Zurück zu Angela Schaders "Vorwort".==================
Die Passage, mit der wir "Die Routinen" vorstellen, blendet zurück in Amiks Kindheit. Sie ist noch nicht im Leistungszentrum; ihre damalige Trainerin ist zwar fordernd, dosiert ihre Zuneigung genau, aber noch gibt es Momente der Vertrautheit.In die kurze Zeit zu zweit drängten meine Trainerin und ich alle Aufgaben auf einmal. Sie hatte alles genau bemessen und hielt immer genug Abstand zwischen mir und sich, den Geräten und mir, den Aufgaben und ihr, den anderen Mädchen und sich.
Nur manchmal zog es sie zu uns. Dann wurden wir ein gemeinsames Spiel und meine Handstände leicht. Dann stand ich mit meinen Händen auf ihren Füßen und krallte mich in ihre Schritte. Mit dem linken Arm hielt sie meine Füße an ihre Brust gedrückt und wir liefen zusammen durch die Halle, erst langsam, dann immer schneller. Die anderen Mädchen liefen neben uns her, feuerten mich an, gierig, die Nächste zu sein, die an ihrem Körper mitlaufen durfte. Ein Wettlauf mit der Zuneigung und wir mussten lernen, uns zu halten, erst vor Lachen und dann vor Angst, nicht in ihren Lauf zu stürzen.
Und weil wir noch nicht genug hatten, noch ein bisschen mehr in unsere gemeinsame Zeit passen musste, fragte sie uns manchmal ab, eine Rechenübung, ein bisschen Grammatik, stellte noch eine nächste Aufgabe auf die laufende. Ich drehte die Matherechnungen durch meinen blutgestauten Kopf, bis ich sie löste und die Antwort zu ihr hoch rief. Wenn ich richtig lag, stellte sie die nächste Aufgabe, wie eine Belohnung. Lag ich falsch, nahm sich ihre rechte Hand kurz frei und sie kitzelte mir die Fußsohlen. Und ganz selten wurde aus dem Kitzeln ein flüchtiges Streicheln, das ich gleich zu den anderen Mädchen tragen wollte.
Nochmal, sagte meine Trainerin und ich konnte trotzdem hinter jeder Berührung spüren, wie sie schon ihre nächsten Aufgaben für uns durchging und in Bewegungen vorsortierte.
Was ist hundertvierzigmillionen durch zweihundertfünfundsechzig? Ihre Knie knickten ein wenig ein mit ihrem Lachen über diese unmögliche Rechnung. Ich sackte mit ihr nach unten, meine Arme von ihren vibrierenden Beinen weich geworden. Ganz vorsichtig ließ sie meine Füße los und ich sank auf ihren zusammen. Mein Körper noch ein Lachen und mein Kopf in Sorge, dass sie einfach weiterlief und mich niedertrampeln würde. Aber da hatte sie mich schon unter den Armen genommen und wieder hochgezogen.
Ab hier zählt alles, was du machst, sagte sie und bevor ich verstehen konnte, was sie damit meinte, wiederholte sie ihre unmögliche Rechnung.
Hundertvierzigmillionen durch -
Sie stöhnte auf, hatte meine Beine nicht kommen sehen, und noch während ich in sie fiel, meine Fersen in ihren Bauch einbrachen, stieß sie mich von sich.
Ich lag zusammengefallen vor ihr, aber sie sah mich nicht, schaute nicht nach mir. Sie suchte nach Luft, stand klein, stand in sich selbst gefallen, und ich merkte das erste Mal, dass der Schmerz uns immer nach innen zieht, nie würden wir uns in ihm ausstrecken.
Meine Trainerin schnappte weiter nach Luft, sammelte sie, sammelte sich, richtete sich langsam auf, aber ihr Blick blieb gekrümmt, blieb in Not. Ich wollte ihre Füße greifen, wollte ihr Kitzeln zurückholen, aber sie wich zurück.
Gut gemacht, sagte sie, und trat noch einen Schritt zurück. Sie ließ mich auf der Bodenmatte liegen, ging zu der holzvertäfelten Wand am Eingang der Halle und setzte sich kurz auf die Holzbank. Als sie ihren Atem wieder beruhigt hatte, verließ sie die Halle, ohne einen Blick auf die Mädchen, die sich um sie gesammelt hatten. Wir standen einfach da, hatten sie trösten wollen, aber wir wussten nicht, wie.
Ich weiß nicht mehr, wann ich aufgehört habe zu spielen, vielleicht an diesem Tag vielleicht am nächsten. Ich weiß nicht mehr, wann sich das Handwerk in meine Bewegungen geschlichen hat, wann sich die Wiederholungen so präzise erinnerten, dass sie klüger wurden als ich. Die Drehungen habe ich sortiert, die Sprünge begrenzt, das Strampeln und Rudern gezähmt. Und da, wo das Spiel sich zurückgezogen hatte, stand ich ernst in den neuen Aufgaben, die meine Trainerin Tag für Tag mitbrachte. Mit jeder Trainingswoche sank ich tiefer in diesen perfekten Spielplatz, und darunter lag ein neues Ziel, das lag nicht mehr in sich, das war nicht mehr ich selbst.
Nachdem ich mich aufgewärmt hatte, lief ich immer zuerst zu dem Tau, das von der Hallendecke fast bis zum Boden fiel. Obwohl ich wusste, dass es verschwendete Kraft war, die ich zu früh im Training ausgab, zog ich mich hoch. Schon nach der Hälfte brannten meine Handinnenflächen und das Zittern in meinen Oberarmen fraß sich mit jedem weiteren Meter tiefer in meine Muskeln. Ich arbeitete mich in regelmäßigen Zügen das Tau hoch, damit es leicht aussah, damit ich leicht aussah. Ich zog, zog mich bis unter die Decke und setzte mich dann auf meine Fersen, damit sich meine Arme und Hände kurz ausruhen konnten. Die Füße in das Tau gebunden, ein hoher Sitz, ein hohler Sitz, schaute ich in die Halle. Wie blaue Flecken lagen die Matten unter mir, um den Stufenbarren, den Schwebebalken, den Sprungtisch. Nach jeder Übung sprangen die Mädchen wieder hinein und ich stellte mir vor, wie die Matten einmal dieselbe Farbe wie meine Haut gehabt haben mussten und dann mit jedem Tag blauer geworden waren.
Waren wir noch Kinder? Ich schaute auf die Mädchen unter mir und zwischen ihren festgezogenen Kräften brachen ihre Arme noch spielend in alle Richtungen aus. Ich sah ihnen dabei zu, wie sie sich gegenseitig in die nächste Faltung drückten, wie leicht es ihnen fiel, in die Beugen und Dehnungen zu gehen. Ich stellte mir vor, dass sie für immer so blieben, einfach vergaßen, wieder aus der Beuge hochzukommen, einfach in dieser Faltung stecken blieben.
Waren wir Freundinnen? Ich folgte den Köpfen der Mädchen unter mir, aber konnte ihre Blicke zueinander von hier oben nicht sehen. Keine von ihnen schaute hoch zu mir. Ich sah ihren hellen Haaren nach, die ihren Sprüngen und Drehungen wie ein Echo folgten, und ein Schwindel fuhr mir in den Nacken. Ich zog meinen Blick hoch, geradeaus zu den Fenstern, die die Halle hier oben fast heimlich hielt, und als ich zurückschaute, stachen ganz deutlich die Köpfe der Mädchen in meine Augen und zu allen Seiten hin leuchteten ihre hellen Strähnen, kleine Sonnen, die aus den blauen Matten hervortraten. Fast schien es, schienen sie mich mit ihren strahlenden Köpfen noch ein Stück weiter unter die Hallendecke zu drücken.
Ich wartete noch einen Moment, bis sich meine Arme beruhigt hatten, schüttelte sie abwechselnd, um die Anspannung aus ihnen herauszuwerfen, aber die Unruhe hatte sich bereits von den Armen über die Schultern in den Nacken bis in mein Gesicht gefressen. Sie zerrte an meinen dicken Augenbrauen, die sich jeden Tag ein Stück weiter über mein Gesicht spreizten. Und während ich in die blonde Kindheit zurückkletterte, zog ein dunkler Spagat durch mein Gesicht und legte sich mit jedem Meter, den ich den anderen Mädchen näherkam, tiefer in meinen Blick.
Von der Mutter die Augen, ein Versehen geerbt.
Wer von euch kann ein Rad? Die anderen Mädchen schoben die beiden blauen Wände noch ein Stück näher zusammen. In ihren kleinen Händen wankten die Turnmatten, fast doppelt so hoch wie sie, wie ich, vor und zurück, aber sie fielen nicht um.
Ich stellte mich an den Eingang des blauen Flurs, den die Matten jetzt bildeten. An beiden Außenseiten standen die Mädchen und hielten die Wände. Auf der anderen Seite des Mattengangs stand unsere Trainerin und gab mir mit einer Handbewegung zu verstehen, dass ich zu ihr kommen sollte, dass ich mich jetzt durch den Spalt drehen sollte. Ich kippte meinen Oberkörper seitlich in den schmalen Bodenstreifen, der mir blieb, um meine Hände hineinzustemmen, dann schlug ich mein Rad durch die Mattengasse.
Schon mit den Beinen, die ich hochwarf, begannen die Wände zu wanken, neigten sich nach außen, aber die Mädchen dahinter drückten sie gleich wieder zurück, so dass sich mein Flur noch weiter verengte. Als ich auf der anderen Seite ankam, zitterten die Wände so stark, dass mir der Schwindel in den Blick zog.
Nochmal, sagte die Trainerin. Sie war einen Schritt zurückgetreten und bevor ich einen nächsten Gedanken fassen konnte, der doch sonst am Ende eines Raums immer wartet, drehte ich mich wieder in den engen Flur und ließ mich in die nächste Radwende zurückfallen.
Nochmal.
Ich schlug meine Räder so lange durch die Mattengasse, bis ich sie nicht mehr berührte, bis die Wände fest standen. Meine Beine, meine Füße, meinen Po und meinen Kopf lernte ich gerade zu halten, damit ich überall hindurchpasste und mich nirgendwo anlehnte.
Ich war ein Kind, das ein Rad schlug, bis es nicht mehr konnte. Der Schwindel, die Arme, ein Flimmern auf den Lippen hielt ich nach jedem Rad länger inne, schaute hoch zu der Trainerin, und sie lächelte mir wieder und wieder zu, und jedes Mal, wenn ich bei ihr ankam, trat sie einen Schritt zurück.
Das Lachen der Mädchen hinter den blauen Wänden in einer endlosen Schleife, verdrehte sich der Moment so plötzlich in einen Ernst, dass ich die Wende selbst nicht erkannte. Auf der anderen Seite wieder angekommen, hielt ich inne.
Nochmal, sagte die Trainerin, aber ein Weinen brach aus mir heraus, ein Weinen, das jünger war als ich und älter. Die blauen Wände erstarrten, kein Geräusch, kein Beben. Die Mädchen wurden still, versiegelten mich und mein Weinen in diesem schmalen Raum ohne Fenster, und ich weinte, weinte zwischen den dunklen Matten, ein gedämmtes Gefühl.
Auf der anderen Seite wartete meine Trainerin, hielt die Matten mit beiden Händen, ihr Blick auf mich weich und gerade, ihr Lächeln ein entfernter Trost. Und als sich meine Bauchmuskeln beruhigt hatten, mein Atem die richtige Abfolge wieder erinnerte, ließ sie die Matten los und sagte:
So, und jetzt machst du weiter.
Mit freundlicher Genehmigung des Klett-Cotta Verlags.