Efeu - Die Kulturrundschau
Das alte Schluchzen des weißen Mannes
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
Literatur
Keineswegs, stellt Hans-Christian Rößler in der FAZ klar, ist alles wieder gut in Algerien, nur weil Sansal nach einem knappen Jahr wieder auf freien Fuß gesetzt wurde (siehe unter anderem hier). Zu Haftstrafen verurteilt wurden zuletzt unter anderem Christophe Gleizes, ein französischer Sportreporter, sowie der Dichter Mohamed Tadjadit, jeweils mit Verweis auf Anti-Terror-Paragraphen. Zudem: "In Algeriens Nachbarland Tunesien ist die Lage noch schlimmer. Drei Journalisten sind dort in Haft. Das dortige Regime des autoritär regierenden Präsidenten, um den sich Europa sehr bemüht, greift schonungslos gegen Kritiker und Dissidenten durch."
Die Welt-Serie "Actionszenen der Weltliteratur" widmet sich diese Woche Charles Baudelaire. In der FAZ überlegt sich Reto Zingg, was Don Quijote unserer Gegenwart zu sagen hat. Christian Mayer und Julia Rothhaas unterhalten sich in der SZ mit Florian Illies. Der Dirigent Herbert Blomstedt schreibt in der Welt über die Bücher seines Lebens. Gregor Dotzauer interviewt im Tagesspiegel den Bestseller-Autor Bernhard Schlink. Selma Schiller stellt in der FAZ die amerikanische Autorin Eve Babitz vor. Jakob Hayner besucht für die Welt die Wiener Autorin Barbi Marković. Ebenfalls in der Welt ärgert sich Ulf Poschardt über Rainald Goetz' laut Poschardt an Duckmäusertum gescheitertes Instagram-Experiment.
Besprochen werden Ken Keseys Roman "Seemannslied" (FAZ), Gayl Jones' "Evas Mann" (FAZ) Jaime Baylys "Die Genies" (FAZ), Berit Glanz' "Unter weitem Himmel" (FAS), Salman Rushdies "Die elfte Stunde" (FAS), Claudia Sievers' "Das Buch des Lebens zu Ende lesen" (FR), Ian McEwans "Was wir wissen können" (taz) und Bijan Moinis "2033" (taz).
Kunst

Nach ihrer Station in der Neuen Nationalgalerie in Berlin (unser Resümee) ist die große Lygia-Clark-Retrospektive nun im Zürcher Kunsthaus zu sehen - und NZZ-Kritiker Philipp Meier interessiert sich vor allem für Clarks malerisches Frühwerk, das sich noch ganz an der Konkreten Kunst orientierte: "Als demokratisch wurde von der brasilianischen Avantgarde verstanden, was zum Aufbau einer guten Gesellschaft mit unabhängig und frei denkenden Bürgern beiträgt. Dazu passte das konkrete Schaffen eines Max Bill. Der Schweizer stieß mit seinen klar nachvollziehbaren und gleichwertigen Modulen in Brasilien auf fruchtbaren Boden. Lygia Clarks Gemälde stellen indes eine weit geschmeidigere, sozusagen organische Variante der konkreten Kunst dar. Ihre Farbpalette ist verspielter und kostet die Zwischentöne zwischen den streng definierten Grundfarben aus. … Clark schuf nicht nur vibrierende, im Licht geradezu tanzende Variationen konkreter Malerei, sondern erweiterte auch bald schon das Bild in den Raum."
Besprochen werden die Ausstellung "Great Transformation" mit Werken von Lena Schramm in der Frankfurter Galerie Hanna Bekker vom Rath (taz), die Ausstellung "Einhorn. Das Fabeltier in der Kunst" im Museum Barberini in Potsdam (SZ, mehr hier) und die Raoul Hausmann-Ausstellung "Vision. Provokation. Dada." in der Berlinischen Galerie (FAZ, mehr hier)
Architektur
Matthias Alexander, der gestern noch in der FAZ staunte, dass mit Bjarke Ingels das Büro eines verhältnismäßig jungen Architekten den Wettbewerb für die neue Hamburger Oper gewann, beugt sich heute über den Entwurf und schimpft: "Ein bisschen maritimes Flair, ein bisschen Dünen- und Waldromantik - fertig ist der edelkitschige Architektur-Mix, der sogar Hanseaten sinnlich werden lässt." Überhaupt ärgert es Alexander, dass sich die Hamburger Politik von "einem in einem Steuerparadies sitzenden Milliardär einspannen" lässt, "seine Prestigeprojekte voranzutreiben und mitzufinanzieren", denn Michael Kühne wird als Gläubiger auch davon profitieren, dass nun entgegen aller Versprechen nun doch 595 Millionen Euro in den Elbtower investieren will, wo dann irgendwann das geplante Naturkundemuseum einziehen soll.
Weitere Artikel: In der NZZ feiert Hubertus Adam hundert Jahre Neues Frankfurt und empfiehlt die Ausstellungen "Yes, we care" und "Was war das Neue Frankfurt?" im dortigen Museum für Angewandte Kunst.
Film
Der Filmemacher Hark Bohm ("Nordsee ist Mordsee") ist tot. Bert Rebhandl erinnert in der FAZ an eine Schlüsselfigur des deutschen Autorenkinos der 1970er und 1980er Jahre, der auch aufgrund seines leisen Auftretens oft im Schatten seiner schillernderen Kollegen stand: "Hark Bohm wurde zur Vaterfigur in einer antiautoritäten Filmfamilie, die vor allem für den Standort Hamburg prägend wurde, etwa mit der Gründung des Hamburger Filmbüros und des Filmfests Hamburg. Dass Institutionen einen republikanischen Geist atmen sollten, war in dieser Generation selbstverständlich. Und dass die Kunst es auch mit konkreten, politischen Missständen aufnehmen soll, gleichsam an der Seite des Journalismus, machte Bohm zum Beispiel 1987 mit 'Der kleine Staatsanwalt' deutlich, in dem er selbst die Hauptrolle übernahm." In der SZ ruft David Steinitz Bohm nach, im Tagesspiegel Andreas Busche, auf Spiegel Online Wolfgang Höbel.

In einem Nest namens Truth Or Consequences hat Ari Aster seinen neuen Film "Eddington" gedreht. Es geht um die Kulturkämpfe, die die USA fest im Griff haben, als Brandbeschleuniger fungiert die Corona-Pandemie, auf die Aster zurückblickt. Jan Küveler ist in der Welt ziemlich angetan: "Aster (…) mixt Pandemieparanoia, Black-Lives-Matter-Proteste, den heuchlerischen Narzissmus der Selbstdarstellung in den sozialen Medien, Fake News, Verschwörungstheorien, sexuelle Traumata, unerfüllten Kinderwunsch und Verführung durch Sekten zu einem toxischen Cocktail. (…) Schon nach der Premiere in Cannes schieden sich an 'Eddington' die Geister - eben weil der Film nicht reflexhaft Schuldige benennt, sondern zeigt, wie Linke wie Rechte gleichermaßen heuchlerische Kreuzzüge führen." Auch FAZler Bert Rebhandl fühlt sich durchaus inspiriert von Asters Realdystopie: "Dass die Vereinigten Staaten keinen Ort mehr haben könnten, von dem aus eine Genesung denkbar wäre, das ist die Wahrheit, nach deren Konsequenzen Ari Aster mit seinem Film sucht." Für die taz bespricht Michael Meyns "Eddington".
Weitere Artikel: Till Kadritzke blickt auf critic.de auf die diesjährige Duisburger Dokumentarfilmwoche zurück, wo Filme nicht nur gezeigt, sondern im Anschluss auch ausführlich diskutiert werden. Jannis Holl erinnert in der FAZ an den Kultfilm "Kanak Attack". Patrick Heidmann unterhält sich in der FR mit Anke Engelke über deren neuen Film "Dann passiert das Leben". Michelle Yeoh erhält auf der kommenden 76. Berlinale den Ehrenbären, berichtet unter anderem der Standard.
Besprochen werden Nadav Lapids "Yes" (Zeit Online), der Schwarzwald-Tatort "Der Reini" (FR), Edgar Wrights "The Running Man" (Welt), Justin Tippings "Him - Der Größte aller Zeiten" (critic.de), sowie die Serien "Pluribus" (taz) respektive "Stabil" (SZ).
Bühne

Jene "emphatische Sachlichkeit" die Emmanuel Carrères Reportage "V13" über die Terroranschläge in Paris auszeichnete, geht verloren, wenn Stephan Kimmig sein "theatrales Destillat" auf die Bühne des Kölner Schauspiels bringt, muss Alexander Menden in der SZ feststellen: "In keiner Perspektive verharrt das Stück lange, allen Facetten, so scheint es, soll es gerecht werden, aber von allen will es auch irgendwie Abstand halten. … Überhaupt wirkt manches wie aufgepfropft: Paul Grill muss die wütenden Aussagen des Nebenklägers Patrick Jardin, der den Angeklagten für den Mord an seiner Tochter die Todesstrafe wünscht, mit grunzenden Muskelposen illustrieren - eine Art visuelle Denunziation eines menschlich nachvollziehbaren Impulses. Ebenso unnötig die gleichsam fiebrige Dringlichkeit, mit der vor allem Claude de Demo sowohl die Brutalität des IS anklagt, als auch - hochproblematisch - die Einlassungen des Hauptangeklagten Salah Abdeslam vorträgt. Stets hat man das Gefühl, hier wolle sich die dramatische Form in dramatischem Ton für die Umnutzung der gerade aufgrund ihrer Nüchternheit so wirkungsvollen Reportage rechtfertigen."
Besprochen werden Sarah Kortmanns Adaption von Marc-Uwe Klings Roman "Quality Land" am Frankfurter Stallburg Theater (FR), Carline Brouwers Musicalproduktion "Pretty Woman" im Deutschen Theater in Berlin (SZ), das Stück "Thikra - Night of Remembering" im Haus der Berliner Festspiele, mit dem sich der britisch-bengalische Choreograf Akram Khan von seiner Company verabschiedet (SZ), Stas Zhyrkovs Adaption von Saša Stanišics Roman "Herkunft" am Berliner Ensemble (Tsp), Sara Ostertags Adaption von Amir Gudarzis Roman "Das Ende ist nah" am Teata / Schauspielhaus Wien (nachtkritik), Lena Braschs Inszenierung "No Scribes" nach Paula Fürstenberg, Alisha Gamisch und Raphaëlle Red im Literaturhaus Berlin (FAS) und Dmitri Tcherniakovs Inszenierung von Tschaikowskys "Jungfrau von Orleans" unter dem Dirigat von Valentin Uryupin an der Niederländischen Nationaloper (FAZ).
Musik
Hier ein Musikvideo, das dank des Films "K-Pop Demon Hunters" Furore macht:
Rap und Schlager: Das passt besser zusammen als man auf den ersten Blick meint, schreibt Daniel Haas in der NZZ mit Blick auf den von Haftbefehl ausgelösten Reinhard-Mey-Hype. Gemeinsam ist beiden Genres einerseits die Ironieferne, andererseits der habituelle Abstand zum Bildungsbürgertum: "Im Schulterschluss von Rap und Schlager verschränkt sich also ein Herkunfts- mit einem Klassenphänomen. Spätaussiedlerkinder und prekarisierte Migranten können sich, anders als abgesicherte Bildungsbürger, die Dekadenz der Ironie nicht leisten. Sie müssen und wollen Geld verdienen. Ihr Begehren zielt aufs reale, nichts aufs symbolische Kapital. Para, Massari. Nicht Buchmesse, ZDF. Die Kollaborationen von Rappern und Schlagersängern bilden so gesehen eine Querfront des Realismus. Gemeinsam ergeben sie den Klang unserer Gegenwart."
Weitere Artikel: Judith von Sternburg besucht für die FR ein Konzert des HR-Sinfonieorchesters in der Alten Oper Frankfurt. Gegeben werden Werke von Brahms und Bruckner und die Rezensentin ist ziemlich begeistert. Ralf Niemczyk stellt in der FAS vier Fragen an die Musikerin Alli Neumann. Julian Weber bespricht in der taz eine unter anderem dem Sänger und Schauspieler Paul Robeson gewidmete Ausstellung in der Berliner Akademie der Künste. Der Tagesspiegel blickt auf das Programm des Rejazz-Festivals, das in der Berliner Kunstfabrik Schlot stattfindet. VAN berichtet weiter über einen Streit, der in der Musikverlagszene schwelt - es geht um abwertende Äußerungen Nick Pfefferkorns, Leiter des Verlags Breitkopf & Härtel über gewisse Tendenzen in der Neuen Musik. Stefan Hochgesand schaut sich in der BlZ Gitarrentipps an, die Dani Sophia, ehemalige Begleitmusikerin Till Lindemanns, ins Netz stellt. Die Welt bringt ein von Xavi Sancho geführtes, ursprünglich in El País erschienenes Interview mit der Sängerin Rosalía. Gunda Bartels berichtet im Tagesspiegel über ein Konzert der Violinistin Agam Berger, die sich 482 Tage lang in den Händen der Hamas befand und nun die Berliner jüdischen Kulturtage in der Synagoge Rykestraße eröffnet (siehe auch das heutige 9punkt).
Besprochen wird ein Abend mit dem Schlagzeuger Alexej Gerassimez und dem Jazzpianist Omer Klein im Mozartsaal der Alten Oper Frankfurt (FR).



