Efeu - Die Kulturrundschau

Rare Absenz jeglichen Zynismus

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11.12.2025. Die taz blickt mit dem mexikanisch-amerikanischen Fotografen Philip Montgomery in den Hamburger Deichtorhallen auf das Staatsversagen der USA. Im Standard wirft der israelische Regisseur Nadav Lapid Israel ein "Vergehen am Begriff Antisemitismus" vor. Im VAN-Gespräch zeigt der Dirigent Paavo Järvi Verständnis für Künstler, die sich Putin anbiedern. Und im Perlentaucher freut sich Peter Truschner über die Wiederentdeckung der russischen Fotografin Olga Ignatovich.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.12.2025 finden Sie hier

Kunst

Olga Ignatovich © Archiv Arthur Bondar

Perlentaucher
-Kolumnist Peter Truschner stellt in seinem Fotolot die Fotografin Olga Ignatovich vor, die vom Foto-Archälogen Arthur Bondar wiederentdeckt wurde. Nun liegt ein "sensationelles Buch" vor: "Mitte der dreißiger Jahre wurde Olga fest angestellte Fotografin bei der Moskauer Tageszeitung Vechernyaya. Sie verkörperte einen neuen Frauentyp: Sie trug Hosen und eine Pilotenjacke aus Leder, rauchte, fuhr höllisch schnell Motorrad und betrieb Fallschirmspringen als Hobby..." Sie arbeitete zunächst als Assistentin ihres ebenfalls fotografierenden Bruders und fotografierte dann selbst: "Obwohl meist an vorderster Front gemacht, dokumentieren die Fotos weniger ein gewalttätiges, geschweige denn heldenhaftes Kampfgeschehen und den dabei unweigerlichen Blutzoll, sondern vielmehr das Sozialleben der Soldaten, Momente der Stille und kostbarer, weil aufgrund der Situation so gut wie unmöglicher Privatheit."

Philip Montgomery: Canfield Drive II, Ferguson, Missouri, August 2014, from the series American Mirror, 2021. © Philip Montgomery

Der mexikanisch-amerikanische Fotograf Philip Montgomery gehört zu den renommiertesten Dokumentarfotografen der USA, es sind aber die Hamburger Deichtorhallen, die ihm mit "American Cycles" nun die erste große Einzelschau ausrichten, wundert sich Petra Schellen in der taz. Zu sehen sind Aufnahmen, die Montgomery seit 2014 machte, um die Zustände in den USA festzuhalten. Die "Fotos zeigen Menschen nach Hurrikans und Überschwemmung, knietief im Wasser oder zwischen verschlammten Möbeln. Tote zeigt Montgomery nie, Voyeurismus bleibt tabu. Sie hat die Hände vors Gesicht geschlagen, die schwarze Frau, die nach der Flucht ins Frauenhaus eigentlich eine größere Wohnung bekommen hat und mit ihren vier Kindern weiter in einem Zimmer wohnt. Die Enge ist Schutzschild geworden, das Gewalttrauma wirkt nach. All diese Szenen stehen exemplarisch für die Folgen struktureller Gewalt, des Staatsversagens in jeglicher Form."

Weitere Artikel: Nnena Kalu, schwarze Installationskünstlerin aus Schottland, die als Autistin in einer Kulturinstitution für lernbehinderte Menschen arbeitet, hat den diesjährigen Turner-Preis gewonnen - und zwar nicht, weil sie neurodivergent ist, sondern weil ihre "Farbexplosionen von unterbewusster Materie" große Sogkraft ausüben, freut sich Till Briegleb in der SZ. Im Tagesspiegel schreibt Birgit Rieger zum Tod des Berliner Malers und Bildhauers Wolfgang Petrick.

Besprochen werden außerdem die Christoph-Niemann-Ausstellung "Randnotizen" im Horst-Janssen-Museum in Oldenburg (FAZ), die Ausstellung "Formen der Anpassung - Kunsthandwerk und Design im Nationalsozialismus" im Grassimuseum für Angewandte Kunst in Leipzig (FAZ) und die Ausstellung "Wege des Impressionismus. Die Slowenische Moderne und Dachau" in der Gemäldegalerie Dachau (FAZ).
Archiv: Kunst
Stichwörter: Montgomery, Philip

Film

Valerie Dirk spricht im Standard mit dem israelischen Regisseur Nadav Lapid über dessen neuen Film "JA", mit dem er auf die Lage in Israel nach dem 7. Oktober reagiert (unser Resümee). Diese "schrecklichen Gewalttaten haben zu einer totalen Dehumanisierung des 'Anderen' geführt und eine perverse Fantasie geschürt, die manche Israelis von einem Israel ohne Palästinenser haben. ... Antisemitismus existiert, natürlich - und er nimmt in Momenten wie diesen zu. Aber die falsche Gleichsetzung von Israelkritik und Antisemitismus ist eine bewusste politische Manipulation, die Israels Politik seit Jahrzehnten betreibt. Sie ist auch ein Vergehen am Begriff Antisemitismus. Gerade in Deutschland und Österreich erlebe ich oft, dass Journalisten mir zuflüstern: 'Gut, dass Sie das sagen - wir dürften es nicht, sonst gilt es als antisemitisch.' Ich finde es schön, dass Sie sich Ihrer Schuld stellen. Aber ich glaube wirklich, dass die Immunität Israels und die Akzeptanz der Gleichsetzung von Antisemitismus und Israelkritik nicht nur eine dumme Sache ist, sondern die schlimmste Art, diese Schuldgefühle zu kompensieren."

Schluffiger Held wider Willen: Charly Hübner

Diese Woche startet "Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße", der letzte Film, den Wolfgang Becker - bei den Dreharbeiten schon schwer vom Krebs gezeichnet - vor seinem Tod umsetzen konnte. Der Film basiert auf dem gleichnamigen Roman von Maxim Leo. In Film wie Roman geht es um einen von Charly Hübner gespielten Videothekar in Prenzlauer Berg, der plötzlich offiziell geehrt werden soll, weil er in den Achtzigern aus reinem Versehen zahlreichen DDR-Bürgern zur Flucht verholfen hat. "Es lässt sich kein klügerer Film zur aktuellen Lage der Bundesrepublik denken, die im Zelebrieren ihrer Vergangenheiten gefangen ist, sei es der sozialistischen oder der nationalsozialistischen", schreibt Hanns-Georg Rodek in der Welt, der den Film auch für dessen "fürs heutige Kino raren Absenz jeglichen Zynismus'" feiert. Der Film "ist in den einzelnen Stationen natürlich betont überzeichnet und auf Pointe geschrieben", hält Janick Nolting auf Artechock fest, aber dennoch erstaunlich komplex. Zeit-Kritiker Jens Jessen "fällt durch den Film, seine vordergründige Unterhaltsamkeit, hindurch ins Nichts einer ungreifbaren Realität."

Dadaistische Formvollendetheit: Bjarne Mädel ist "Prange" (ARD)

Georg Diez (Zeit Online) ist sehr beglückt vom ARD-Vorweihnachtsfilm "Prange - Man ist ja Nachbar", in dem sich in einem Hamburger Baumarkt zwischen Bjarne Mädel und Katharina Marie Schubert eine Liebesgeschichte abspielt, während Olli Dittrich den Nachbarn dazu abgibt. Der Film ist "eine Feier des Alltags, des Baumarkts, des widerwilligen, eher sinnlos widerständigen Humanismus. Deutschland, dieses Nebelland, schaut hier aus wie 1975 oder eben 2025." Zu erleben ist "das Porträt eines vergessenen Landes, das es möglicherweise gibt oder gab und das sich in seiner Provinzialität und Pedanterie entspannen darf. Gepackt wird diese Botschaft in Dialoge von dadaistischer Formvollendetheit."

Außerdem: In der Debatte um die Zukunft der Filmförderung und insbesondere um die Investitionsverpflichtung der großen Streamingdienste ist auch seitens der Produzentenseite, die ansonsten ihre Anliegens ans Kulturstaatsministerium eher höflich formuliert, ein anderer Ton zu bemerken, freut sich Rüdiger Suchsland auf Artechock, denn "mit Leisetreterei und Höflichkeit kommt man nicht weiter".

Besprochen werden Muayad Alayans "Ein Haus in Jerusalem" (FAZ), Tony Tosts Neowestern "Americana" (FR), Eliza Petkovas Dokumentarfilm "Stille Beobachter" über Tiere in einem bulgarischen Bergdorf (taz), Leis Bagdachs "Im Rosengarten" (Artechock), die Netflix-Doku "The Springer", die zu beweisen versucht, dass das berühmte "Napalm Girl"-Foto aus dem Vietnamkrieg in Wahrheit von einem Vietnamesen geschossen wurde (der Film "krankt an seiner deutlichen Parteinahme", schreibt Frauke Steffens in der FAZ), Lars Jessens und Rasmus Jessens Porträtfilm "Jetzt. Wohin" mit Robert Habeck (Artechock, mehr dazu bereits hier), Gregor Schnitzlers neuer "Bibi Blocksberg"-Film (Artechock, SZ) und die vom ZDF ab morgen vormittag online gestellte, finnische Serie "Queen of Fucking Everything" (FAZ).
Archiv: Film

Literatur

Aus Günter Grass' einstigem Wohnhaus in Behlendorf, eine kleine Autofahrt vor den Toren Lübecks gelegen, wird entgegen dem testamentarischen Wunsch des Schriftstellers nun doch keine kulturelle Einrichtung, meldet Hubert Spiegel in der FAZ. Stattdessen landet das Haus nun auf dem Immobilienmarkt." Im Grass-Haus in Lübeck trauert man der verpassten Chance nach, weiß aber auch, dass der Spagat zwischen zwei Grass-Häusern schwierig geworden wäre."

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Weiteres: In der Jane-Austen-Reihe der taz widmet sich Renate Kraft heute "Überredung", dem letzten Roman der britischen Autorin. Der Schriftsteller Thomas Hürlimann spricht in der NZZ mit Rico Bandle über seine Nahtoderfahrungen im Zuge einer komplizierten Krebsbehandlung. Claudia Fromme schreibt in der SZ zum Tod der Bestsellerautorin Sophie Kinsella.

Besprochen werden unter anderem Mariam Naiems, Yulia Vus und Ivan Kypibidas Comic "Kurze Geschichte eines langen Krieges" über den russischen Angriff auf die Ukraine (FAZ.net), Alpa Shahs Reportage "Nachtmarsch. Unterwegs mit Indiens vergessenen Guerillas" (NZZ), László Krasznahorkais "Zsömle ist weg" (Zeit) und Abdulrazak Gurnahs "Diebstahl" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.

Außerdem ist die neue Folge des Perlentaucher-Bücherpodcasts online: Lukas Pazzini und Benita Berthmann diskutieren über Irina Scherbakowas "Der Schlüssel würde noch passen" und Tezer Özlüs "Die kalten Nächte der Kindheit". Außerdem sprechen sie mit dem Schriftsteller Deniz Utlu, der Özlüs Buch neu übersetzt hat.
Archiv: Literatur
Stichwörter: Grass, Günter

Bühne

Szene aus "Hasenprosa". Foto: Laura Nickel

Maren Kames' "Hasenprosa" schaffte es vergangenes Jahr auf die Shortlist für den Deutschen Buchpreis, nun hat Marlon Otte die poetische Geschichte um die Begegnungen eines Hasen mit einer jungen trauernden Frau auf die Bühne des Schauspiels Frankfurt gebracht, staunt Judith von Sternburg in der FR. Nina Wolf gibt die junge Frau, Sebastian Reiß den Hasen: "Es gibt ein einfaches buntes Bühnenbild von Marco Pinheiro, in dem sich das Duo lässig tummeln, verbergen und Quatsch machen kann: Kisten und Kästen - einer enthält die sommerlichste aller Blumenwiesen, einer hat ein Bullauge wie eine Waschmaschine. (…) Die Bewegungssprache ist deutlich, vor allem naturgemäß die des Hasen, der vorläufig im ohnehin schon orangefarbenen Licht eine Karotte isst. Reiß beim Mümmeln und Murmeln zuzusehen und wie er die schmucken Vorderzähne dann doch herausnimmt, um sich den Menschen gegenüber verständlich zu machen, ist schon ein Spaß."

Weitere Artikel: Für die Zeit trifft Christine Lemke-Matwey die amerikanische Komponistin Meredith Monk, die derzeit an der Folkwang Universität die Pina-Bausch-Gastprofessur innehat. Martin Thomas Pesl sendet der nachtkritik einen Lagebericht aus Wiens Theaterlandschaft, die im kommenden Jahr mit Budgetkürzungen von 7 Prozent im Vergleich zum laufenden Jahr auskommen muss.

Besprochen werden außerdem Isabelle Redferns Inszenierung "Porneia" - eine Überschreibung von Aristophanes' "Lysistrata" von Golda Barton am Hamburger Thalia Theater (taz), Vasily Barkhatovs Inszenierung von Schostakowitschs "Lady Macbeth von Mzensk" an der Mailänder Scala (NZZ), Hans Abrahamsens Vertonung von Andersens "Schneekönigin" an der Semperoper in Dresden (FAZ) und 
Christiane Rösingers Stück "Leben im Liegen" am Berliner Hebbel am Ufer (nachtkritik).
Archiv: Bühne
Stichwörter: Otte, Marlon, Kames, Maren

Musik

"Bis Putin tot ist, gehe ich nicht wieder nach Russland", selbst wenn die von ihm verehrten Petersburger Philharmoniker anrufen, sagt Paavo Järvi im VAN-Gespräch mit Alexander Gurdon. Dennoch zeigt der Dirigent Verständnis für Künstler, die hier weniger rigoros handeln - sofern sie nicht öffentlich ein Loblied auf Putin singen. "Manche müssen sich dem Diktator anbiedern, weil sie buchstäblich nirgendwo anders hingehen können. Currentzis dagegen ist wieder eine ganz andere Geschichte - kompliziert, ja, aber keineswegs so, wie der Westen oft denkt. Ich halte ihn mit Sicherheit nicht für einen heimlichen Botschafter Putins. Er macht seine Kunst; er nimmt Geld von dort, wo es verfügbar ist - in diesem Fall eben von Banken oder Institutionen, die in Russland existieren dürfen. So funktioniert das System dort. Und ehrlich gesagt: Auch die Berliner Philharmoniker nehmen Geld von der Deutschen Bank - einer Bank mit einer langen Geschichte von korrupten Krediten an Trump und von anderen Skandalen."

Außerdem: 2025 ist das Jahr der Wiederveröffentlichungen, der Archiv-Anthologien und der allgemeinen Resteverwertung, schreibt Jochen Overbeck in der Welt. In der Welt porträtiert Stefan Grund den Sänger Klaus Hoffmann. Die Agenturen melden, dass nun auch Island den kommenden ESC wegen der Teilnahme Israels boykottieren werde. Der Dirigent Ingo Metzmacher und Albrecht Selge liefern sich in VAN ein Pro-und-Contra-Duell darüber, ob Stockhausens "Gesang der Jünglinge" heute nur noch museal zu hören ist. Judith Valerie Engel spricht für VAN mit der Pianistin Samantha Ege, dem Dirigenten John Andrews und der Musikwissenschaftlerin Leah Broad über Leben und Werk der Komponistin und Pianistin Avril Coleridge-Taylor, die auch deshalb in Vergessenheit geraten ist, weil sie im 20. Jahrhundert noch ganz im Geiste des 19. komponierte. Wir hören rein:



Besprochen werden ein Konzert der lettischen Organistin Iveta Apkalna in Zürich (NZZ), Frankfurter Auftritte des Harfenisten Xavier de Maistre (FR) und der Band Kuhn Fu (FR), ein Berliner Abend mit Max Regers Klarinettenquintetten, die der Solist Jörg Widmann mit dem Signum Quartett aufführte (VAN-Kritiker Albrecht Selge stößt auf Passagen "spröder, zart angebitterter Amabilität") und Rosalías neues Album "Lux", das nach Ansicht des restlos begeisterten FR-Kritikers Stefan Michalzik eigentlich nur (wenn auch "entfernt") mit Queens Album "A Night in the Opera" vergleichbar ist. Wir hören rein:

Archiv: Musik