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22.11.2025. Die NZZ schwelgt in London in den hingehauchten Reifröcken der Marie Antoinette. In der FAS erklärt der russische Lehrer und Dokumentarfilmer Pavel Talankin, wie Kinder in Russland zu "Patrioten" erzogen werden. Die SZ verneigt sich in München vor dem Werk des Malers und Bildhauers Hermann Glöckner, der sich von keiner deutschen Diktatur vereinnahmen ließ. Und Zeit Online bleibt das Lachen im Halse stecken, wenn sich das Kollektiv Frankfurter Hauptschule in München 482 Titel der Kulturgeschichte entgegen ruft.
Szene aus Pavel Talankins Doku "Mr. Nobody Against Putin"
Wie macht man Kinder zu "Patrioten"? Der inzwischen im tschechischen Exil lebende russische Pädagoge Pavel Talankin weiß es: Er hat in seiner Schule in der russischen Industriestadt Karabash einen Dokumentarfilm über die Auswirkungen des Ukrainekriegs gedreht, "Mr. Nobody Against Putin", und das Material dann hinausgeschmuggelt, erzählt er im Interview mit der FAS: "Am 14. März kamen die ersten Anweisungen des Bildungsministeriums: Wir sollten 'Gespräche über das Wichtige' durchführen - komplett vorgegeben, mit Skripten, Präsentationen und Videos. Schulen mit Bildschirmen sollten sie sogar dauerhaft für Propaganda nutzen. Ich wurde beauftragt, die erste dieser Lektionen zu filmen - und in diesem Moment wusste ich, dass ich das Material nicht löschen darf. Es ist ein Dokument seiner Zeit. Wir kennen historische Fakten, aber selten fragen wir, wie Gesellschaften moralisch abstürzen. Genau das erleben wir heute: Die Jugend wächst nicht mit Empathie auf, sondern mit erlerntem Hass. Warum man mich mit der Aufnahme betraute, weiß ich bis heute nicht - vielleicht zu internen Archivzwecken, vielleicht zur Kontrolle."
Weiteres: In der FAS porträtiert Bert Rebhandl den Schauspieler Julian Radlmaier, der gerade in dem Fim "Sehnsucht in Sangerhausen" zu sehen ist, als "neuen Star des jungen politischen Kinos in Deutschland". Besprochen werden Ronan Day-Lewis' "Anemone" (Welt), der zweite Teil des Filmmusicals "Wicked" (SZ) und Noah Baumbachs Tragikomödie "Jay Kelly" mit George Clooney (SZ).
Szene aus "2 × 241 Titel doppelt so gut wie Martin Kippenberger". Bild: Sima Dehgani Ella Rendtorff (Zeit Online) kennt das Kollektiv Frankfurter Hauptschule für provokative (Kunst-)Performances, aber auch mit ihrem Regiedebüt "2 × 241 Titel doppelt so gut wie Martin Kippenberger" an den Münchner Kammerspielen können sie überzeugen. Es passiert zwar nicht mehr, als dass die Schauspieler sich 482 Titel der Kulturgeschichte zurufen, aber: "Das Publikum lacht bei fast jedem Titel, wenn auch leicht gehemmt. Vielleicht, weil das dichte Geflecht aus Wortwitzen und verdrehten Zitaten von Anrufungen der NS-Vergangenheit durchzogen ist: 'Auch Humor hat seine Grenzen, und zwar die Grenzen Großdeutschlands im Jahre 1942', flackert es auf der Projektionsfläche im Hintergrund. ... Gerade diese mechanische Kühle, mit der Text und Titel vorgetragen werden, lässt das Lachen im Hals stecken bleiben. Denn man erahnt, was zwischen Adorno-Anspielungen und ABBA-Lyrics bedrohlich aufscheint: Die Unaufmerksamkeit, mit der wir zulassen, dass sich Geschichte wiederholen könnte."
Auch Nachtkritikerin Silvia Stammen hat ihren Spaß, aber: "Im Ping-Pong-Geballer von verrutschten Zitaten und hyperintelligenten Bonmots verliert sich langsam, aber sicher die Orientierung, das Hirn kapituliert bei der Verfolgung aller angestoßenen Assoziationspfade, die teils projizierten Zeilen fangen an über die Balken zu kriechen, sich von ihren Bedeutungen zu lösen, einen Moment lang frei zu flottieren." Mit "wundervoller Leichtigkeit im Gemüt" verlässt Egbert Tholl in der SZ das Stück.
Besprochen werden die neue Cirque du Soleil-Show "Alizé" im Theater am Potsdamer Platz (Welt, Tsp, nachtkritik), das Science & Theatre-Festival "Maschinenträume" in Heilbronn (nachtkritik), Sidi Larbi Cherkaouis Choreografie "Bal impérial" nach Johann Strauss Sohn im Grand Theatre in Genf (FAZ), und "Too lonely for this world to stay the same" vom Kollektiv "neco_nart" und Camilla Fiumaras Tanzsolo in Simon Möllendorffs Choreografie "Beweis dessen, dass auch unzulängliche, ja kindische Mittel zur Rettung dienen" im Naxos Produktionshaus in Frankfurt (FR).
Hochzeitskleid der Herzogin Hedvig Elisabeth Charlotta (spätere Königin von Schweden). Foto: Göran Schmidt, Livrustkammaren/SHM (CC BY 4.0)
Marion Löhndorf (NZZ) schwelgt in rauschenden Roben mit Reifröcken im "Marie Antoinette Style", die das Victoria and Albert Museum zeigt. "Sie leuchten in Pastellfarben, in Seide, mit Blumen bestickt. Marie-Antoinette liebte das Zarte, Hingehauchte - der Schwere dieser einschnürenden Gewänder zum Trotz. Doch nur wenige Stücke, die sie selbst getragen hat, sind erhalten. Die meisten im Victoria and Albert Museum in London gezeigten Kleider stammen nicht aus ihrem Besitz, sondern sind Beispiele für den Stil und den Stilwandel, den sie prägte. Nach den hochgetürmten, reich dekorierten Perücken - einmal trug sie eine Galeone darauf - läutete die modebewusste Königin eine Phase des relativen Downsizing ein. Manchen ging das zu weit", ein Porträt von ihr im weißen Mousselinekleid musste verschwinden, weil es "zu sehr nach Unterwäsche" aussah. Vielleicht wurde sie also gar nicht wegen ihrer Verschwendungssucht hingerichtet, sondern im Gegenteil, weil sie dem Publikum nicht genug Glamour bot? Wie auch immer, die Darstellung ihres Todes in der Schau ist eher ein Tiefpunkt, findet Löhndorf.
Weiteres: Lesenswert außerdem - wenn auch schon einen Monat alt - ein Gespräch von Tim Blanks mit den Designern Raf Simons (Prada) und Pieter Mulier (Alaia) über Belgien, belgische Mode und die belgische Modeszene. Besprochen wird außerdem eine Ausstellung über die Kunst der Fashion Show im Vitra Design Museum in Weil (FAS).
Der Künstler Thomas Scheibitz hat keine Scheu sich mit Picasso oder seinen Lehrern wie A. R. Penck ausstellen zu lassen, erinnert Peter Richter in der SZ. Nun setzt er seine Werke in der Münchner Pinakothek der Moderne neben die des konstruktivistischen Dresdner Malers und Bildhauers Hermann Glöckner, und Richter staunt über ein Hommage an einen Künstler, der sich von keiner deutschen Diktatur vereinnahmen ließ: "Glöckner malte zur Nazi-Zeit lieber gegen kümmerlichen Lohn Firmennamen an Firmenmauern als soldatische Heroen und deutsche Mütter auf Leinwand wie so viele seiner Kollegen. Und er hielt auch unter den Sowjets und in der DDR daran fest, lieber die Abenteuerreiche des Nichtgegenständlichen zu erkunden, anstatt mutmachende Werktätige abzubilden. So entstanden wunderliche Faltungen, Strichkonstruktionen, große freihändige Schwünge mit dem Stift, Skulpturen, zur Not auch mit Bügeln, Stanniolpapier und was der Haushalt sonst so hergab."
Frida Kahlo: "El sueño (La cama)". 1940 Mit 54,7 Millionen Dollar ist Frida Kahlos Gemälde "El sueño (La cama)" das teuerste je versteigerte Kunstwerk einer Frau, und doch macht der Preis nur einen Bruchteil dessen aus, was etwa Leonardo da Vincis "Salvator Mundi" 2017 bei einer Auktion erzielte. Auf Zeit Online fragt sich Justine Konradt, woran der Gender-Pay-Gap in der Kunstwelt liegt. Immerhin die Geschlechterparität im Hinblick auf Einzelausstellungen ist langsam ausgeglichen, vermerkt Katharina Rustler im Standard. Im Tagesspiegel versucht Christiane Meixner zu erklären, weshalb gerade dieses Werk so wertvoll ist, wurde das Werk doch 1987 noch für "nur" 51.000 Dollar versteigert: Aber der Kreis vermögender Sammler ist enorm gewachsen, weiß Meixner.
Weitere Artikel:Für die Welt spricht Cornelius Tittel mit der deutschen Kunstsammlerin Ingvild Goetz über ihre Sammlung und ihre ersten Ausstellungen. Auf den "Bilder-und-Zeiten"-Seiten der FAZ erinnert Thomas Combrinck an den Berliner Fotografen Waldemar Titzenthaler.
Besprochen werden außerdem die Ausstellung "Die Pazzi-Verschwörung. Macht, Gewalt und Kunst im Florenz der Renaissance" im Berliner Bode-Museum (taz) und die Ausstellung "Hommage an Vittore Carpaccio. Ein restauriertes Meisterwerk und die Malerei Venedigs um 1500" in der Berliner Gemäldegalerie Berlin (FAZ).
In der FAZ schreibt Tilman Spreckelsen zum Tod des Kinderbuchkünstlers Helme Heine, in der SZ schreiben Christine Knödler und Peter Maffay. "Bilder und Zeiten" (FAZ) druckt Katja Lange-Müllers Dankesrede für den Thomas-Mann-Preis der Stadt München, in der sie Thomas Manns Erzählung "Die Betrogene" würdigt. Martin Kämpchen schreibt ebendort über den Literaturkontinent Indien. Dokumentiert wird außerdem ein Briefwechsel zwischen Judith Hermann und der in Herat lebenden afghanischen Schriftstellerin Zaheda.
Besprochen werden Marie-Janine Calics Erinnerungen an die "Balkan-Odyssee 1933 bis 1941" (NZZ), Anna Seghers' Liebesbriefe an Rodi 1921 - 1925 (taz), Steffen Martus' "Literaturgeschichte der Gegenwart, 1989 bis heute" (taz), Sven Beckerts Geschichte des "Kapitalismus" (FAZ), Dorothy Thompsons Reportagen aus Deutschland 1931-1932 (FAZ), Florence Gaubs "Szenario" (FAS), Sen Lin Yus Roman "Alchemised" (SZ), Nava Ebrahimis Roman "Und Federn überall" (SZ) und Eli Sharabis Erinnerungen an "491 Tage. In den Tunneln der Hamas" (Welt).
Für den Aufmacher des FAZ-Feuilletons reist Hannes Hintermeier nach Traunstein, wo die ArchitektinAnna Heringer gemeinsam mit den Architekten Hans und Johannes Romstätter für rund 20 Millionen Euro den ersten freitragenden Lehmbau Deutschlands verwirklicht hat. Hintermeier gefällt's: "Der Lehmbau steht im Zentrum des 44.000 Quadratmeter großen Campus-Geländes südwestlich der Altstadt, dessen Bestandsbauten dem orthogonalen Muster folgen. Lang gestreckte, rechteckige Baukörper umgeben nun ein zweigeschossiges Gebäude, das sich ungeniert in ihrer Mitte niedergelassen hat - mit Ecken, Kanten und Zacken, zwei Innenhöfen und einem Dachgarten, der über eine pyramidenförmig zulaufende, steile Außentreppe erreichbar ist. (...) Die Lehmwände verströmen, innen wie außen, eine einnehmende Wärme."
Und wieder einmal wurde die Inbetriebnahme von Stuttgart 21 verschoben, stöhnt Gerhard Matzig in der SZ, freilich nicht besonders verwundert: "Man kennt Planer, Architektinnen und Ingenieure, die in München, Stuttgart, Berlin und anderswo für die Bahn arbeiten. Wenn sie von der 'Planungskultur' der Bahn hinter vorgehaltener Hand erzählen, wirken sie, als würden sie gleich in Tränen ausbrechen. Für die Bahn zu bauen, die das ohnehin baubürokratisch übermotiviert veranlagte Land in einsame Höhen der eisenbahnplanerischen Delirien bugsiert: Das ist der direkte Weg zu Gleis neundreiviertel. Ein anderes Wort für Planungsexpertise bei der Bahn? Fantasy."
Weitere Artikel: Werner Huber schwärmt in der NZZ von der Sanierung des Neubaus, den die Zürcher Architekten Gebrüder Pfister 1928 für die Kantonsschule in Winterthur errichteten.
Im Interview mit der Welt spricht der Filmkomponist James Newton Howard über seine Arbeit. Howard hat ein beeindruckendes Oeuvre vorzuweisen. Er schrieb etwa die Filmmusiken zu Garry Marshalls "Pretty Woman", Peter Jacksons "King Kong", die "Tribute von Panem", Terrence Malicks "The Hidden Life" und die Titelmusik zu "Emergency Room". Filmmusik komponieren ist vor allem Handwerk, lernt Interviewer Elmar Krekeler: "'Als Filmkomponist muss man - erste Regel - vor allem zuhören können', sagt er. Das verkürzt die Arbeit, weil die Vision des Regisseurs die entscheidende ist, ungemein. Dann setzt er sich hin. Improvisiert. Findet Melodien. ... Dann entsteht der Film, und der Moment kommt, für den ein klassisch ausgebildeter Komponist - der James Newton Howard wahrscheinlich zu seinem Glück gar nicht ist - besonders stark sein muss. 'Es geht', sagt er, 'bei Filmmusik weniger ums Schreiben als ums Umschreiben.' Das Intro zu 'Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind' hat er 43-mal umgeschrieben."
Weiteres: Joachim Hentschel trifft für die SZ in Paris Amanda Lear und plaudert mit ihr über dies und das und ihr neues Album. Manuel Brug begleitet für die WeltSimon Rattle auf einer Konzerttour durch England mit dem Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks: Im Eurostar plaudert der Dirigent dann über seine Erinnerungen und seine Beziehung zu England. In der FAZ gratuliert ein bewundernder Robin Passon der Pianistin Elisabeth Leonskaja zum Achtzigsten, ohne dabei zu verschweigen, dass sie heute für russische Soldaten spielt. Besprochen wird der neue Song "Dünya garip" von Haftbefehl (Welt).