Efeu - Die Kulturrundschau

Freigehege für Verwilderung

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08.01.2026. Perlentaucher und FAZ verneigen sich vor Jafar Panahi, der in "Ein einfacher Unfall" das islamische Regime im Iran unverhohlen attackiert. Die Welt staunt derweil, wie klar sich Künstler auf der Kochi-Muziris Biennale in Indien gegen das Kastensystem stellen. Die FAZ lernt in gleich vier Ausstellungen im Humboldt Forum, dass Familie auch die Verwandtschaft mit Brunnen und Bäumen bedeuten kann. In der SZ erklärt die Japanologin Katharina Hülsmann, warum vor allem Mädchen und Frauen in Japan schwule Mangas lesen. 
9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.01.2026 finden Sie hier

Film

Am Ende ein Schluchzen: Jafar Panahis "Ein einfacher Unfall" (Bild: Les Films Pelleas)

Heute startet Jafar Panahis "Ein einfacher Unfall" in den Kinos. Der in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnete und erneut mit Guerilla-Methoden umgesetzte Film des iranischen Autorenfilmers erzählt von einem ehemaligen Insassen eines Foltergefängnisses, der allein anhand von Geräuschen seinen ehemaligen Peiniger zu erkennen glaubt und ihm fortan nachstellt. Es ist "Panahis bis dato frontalste Attacke wider das islamische Regime", schreibt Lukas Foerster im Perlentaucher. Wie zuvor Mohammad Rasoulof verabschiedet sich nun auch Panahi "endgültig von indirekten, metaphorischen Formen der politischen Kritik". Um Thriller-Suspense geht es dem Filmemacher aber nicht: "Die Staatsgewalt ist im Film weitgehend abwesend. ... In Zeiten, in denen das islamische Regime mehr denn je von Straßenprotesten unter Druck gesetzt wird", wirkt das schon fast "wie ein Film über den Iran nach der Islamischen Republik." Auch Thomas Assheuer ist in der Zeit überzeugt: "Panahis Figuren ... verkörpern den Geist der künftigen Republik. ... Es ist der Vorschein der Utopie, es ist Freiheit."

"Der Vorteil eines Kinos ohne Unterhaltungszwang liegt in seiner Unberechenbarkeit", hält Andreas Kilb in der FAZ fest. "Die Konstellation des Films ist tragisch, aber die Regie schlägt aus ihr komische Funken. ... Auch der Intellekt der Figuren ist bei Panahi nicht ausgeschaltet wie im Genrekino." Und "der Schluss, der die Identität des Gefangenen enthüllt, folgt dem Prinzip der Zweideutigkeit: Er ist es, und er ist es nicht, derselbe Mann und doch nicht derselbe. 'Ein einfacher Unfall' endet nicht mit einer einfachen Lösung; nicht mit einem Knall, sondern mit einem Schluchzen." Für Dlf Kultur sprach Patrick Wellinski mit Panahi.

Weiteres: Der Schriftsteller Clemens Meyer (ZeitOnline) und Julia Hubernagel (taz) schreiben zum Tod von Béla Tarr (weitere Nachrufe hier). Im großen Zeit-Gespräch mit Katja Nicodemus und Giovanni di Lorenzo schwelgt Senta Berger in Erinnerungen.

Besprochen werden Hikaris japanische Tragikomödie "Rental Family" mit Hollywood-Star Brendan Fraser (FR, taz, NZZ), Craig Brewers Musikfilm "Song Sung Blue" mit Hugh Jackman und Kate Hudson (FR, FAZ), die DVD-Compilation "Cartoon Roots: Back to the Inkwell" mit frühen Cartoons von Max und Dave Fleischer (taz), die ZDF-Serie "Take the Money and Run" (taz) und ein von Manfred Hattendorf, Stefanie Groß und Jan Berning herausgegebener Band mit Texten zur SWR-Reihe "Debüt im Dritten" (FD). Außerdem stellt der Tagesspiegel die wichtigsten Kinostarts der Woche vor.
Archiv: Film

Kunst

Two Virgins, 2013 © Cara Romero

Die vier Ausstellungen, die im Humboldt Forum unter dem Titel "Beziehungsweise Familie" gezeigt werden, sind großartig, nur können sie sich kaum in den "abweisenden" Räumen des Museumsgebäudes entfalten, seufzt Verena Harzer in der taz. Davon abgesehen aber lernt sie hier, was Familie heute bedeuten kann. Etwa in der Ausstellung "Sich verwandt machen", die Arbeiten von zwölf Künstlerinnen zeigt, "die Verwandtschaft nicht als Blutlinie, sondern als Geflecht aus spirituellen, organischen, materiellen und historischen Bindungen begreifen. Ein offenes Verständnis zieht sich durch die Werke: Haegue Yangs Skulpturen verbinden Elemente des koreanischen Schamanismus mit Alltagsmaterialien und verschieben so die Grenze zwischen Ritual und Routine. ... Soe Yu Nwe geht noch weiter: Ihre Keramiken dehnen Verwandtschaft auf Brunnen, Bäume und andere Dinge aus. Zugehörigkeit wird bei ihr zu einem offenen, nichtmenschlichen Gefüge."

Perpetual Infinity, a day-long performance by Yuko Kaseki at Kochi Biennale 2025

Für die Welt hat sich Silvia Anna Barrilà auf den Weg in die südwestindische Region Kerala gemacht, wo derzeit die inzwischen 17. Ausgabe der Kochi-Muziris Biennale stattfindet. Die 66 Künstler aus 25 Ländern positionieren sich erstaunlich politisch, so die Kritikerin. Das zeigt sich ihr schon in der Entscheidung, dass "auch Dalit-Künstler ausgestellt werden, die ihren Widerstand gegen die Kastenideologie als weiterhin existierende Realität - in Indien wie in der Diaspora - ausdrücken. Zu ihnen gehört Kirtika Kain, geboren in Neu-Delhi und aufgewachsen in Australien, die in ihren Gemälden traditionelle Materialien und abstrakte Formen verwendet, um Fragen der Identität und des Erbes der kastenlosen oder 'unberührbaren' Dalit zu verarbeiten."

Weiteres: In der FR freut sich Dirk Walter, dass das Münchner Staatsarchiv unbekannte Zeichnungen erworben hat, die der Anwalt Otto D. Franke, der bei Prozessen gern zeichnete, vom Prozess gegen die Putschisten 1924 anfertigte. Im Standard erklärt Katharina Rustler, wie das vom Vorarlberg Museum gestartete Pilotprojekt "Museum auf Rezept" funktioniert. Besprochen werden außerdem die Ausstellung "Die geheime Macht der Düfte" im Kunstpalast in Düsseldorf (NZZ) und die Ausstellung "Entwerter/Oder und das sogenannte 'Zeitschriftenunwesen'" im Willy-Brandt-Haus in Berlin (taz).
Archiv: Kunst

Literatur

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Im Perlentaucher ist Angela Schader tief beeindruckt von Son Lewandowskis Mitte des Monats erscheinendem Debütroman "Die Routinen", für den die Kölner Autorin "hartes Faktenmaterial in ein sprachlich und emotional vibrierendes, dichtes Werk überführt" hat. Es geht um die Entbehrungen und Versehrungen von Kunstturnerinnen. "Die Sprache wechselt zwischen Ich-, Du- und Wir-Form, geschmeidig und spannungsvoll, mit ihren gelegentlichen sprachakrobatischen Einlagen bestens aufs Thema abgestimmt. 'Ich' steht für Amik, 'Du' für Izzy, 'Wir' fürs große Kollektiv der Kunstturnerinnen: In dieser Konstellation werden nicht nur die prekären Beziehungen unter den Sportlerinnen gefasst, die gegensätzlichen emotionalen Kräften - der zentrifugalen des Konkurrenzdrucks, der zentripetalen einer Leidensgemeinschaft - ausgesetzt sind, sondern auch ein Aspekt, den Lewandowski immer wieder herausstreicht. Die Tatsache nämlich, dass den Turnerinnen die individuelle Stimme genommen wird, dass ihnen Karriere-Narrative quasi auf den Leib geschrieben, ihre eigenen Notrufe derweil überhört werden." Hier eine Leseprobe aus dem Roman.

Im Manga-Bereich ist vor allem das "Boys Love"-Segment sehr erfolgreich, das von der romantischen Liebe zwischen jungen Männern erzählt. Den Großteil des Publikums bilden allerdings Mädchen und Frauen, stellt Monika Rathmann in der SZ erstaunt fest und versucht dem auf den Grund zu gehen. Das Phänomen zeigte sich schon in den Siebzigern, erfährt sie von der Japanologin Katharina Hülsmann: "Die Leserinnen waren begeistert. Im Gegensatz zu ihrer patriarchal geprägten Realität konnten sie beim Lesen Romantik und sexuelle Begierde ohne eine weibliche Figur und damit ohne Sorge um traditionelle Geschlechterrollen oder gesellschaftliche Erwartungen zur Familienplanung erleben.  ... Leserinnen versetzten sich in einen der Partner hinein und konnten so ihr Verlangen vom eigenen Geschlecht trennen." Aus der schwulen Szene gibt es aber auch Kritik: "BL-Geschichten seien keine realistische Darstellung von Homosexualität, sondern die Fetischisierung von schwulen Beziehungen."

Besprochen werden Peter Truschners "Wie ein Messer" (jW), Jon Fosses "Vaim" (NZZ), Nele Heaslips Comicadaption von Goethes "Faust" (FAZ), Andreas Molitors Göring-Biografie (NZZ), die Memoiren des Star-Anwalts Matthias Prinz (Zeit), Alina Bronskys "Essen" (FAZ) und Tezer Özlüs "Die kalten Nächte der Kindheit" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
Archiv: Literatur

Bühne

Szene aus "Tanzende Idioten". Foto: Armin Smailovic

Nachtkritiker
Andreas Wilink findet kaum genug Superlative für Thorsten Lensings Stück "Tanzende Idioten", das er in der Vorpremiere am Pumpenhaus in Münster gesehen hat. Aus Texten des amerikanischen Autors Denis Johnson, die NASA-Protokolle ebenso enthalten wie Afrika-Reportagen, hat Lensing eine Art Reigen geschaffen, so Wilink. "Lensings Theater erschafft einen solitären Spielraum, dehnt ihn elastisch, macht aus wenig viel, erkennt im Atom das Ganze, bietet das Freigehege für 'Verwilderung' auf der Bühne und eine ethisch fundierte Zoologie. In 'Verrückt nach Trost' lernten wir eine Oktopus-Lady kennen. Nun tritt Kater Apollo auf: als Naschkatze mit einem Fisch als Beute. So wie Sebastian Blomberg pantomimisch auf leisen Strumpfsohlen eine leicht bauchige Aristocat hintatzt und -striegelt, muss ein Gott, ein Götze, ein Clown hinter seiner Maske wohnen."

Der Pianist Norbert Biermann hat nicht nur zu Leben und Werk der Komponistin Julia Kerr, Ehefrau des Theaterkritikers Alfred Kerr und Mutter der Schriftstellerin Judith Kerr, geforscht, er hat auch ihre in den 1930er Jahren komponierte Oper "Der Chronoplan", von der Teile verloren gegangen waren, wieder vervollständigt (unser Resümee). Nun wird sie am Staatstheater Mainz uraufgeführt - vorab befragt Merle Krafeld Biermann im VAN-Magazin zum Leben der Komponistin, deren Karriere durch die Flucht vor den Nazis in die Schweiz abrupt endete: "In der Schweiz und in Frankreich war die Rollenverteilung klar: Alfred schrieb weiter Texte und versuchte, sie zu Geld zu machen. ... Der komplette Haushalt und die Sorge um die Kinder fielen Julia zu. Ich schätze, sie kam gar nicht dazu, auch nur daran zu denken, dass sie Klavierunterricht geben könnte. In England fand sie dann eine Anstellung als Sekretärin bei einer Adligen, während Alfred, der nur schlecht Englisch sprach, kaum noch zum Unterhalt beitragen konnte."

Weitere Artikel: Für die Zeit blickt Christine Lemke-Matwey auf die kommenden Premieren in Theater und Oper. Im VAN-Magazin plaudert Holger Noltze mit dem Dirigenten Ivan Fischer, der aktuell den "Don Giovanni" in Budapest und Baden-Baden inszeniert hat, über das korrekte Ende der Mozart-Oper. Im Tagesspiegel spricht Sandra Luzia mit dem polnischen Kulturwissenschaftler Mateusz Szymanówka, der seit 2021 die Berliner Tanztage leitet, über den Erfolg der Reihe, die heute startet und bereits ihr 30-jähriges Jubiläum feiert.
Archiv: Bühne

Musik

In der SZ versucht Joachim Hentschel, sich einen Reim auf "Fotzenrap" (mehr dazu bereits hier) zu machen, in dem junge Frauen sich die sonst im männlich geprägten Hiphop flottierenden Allmachts- und Sexprotzfantasien kurzerhand aneignen, in eigener Sache umdeuten und mit ebenbürtiger Drastik zurückfeuern. "Seit den Loveparades der Neunzigerjahre hat kein so stumpf daherballernder Poptrend ein so immenses Analysebedürfnis ausgelöst. Die inneren Widersprüche des Genres sind auch zu reizend, zu diskursiv herausfordernd: Selbstermächtigung hier, Reproduktion von Männerfantasien da. Vierte Welle des Feminismus, aber zu wenig Platz für migrantische und queere Stimmen. Achselhaare versus Bauch-Beine-Po. Pussy-Power gut. Zickenkrieg schlecht. Die Versuche, das Fotzenrap-Wirrwarr halbwegs zu ordnen, scheitern oft schon daran, dass sie wieder der typisch patriarchalen Bewertungslogik folgen würden."

Zu den via Tiktok groß gewordenen Pionierinnen zählen die Berlinerinnen 6euroneunzig:



Außerdem: Hans-Jürgen Linke schreibt in der FR einen Nachruf auf den Komponisten Rolf Riehm. Rahel Zingg fragt sich in der NZZ, wie man mit Xavier Naidoos Bühnencomeback umgehen sollte, nachdem der angeblich geläuterte Musiker jahrelang auschließlich durch krudesten, mitunter antisemitischen Verschwörungsirrsinn von sich reden gemacht hatte. Tobias Timm denkt auf ZeitOnline über die Wohnungswechsel von Bushido nach. Luca Glenzer spricht in der taz mit Frank Spilker von Die Sterne, die gerade ein neues Album veröffentlicht haben, über die Ups und Downs seiner 2018 mit neuer Besetzung neugestarteten Band.

Hier das aktuelle Video:

Archiv: Musik
Stichwörter: Fotzenrap, Hiphop, Deutschrap