Efeu - Die Kulturrundschau

Regen, Wind, Schlamm

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07.01.2026. Béla Tarr ist tot. Die FR trauert um einen Meister des Slow Cinema, dessen Filme an Liturgien erinnerten. Die FAZ bewundert Tarrs maximale Erstreckung der Vorstellungskraft. Außerdem begegnet sie in einer Ausstellung im Engadin der aufregenden Avantgardistin Edita Schubert. Die Welt lauscht in Neapel einer lyrisch mäandernden Morricone-Oper. Die taz stellt den Berliner Rapper Baran Kok vor, der sich der Homophobie im Deutschrap widersetzt.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.01.2026 finden Sie hier

Film

Béla Tarr, 2012 (Bild: Soppakanuuna, CC BY-SA 3.0)

Die Filmkritiker trauern um Béla Tarr, den im Alter von nur 70 Jahren verstorbenen ungarischen Großmeister der mehrstündigen Autoren-Schwarz-Weiß-Kryptik im Gegenwartskino. Zu den künstlerischen Weggefährten dieses "in der Kinogeschichte quasi solitär dastehenden Monolithen" (so Tobias Sedlmaier in der NZZ) zählt der Schriftsteller László Krasznahorkai, der eben erst mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde. Seit den Achtzigern arbeiteten beide immer wieder zusammen, etwa bei der Adaption dessen Romans "Satanstango", mit der Béla Tarr sich 1994 endgültig als Auteur etablierte. Mit "Das Turiner Pferd", der 2011 auf der Berlinale mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet wurde (hier unsere Kritik), verabschiedete Tarr sich vom Kino. Die ARD-Audiothek hält ein Radiofeatur von 2011 über Tarr bereit.

Tarrs und Krasznahorkais gemeinsame Arbeiten "beruhen auf einer maximalen Erstreckung der Vorstellungskraft", schreibt Bert Rebhandl in der FAZ. Krasznahorkai "ist ja im Grunde ein Sprachartist, jedoch mit einem Hang zum Allegorischen. ... Tarr wiederum ging von der latenten Phantastik der Bücher aus und versetzte sie vor seiner Kamera in einen Schwebezustand zwischen äußerster Konkretion und symbolischer Aufladung. Die Menschen sind in dieser Vision von den Tieren und der Erde kaum zu trennen, und wie 'Satanstango' mit einer Viehherde begann, so endete Tarrs filmisches Werk 2011 mit dem Leidensweg eines Pferds und der Implikation, dass der Wahnsinn Nietzsches wohl nicht nur für ihn die folgerichtigste aller Reaktionen auf die Welt wäre."



Tarr legte im Weltkino des Autorenfilms den Grundstein einer "neuen, radikal minimalistischen Filmsprache", die zuletzt mit dem Begriff des "Slow Cinema" greifbar gemacht zu werden versuchte, schreibt Daniel Kothenschulte in der FR. "Wie bei Tarkowskis Werken berührte die Begegnung mit Tarrs Filmen Erfahrungen des Religiösen im Profanen. Ihre streng strukturierten Formen erinnerten an Liturgien und verlangten von ihrem Publikum eine Offenheit für das Meditative."

Tarrs Anfänge lagen derweil im sozialen Realismus, erinnert Kathleen Hildebrand in der SZ: "Für einen Dokumentarfilm, den er mit 16 über streikende Arbeiter drehte, bestraften ihn die Behörden seines sozialistischen Heimatlands mit Studienverbot. 'Am Anfang meiner Karriere hatte ich große, politische Wut', hat Belá Tarr einmal gesagt. Aber danach änderte sich sein Stil, er wurde philosophischer, die Verzweiflung seiner Figuren weniger konkret. 'Ich habe angefangen zu verstehen, dass die Probleme der Menschen nicht sozial begründet sind, sie reichen tiefer.' Kosmisch nannte er das Leid, das er in seinen Filmen zeigt, die von Landarbeitern erzählen, Vagabunden, Trinkern und vermeintlichen Erlösern." Weitere Nachrufe im Tagesspiegel und in der Welt.



Weitere Artikel: Eine alte Folge der auf Amazon gezeigten Action-Politthriller-Serie "Jack Ryan" erweist sich angesichts der aktuellen Ereignisse in Venezuela als geradezu prophetisch, berichtet Bjarne Bock in der FR. Hannes Hintermeier und Matthias Alexander gratulieren in der FAZ den Schauspielern August Zirner und Uwe Ochsenknecht zum jeweils 70. Geburtstag.

Besprochen werden Sarah Miro Fischers "Schwesterherz" ("ein erstaunlich unbequemer, ungemütlicher Film", schreibt tazlerin Barbara Schweizerhof) Craig Brewers Musikfilm "Song Sung Blue" mit Hugh Jackman und Kate Hudson (Tsp), Angela Summereders vorerst nur in Österreich startender Essayfilm "B wie Bartleby" (Standard) und Hikaris "Rental Family" mit Brendan Fraser (SZ).
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Literatur

Besprochen werden unter anderem László Krasznahorkais "Zsömle ist weg" (online nachgereicht von der Welt), Anna Prizkaus "Frauen im Sanatorium" (FR), Maria Lazars "Gedankenstrahlen" (Standard)David Szalays "Was nicht gesagt werden kann" (NZZ), Audur Ava Olafsdottirs "Eden" (NZZ), Andreas Möllers "Am Rande Berlins lebt die Intelligenz" (Welt), Carlo Emilio Gaddas "'Im grausamen Pandämonium der Geschichte'. Tagebuch aus Krieg und Gefangenschaft (1915-1919)" (FAZ) und Hermann Hesses "'Noch lacht der Tag, noch ist er nicht zu Ende'. Die Briefe 1958-1962" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
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Bühne

Ennio Morricone war beileibe nicht bloß Filmkomponist, erinnert Manuel Brug in der Welt. Sein Werk im Bereich der absoluten Musik wird dieser Tage zunehmend gewürdigt. Außerdem kam nun endlich "Partenope", die einzige Morricone-Oper, zur Aufführung - in Neapel, im Teatro San Carlo. "Eher oratorienhafte Züge" hat das Werk laut Brug, ein kommender Opernklassiker ist Morricone wohl nicht gelungen. Dennoch fällt das Fazit positiv aus: "Es wurde ein wenig getanzt, Tote sanken zu Boden. Rechts vorn standen die beiden Italio-Diven Jessica Pratt (Partenope 1) und Maria Agresta (Partenope 2) in weißen Wallekleidern an gläsernen Pulten am Bühnenrand. Mal deuteten die eine in der Höhe, die andere in der Tiefe (und umgekehrt) die zwei Seelenseiten der Partenope aus; lyrisch mäandernd, dramatisch zugespitzt. Sie machten das mit Lust, Können und vokaler Schönheit - so wie Riccardo Frizza das sanft tönende Orchester instrumental bestens im Griff hatte."

Weitere Artikel: Elena Philipp widmet sich in der nachtkritik den diversen Todesarten bei Shakespeare. Solidarität mit Stromausfallopfern: Das Kinder- und Jugendtheater an der Parkaue gewährt, wie auch einige andere Berliner Kultureinrichtungen, Vulkangruppe-Geschädigten in den nächsten Tagen freien Eintritt, meldet der Tagesspiegel.
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Kunst

Edita Schubert: Profusion, 2025, Ausstellungsansicht. © Muzeum Susch / Art Stations Foundation; Foto: Federico Sette

Kein Weg zu weit ist FAZ-ler Stefan Trinks, wenn es gilt, außergewöhnliche kunsthistorische Entdeckungen zu machen. Diesmal verschlägt es ihn ins Muzeum Susch im verschneiten Engadin, wo eine Ausstellung das Werk der jugoslawischen Avantgardistin Edita Schubert vorstellt. Ausgesprochen vielseitig ist das Schaffen der zwischen Pop-Art, Kafka und ihrem Vorbild Dürer fröhlich hin und her vagabundierende Schubert, staunt Trinks, der, so scheint es, am liebsten jede Arbeit einzeln besprechen würde. Als Appetitanreger hier seine Beschreibung einer Serie Schuberts zu Kuppelbauten: "Ungeheuer eindrucksvoll stehen Schuberts drei Urkuppeln aus in den Grundfarben Rot-Gelb-Blau getöntem Gips im Saal, die zwar auf jener der berühmten bosnischen Ibrahim-Pascha-Medrese in Počitelj basieren, mit der Durchdringung des busenförmigen Halbkreises und des eher männlich konnotierten hexagonalem Tambours dieser Koranschulenkuppel aber eine archaische Ewigkeitsform kreieren, die so bildgewaltig wie Kubricks Monolith auf dem Mond ist."

Einer anderen außergewöhnlichen Künstlerin begegnet Trinks' FAZ-Kollegin Bettina Wohlfahrt in der Pariser Cité de l'architecture et du patrimoine: Fabienne Verdiers abstrakte Bildwelten werden im Museum mit Portalen und Skulpturen aus dem Mittelalter kombiniert, einer Epoche, mit der sich Verdier in ihrem Schaffen intensiv auseinander setzt. Besonders interessiert sich Wohlfahrt für Verdiers außergewöhnliche Maltechnik: "In ihrem Atelier entwickelte sie Pinsel aus bis zu dreißig Pferdeschweifen und ein Schienensystem, das die mächtigen Malinstrumente von oben (…) in einer von der Künstlerin geführten Schwingung hält, wobei die Leinwände am Boden liegen. (…) So entstehen ihre 'Walking Paintings' mit dickflüssigem Dripping oder faszinierende großformatige Vortex-Gemälde mit himmelstrebenden Farbwirbeln. Kosmische Energie in die malende Ausführung einfließen zu lassen, ist Teil der Lehre der chinesischen Kalligraphie. Unter anderen Vorzeichen entspricht dies der sakralen Kunstausübung im Mittelalter. Damit drücken Verdiers Gemälde jenseits der Kulturen einen universalen Elan aus."

Weitere Artikel: Horst Brederkamp erinnert in der FAZ an Herbert Beck, eine zentrale Figur der Frankfurter Museumsszene. Marcus Woeller schreibt in der Welt über einen Trend am Kunstmarkt hin zu Luxusobjekten wie etwa einer Hausbar in Form eines Flusspferdes, die für 31,4 Millionen Dollar wegauktioniert wurde. Auf monopol berichtet Anna Gien über ihre Erfahrungen als Performancekünstlerin. Ingeborg Ruthe trauert in der BlZ um den 83-jährig verstorbenen DDR-Künstler Manfred Butzmann.

Besprochen werden die Schau "Le Grand Dauphin" im Schloss Versailles (Welt), Willem de Rooijs Ausstellung "Valkenburg" im Centraal Museum Ultrecht, die sich dem kolonialistischen Untertönen im Werk des Malers Dirk Valkenburg widmet (taz) und Neriman Polats Schau "Groundless" in der Berliner Zilberman-Galerie (taz).
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Architektur

Nach der FAZ und der SZ begibt sich auch Gabriele Detterer für die NZZ nach Weil am Rhein zu Balkrishna Doshis Doshi Retreat auf dem Vitra-Campus und lauscht verzaubert den Gong-Klängen.
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Musik

Lilly Schröder porträtiert in der taz den Berliner Rapper Baran Kok, der mit drastischen Texten der Homophobie im Deutschrap entgegentritt: "'Rap wird nicht unbedingt schwuler', meint Kok, 'aber offener.' Das geschehe etwa durch New-Wave-Rapper und Trap-Künstler, die Croptops und Nagellack tragen. 'Das hilft schon viel, es wird nur gefährlich, wenn es performativ wird', sagt er. Man dürfe nicht jedem Mann, der Nagellack trägt, einen Pokal geben. Lachend fügt er hinzu: 'Sei nicht schwuler als ich, wenn du nicht schwul bist.'" Auf Social Media gibt es für seinen Gesamtauftritt viel Kontra, doch "der Hass pralle an ihm ab, sagt Kok. 'Wenn du Kanake bist und dann noch schwul, hast du schon mit so viel Scheiße zu kämpfen gehabt, dass dich nicht juckt, was irgendein Moritz auf Tiktok schreibt.'"



Weiteres: In der FR gratuliert Harry Nutt Joan Baez zum 85. Geburtstag, den diese am kommenden Freitag feiert. Besprochen wird Stella Donnellys Album "Love and Fortune" (FR).
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