Efeu - Die Kulturrundschau

Ein kleines Figürchen

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06.10.2025. SZ und Nachtkritik sind begeistert von Samuel Koch als "Wallenstein" in Jan-Christoph Gockels Münchner Inszenierung. Die FAZ reist zum Odessa Filmfestival und erfasst in Egor Olesovs "Die Tochter" die existenzielle Dimension des Krieges. Die Literatur wagt nichts mehr, beklagt die NZZ. In der Fondation Maeght lernt Monopol von Barbara Hepworth, was Naturbezüge und abstrakte Skulpturen miteinander zu tun haben.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.10.2025 finden Sie hier

Bühne

"Wallenstein" an den Münchner Kammerspielen. Foto: Armin Smailovic.

Schillers "Wallenstein", inszeniert an den Münchner Kammerspielen von Jan-Christoph Gockel, beschert SZ-Kritiker Egbert Tholl fünfeinhalb Stunden "reines, wunderschönes Theaterglück". Die Geschichte des Feldherrn, der nicht weiß, wann es genug ist mit dem Krieg, wird ergänzt um Erzählstränge, die Wallenstein mit dem Söldner-Führer Jewgenij Prigoschin parallel setzen. Gespielt wird Wallenstein von Samuel Koch: "Seine Sprachbehandlung ist ein Ereignis. Er denkt jeden Schiller-Satz bis zur äußersten Konsequenz, neben Annette Paulmann ist er darin aber auch der Einzige an diesem Abend. Im Rollstuhl sitzend vermittelt Koch die Not des Feldherrn, sein Grübeln, Zaudern und Zögern (…) Der schönste Moment ist Wallensteins Traum. Ein kleines Figürchen, geführt vom genialen Puppenspieler Michael Pietsch, hüpft über die Bühne, man sieht es groß, wie vieles hier, auf zwei Bildschirmen, es hüpft zu Samuel Koch, erweckt ihn liebevoll aus dem Schlaf. Und unendlich zärtlich richtet Pietsch den Schauspieler auf. Reiner Zauber."

Auch Nachtkritikerin Susanne Greiner hält Koch für eine "geniale Besetzung", die der Regisseur kongenial nutzt: "Seine Lähmung nutzt Gockel als Sinnbild eines Mannes, dessen Willen durch seine Söldner realisiert wird. Und Gockel dreht dieses Verhältnis noch weiter. Buttler, der Wallenstein töten wird, wird von Kochs persönlichem Assistenten Daniel Hascher gespielt. Ein jeder ist hier in der Hand des anderen, ausgeliefert. Warum vertraut man einem Menschen sein Leben an? Die Antwort findet Max Piccolomini, wunderbar begeisterungsfähig von Annika Neugart gespielt, in der Stimme seines Herzens. Koch formuliert das als 'Chemie, die stimmen muss'."

Weiteres: Nikolaus Bernau geht im Tagesspiegel auf Spurensuche, welche (NS-)Geschichte das Geld von Klaus-Michael Kühne mitbringt, der in Hamburg einen neuen Opernbau sponsern will.

Besprochen werden Frank Castorfs Inszenierung von "Hamlet" mit Texten von Heiner Müller, das Schauspielhaus Hamburg eröffnet damit die Spielzeit (FAZ, SZ, ZEIT, Nachtkritik), Ella Rothschilds "Wounds of Autumn", das vom dänischen Kammerballetten im Festspielhaus Baden-Baden getanzt wird (FAZ), Johann Strauss' "Die Fledermaus", inszeniert von Stefan Herheim am Theater an der Wien (FAZ, Standard), das von Axel Schneider geschriebene und inszenierte Stück "Nächstes Jahr Bornplatzsynagoge" an den Hamburger Kammerspielen (taz), Raphaela Bardutzkys "74 Minuten" am Staatstheater Nürnberg, inszeniert von Hannah Frauenrath (Nachtkritik), Ludger Vollmers und Jenny Erpenbecks Opern-Adaption von Werner Bräunigs Roman "Rummelplatz" am Theater Chemnitz, inszeniert von Frank Hilbrich (FR) und Christian Thielemanns Eröffnung der Saison an der Staatsoper Unter den Linden mit Wagners "Ring des Nibelungen" (Berliner Zeitung, Tagesspiegel).
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Film

"Die Tochter" von Egor Olesov

Bert Rebhandl ist für die FAZ nach Kiew gereist, wo das seit der russischen Eskalation des Ukrainekriegs heimatlos gewordene Odessa Filmfestival auch in diesem Jahr wieder Unterschlupf gefunden hat. Dass Kiew 2022 doch nicht gefallen ist und die russischen Invasoren von der ukrainischen Haupstadt wieder weit zurückgedrängt werden konnten, wird in einigen neuen ukrainischen Filmen erzählt, "am markantesten sicher in 'Die Tochter' von Egor Olesov, einem rasanten Spannungsfilm, in dem die Invasion und die Befreiung auf eine lange Nacht in einem Haus in den Wäldern rund um Kiew zugespitzt werden. ... Der Krieg ist in 'Die Tochter' vollständig aus seinen historischen und politischen Dimensionen herausgelöst, er wird zum intensiven Ringen ums blanke Überleben auf dem Raum, in dem Menschen sonst eigentlich für sich sein möchten. Aber das ist es eben, was der Krieg auch bedeutet: Es gibt kein privates Leben mehr, wenn man im Schlafzimmer, unter der Bettdecke, die Alarm-Apps nie auf lautlos stellen kann."

Weitere Artikel: Pavao Vlajcic berichtet hier und dort auf critic.de vom Festival Européen du Film Fantastique in Straßburg. Dierk Saathoff erinnert in der Jungle World an die Serie "Gilmore Girls", die vor 25 Jahren an den Start gegangen ist.

Besprochen werden ein Interviewband mit Gespräch mit der Schauspielerin Judi Dench (online nachgereicht von der FAS), Paul Greengrass' auf AppleTV+ gezeigter Katastrophenfilm The Lost Bus" (FAZ), Pawel Talankins "Mr. Nobody Against Putin" (NZZ), Kogonadas "A Big Bold Beautiful Journey" mit Margot Robbie und Colin Farrell (SZ), Kathryin Bigelows Atombomben-Kriegsdrama "A House of Dynamite" (Tsp), die Apple-Serie "Die Schwestern Grimm" (taz) und eine Netflix-Serie über Ed Gein, den Serienmörder, auf dessen Taten Filme wie "Psycho", "Das Schweigen der Lämmer" und "The Texas Chain Saw Massacre" zurückgehen (Welt).
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Literatur

Kunst und Ambition haben es im durchformatierten und durchregulierten Literaturbetrieb zusehends schwer, kritisiert Peter Truschner (der im Perlentaucher das Fotolot schreibt) in der NZZ: Schwindende Konzentrationsfähigkeit, die Hegemonie kleinbürgerlicher Literaturentwürfe, ideologisch-kunstferne Auflagen in der Literaturförderung und eine allgemeine Müdigkeit, sich Ambitioniertem zu stellen, sind seiner Ansicht nach die Gründe dafür, dass es "keine aufsehenerregenden Bücher und Filme gibt über: Frauen, die die patriarchale Klaviatur bestens beherrschen und in Top-Positionen aufsteigen; Politiker, die sich und ihre Klientel durch Deals mit Corona-Masken und anderen Gütern bereichern; Migranten, die auf der Straße Süßigkeiten verteilen, wenn irgendwo auf der Welt Juden massakriert werden; rechtsextreme Vordenker, die Remigrationspläne erstellen und da 'Kaffer' sagen, wo das üblich gewordene Schneeflocken-Lektorat nur noch 'Person of Color' erträgt. ... Wer heute etwas Ambivalentes, Riskantes in der Kunst in Angriff nimmt, das der Etikette zuwiderhandelt, steht allein da", erklärt er. "Die Angst, andere mit Aspekten eines Textes zu verletzen, ist groß. Dabei gehört diese Form der Zumutung zwingend zu einem relevanten Werk der Gegenwartskunst, stellt ihr aufrüttelndes Potenzial dar."

Weitere Artikel: Alena Wagnerová (NZZ), Judith von Sternburg (FR) und Tilman Spreckelsen (FAZ) schreiben Nachrufe auf den tschechischen Schriftsteller Ivan Klíma. Lars von Törne liest sich für den Tagesspiegel durch einen halben Regalmeter von philippinischen Comics, die anlässlich der Frankfurter Buchmesse auf Deutsch erschienen sind (insbesondere Paolo Herras' und Jerico Martes "Strange Natives" über die Geschichte des Landes legt er uns ans Herz). Welt-Autor Mladen Gladić sieht nach einer Handke-Lektüre vom Pilzesuchen im Wald dann doch lieber ab. Tilman Spreckelsen liest für die FAZ Schul- und Internatsromane und stellt fest: "Was Autorität ist, wird in den neueren Büchern ganz anders aufgefasst als in den Gründungswerken des Genres".

Besprochen werden unter anderem Alexander Kluges Bilderatlas "Sand und Zeit" (Standard), eine Neuausgabe von Norbert Elias' Essay "Über die Einsamkeit der Sterbenden in unseren Tagen" (Tsp), J. P. Roses "Birdie" (online nachgereicht von der Zeit) und neue Krimis, darunter Susanne Tägders "Die Farbe des Schattens" (FAZ).
Archiv: Literatur

Musik

Die Agenturen melden, dass nach Protesten ein Konzert von Robbie Williams in Istanbul "aus Sicherheitsgründen" abgesagt wurde: Dem Sänger wurde von Aktivisten vorgeworfen, Zionist zu sein - weil seine Ehefrau jüdisch ist und er zweimal in Israel aufgetreten ist. Inga Barthels berichtet im Tagesspiegel von den Kinovorführungen eines "recht lieblos zusammengestellten" Begleitfilms zur Veröffentlichung von Taylor Swifts neuem Album, das laut tazlerin Dagmar Leischow vor allem aus "Middle-of-the-Road-Gesülze" besteht (weitere Besprechungen des Albums hier). Peter Kemper berichtet in der FAZ vom Auftakt des Enjoy Jazz Festivals in Ludwigshafen und Heidelberg. Besprochen werden die Autobiografie des auf Filmaufnahmen klassischer Musik spezialisierten Regisseurs Brian Large (online nachgereicht von der FAZ) und Mac DeMarcos "Guitar" (FR).
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Kunst

Ferdinand Hodler, Die Nacht (1889-90). Foto: Schweizerisches Institut für Kunstwissenschaft / Wikipedia


Maria Becker (NZZ) betrachtet in der Ausstellung "Panorama Schweiz" im Kunstmuseum Bern die Pioniere der Schweizer Landschaftsmalerei zwischen Caspar Wolf und Arnold Böcklin. Dass auch die Beziehung des Menschen zur ihn umgebenden Natur im Fokus steht, hat zur Entstehungszeit nicht allen gefallen, lernt sie: "Die Schweizer Malerei am Ende des 19. Jahrhunderts brachte einen Symbolismus hervor, der realitätsnah und traumhaft zugleich anmutet. Genau diese eigentümliche Mischung war es, die das zentrale Werk von Hodlers internationalem Durchbruch zum Skandalbild machte. In den Jahren 1889 und 1890 entstanden, feierte 'Die Nacht' in Paris einen Triumph. In Genf wurde das Werk verboten. Dabei war es selbstverständlich nicht die geläufige Allegorie von Schlaf und Tod, die bei der ersten Präsentation der 'Nacht' Befremden erregte. Es war die explizit naturalistische Darstellung der Körper, die wie auf einer Bühne lagern. Für den Betrachter gab es keine Möglichkeit, sie nicht als real - das heisst, als Menschen der Gegenwart - zu sehen."

Ausstellungsansicht "Barbara Hepworth: Art & Life", Fondation Maeght, 2025. Foto: Thérèse Verrat, Vincent Toussaint. © Bowness


Dass Barbara Hepworth nicht nur eine der wichtigsten abstrakten Bildhauerinnen ist, sondern sich an ihren Skulpturen auch eine tiefe Naturverbundenheit erkennen lässt, sieht Monopol-Kritikerin Luisa Maitra in der Ausstellung "Barbara Hepworth: Art & Life", die in der Fondation Maeght in Saint-Paul-de-Vence gezeigt wird. Die Natur ist nicht immer auf den ersten Blick erkennbar, aber: "Die Wahl der Materialien behält den Bezug zur Natur allerdings bei, und auch die künstlerische Praxis passt dazu - das direct carving. Die skulpturale Form entsteht durch das beherzte Herausarbeiten aus Holz oder Stein, anstatt sie zunächst in Ton zu modellieren. Hepworth selbst ist ein lebendiger Teil des Entstehungsprozesses. Sie sagt: 'Du kannst meiner Meinung nach keine Skulptur erschaffen, ohne deinen Körper einzubeziehen. Du bewegst dich und du fühlst und du atmest und berührst.'"

Weiteres: Florian Keisinger schreibt in der taz über die Diffamierung sogenannter "Entarteter Künstler" im Nationalsozialismus.
Archiv: Kunst

Architektur

Der neue Ballsaal des "Les Trois Rois" in Basel. Foto: Herzog und de Meuron


Das älteste Grand Hotel Europas ist es wohl, das "Les Trois Rois" in Basel, das die Architekten Herzog und de Meuron nun umbauen durften, meint Klaus Englert in der FAZ. Er ist ganz angetan von ihren Ideen: "Das Entree durch den Seiten-Portikus ist ein Erlebnis, das den Haupteingang vergessen lässt - das Foyer empfängt mit Art-déco-Fliesen und pompösen Kronleuchtern, bevor es zur Wendeltreppe mit kunstvoll schmiedeeisernem Geländer weitergeht. Die Basler Architekten sind am stärksten, wenn sie auf den Überraschungsmoment setzen. Das fängt bei den Fluren an, die in Hotels gemeinhin recht einfallslos ausfallen, hier aber anmuten wie die verwunschenen Gänge einer Wunderkammer." Wo die Inspiration dafür herkommt, sieht Englert auch, es zeigt sich "einmal mehr, wie sehr die Baukunst von Herzog & de Meuron quer zur klassischen architektonischen Moderne in der Tradition des Bauhauses steht. Sie sympathisieren eher mit ihren Außenseitern, mit Erich Mendelsohn und dem Mexikaner Luis Barragán."

Außerdem besucht Stefan Trinks für die FAZ das neue Almaty Museum of Arts in Kasachstan.
Archiv: Architektur
Stichwörter: Herzog & de Meuron