Efeu - Die Kulturrundschau
Hautnahes, Menschelndes
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
Kunst

SZ-Kritikerin Marie Schmidt kann gar nicht fassen, dass der Duft nicht längst zur Kunst erhoben worden ist. Umso dankbarer ist sie, dass das Düsseldorfer Museum Kunstpalast nun mit dem Duftdesigner Robert Müller-Grünow die Ausstellung "Die geheime Macht der Düfte" umgesetzt hat. Ein mit Regenbogenfarben markierter Pfad führt in achtzig Düften durch die Sammlung: "So lernt man, wie im 18. Jahrhundert Lavendel, Orangenblüte und Veilchen zusammen den Gestank am absolutistischen Hof von Versailles überdecken halfen und was im 19. Jahrhundert die Segnungen der Chemieindustrie brachten, Vanillin, Zimtaldehyd und das Zuckeraroma von Cumarin. Duftstoffe, die in der Parfümindustrie heute vorkommen, wenn etwas Hautnahes, Menschelndes künstlich geschaffen werden soll, Hedion und Galaxolide kann man hier einmal isoliert wahrnehmen. (…) Sogar wo etwas Unangenehmes, Stinkendes gemeint ist: Straßen von Paris im 18. Jahrhundert, 'symbolisch nachempfunden' in einer synthetischen Molekülkomposition, riechen wie ein gefegter Heuschober, an dem vielleicht ein müder Gaul vorbeimarschiert ist." Ein schöner Anlass, um an die Duft-Kolumne "Essenzen" zu erinnern, die Claus Brunner für den Perlentaucher geschrieben hat.

Ganz andächtig kommt Nicola Kuhn (Tagesspiegel) aus dem Pariser Musée Jacquemart André, das dem lange vergessenen Barockmaler Georges de La Tour eine überfällige Ausstellung widmet. Der Maler, einer der führenden Caravaggisten des Nordens, machte gewöhnliche Menschen zu Figuren der Bibel, weiß Kuhn: "Da wäre Hiob, dessen Frau ihn verspottet. Von oben beugt sie sich über ihn herab und lamentiert. Wie die Maria mit dem Neugeborenen trägt sie ein rotes Kleid, das ebenfalls durch eine brennende Kerze besonders prachtvoll zur Geltung kommt und einen umso größeren Kontrast zur klapprigen Gestalt ihres am Boden hockenden Ehemanns bildet. Oder der reuige Petrus, der mit verheulten Augen die Hände ringt, weil er begriffen hat, dass Jesu Vorhersage eingetreten ist. Der Hahn neben ihm verweist darauf, dass er Christus noch vor dessen morgendlichem Krähen verleumdet hat. Eine kleine Komik birgt die tragische Szene dennoch durch die parallelen Linien der vom Licht angestrahlten Apostelstirn und dem Kamm des Hahns."
Weitere Artikel: Im Tagesspiegel begrüßt auch Rolf Brockschmidt die Wiedereröffnung des Staatlichen Museums Schwerin (unser Resümee). Besprochen werden außerdem die Ausstellung "Die Scharf Collection: Goya - Monet - Cezanne - Bonnard" in der Alten Nationalgalerie (FR, mehr hier), die immersive Ausstellung "Nightcrawlers" in der Malzfabrik in Schöneberg (taz), die Ausstellung "Asta Gröting: Ein Wolf, Primaten und eine Atemkurve" im Frankfurter Städel (SZ) und das von Olafur Eliasson kuratierte "Festival of Future Nows" in der Neuen Nationalgalerie (Tsp).
Film

Urs Bühler erzählt in der NZZ von seiner Begegnung mit Jafar Panahi beim Filmfestival Locarno, wo der Regisseur seinen neuen Film "It Was Just An Accident" präsentierte. Darin geht es um ein Opfer des iranischen Regimes, das meint, einen alten Peiniger wiedererkannt zu haben und diesen stellt (mehr zum Film bereits hier). "Als Inspirationsquelle nennt Panahi auch Vaclav Havels Essay 'Die Macht der Machtlosen', namentlich die Passagen über die Mechanismen totalitärer Regime: Die Gewalt gegen die Bürger führt zu Gegengewalt, die wiederum dem Staat als Vorwand dient, seine eigene Gewalt zu erhöhen. ... Paradox erscheint, dass" Panahi "partout nicht als politischer Filmemacher gelten will. ... Er verteidige keine Partei oder Ideologie, erklärt er. ... 'Als sozialer Filmemacher halte ich niemanden für grundsätzlich gut oder böse. Wer in diesem System weiterkommen oder überleben will, muss in einer Weise handeln, wie er es außerhalb niemals täte. ... Werden eines Tages die Regeln nicht mehr befolgt, wird das System zwangsläufig kollabieren. Und unsere Aufgabe als Filmemacher und Künstler ist es, die Dinge so weit zu bringen, dass diese Verletzungen stattfinden können, diese kleinen Revolutionen.'"
Außerdem: Fritz Göttler erinnert in der SZ an Pier Paolo Pasolini, der heute vor fünfzig Jahren ermordet wurde. Marc Beise berichtet in der SZ vom Andenken an Pasolini in Italien. Jörg Gerle resümiert im Filmdienst vom auf filmische Phantastik spezialisierten Festival im spanischen Sitges. Besprochen werden Ben Leonbergs Hundefilm "Good Boy" (Standard), Marcus H. Rosenmüllers "Pumuckl und das große Missverständnis" (SZ) und die "Simpsons"-Ausstellung im Deutschen Zeitungsmuseum in Wadgassen bei Saarbrücken (Welt).
Literatur
Weiteres: Michael Wurmitzer spricht im Standard mit der Schriftstellerin Martina Hefter, die Ende November die Europäischen Literaturtage in Krems eröffnen wird, unter anderem über das Wahre und Echte in der Literatur, insbesondere in Zeiten von KI. Roman Bucheli erinnert in der NZZ an das Gratisbuch, das ein Schweizer Germanistikstudent 1971 in der Schweiz herstellen ließ und damit für einiges Aufsehen sorgte. Besprochen werden unter anderem Sorj Chalandons "Herz in der Faust" (FR), Romain Garys "Europäische Erziehung" (taz), François Bégaudeaus "Die Liebe" (online nachgereicht von der FAZ) und Julia Pustets "Alles ganz schlimm" (Freitag). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
Bühne

Beklemmung wird bei Tagesspiegel-Kritikerin Christine Wahl schon allein durch die XL-Version eines Barbiehauses hervorgerufen, das die Regisseurin Yana Eva Thönnes für ihr Stück "Call me Paris" auf die Bühne der Berliner Schaubühne hat bauen lassen. Ansonsten aber fragt sich die Kritikerin, was Thönnes genau will mit ihrem Stück, das das 2004 veröffentlichte Sex-Tape von Paris Hilton zum Ausgangspunkt nimmt, um in einer "bewusst redundanten Trauma-Erfahrungs-Struktur abendfüllend" den Missbrauch zu erinnern: "Anhand der beiden konkreten Missbrauchserfahrungen sollen nicht nur die frühen Nullerjahre exemplarisch als das 'letzte ungebrochen misogyne Jahrzehnt' vorgeführt werden. Sondern auch die Image-Produktion, -vermarktung und -verwertung in der Frühzeit des Internets, in der der eigentlich alte Hut von der 'Macht der Bilder' plötzlich eine völlig neue Dimension bekommt, ist irgendwie Thema."
Weniger ratlos als genervt ist indes Nachtkritiker Christian Rakow, auch weil ihm die Inszenierung so platt erscheint: "Sobald ein Mann die Szene betritt, egal ob als Vater, Lover oder whatever, entpuppt er sich als versoffenes Schwein oder als Porno guckendes Schwein. Jedenfalls als Schwein. Das macht die Handlung redundant. Soll aber fraglos genau so sein. Quälend, monoton, bleiern. Das Unbehagen an der voyeuristischen Teilhabe, die dem Publikum dabei aufgenötigt wird, ist Teil der Pointe. Zu welchem Zwecke, bleibt jedoch offen." Deutlich positiver urteilt Claas Oberstedt auf Zeit Online: "Das Stück kehrt nicht nur das persönlich Abgestoßene hervor: Thönnes verknüpft das Persönliche mit den popkulturellen Vorstellungen der Nullerjahre, legt die misogynen Alltäglichkeiten einer Zeit offen, die fortwirken, aber in ihrer Bedeutung abgewehrt bleiben."
Weitere Artikel: Im Aufmacher des FAZ-Feuilletons gratuliert der Schauspieler Jens Harzer dem Theaterregisseur und langjährigen Intendanten der beiden Münchner Theater, Dieter Dorn, zum Neunzigsten. In der SZ gratuliert Christine Dössel. Für die FR spricht Judith von Sternburg mit dem Frankfurter Generalmusikdirektor Thomas Guggeis über die Arbeit an Modest Mussorgskis Riesenoper "Boris Godunow", die im November in der Inszenierung von Keith Warner an der Frankfurter Oper Premiere feiern wird. Besprochen wird außerdem Paul-Georg Dittrichs Inszenierung von Wagners "Ring" an der Oper Köln (FR).
Musik
Nach neun Jahren seit ihrem letzten Album melden sich die Chicagoer Postrock-Pioniere Tortoise mit ihrem neuen Album "Touch" zurück. Wie in ihren goldenen Zeiten, den Neunzigern, zeigt sich die Band sehr in sich und in ihren komplex montierten Soundbezügen ruhend, schreibt Benjamin Moldenhauer in der taz, und vielleicht sogar ein Mü zu ruhig. "Das Zusammenspiel der fünf Musiker wirkt fast körperlos traumwandlerisch, keine Hektik oder Dringlichkeit, nichts Forciertes. Tortoise gelingt es fast durchweg, ästhetisch-schöne Oberflächen und hintergründige Details zusammen zu strukturieren. Man kann das Album im Sinne von Erik Satie als Tapete oder als Kopfhörermusik hören. ... Nach all den Jahren wird es allerdings manchmal langweilig: Dann, wenn Tortoise sich allzu sehr auf einen stoisch-endlos-repetitiven Neu!-Beat verlassen." Doch "im glücklicherweise häufigeren Fall driftet die Musik dabei mitsamt den Hörerinnen ins Tiefenentspannte und Abgeklärte. 'Promenade à deux' etwa, mit unerwartet romantischer Anmutung im Titel, gehört zu den schönsten Instrumentalballaden der Bandgeschichte. 'A Title Comes' basiert auf einem statisch pulsierenden Bass, über den Jeff Parker eine smoothe Jazz-Gitarre legt, bevor dann eine schillernde Synthie-Melodie das ganze Gebilde ins Flauschige schubst."
Jan Brachmann erinnert in der FAZ an unter anderem von Thomas Mann geführte historische Kontroversen um das deutsche Lied und dem damit verbundenen "Musikchauvinismus" rund um die "deutsche Innerlichkeit" in Abgrenzung zur "bloß äußerlichen Zivilisation Frankreichs." Dabei steckt "hinter der vermeintlich exklusiv deutschen Innerlichkeit romantischen Wesens ein Engländer italienischer Herkunft als wichtigster Impulsgeber. Eine Geschichte musikalischer Romantik ist ohne Muzio Clementi nicht zu schreiben.... Es ist Zeit, dass wir mit dieser Sonderstellung des deutschen Liedes aufräumen, dass wir seine Vergötzung und Fetischisierung beenden, um uns danach, erleichtert und klüger geworden, wieder an ihm zu erfreuen."
Weiteres: Die kenianische Blackmetalband Chovu musste ihre Europa-Tour absagen, weil ihr die Deutsche Botschaft mit dem Verdacht auf Migrationsabsicht die Visa verweigerte, berichtet Nicolai Kary in der taz.
Besprochen werden Meredith Monks Album "Cellular Songs" (FR), ein Konzert von Dee Dee Bridgewater beim Schweizer Festival Jazznojazz (NZZ), ein Konzert der Wiener Symphoniker unter Petr Popelka (Standard), ein Auftritt von Yungblud in Wien (Standard), eine Netflix-Doku über die Kokainsucht des Rappers Haftbefehl (NZZ), Rosalías Single "Berghain" (SZ) und das neue Album von Lily Allen, die darauf mit ihrem Ex-Ehemann, dem Schauspieler David Harbour, abrechnet (SZ).



