfred Kerr wird nach mehr als neunzig Jahren uraufgeführt, die Meinungen sind gespalten. Die FAS fragt, wie man mit dem Werk des Wiener Aktionisten und Sexualstraftäters Otto Muehl umgehen sollte. Das Dach des neuen Fischmarkts in Sydney hat für die NZZ betörende Ähnlichkeit mit glitzernder Fischhaut. Der Filmemacher Wilfried Hauke staunt im Interview mit Filmdienst über Astrid Lindgrens Beobachtungsgabe. Der Tagesspiegel macht sich Gedanken über Mode als Propaganda-Mittel für Trumps Gefolgsleute.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.01.2026 finden Sie hier

Bühne

"Chronoplan" am Staatstheater Mainz. Bild: Andreas Etter.


"Der Chronoplan", eine Oper von Julia und Alfred Kerr, wird am Staatstheater Mainz vom Regisseur Lorenzo Fioroni uraufgeführt, mehr als neunzig Jahre nach ihrer - unvollständigen - Niederschrift. Musikalisch wurde einiges von Norbert Biermann hinzugefügt, weiß der eher unzufriedene Jan Brachmann in der FAZ, in der launigen Geschichte um Albert Einstein und eine Zeitreisemaschine hat zudem der Regisseur Teile des Textes geändert: So "können uninformierte Opernbesucher schwer entscheiden, was das Werk und was spätere Deutungen sind. Die Werkgestalt kennen wir nicht. Und in die Werkgestalt einzugreifen, wenn man die Oper erstmals auf der Bühne zur Diskussion stellen will, ist nicht hilfreich, wenn bislang gar keine Rezeptionsgeschichte vorliegt. (…) Demonstrativ behandelt die Regie von Fioroni den 'Chronoplan' als Vorahnung des Nationalsozialismus, arbeitet jedoch kaum Figurenbeziehungen durch. Was Gabriel Venzago mit dem Philharmonischen Staatsorchester macht, ist zwar farbenreich, aber meistens so laut, dass man kaum einen Singenden hört."
 
Bernhard Uske ist in der FR wortreich gegenteiliger Meinung: "Die Inszenierung liegt in den Händen Lorenzo Fioronis, der den Stoff nicht überpolitisiert und als 'Am Vorabend von...'-Operndokument verengt. Die Anspielungen auf die kommende mörderische Diktatur sind präzise gesetzt (Einsteins Gast Max Liebermann trägt nicht mehr und nicht weniger als den Judenstern) und nicht wie so oft bei solchen Stoffen durch obligate Hakenkreuzbinden-Inflation sowie Marschkolonnentritte vergleichgültigt."
 
Auch Nachtkritiker Michael Laages ist nach Mainz gereist und entdeckt musikalisch Bekanntes wie Neues: "Das Mainzer Haus fährt alles auf, was das Theater leisten kann - vor allem, um mitzuhalten mit der Musik. Manches darin hat sich Julia Kerr ahnungsvoll angeeignet. Wenn Richard Strauss kurzzeitig wichtig ist beim Promi-Ball zu Beginn, lädt sie den Klang des Orchesters (in Mainz von Gabriel Venzago geleitet) ein bisschen auf nach Art des Komponisten. Und ab und an ist vorstellbar, dass die Komponistin auch im Kontakt mit Kurt Weill gestanden haben könnte - dessen stilbildende 'Mahagonny'-Oper mit Brechts Text entstand etwa zeitgleich mit dem 'Chronoplan'. Aber ebenso unüberhörbar ist eben auch, dass Julia Kerr in ganz und gar eigenen musikalischen Stimmungen komponiert hat. Und die Sprache des Partners und Librettisten ist ohnehin und wie immer bei Alfred Kerr extrem eigen."
 
Weiteres: Philipp Theison trauert in der FAZ um den Theaterregisseur Dieter Giesing, der im Alter von 91 Jahren gestorben ist. Eva Illouz philosophiert in ihrer Rede zum 75. Geburtstag des Münchner Residenztheaters, abgedruckt in der SZ, zum Theater und dessen Verhältnis zu Wahrheit und Wirklichkeit.
 
Besprochen werden: Johan Simons' 'Antigone' am Berliner Ensemble (Welt), Claudia Bauers Inszenierung von Peter Handkes "Publikumsbeschimpfung" am Schauspiel Frankfurt (FAZ, FR, Nachtkritiktaz, SZ), Ewald Palmetshofers "Sankt Falstaff", inszeniert von Luise Voigt am Thalia Theater (Nachtkritik), Voltaires "Candide", überarbeitet von Soeren Voima, Regie führt Volker Lösch
(Nachtkritik), Katerina Poladjans "Zukunftsmusik" unter der Regie von Nurkan Erpulat am Gorki-Theater (Nachtkritik, Tagesspiegel) und Lisa Stieglers Inszenierung von Simone de Beauvoirs "Ein sanfter Tod" am Münchner Residenztheater (SZ).
Archiv: Bühne

Kunst

Der Maler Otto Muehl, ein Hauptakteur des Wiener Aktionismus, missbrauchte in seiner Sekte jahrelang Kinder und kam dafür auch ins Gefängnis. Sophia Coper berichtet in der FAS, wie eine Gruppe um die österreichische Juristin Maria Windhager im Auftrag von Missbrauchsopfern für einen bewussteren Umgang mit Muehls Werk kämpft. Denn viele seiner Bilder zeigen Opfer, außerdem gibt es noch die sogenannten "Aschebilder", einen Zyklus, in dem Muehl die Asche aus verbrannten Tagebüchern verarbeitete, die belastendes Material enthielten. Das Wiener Aktionismus Museum (WAM) hat zu Muehls 101. Geburtstag eine große Ausstellung geplant, so Coper. Der Leiter Klaus Albrecht Schröder möchte zwischen Kunst und Person differenzieren, es gebe aber Limits: "Dort, wo keine klare Trennung möglich sei, sieht Schröder eine Grenze überschritten. 'Ich werde definitiv keine Darstellungen von Missbrauchsopfern ausstellen', sagt er. (...)Maria Windhager und die Aktivistengruppe Mathilda indes vermuten vor allem finanzielle Beweggründe dafür, dass das Wiener Aktionismus Museum an Muehl festhält (...) 'Sie wollen die Bilder aufwerten, um sie gewinnbringend auf den Markt zu bringen', sagt Windhager." Das WAM weist die Vorwürfe zurück.

Tilman Baumgärtel staunt in der taz über eine dieses Jahr ziemlich politische Ausstellung auf dem Berliner Festival CTM, die unter dem Titel "Echoes of Tumult" im Kunstraum Kreuzberg gezeigt wird: "Da werden sogar Lippenstifte zu Kriegsgütern, wie in der Installation der Rumänin Ioana Vreme Moser. Bei ihrer Recherche zu Inhaltsstoffen von Kosmetik fand sie so viel Schwermetall in alten Schminkstiften, dass sich daraus kleine Radioempfänger bauen ließen. Im Zweiten Weltkrieg, so fand sie heraus, wurden die Drehhülsen von Kosmetika tatsächlich zu Patronenhülsen umfunktioniert. Eine Armada teils hundert Jahre alter Lippenstifte hängt nun wie ein Schwarm von Projektilen unter der Decke und krächzt historische Radiowerbung für Make-up."

Besprochen wird: Die Ausstellung "Cézanne" in der Fondation Beyeler (FAZ, monopol).
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Architektur

Sydney Fish Market. Foto: Rasmus Hjortshoj/3XN.


How much is the Fischmarkt? In Sydney 836 Millionen Dollar, so Barbara Barkhausen, die für die NZZ das vom dänischen Architekturbüro 3XN entworfene Gebäude besucht. Die Vergleiche zum Opernhaus sind ihr zufolge vielleicht ein bisschen bemüht, aber hübsch ist der Bau schon, er ist bedeckt von einem "riesigen, elegant geschwungenen Holz- und Aluminiumschirm, der sich über dem Wasser ausbreitet - halb schützende Welle, halb schimmernde Fischhaut. Das 230 Meter lange, wellenförmige Dach aus 594 aus Brettschichtholz gefertigten Balken und 407 Dachkassetten ist mit seinen 2500 Tonnen das größte seiner Art auf der südlichen Hemisphäre. Und es sieht aus, als hätte jemand die Oberfläche eines gigantischen Barramundi in weiß-silberne Schuppen zerlegt und dann sanft über die Bucht drapiert."
Archiv: Architektur

Literatur

Fürs Literatur-Feature von Dlf Kultur hat sich Miriam Zeh in die Welt von BookTok begeben. Michael Schmitt erinnert in der FAZ an die Kinderbücher von James Krüss, der vor bald hundert Jahren geboren wurde.

Besprochen werden unter anderem Eli Sharabis "491 Tage. In den Tunneln der Hamas" (Jungle World), Peter Payers Biografie über den einst sehr populären, von den Nazis ermordeten Schriftsteller Ludwig Hirschfeld (Standard), Rie Qudans "Tokyo Sympathy Tower" (NZZ), Philippe Collins "Der Barmann des Ritz" (Standard) und Kristina Ohlssons Kinder-Thriller "Flammenrad" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau.
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Film

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Reinhard Kleber spricht für den Filmdienst ausführlich mit Wilfried Hauke über dessen dokumentarische und fiktionale Elemente kombinierenden Porträtfilm "Astrid Lindgren - Die Menschheit hat den Verstand verloren". Für den eng mit Lindgrens Erben entstandenen Film ließ er sich von den zur Zeit des Zweiten Weltkriegs entstandenen Tagebuch-Aufzeichnungen der schwedischen Kinderbuchautorin leiten. "Überrascht hat mich Lindgrens analytische Begabung, wenn sie die Kriegsereignisse verfolgt und erkennt, was da mental falsch läuft. ... Warum es in Norwegen eine starke Nazi-Fraktion gibt" oder "wie sich die Finnen so tapfer gegen die Russen wehrten, während die Dänen bis zum Abwinken mit den Nazis kollaborierten. ... Diese Analysen stammen von einer Mutter mit zwei Kindern, die als Sekretärin ausgebildet ist. Sie ist keine Historikerin, keine Kulturwissenschaftlerin, sondern eine Frau, die vom Bauernhof kommt, die viele Bücher liest und ein Talent fürs Erzählen hat. ... Der entscheidende Punkt, darüber einen Film zu machen, war jedoch ein anderer. Hier versucht jemand, einen literarischen Stil zu finden" und "das gelingt Lindgren in wachsendem Maße. Hier schreibt sich jemand frei."

NZZ-USA-Korrespondent Marc Neumann staunt, dass die "South Park"-Macher Trey Parker und Matt Stone mit ihren respektlos anarchischen Grotesken gerade nicht nur die Trump-Administration derbe der Lächerlichkeit preisgeben, sondern damit auch Zuschauerrekorde einfahren und zumindest bislang keinen Repressionen ausgesetzt sind. Dabei läuft die Animationsserie sogar auf Paramount. Und "Paramount hat angeblich unter Druck von Trump unter anderem Steven Colberts 'Late Night Show' abgesetzt. Mit Trey Parker und Matt Stone ... unterzeichnete Paramount erst in diesem Frühsommer einen Fünfjahresvertrag über 1,25 Milliarden Dollar. ... Der Erfolg von 'South Park' ist der Grund, warum Trump es unterlässt, sich dagegen zu wehren. Er würde den Sendungsmachern bloß noch mehr Aufmerksamkeit bescheren. Einzig zu Beginn von Saison 27 gab das Weiße Haus ein laues Statement ab, die Show sei seit zwanzig Jahren irrelevant und buhle verzweifelt um Aufmerksamkeit. Seither kam nichts mehr."

Weiteres: Die Agenturen melden, dass beim Filmfestival Max Ophüls Preis in Saarbrücken Ben Voits Berlin-Film "Gropiusstadt Supernova" den Hauptpreis gewonnen hat (hier Ausschnitte aus dem Film sowie ein Gespräch mit den Machern). Sophia Zessnik sorgt sich in ihrer taz-Kolumne um den Fortbestand der Kinos in den Großstädten. Geschichtslehrern, die ihren Schülern die DDR vermitteln wollen, rät Michael Pilz in der Welt dazu, für ihren Unterricht auf Frank Beyers Film "Spur der Steine" zurückzugreifen, der seinerzeit rasch im Giftschrank der SED verschwand. In der FAZ gratuliert Andreas Kilb dem Drehbuchautor und Regisseur Christopher Hampton zum 80. Geburtstag. Besprochen wird die HBO-Serie "The Pitt" (NZZ).
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Design

Modetheoretikerin Diana Weis blickt für den Tagesspiegel auf die MAGA-Ästhetik: Die Vertreter dieser Ideologie nähern sich in ihrem Auftreten immer mehr einer aus den Geschichtsbüchern über den Faschismus bekannten Ästhetik an, lautet ihr Befund. ICE-Chef Gregory Bovino etwa "sorgte vergangene Woche mit einem Fashion-Statement für Schlagzeilen, das von vielen schlicht als 'Nazi-Outfit' interpretiert wurde. ... Die Haare über den Schläfen rasiert, langer doppelreihiger Mantel mit Epauletten, darunter ein schwarzes Hemd mit Abzeichen an den Kragenspitzen, und ein 'Sam Brown'-Gürtel mit diagonalem Schulterriemen, der außer bei Militär-Fans auch in BDSM-Kreisen beliebt ist." Dieser "Auftritt ist Teil einer klaren Bildstrategie der Maga-Regierung. Diese Bilder sollen komplexe gesellschaftliche Konflikte auf einfach zu verstehende Formeln runterbrechen. Auch hier gilt: Je simpler gestrickt, desto besser. So wird Mode zur ästhetischen Kriegsführung, zur visuellen Propaganda."
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Musik

Die ICE-Exzesse in den USA sorgen dort für ein Revival der Protestsong-Kultur, beobachtet Valerie Dirk (Standard).



Besprochen werden das Dry-Cleaning-Album "Secret Love" (FR) und ein Konzert von The Baboon Show in Frankfurt (FR).
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