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19.11.2025. Die FAZ erklärt die komplizierte Entschlüsselungsarbeit der beiden neu aufgetauchten Bach-Werke. Nicht mehr als "Fingerübungen eines Minderjährigen", winkt der Tagesspiegel hingegen ab - und freut sich mehr über die Wiederentdeckung des deutschen Impressionisten Theo von Brockhusen in Potsdam. Die taz erinnert sich in Leipzig daran, wie früh DDR-Künstler sich mit Digitalisierung auseinandersetzten. Die Welt erkennt die wahren Probleme im Stadtbild. Oliver Frljics Adaption von Adania Shiblis Roman "Eine Nebensache" wurde kurz vor der Premiere am Gorki-Theater abgesagt, meldet die Berliner Zeitung.
Zwei neu aufgetauchte - oder zumindest erst jetzt dem Komponisten gesichert zugeschriebene - frühe Kompositionen Johann Sebastian Bachs werden weiterhin eifrig kommentiert, unter anderem von Manuel Brug in der Welt, von Michael Stallknecht in der NZZ und von Regine Müller in van. Im Tagesspiegel winkt Frederik Hanssen hingegen ab. Für ihn sind die "zwei jetzt aufgetauchten Frühwerke nichts als Staubkörner der Musikgeschichte, Fingerübungen eines Minderjährigen. Geschrieben für ein Instrument, das einst als 'Königin' galt, aber im öffentlichen Musikleben längst ein Schattendasein fristet, gerade in einer gottlosen Metropole wie Berlin. Hand aufs Herz: Wann waren Sie zuletzt in der Kirche bei einem Orgelkonzert? Und wann haben Sie in irgendeinem journalistischen Organ - diese Zeitung eingeschlossen - eine Kritik gelesen oder gehört über so eine Veranstaltung? Na also."
Gerald Felber scheint anderer Ansicht zu sein und rekonstruiert in der FAZ die "akribische Entschlüsselungsarbeit", die zur Aufnahme der beiden Stücke ins Bachwerkeverzeichnis führte: "Dass die beiden schwungvollen Stücke nach 1700 im mitteldeutschen Umkreis Bachs entstanden waren, ließ sich aus kalligraphischen Eigenheiten und den Wasserzeichen des benutzten Papiers ableiten; dass ihr Schreiber an anderen Stellen Kopien nach verbürgten Bach-Werken hinterlassen hatte, verdichtete, ebenso wie das Vorliegen bestimmter stilistischer Eigenheiten, die sich damals außer bei Johann Sebastian bei keinem anderen Komponisten finden, die Vermutung, dass auch die Originale der beiden in Brüssel überlieferten Stücke Kompositionen Bachs sein könnten." Ein weiteres wichtiges Puzzlestück lieferte dann die Gesprächsabschrift eines ehemaligen Bach-Schülers, in dem die Werke Erwähnung finden.
Hören Sie selbst (ab 15:20):
Weiteres: In der Welt widmet sich Manuel Brug Leben und Werk der verstorbenen Kessler-Zwillinge: "Sie waren das schöne Deutschland". In der FAZ gedenkt Wiebke Hüster der Kesslers. Mehr zum Freitod der Kesslers im heutigen 9punkt. Klangmaschinen, auf denen legendäre Kraftwerk-Songs entstanden, werden in den USA versteigert, berichtet Josef Engels in der Welt. SZler Harald Eggebrecht würdigt die koreanische Star-Violinistin Hyeyoon Park anlässlich des Erscheinens ihres ersten Konzert-Albums. Daniel Gerhardt besucht für Zeit Online ein Marilyn-Manson-Konzert in Berlin - und ist ziemlich entgeistert ob der offensichtlichen Lustlosigkeit auf und vor der Bühne. Helene Slancar liest für den Standard ein Buch des Musikers Parov Stelar über seine Karriere und das wilde Musik-Biz. Max Dax spricht in der FR mit Stefan Hantel alias Shantel über dessen aktuelles Völkerverständigung-durch-Musik-Projekt "Mentsh United". Die Berliner Zeitung begleitet weiterhin, warum auch immer, Till Lindemanns Solotour und beschäftigt sich heute mit einem nichtssagenden Instagram-Kommentar seines Tour-Drummers Joe Letz. Journalismus am Limit.
Bild: Nadja Buttendorf, Robotron - A Tech Opera, Videostill / video still, seit / since 2018 Fast vergessen, aber wahr: Auch die DDR entwickelte im Kombinat Robotron ab den 1960er Jahren volkseigene Computer, erinnert Tilman Baumgärtel in der taz - PCs wurden allerdings nicht gebaut. Dennoch beschäftigten sich in den 1960er und siebziger Jahren Künstler in der DDR mit Kybernetik und früher Digitalisierung, wie die Ausstellung "Robotron. Code und Utopie" in der Leipziger Galerie für Zeitgenössische Kunst aktuell zeigt: "Da ist zum Beispiel A. R. Penck, der gleich mit mehreren Arbeiten vertreten ist, einmal mit einem ganzen Zyklus von Zeichnungen, in dem seine Strichmännchen schon an etwas hantieren, das wie ein Computerarbeitsplatz mit angeschlossenem Internet aussieht. Die Filzstiftzeichnung 'Computermodell' von 1970 scheint von kybernetischen Diagrammen und Lochkarten beeinflusst zu sein. Auch die Hommage an Claude Shannon, einem Pionier der Informationstheorie, die Ruth Wolf-Rehfeldt mit ihrer Erika-Schreibmaschine tippte, hat man nicht unbedingt kommen gesehen."
Weiteres: Endlich werden auch die Kunsthändlerinnen gewürdigt, freut sich Dorothea Zwirner in der Welt. Dennoch bleibt es unfassbar, dass Berthe Weill so schnell vergessen wurde, prägte sie als Galeristin die Kunst der europäischen Avantgarde doch maßgeblich mit, wie derzeit eine Ausstellung im Pariser Musée de l'Orangerie zeigt: "Als 'Notre-Dame des Fauves' war Berthe Weill eine Vorkämpferin der wilden jungen Maler um Matisse, noch bevor diese beim Herbstsalon 1905 ihren Gruppennamen erhielten." Besprochen wird außerdem die Ausstellung "Rotes Gold - Das Wunder von Herrengrund" im Sponsel-Raum des Neuen Grünen Gewölbes, Dresden (FAZ).
Bestellen Sie bei eichendorff21!Arbeiten - für was, für wen, warum? Diese Fragen stellt sich die Protagonistin in Kikuko Tsumuras Roman "Lasst mich einfach hier sitzen und Yakisoba essen". Sie versucht mit einer Reihe von Low-effort-Jobs, die sie alle nach kurzer Zeit wieder kündigt, eine Art Balance im Leben zu finden. Ein Buch, das gut in die Debatten um Gen Z und Leistung, Identität und Selbstfindung passt, findet Benita Berthmann in der Perlentaucher-Kolumne "Wo wir nicht sind": "Der erste Job, den sie von ihrer Fallmanagerin Frau Masakado vermittelt bekommt, besteht darin, für eine Observationsfirma die Bänder einer Überwachungskamera auszuwerten. Das Zielobjekt ist eine reichlich monoton lebende Freelance-Autorin, in deren Wohnung 'Schmugglerware' vermutet wird, ohne dass sie es weiß. Die Protagonistin und Erzählerin sitzt in der Firma ihre Stunden ab, schaut auf zwei Bildschirmen gleichzeitig Überwachungsvideos und kommt zu dem Schluss: 'Einen so zeitintensiven und gleichzeitig arbeitsarmen Job wie den, eine alleinstehende Autorin im Homeoffice zu observieren, gibt's kein zweites Mal auf der Welt.' Trotzdem schafft es Tsumura, der Montonie des Arbeitsalltags eine spannende Geschichte entgegenzusetzen, die nicht nur die Protagonistin zur Selbstreflexion anregt, sondern auch die Leserinnen."
Besprochen werden u.a. Thomas Pikettys "Für einen ökologischen Sozialismus" (FR), Anna Seghers' "Ich will Wirklichkeit. Liebesbriefe an Rodi 1921-1925" (FR), Colette Andris' "Die Frau, die trinkt" (FAZ), Tezer Özlüs "Die kalten Nächte der Kindheit" (FAZ), Daniel Mezgers "Bevor ich alt werde", Paul McCartneys "Wings: Die Geschichte einer Band on the Run - Eine Oral History" (Welt) und John Irvings "Königin Esther" (SZ).
Dem RomanBestellen Sie bei eichendorff21! "Eine Nebensache" (hier im Perlentaucher-Vorwort) der palästinensischen Autorin Adania Shibli war 2023 Antisemitismus vorgeworfen worden, es entbrannte eine Debatte (Unsere Resümees). Oliver Frljić hatte den Roman nun für das Maxim Gorki Theater adaptiert, kurz vor der Premiere wurde die Produktion mit dem Verweis auf "'Dynamiken und Differenzen' innerhalb des Casts und des Teams der Produktion" jetzt abgesagt, berichtet Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung: "Über konkretere Gründe wird durch das Theater nichts verlautet, das ist durchaus üblich und angebracht. Die beteiligten Künstler sind vor Spekulationen zu bewahren und Konflikte, die bei der Probe entstehen, sollen den Schutzraum der Probe nicht verlassen." Dennoch erinnert sich Seidler "mit großer Trauer an die Zeit, in der besagte 'Dynamiken und Differenzen'" noch zum Gegenstand einer Inszenierung werden konnten.
Besprochen werden Constantin Hochkeppels Tanzstück "In the end, I was somehow expected …" am Stadttheater Gießen (FR), Peter Konwitschnys Inszenierung der "Frau ohne Schatten" von Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal am Stadttheater Bonn (FAZ) und Marion Braschs Stück "On Air On Fire" über die Geschichte des DDR-Jugendradios DT64, das das Berliner Theater an der Parkaue zu seinem 75. Jubiläum auf die Bühne bringt (taz).
Philipp Dörings Dokumentarfilm "Palliativstation" Auf der diesjährigen Berlinale hatte sich Philipp Dörings vierstündiger Dokumentarfilm "Palliativstation" rasch zum Geheimtipp entwickelt. Jetzt erreicht der über mehrere Monate hinweg in der Palliativabteilung des Franziskus-Krankenhauses in Berlin entstandene Film die deutschen Kinos. Barbara Schweizerhof ist in der taz hin und weg: "'Palliativstation' ist kein Film, der falsche Hoffnungen macht. 'Es ist, was es ist' - an einer Stelle liest eine Pflegekraft in einer Mitarbeiterversammlung Erich Frieds bekanntes Gedicht wie ein Gebet vor: 'Es ist lächerlich sagt der Stolz/Es ist leichtsinnig sagt die Vorsicht/Es ist unmöglich sagt die Erfahrung/Es ist was es ist sagt die Liebe'. Die Diskretion und Zurückhaltung bei gleichzeitiger Aufgeschlossenheit und Einfühlsamkeit, die Dörings Film auszeichnen, gleichen mehr als aus, dass keine der Geschichten, die man hier mitbekommt, ein gutes Ende im traditionellen Sinn findet. Es gibt keine Wunderheilungen und auch kein 'Trotz alledem', das Menschen kurz vor dem Tod noch schnell glücklich macht."
Besprochen werden "Ich sterbe. Kommst Du?" von Benjamin Kramme (BlZ), "Paternal Leave - Drei Tage Meer" von Alissa Jung (critic.de) und Ari Asters "Eddington" (FAZ, SZ, siehe auch hier) und Jon M. Chus "Wicked 2" (Presse).
Wir haben durchaus ein Problem im Stadtbild, aber ein anderes als Friedrich Merz denkt, hält Dankwart Guratzsch in der Welt fest - und blickt düster auf die Stadtarchitektur: Denn die wurde von Bürgermeistern, Baudezernenten und Center-Lobbyisten gemeinschaftlich zerstört, schimpft er, mit Shopping-Centern überall: "Mancher Warentempel hat schon wieder dichtgemacht, hat seine Schaufenster zugeklebt, damit die Leere nicht auffällt, hat ganze Etagen und Passagen abgeriegelt, damit die Kunden nicht merken, dass es wie auf der Rolltreppe nach unten geht. Ähnlich das Bild in mancher einst blühenden Einkaufsstraße. Läden und Kaufhäuser werden als Verfügungsmasse für den Umbau zu Wohnungen und Büros gehandelt oder wie Ramsch auf die Schutthalde gekarrt. Dass in solchen Milieus des Abstiegs und des Abbaus kein Gefühl von Stabilität, Sicherheit und Sinnhaftigkeit mehr gedeihen kann, ist die unausweichliche Konsequenz."
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Claudia Gatzka (Hg.), Sonja Levsen (Hg.): Neue Wege zu einer Geschichte der Bundesrepublik Lange erzählten Historiker der Bundesrepublik Geschichten von wachsendem Wohlstand, Modernisierung, erlernter Liberalität und stabiler Demokratie. Deutschland schien "im…
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