Efeu - Die Kulturrundschau
Zu schirch für den Film
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08.10.2025. Die Welt feiert in einer Wiener Ausstellung die Barockmalerin Michaelina Wautier - unter anderem gibt es in der Schau ein wunderbar herzhaftes Butterbrot zu entdecken. Theatermacher Alexander Karschnia wendet sich in der nachtkritik an Milo Rau und kritisiert, dass dieser keine Distanz wahrt zu radikalen Israelhassern. Ein in Wien aufgeführtes Theaterstück der Schweizerin Anaïs Clerc spürt auf schelmische Weise düsteren Familiengeheimnissen nach, freut sich der Standard. Die taz denkt über kybernetische Kunst und Smart Cities nach. Endlich wieder Bewegungsfreiheit: Die SZ bejubelt den neuen Chanel-Designer Matthieu Blazy.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
08.10.2025
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Kunst

Eine Meisterin der Barockmalerei gibt es im Wiener Kunsthistorischen Museum zu entdecken, lesen wir in der Welt von Bernhard Schulz. Michaelina Wautier heißt sie, ihr Werk zeichnet sich durch Selbstbewusstsein und eine große Spannbreite der Formen aus. Kaum zu glauben, findet Schulz, dass eine solche Größe in Vergessenheit geraten konnte. Zum Glück ändert sich das jetzt: "Mit 29 Gemälden ist der Großteil des bekannten und sicher zugeschriebenen Werkes versammelt. Erst im Jahr 2020 sind die fünf zauberhaften Allegorien der fünf Sinne hinzugekommen, nachdem sie auf einer Auktion erworben wurden. Wautier hat die Sinne fünf Jungen zugeordnet, die nun das Fühlen anhand einer schmerzlichen Verletzung des Fingers demonstrieren, den Geruchssinn anhand eines faulen Hühnereis oder das Schmecken anhand eines herzhaften Butterbrots. Fünf Gemälde, die den flämischen Realismus aufs Schönste bezeugen." Von Schulz gibt es gleich noch einen zweiten Text über die Ausstellung, auf monopol.
Eher kleinformatige Utopien präsentiert die Ausstellung "Utopia" im Wolfsburger Kunstmuseum, die schon wieder Bernhard Schulz besucht, diesmal für die FAZ. Den großen gedanklichen Würfen mit Blick auf eine bessere Zukunft der Menschheit traut man nach den Erfahrungen des 20. Jahrhunderts womöglich aus gutem Grund nicht. Dabei haben manche Utopien der Vergangenheit durchaus etwas für sich, auch heute noch: "Die chinesische Künstlerin Cao Fei hat für ihr Video 'Whose Utopia' Arbeiterinnen und Arbeiter einer Elektrofabrik im Perlfluss-Delta gebeten, ihren persönlichen Lebenstraum vorzuführen, vor der nüchternen Wirklichkeit des Fabrikinneren, das so zur Bühne wird für singende, tanzende, befreite Menschen. Für ein Leben ohne den Zwang entfremdeter Arbeit. Denn das war doch die größte Utopie des 19. Jahrhunderts, den Menschen zu befreien von der Mühsal der - zumeist körperlichen - Arbeit."
Besprochen werden Lee Baes Schau "Syzygy" in der Berliner Galerie Esther Schipper (taz), "Sean Scully: Stories" im Bucerius Kunst Forum, Hamburg (taz), die Schau "Fleisch" im Wien Museum (Standard) und Miryam Charles' Schau "Atlas for the Disappeared" im Basis Frankfurt (FR).
Film

FAZ-Kritiker Dietmar Dath hat durchaus Freude am dritten Teil der "Tron"-Kinosaga, um Hacker, die in Computer ganz buchstäblich eindringen und Programme, die sich im Zuge vermenschlichen. Freude hat er nicht nur, weil Jared Leto "glaubhaft" spielt, "wie sein Gesicht ein Gefühl lernt. ... Das Produktionsdesign von Darren Gilford ist eine Liebeserklärung ans Achtzigerjahre-Kinderglück und gleichzeitig dessen strömungstechnische Generalüberholung; die berühmten 'Recognizer', Panzer im Luftraum, sahen nie besser aus; Rennen mit Motorrädern aus Elektrofeuer auch nicht. Wer etwas von Physik versteht, soll nicht hochnäsig fragen, woher das Rohmaterial für die Vergegenständlichung von Datenströmen im Film kommt und wie sich das mit dem Satz von der Erhaltung der Energie verträgt, sondern 'Information-Powered Engines' (2024) von Tushar Kanti Saha lesen; willkommen im Wahnsinn."
Die österreichische Schauspielerin Lotte Ledl ist tot. Ihr Gesicht fand sie selbst "zu schirch für den Film", schreibt Samir H. Köck in der Presse. Doch gerade dies war ihr Vorteil: "Jedes Mal, wenn man hinschaute, entdeckte man neue Aspekte. Im Herben war Anmutiges, im vordergründig Strengen etwas sehr Menschliches." Schließlich reüssierte sie im Heimatfilm: "Stets stach sie aus dem begütigenden und harmonisierenden Einerlei heraus. Lotte Ledl übernahm mit Vorliebe die mehrdimensionalen Charaktere. Sie gab sich auf virtuose Art bissig, frech und, wenn es sein musste, auch besorgt oder blasiert. 'Sie gefallen mir, wenn sie so schnaufen', meinte sie als Kaiserin Mutter zu einem Feldmarschall. 'Ja, das ist der Blutdruck', so die Antwort. Solche Dialoge entsprachen ihrem Humor."
Bei "Derrick" trat sie mehrfach auf, darunter in dieser von Edgar-Wallace-Auteur Alfred Vohrer inszenierten Episode, die das ZDF entgegen vom Boulevard in Umlauf gebrachten Gerüchten keineswegs im Giftschrank versteckt hält, sondern offiziell bei Youtube hochgeladen hat:
Außerdem: Alexander Menden verweist in der SZ auf eine Recherche des Dlf (hier zum Nachlesen, dort zum Nachhören) zu angeblichen Missständen hinter den Kulissen des Filmfestivals Köln. Jane Fonda trommelt die Hollywood-Garde zusammen, um sich gegen Donald Trumps Einschränkungen der Meinungsfreiheit zur Wehr zu setzen, meldet Frauke Steffens in der FAZ. Tobias Sedlmaier empfiehlt in der NZZ eine Zürcher Retrospektive mit den Filmen des italienischen Horror- und Thrillermeisters Dario Argento, der 85 Jahre alt wird. Besprochen wird Tim Mielants Netlix-Film "Steve" mit Cilian Murphy (NZZ).
Bühne

Margarete Affenzeller hat, wie wir im Standard erfahren, viel Freude an "brennendes aus", einem Stück der Schweizer Autorin Anaïs Clerc, das derzeit im Wiener Theater Drachengasse zur Aufführung kommt. Thematisch geht es um Familiengeheimnisse und ums Sich-Verstricken in ihnen. Glüchklicherweise bleibt nicht der ganze Abend in düsteren Tonlagen gefangen: "Clercs Text befreit in sich mit dem Plastisch-Werden der Figuren auch zunehmend das Schelmische - eine gute Dynamik. Beispielsweise wiegt die Last der Herkunft so schwer, dass die Enkeltochter beim Vorsprechtermin im Theater provokant sagt, sie hätte gleich mit dem Traktor vorfahren sollen. 'brennendes Haus' ist ein Stück über die Gräben zwischen den Generationen. Und man kann nach dieser österreichischen Erstaufführung nicht ganz sicher sein, ob es die Enkelgeneration besser machen wird."
Der Theatermacher Alexander Karschnia (andcompany&Co) wendet sich via nachtkritik in einem offenen Brief an Milo Rau. Der hatte am 4. Oktober auf der Website der Wiener Festwochen einen "Brief an seine Freunde" aufgesetzt, in dem er zum "Widerstand gegen die Kriegsverbrechen in Gaza" aufrief und den Genozid-Vorwurf aufgriff. Karschnia hingegen will bei dem einseitigen Israel-Bashing nach wie vor nicht mitmachen und ist vor allem vom Schulterschluss vieler Linker mit radikalen Islamisten entsetzt. "Ich fürchte, es hat mit der 'weaponization' des Genozid-Begriffs zu tun. Das führt dazu, dass Menschen sich moralisch erpresst fühlen, die man für eine breite Koalition braucht: Menschen, die gegen den Krieg sind, aber diesen Begriff nicht gebrauchen würden. Denn wer von 'Genozid' spricht, spricht nicht von einem Krieg, der beendet werden könnte, sondern gestoppt werden muss 'by any means necessary'. Und ich glaube, dass es denjenigen, die diesen Begriff im Diskurs durchgesetzt haben, genau darum geht, diese Formel von Malcolm X unmittelbar auf das, was gerade im sog. Nahen Osten passiert, anzuwenden. Mit den Folgen, dass der Terror der Hamas nicht nur nicht länger erwähnt wird, sondern dass er dort, wo er erwähnt wird, oft relativiert und verharmlost bis begrüßt und gefeiert wird."
Außerdem: Christian Rakow fände es, steht in der nachtkritik, gar nicht schön, würde Constanza Macras mit ihrer Tanzkompanie die Volksbühne verlassen. Ebenfalls in der nachtkritik schreibt Wolfgang Behrens über das schwierige Verhältnis zwischen Dramaturgen und Publikum.
Besprochen werden Frank Castorfs "Hamlet"-Inszenierung am Hamburger Schauspielhaus (Welt) und Ersan Mondtags "Das rote Haus" am Maxim Gorki Theater, Berlin (taz).
Architektur
Fabian Ebeling zeichnet in der taz die Verbindungen zwischen kybernetischer Kunst und Smart-City-Utopien nach. Letztere sind derzeit wieder en vogue, sowohl in totalitären Staaten wie Saudi Arabien (siehe etwa hier) als auch in westlichen Demokratien wobei, ein Blick zurück zeigt, wie eng progressive Kunst und Stadtplanung teilweise beieinander sind, zum Beispiel im Werk des in den 1950er und 1960er Jahren tätigen ungarisch-französische Künstlers Nicolas Schöffer: "Kybernetische Anwendungen zielen darauf ab, Systeme im Gleichgewicht zu halten. Schöffer will dieses Prinzip auf ganze Stadträume hochskalieren. Er entwickelt kybernetische Türme, die als ästhetische Spektakel fungieren und gleichzeitig als Kontrollzentralen Informationen aus städtischen Umgebungen einsammeln, um zum Beispiel das Klima in unterschiedlichen Zonen einer Stadt regulieren zu können. Bewohner*innen könnten hierbei aber auch selbst aktiv werden und durch Knopfdruck an den klimatischen Verhältnissen ihrer direkten Umgebung drehen."
Design
Mit Spannung erwartet wurde das Debüt von Matthieu Blazy als neuer Designer für Chanel. Lange Zeit, im Grunde schon in den letzten Lagerfeld-Jahren, war die Marke sanft in den Dornröschen-Schlaf der Nostalgie gefallen, schreibt Tanja Rest in der SZ. Dabei war Chanel doch mal "der blanke Feminismus: Alles Einzwängende abgeworfen, Kopf hoch und immer hübsch nach vorn marschiert." Bei der Schau in Paris ist es nun "auch gar nicht mal so, als sei Chanel revolutioniert worden, von rechts auf links gekrempelt. Eher, als habe es einen Grauschleier abgeschüttelt. Es ist seit langer Zeit wieder erkennbar. Endlich wieder: modern. Die strenge Grafik des Tweedkostüms - eine Zierborte als schwarze Linie auf weißem Grund - ist zurück. Ebenso wie die Bewegungsfreiheit. Praktisch alle Röcke, Hosen, locker auf der Hüfte sitzenden Kleider lassen dem Körper Raum."
Es "ist kein einziger vulgärer oder peinlicher oder falscher Look zu sehen", jubelt Alfons Kaiser in der FAZ. Blazy "steigt tief in die Chanel-Geschichte ein, appliziert sorgfältig zerknitterte Kamelienblüten auf Seidenjacken, lässt die so leichten wie weichen Tweeds schön lang ausfransen, spart generell nicht an offenen Kanten, aber an nackter Haut, lässt die Models ihre Hände tief in die Taschen ihrer Röcke vergraben, setzt ihnen lustig wippende Federhüte auf, hängt ihnen Kaskaden von Barockperlen und Glasplaneten um den Hals, holt bei der 2.55-Tasche das burgunderfarbene Lederfutter nach außen, bleibt überraschend traditionsgläubig mit Bicolor-Souliers, den beigefarbenen Schuhen mit schwarzer Kappe und Blockabsatz, ahmt mit schwarzen Linien auf Weiß den Rahmen der weißen Parfum-Verpackungen nach, spielt überhaupt mit Schwarz-Weiß-Gegensätzen". Und ja, das war jetzt ein Satz.
Es "ist kein einziger vulgärer oder peinlicher oder falscher Look zu sehen", jubelt Alfons Kaiser in der FAZ. Blazy "steigt tief in die Chanel-Geschichte ein, appliziert sorgfältig zerknitterte Kamelienblüten auf Seidenjacken, lässt die so leichten wie weichen Tweeds schön lang ausfransen, spart generell nicht an offenen Kanten, aber an nackter Haut, lässt die Models ihre Hände tief in die Taschen ihrer Röcke vergraben, setzt ihnen lustig wippende Federhüte auf, hängt ihnen Kaskaden von Barockperlen und Glasplaneten um den Hals, holt bei der 2.55-Tasche das burgunderfarbene Lederfutter nach außen, bleibt überraschend traditionsgläubig mit Bicolor-Souliers, den beigefarbenen Schuhen mit schwarzer Kappe und Blockabsatz, ahmt mit schwarzen Linien auf Weiß den Rahmen der weißen Parfum-Verpackungen nach, spielt überhaupt mit Schwarz-Weiß-Gegensätzen". Und ja, das war jetzt ein Satz.
Literatur
Jürgen Verdofsky (FR), Ines Geipel (FAZ) und Lothar Müller (SZ) gratulieren dem Schriftsteller Hans Joachim Schädlich zum 90. Geburtstag. Besprochen werden unter anderem Clemens J. Setz' "Das Buch zum Film" (Standard), Arundhati Roys "Meine Zuflucht und mein Sturm" (FR), eine Neuübersetzung von William Heinesens Roman "Noatun", der im Original 1938 erschienen ist (NZZ, FAZ), Andreas Pflügers Thriller "Kälter" (online nachgereicht von der FAZ) und Tomer Dotan-Dreyfus' "Keinheimisch" über das Leid in Gaza (Standard). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Musik
Steffen Greiner erzählt in der taz die Erfolgsgeschichte der isländischen Indieband Múm, die in den Nullerjahren sehr beliebt war und nun ein Comebackalbum vorlegt, das man so aber bitte nicht nennen soll und überdies "zu selten wirklich rockt", aber "immerhin Pflaster auf das Unheil der Gegenwart klebt". Backstage Classical meldet, dass der georgische Sänger Paata Burchuladze bei den seit fast einem Jahr anhaltenden Massenprotesten in Georgien festgenommen wurde. Nikolaus Hofer spricht für den Standard mit der Sängerin Verifiziert.
Besprochen werden die Nova-Festival Ausstellung in Berlin (FAZ, unsere Resümees hier und dort, Dlf hat mit dem Veranstalter gesprochen), Dietmar Posts Musikdoku "Mona Mur In Conversation" (taz), ein Konzert des Ensemble Modern in Frankfurt (FR), Luise Volkmann und Été Larges Album "The Stories We Tell" (FR) und Geeses Album "Getting Killed" (Standard).
Besprochen werden die Nova-Festival Ausstellung in Berlin (FAZ, unsere Resümees hier und dort, Dlf hat mit dem Veranstalter gesprochen), Dietmar Posts Musikdoku "Mona Mur In Conversation" (taz), ein Konzert des Ensemble Modern in Frankfurt (FR), Luise Volkmann und Été Larges Album "The Stories We Tell" (FR) und Geeses Album "Getting Killed" (Standard).
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