Efeu - Die Kulturrundschau

Als träume sie in Tönen

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20.01.2026. Die SZ porträtiert die achtzehnjährige Pianistin Alexandra Dovgan, die spielt, als sei Musik ihre Muttersprache. Die NZZ trauert um Valentino als einen, der Frauen in schillernde Luxusgeschöpfe verwandelte. Die FAZ wird in der Tate Britain Zeuge eines malerischen Wettstreits zwischen William Turner und John Constable. Der Tagesspiegel erfährt von Tetiana Holiakova, Leiterin des Kyiv Classic Ballets, welchen Preis die Zukunft hat. Die taz möchte vom Abriss bedrohte Kirchen retten.  
9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.01.2026 finden Sie hier

Musik

Helmut Mauró porträtiert in der SZ die Pianistin Alexandra Dovgan, die mit ihren 18 Jahren auf den großen Bühnen reüssiert und der er auch im weiteren eine glänzende Karriere prophezeit. "Was Dovgan heute auf dem Konzertflügel musikalisch erzählt, das klingt nicht nur hochvirtuos, sondern wirkt so persönlich und natürlich, als sei Musik ihre eigentliche Sprache, als träume sie nachts in Tönen." Mit elf Jahren spielte "sie dem großen Sokolov persönlich vor, nach dessen letztem Konzert in Sankt Petersburg. Sokolov wird später sagen, Dovgan sei kein Wunderkind. Denn sie spiele nicht wie ein Kind, sondern wie eine erwachsene, voll entwickelte Persönlichkeit. So etwas konnte man zuletzt über den zwölfjährigen Evgeny Kissin sagen, als er 1984 an einem Abend beide Klavierkonzerte von Frédéric Chopin vortrug." Auf Youtube gibt es zahlreiche Aufnahmen von ihr.



Robbie Williams legt mit "Britpop" das Album vor, das er am liebsten wohl schon in den Neunzigern eingespielt hätte, und präsentiert darauf stilgemäß abgehangenen Oasis- und Blur-Rock. Beim ersten Hören macht diese Sehnsucht nach der Zeit, "als die Welt noch in Ordnung war", zwar Freude, findet FR-Kritiker Max Dax. Doch nährt sich bald der Verdacht, "dass hier Chance um Chance ausgelassen wurde, echte Pop-Song für die Ewigkeit zu schreiben. Dieses Gefühl, dass hier einer Musik 'als ob' macht, mit leicht angezogener Handbremse, dem die eigene Cleverness (oder die seiner Spin Doctors) zuweilen im Wege steht, und die dennoch zum Besten gehört, was er je zustande gebracht hat - das ist die Zuspitzung eines Gefühls, das man bei Robbie Williams schon immer gehabt zu haben scheint: Diese verflixte, diese große Kunst, die gleich hinter dem Mainstream zum Greifen nahe zu liegen scheint, einfach nicht zu fassen zu bekommen." Auf Zeit Online winkt Christina Rietz ab: "Der Britpop von damals klingt heute noch frischer als Williams' Neuinterpretation."



Die Jazzkritiker trauern um den Gitarristen Ralph Towner. "Mit seinem artikulationssicheren, klangfarbenreichen, stets fein strukturierten, gleichwohl spannungsreichen Improvisationsstil" gehörte er "zu den bedeutendsten Jazzgitarristen des letzten halben Jahrhunderts", schreibt Wolfgang Sandner in der FAZ. "Bei all den schnellen, lauten, technisch raffinierten, stets die Finger auf den Saiten und die Fußspitzen auf einer ganzen Batterie elektronischer Effektpedale bewegenden, immer nach neuen Spielgeräten mit Doppel-, Dreifach- und Kopfloshälsen oder auch anderen extremen Modifikationen Ausschau haltenden Freaks wird selbst im Jazz bisweilen vergessen, was für ein intimes, leises, in sich ruhendes Instrument für Kammermusik die Gitarre doch eigentlich ist. Ralph Towner erinnerte daran gleich mit seiner ersten Solo-Einspielung 'Diary' aus dem Jahr 1973." Weitere Nachrufe schreiben Gregor Dotzauer (Tsp) und Ueli Bernays (NZZ).



Weitere Artikel: Manuel Brug denkt in der Welt über Benjamin Brittens Verhältnis zu Deutschland nach. Jan Brachmann resümiert in der FAZ das Ultraschall-Festival in Berlin (Mitschnitte gibt es im Audioarchiv des Dlf Kultur). Dass Green Day den kommenden Super Bowl mit einem Auftritt eröffnen sollen, deutet Nina Apin im taz-Kommentar als Ausdruck einer Nostalgie nach den Neunzigern. "Die Popsongs an der Spitze der Charts handeln immer weniger von Sex, Spaß und Selbstverwirklichung, sondern mehr von einem konformistischen, bürgerlichen Lifestyle", stellt Helene Slancar im Standard bestürzt fest. Jakob Thaller staunt im Standard nicht schlecht, dass der alle Nervenkapazitäten aufbrauchende Frickel-Elektrokönig Aphex Twin auf Youtube mehr Hörer hat als Durchhörbarkeits-Queen Taylor Swift. Und das gestern von der Kritik gefeierte Mahler-Konzert der Berliner Philharmoniker gibt es nun auch beim Dlf Kultur zum Nachhören.

Besprochen werden Konzerte von Martha Argerich und András Schiff in Luzern und Zürich (NZZ), der Auftakt der Wiener Resonanzen-Festivals mit Jordi Savall (Standard) und ein Strauss- und Haydn-Abend mit den Wiener Symphonikern unter Daniel Harding (Standard).
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Design

"Mit Valentino ist der Letzte der großen Couturiers abgetreten", schreibt Anne Goebel in der SZ. Er "stand ... für alles, was die Menschen an Mode fasziniert. Glanz, Gespür für den Zeitgeist, hohe Handwerkskunst und eine flirrende Nähe zu (altem und neuem) Geld. Er erfand ein Rot, das nach ihm benannt wurde, war Hofschneider von Jacqueline Kennedy, liebte die Oper und wurde nicht zuletzt deshalb zum Inbegriff des Luxus, weil er ihn selbst gerne zur Schau trug." Wobei seine Kleider "in der Grundstruktur überraschend schlicht waren: klassische Schnitte, perfekt ausbalancierte Proportionen. Dazu die Vorliebe für Einfarbigkeit, um raffinierte Details dann umso wirkungsvoller einzusetzen." Doch "wie Valentino Schleifen und kostbare Stickerei, Spitze, Chiffon oder ein korallenfarbenes Netz aus Perlen als Oberteil eher hintupfte als damit aufzutrumpfen, ist seit den ersten Entwürfen hohe Kunst."

"Um Frauen in schillernde Luxusgeschöpfe zu verwandeln, war ihm jedes Mittel recht", schreibt Marion Löhndort in der NZZ. In seinen Kleidern "prunkte der ungebremste Glamour der alten Schule. ... Der Hang zum Drama, den er in seinen aufwendigen Roben auslebte, war dem Modeschöpfer schon in die Wiege gelegt worden. Seinen Vornamen, unter dem er berühmt wurde, hatte Valentino Clemente Ludovico Garavani der Vorliebe seiner Mutter für den glutäugigen Stummfilmstar Rudolph Valentino zu verdanken." Das Zeit-Magazin bringt eine Bilderstrecke.
Archiv: Design
Stichwörter: Valentino, Mode, Modesigner

Kunst

John Constable: The Opening of Waterloo Bridge ('Whitehall Stairs, June 18th, 1817') Purchased with assistance from the National Heritage Memorial Fund, the Clore Foundation, the Art Fund, the Friends of the Tate Gallery and others 1987 

"Unentschieden!", ruft FAZ-Kritiker Andreas Platthaus nachdem er begeistert die Ausstellung "Turner & Constable - Rivals & Originals" in der Tate Britain gesehen hat (hier mehr). Zum ersten Mal zeigt die Tate die Werke von William Turner und John Constable zusammen, die in leidenschaftlicher Konkurrenz miteinander standen. Beeindruckend treten hier die Unterschiede in der Landschaftsmalerei zu Tage, so Platthaus, während Turner zum Malen in die Ferne reiste, blieb Constable beim "Abbilden des ihm Vertrautesten". "Es gehört zu den verblüffendsten Eindrücken der Tate-Ausstellung, wie menschenleer des Malers Naturaufnahmen von 'Constable Country' (wie man das von ihm bevorzugte Stout-Areal nennt) sind. Turner dagegen schuf etliche exotisierende Antikenvisionen, die an Opulenz, Pathos und Bevölkerungsreichtum schon das vorwegnahmen, was wenig später Moreau malen sollte. So modern Turners impressionistische Farbräusche wirken, so traditionsverhaftet sind seine mythologischen Bilder, die vor allem an Claude Lorrain geschult waren."

Besprochen wird die Ausstellung "Karl Hofer. Zwischen Schönheit und Wahrheit" in der Moritzburghalle in Halle an der Saale (taz).
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Film

Besprochen werden Chloe Zhaos Shakespeare-Drama "Hamnet" (NZZ, mehr dazu bereits hier),  Alexe Poukines "Madame Kika" (Standard), das "Game of Thrones"-Spinoff "A Knight of the Seven Kingdoms" (Welt) und Nia DaCostas Horrorfilm "28 Years Later: The Bone Temple" (SZ).
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Bühne

Szene aus "Schwanensee".© Kyiv Classic Ballet. 

Eine "Erinnerung an die Dauerhaftigkeit der Kultur" auch während schwerster Krisen sieht Tagesspiegel-Kritikerin Yulia Valova in der "Schwanensee"-Aufführung des  Kyiv Classic Ballets im Admiralspalast in Berlin. Im Gespräch sieht die künstlerische Leiterin Tetiana Holiakova eine unsichere Zukunft auf das Ensemble zukommmen, auch wenn der Krieg einmal vorbei ist: "Seit Beginn des russischen Angriffskrieges haben sich Dutzende Vertreterinnen und Vertreter des Theater- und Ballettmilieus den Streitkräften der Ukraine oder der Territorialverteidigung angeschlossen. Nicht alle sind zurückgekehrt. Unter den Getöteten sind der Solist des Nationalopernballetts der Ukraine Artem Datsyschyn, der im März 2022 an den Folgen von Verletzungen starb, die er bei russischen Angriffen auf Kyjiw erlitten hatte. Sowie der verdiente Künstler der Ukraine, Oleksandr Schapowal, der im Herbst desselben Jahres an der Front fiel. 'Wenn wir über die Zukunft des Balletts sprechen, müssen wir ehrlich daran erinnern, zu welchem Preis diese Zukunft erkämpft wird', betont Holiakova."

Besprochen werden Thorsten Lensings Theaterabend "Tanzende Idioten" bei den Berliner Festspielen (FAZ), Tony Rizzis Stück "Endless Love/Endless Life" im Frankfurter Gallus Theater (FR), Vincent Schlarbaums Inszenierung von "Morgen ist (vorläufig) immer da" in der Box im Schauspiel Frankfurt (FR) und Caroline Anne Kapps Inszenierung von Thomas Manns Novelle "Mario und der Zauberer" am Theater Bremen (taz).
Archiv: Bühne

Architektur

Rettet die Kirchen, ruft Klaus Englert in der taz. Von 45.000 deutschen Kirchenbauten werden bald bis zu 50 Prozent obsolet und vom Abriss bedroht sein, so Englert. Dabei könnte und sollte man die Räume weiter nutzen. Deshalb wird das Festival "Manifesta 16 Ruhr" im nächsten Sommer zwölf profanierte oder entwidmete Kirchen bespielen und damit die ursprüngliche Bedeutung der Kirche als Versammlungsort wiederbeleben: "Denn historisch wurden in Kirchenbauten neben Gottesdiensten auch kulturelle Veranstaltungen, Versammlungen und Märkte abgehalten. Sie wurden wörtlich als ekklesia (griechisch: 'Versammlung', 'Versammlungsplatz', 'Gemeinde'; lateinisch ecclesia: 'Volksversammlung') wahrgenommen."
Archiv: Architektur
Stichwörter: Sakralbau

Literatur

Dass Literaturklassiker in einfacher Sprache auch an Gymnasien Einzug halten, wo sie doch ursprünglich für den Deutschunterricht an anderen Schulen (Grundschule, Hauptschule etc.) gedacht waren (mehr dazu hier), hat nach Ansicht von Heike Schmoll in der FAZ auch damit zu tun, dass das "Gymnasium längst zu einer Art Einheitsschule geworden ist, die mit unterschiedlichsten Schülern und Sprachniveaus zurechtkommen muss." Hinzu kommt, dass Literatur im Deutschunterricht lediglich "funktionalisiert" werde, "um sprachliche, kommunikative und mediale Fähigkeiten einzuüben. ... Dabei bietet die Schule für die meisten Schüler die einzige Möglichkeit, die Hürde zu einer fremd wirkenden sprachlichen Welt zu überwinden. Die erste Lektüre eines klassischen literarischen Textes erfordert Anstrengung, mehrfaches Lesen, Sicheinlassen auf eine andere, neue Welt, sich auf eine gedankliche Erkundung zu begeben." Die Folge? Auch "viele Studenten beherrschen den Umgang mit schwierigeren Texten nicht."

Außerdem: Marc Reichwein zieht es für die Welt mit Thomas Mann und Hermann Hesse auf die Skipiste. Besprochen werden unter anderem Stéphane Betbeders und Rémi Torregrossas Comic-Biografie über Romy Schneider (FD) sowie Patricia Thomas gemeinsam mit Jugendlichen der Jugendarrestanstalt Berlin-Brandenburg gestalteter Comic "Im Jugendarrest" (taz). Mehr in unserer Bücherschau.
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