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20.11.2025. Die NZZ lernt in Aarau kritisch auf KI-generierteBilder zu schauen. Die Welt spekuliert, weshalb das Gorki-Theater Oliver Frljićs Adaption von Adania Shiblis Roman "Eine Nebensache" so kurzfristig aus dem Programm genommen hat. Die Zeit fordert verpflichtende Abgaben für Streaming-Dienste, um dem deutschen Kino wieder auf die Beine zu helfen. Die taz vergnügt sich mit Menschen angelnden Fischen in Kassel.
NZZ-Kritiker Michele Coviello schult dank Digitalkuratorin Maren Burghard sein Auge für die Zukunft in der Ausstellung "New Realities" im Stadtmuseum Aarau: "In ihren KI-Bildern baut Burghard Fehler teilweise bewusst ein, andere macht die KI selber. Die Bilder lassen einen frösteln, sie verströmen etwas Glattes und Seelenloses. Aus einer Blumenvase schaut ein Tentakel eines Tintenfisches heraus. Und ist das eine Kaffee- oder doch eine Nähmaschine? Jedenfalls trägt das Gerät die Aufschrift 'veritas'. Aber wo liegt denn die Wahrheit? Sie ist sicher nicht das, was uns die KI zeigt - auch das will Burghard mit ihren Bildern beweisen. Jede KI ist nur so gut wie ihr Datensatz. Bei Bildmodellen ist es genauso. Und diese sind vor allem mit dem Material ihrer zahlungskräftigen Kunden gefüttert: vorwiegend weiß und männlich. ... Mansplaining dringt durch."
Gus Dirks: An Easter Hold-Up. Sonntagsseite vom 8. April 1900. Grimmwelt Kassel Ralph Trommer (taz) hat viel Freude in der Ausstellung "Ich, das Tier" in der Kasseler Grimmwelt, die anthropomorphe Tierdarstellungen vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart zeigt - darunter Illustrationen des Franzosen Grandville, "die gängige Muster der Tierfabeln ad absurdum führten. Seine surrealen Szenen sind voller Mischwesen zwischen Pflanze, Tier und Mensch. In einer Lithografie zeigt er angelnde Fische, die im Wasser plantschende Menschen mit Schmuck, Tabak oder Urkunden ködern. Grandville hielt der damaligen Gesellschaft auf originelle Weise den Spiegel vor."
Weitere Artikel: Für die Zeit spricht Tobias Timm mit der amerikanischen Künstlerin Kara Walker, deren Collagen und Aquarellen derzeit in der Berliner Galerie Sprüth Magers zu sehen sind, über Trump, indigene amerikanische Geschichte und die neue Hässlichkeit von San Francisco. Da gerade Maurizio Cattelans Goldklo in New York (nur knapp über Goldwert) versteigert wurde, blickt Hanno Rauterberg ebenfalls in der Zeit auf die Geschichte der Toilette in der Kunst. Nicola Kuhn resümiert im Tagesspiegel ein Kolloquium "Kunsthandel der Moderne" in der Berlinischen Galerie bei der auch über die neuen Schiedsgerichte diskutiert wurde.
Das Gorki-Theater hat Oliver Frljićs Adaption von Adania Shiblis Roman "Eine Nebensache", die am Gorki-Theater heute zur Aufführung kommen sollte, kurzfristig abgesagt (unser Resümee). Jakob Hayner spekuliert in der Welt, was man von diesem Abend hätte erwarten können. Die Schauspieler Karim Daoud und Maryam Abu Khaled fielen jedenfalls in der Vergangenheit mit kaum reflektierten Positionen zu Nahost auf, meint er: "So sagte Daoud, das Theater sei eine Enttäuschung und habe die Seite der Okkupation gewählt. 'Wie kann das immer noch geschehen? Auf der Seite des Unterdrückers und auf der falschen Seite der Geschichte zu stehen?' Und Khaled äußerte sich: 'An der Seite Israels zu stehen, war eure Entscheidung, aber ich kann die Respektlosigkeit und Ignoranz nicht akzeptieren, die sich darin gegenüber der anderen Seite zeigt, mein Volk und meine Familie eingeschlossen, die in konstanter Angst leben.'" Auch Regisseur Frljic hatte in einem Interview mit der Berliner Zeitung vergangenes Jahr von "institutioneller Zensur" in Deutschland gesprochen, erinnert Brug.
Eine "bittere Sache" ist das alles, kommentiert indes Rüdiger Schaper im Tagesspiegel: "Wieder trifft es Adania Shibli. Und das Gorki Theater hat es nicht geschafft, die Konfliktfragen auf die Bühne zu bringen, wo sie hingehören."
Weiteres: Nachdem der italienische Staatssekretär für Kultur, Gianmarco Mazzi, die "künstlerische Überprüfung" aller Opern- und Symphonieorchester angekündigt hatte, herrscht bei den Institutionen Angst vor rechter Einflussnahme, berichtet Karen Krüger in der FAZ. Besprochen wird Unsuk Chins Oper "Alice in Wonderland" im Theater an der Wien (FAZ).
Cynthia Erivo und Ariana Grande in "Wicked 2". Foto: Foto: Giles Keyte / Universal Pictures Der zweite Teil von Jon M. Chus Musicalfilm "Wicked" "übertrumpft sich wieder selbst mit "opulentem Design, quietschbunten Farben und Kostümen in Steampunk-Optik", freut sich Vanessa Fatho in der FAZ. Inhaltlich geht dieses Mal es ein bisschen düsterer zu, verrät sie, denn ein böser Zauberer hat den Tieren die Sprache genommen und unterdrückt sie: "Es herrscht ein Faschist im Lande Oz, der einen Sündenbock sucht und geflügelte Affen als Spione hält. Das bedeutet: Gefangenschaft, Flucht, Zensur und Propaganda. Die Flugblätter, die immer wieder im Film zu sehen sind, stilisieren die Hexe Elphaba zur rachsüchtigen weiblichen Monstrosität. Beim 'Marsch der Hexenjäger' macht sich der Mob schließlich auf, die böse Hexe zu töten." Der Kritikerin ist das alles ein bisschen zu "glatt poliert", entfaltet aber in "ruhigen Momenten" seine Kraft. Daniel Kothenschulte ist in der FRenttäuscht vom Film, freut sich aber über "hinreißend selbstbestimmte Frauenfiguren".
Für die Zeit besichtigen Katja Nicodemus und Thomas E. Schmidt die "Baustelle deutsche Filmförderung." Dem deutschen Kino geht es nämlich so schlecht wie seit Jahren nicht, daran haben auch Streaming-Dienste wie Netflix ihren Anteil. Helfen könnte eine staatlich geregelte "Investitionsverpflichtung": "Zwischen 15 und 25 Prozent der Streamer-Umsätze müssten in die deutsche Filmlandschaft investiert werden, um einen wirtschaftlichen Effekt zu erzielen - das sagen alle Branchenvertreter, mit denen wir gesprochen haben. Die Forderung ist auch, den totalen Ausverkauf zu stoppen, sodass Verwertungsrechte nach einer Frist wieder an die Produzenten zurückfallen - beides führt Frankreich sehr erfolgreich vor. Aber muss man Netflix und Co. per Gesetz dazu zwingen, oder setzt man auf Freiwilligkeit? Der Filmproduzent Martin Moszkowicz sagt: 'Amerikanische Megakonzerne geben freiwillig gar nichts ab, wenn ihnen das wirklich wehtut.'"
Eine Studie des Instituts für Zeitgeschichte in München (IfZ) hat ergeben, dass viele Mitglieder und Preisträger des wichtigsten deutschen Filmverbands Spio "schwer NS-belastet" waren, berichtet Christian Staas in der Zeit: "Die gut 60-seitige Studie ist nüchtern im Ton, differenziert in der Analyse und klar im Urteil. Verfasst hat sie der Historiker Bernhard Gotto, recherchiert hat er zu 91 Personen, unter ihnen elf Mitglieder der Geschäftsführung, 58 Vorstände und Präsidiumsmitglieder sowie 30 Preisträgerinnen und Preisträger (...) Von den 91 Personen stuft Gotto 18 als 'NS-konform'und 13 als 'materiell belastet' ein." Der Verein zieht nun Konsequenzen, zum Beispiel die Aberkennung der "Ehrenmedaille" für alle Belasteten - ein bisschen spät, meint Staas.
Weiteres: Caroline Rosales verbringt für die Zeit eine Nacht im Grand-Hôtel du Cap-Ferrat, einem Drehort der neuen Folge der Serie "The White Lotus". Besprochen wird Noah Baumbachs Komödie "Jay Kelly" mit George Clooney (FR, Zeit) und Eva Neymanns Dokumentarfilm "When Lightning Flashes Over the Sea" (taz).
Die Zeit druckt in abgeänderter Version eine Rede des Schriftstellers Karl Ove Knausgård zur Eröffnung einer Tagung der Rilke-Gesellschaft in Prag. Durch Rilke-Lektüre und Sprach-Experimente sei es ihm gelungen, zu seiner eigenen Sprache zu finden, erklärte Knausgard, dabei spielten auch die Eigenheiten der norwegischen Schriftsprache Bokmål eine Rolle: "Als Rilkes Roman 1965 ins Norwegische übersetzt wurde, geschah dies in einem sehr konservativen Bokmål. Gleiches gilt für Marcel Prousts Werke. Es wäre undenkbar, ja lächerlich gewesen, die beiden in radikales Bokmål zu übersetzen, da es mit Alltäglichkeit, Arbeiterklasse, Volkstümlichkeit, Mündlichkeit assoziiert wurde, während konservatives Bokmål steifer, feierlicher, bornierter war. Als junger, radikaler Mann mit dem Ehrgeiz, Schriftsteller zu werden, schrieb ich natürlich radikales Bokmål. Nachdem ich Rilke und Proust gelesen hatte, experimentierte ich damit, konservativ zu schreiben. Dabei geschah etwas. (...) Zwischen mir und der Sprache war ein Raum entstanden, und in diesem Raum entstanden Gedanken und Bilder, die ich nie zuvor gedacht oder gesehen hatte. Ich hatte sie geschrieben, besaß sie aber nicht, und erst da, als Schreiben das Gleiche geworden war wie Lesen, war ich ein Schriftsteller."
Die Zeit veröffentlicht heute ihre Weihnachtsliteraturbeilage. Besprochen werden ansonsten Ivan Segrés "Der Westen, die Indigenen und wir" (FAZ), Robert Macfarlanes "Sind Flüsse Lebewesen?" (FAZ), Louise Pennys Krimi "Der schwarze Wolf" und John Irvings "Königin Esther" (NZZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Die SZ erscheint heute mit einer großen Exklusiv-Reportage, in der Konstantin Wecker die Beziehung mit einer Minderjährigen vorgeworfen wird. Wecker ließ über seinen Anwalt eine Entschuldigung ausrichten. In der Zeit berichtet Christina Reitz von den Zweifeln, ob Johann Sebastian Bach tatsächlich der Komponist der beiden neu aufgetauchten Stücke ist. So sei etwa der Bach-Schüler Salomon Günther John, der als Kopist der beiden Partituren gilt, zum Zeitpunkt der Niederschrift höchstens zehn bis zwölf Jahre alt gewesen. Die Zeit erscheint heute außerdem mit einer kleinen Musik-Beilage, die ein Interview mit dem Gitarristen Jeff Parker über das neue Tortoise-Album und ein Porträt der britischen Organistin Anna Lapwood enthält.
Besprochen werden das neue Sudan Archives-Album "The BPM" (FR) und ein Konzert des Quartetts von Charles Lloyd beim Enjoy-Jazz-Festival in der Christuskirche von Mannheim (FAZ).
Das norwegische Büro Snøhetta hatte den Architekturwettbewerb für den Neubau der Düsseldorfer Oper gewonnen (unser Resümee), nun wurde die Zukunft der Oper in Düsseldorf vor Publikum diskutiert und Kjetil Trædal Thorsen, Mitbegründer des Büros, erklärte, was den Bau der Oper so schwierig macht, resümiert Hubert Spiegel in der FAZ: "Während ähnliche Projekte meistens als freistehende Solitäre konzipiert würden, müsse am Wehrhahn auf einem relativ kleinen Areal ein Gebäude entstehen, das auf etwa 38.000 Quadratmetern verschiedene Nutzungsmöglichkeiten erlaubt, nachhaltig und flexibel ist und positive Impulse für ein ganzes Stadtviertel entwickelt."
Ob Snøhetta auch bauen darf, ist allerdings noch nicht klar, berichtet Alexander Menden in der SZ: "Als Nächstes wird die Stadt mit allen vier Siegern in Verhandlungen über das wirtschaftlichste Angebot eintreten. Denn die beiden größten Fraktionen im Düsseldorfer Stadtrat, CDU und Grüne, haben einen Kostendeckel von einer Milliarde Euro vereinbart (2021 war noch von 750 Millionen die Rede). Das klingt nach einer sehr stolzen Summe. Doch die Erfahrungen des südlichen Regionalrivalen Köln, wo die Kosten für eine Sanierung der Bestandsbauten von Oper und Schauspiel explodierten und mittlerweile bei anderthalb Milliarden liegen, dienen als mahnendes Beispiel dafür, wie rasch solche Planungen aus dem Ruder laufen können."
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