Efeu - Die Kulturrundschau

Kühe sind hier alle

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20.09.2025. Der Guardian besucht die Calder Gardens in Philadelphia und versucht eine rein ästhetische Begegnung mit dem Künstler. Die Welt versteht nicht, warum die Deutsche Filmakademie den "Fünf-Punkte-Plan gegen den Antisemitismus" nicht mittragen will. Der Standard besucht in der Wiener Albertina eine Ausstellung über den Einfluss der Gotik auf die Moderne. In Monopol erklärt Jaime Martínez, Leiter der Artbo in Bogotá, das Hauptthema moderner kolumbianischer Kunst. Zeit online hört entgeistert das Emo-Geträller von Nina Chuba. Der italienische Autor Fabio Stassi reist für die FAZ auf den Spuren von Antonio Tabucchi nach Kreta.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.09.2025 finden Sie hier

Architektur

Calder Gardens in Philadelphia. Foto: Herzog & de Meuron

So ganz überzeugt ist Guardian-Kritiker Oliver Wainwright nicht von den Calder Gardens in Alexander Calders Geburtsstadt Philadelphia, die Herzog & de Meuron auf einem knapp fußballfeldgroßen Stückchen Land zwischen zwei Highways als halb unterirdisches Labyrinth angelegt haben. Jacques Herzog fühlte sich ungewöhnlich frei bei dem Entwurf, erzählt er Wainwright, sein Auftraggeber, Calder-Enkel Sandy Rower, wusste allerdings sehr genau was er nicht wollte: ein klassisches Museum. Und da beginnen für Wainwright die Schwierigkeiten, denn Informationen über den Künstler findet er kaum. "Sein Enkel beschreibt das Projekt als eine Art spirituelle Suche. Rower bezeichnet den Komplex als Hypogäum, also einen unterirdischen Tempel oder eine unterirdische Grabstätte, und nennt ihn 'einen heiligen Ort der Selbstkultivierung' - und tatsächlich hat der Ort etwas Ritualistisches an sich. Die Besucher werden auf eine theatralische Reise voller Kompression und Entspannung mitgenommen, durch dunkle Gänge geführt, dann in unerwartet luftige Galerien gestoßen, eingeladen, um Ecken zu spähen, sich in Nischen zu setzen und versunkene Gärten zu erkunden, um das Werk auf ihre eigene Weise zu entdecken, ohne dass ein Wandtext in Sicht ist. Die Idee ist nicht, zu fragen, wann und wie diese Skulpturen entstanden sind oder was sie bedeuten könnten, sondern sich einer rein ästhetischen Begegnung hinzugeben und mit Calders beweglichen Kreaturen in dieser kuriosen unterirdischen Menagerie zu kommunizieren."
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Film

Hanns-Georg Rodek ist in der Welt - wie zuvor schon Rüdiger Suchsland auf Artechock - einigermaßen irritiert davon, mit welchen Windungen sich Institutionen des hiesigen Filmbetriebs davor zieren, den Aufruf "Fünf-Punkte-Plan gegen den Antisemitismus" mitzutragen. Die Deutsche Filmakadamie etwa verweist auf die Pluralität der Ansichten ihrer Mitglieder, die eindeutige Statements eines Dachverbands leider Gottes nun einmal verböten. "Denkt man diese Argumentation genauer durch, hält die Akademie anscheinend Antisemitismus für eine legitime Haltung, der man anhängen könne oder auch nicht; Hauptsache, die Vielfalt bleibt gewahrt." Ein anderer, ungenannt bleibender Verband will sich laut Rodek nicht an einem "Freibrief für die Regierung Netanjahu" beteiligen, doch "ist in den fünf Punkten ausdrücklich weder von der Regierung Netanjahu, noch von dem Hamas-Überfall noch von der israelischen Eroberung von Gaza die Rede". Bizarr findet Rodek auch den Hinweis dieses Verbands auf den semitischen Charakter arabischer Volksgruppen, weshalb sich ein Appell gegen Antisemitismus auch an Jüdinnen und Juden zu richten habe. "Was wohl nichts Anderes heißt, als dass die Juden erst einmal bei sich nachsehen sollen, ob sie nicht selbst antisemitisch sind."

Nein, Donald Trump ist kein smarter Dealmaker, kein verkanntes Genie, dessen Eskalationen einem genauen Plan folgen. Donald Trump ist einfach dumm - und um ihn herum hält ihn ein Hofstaat von Yay-Sayern am Leben, lautet Claudius Seidls Befund in der SZ. Und solche Dummen findet man vor allem in der Kinogeschichte zuhauf: Charlie Chaplin, Chico Marx, Inspektor Clouseau und viele weitere - "Amerika hat die Schwachköpfe und Idioten immer verehrt. ... Geliebt wurden diese Helden in der Geschichte der Dummheit, weil man ihre Ignoranz als Widerstand gegen die Sachzwänge verstehen durfte, ihre Dämlichkeit als Verweigerung des Gehorsams, ihre Beschränktheit als Treue zu sich selbst. Das Ergebnis war meistens eine Lust am Zerstören und Kaputtmachen... Und genau so handelt Trump, dessen Trotteligkeit ja meistens unterhaltsam ist. Er zerstört keine Mauern, keine Autos, Autoritäten schon. Vor allem zerstört er Regeln, Rechte, Institutionen. Er zertrampelt alles, was nicht in seine kindergartenkindhafte Vorstellung vom Herrscher und dessen Möglichkeiten passt." Aber ganz ehrlich: Das haben Chaplin, Chico und Clouseau nun wirklich nicht verdient.

Weiteres: Jörg Taszman spricht im Filmdienst mit dem Schauspieler Enno Trebs, der aktuell in Christian Petzolds "Miroirs No. 3" zu sehen ist (mehr zum Film in unserem Resümee). Renato Schatz erinnert in der NZZ an die Sitcom "How I Met Your Mother", die vor 20 Jahren auf Sendung ging und eine ganze Generation junger Zuschauer begeisterte. Dietmar Dath erzählt in der FAZ von seiner familiär schwer zerrütteten Jugend in den frühen Achtzigern, als mit "Tron" plötzlich das digitale Effektekino Einzug ins Kino und in Kindergehirne hielt. Besprochen werden Dennis Gansels Kriegsfilm "Der Tiger" (FAZ) und Emma Benestans "Animale" (Standard).
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Kunst

Edvard Munch, Golgatha, 1900. Munchmuseet, Oslo. © Photo: Munchmuseet / Ove Kvavik

Die Wiener Albertina will mit ihrer Ausstellung "Gothic Modern" den Einfluss der Gotik und des Mittelalters auf die Moderne beleuchten. Das gelingt gut, findet Katharina Rustler im Standard. "Interessant ist beispielsweise die unterschiedliche Deutung von Motiven wie Dämonen. Während sie bei Heiligenbildern des heiligen Antonius aus dem 15. Jahrhundert als grässliche Monster dessen Glaubensprüfung darstellen, stehen sie in der Moderne - etwa im eindrücklichen Gemälde des deutschen Malers Sascha Schneider - als lauernde Wesen für unterdrückte Emotionen. Ähnlich kann diese zunehmende Psychologisierung beim biblischen Sujet von Adam und Eva beobachtet werden. Im 16. Jahrhundert malte Lucas Cranach sie als zartgliedriges, einander zugewandtes Paar, das der Versuchung noch widersteht. Inspiriert davon erscheint das erste Menschenpaar bei Max Beckmann 1917 hingegen stark konturiert, verzerrt und bereits verloren."

Der Leiter der Artbo in Bogotá, Jaime Martínez, spricht im Interview mit Monopol über die Entwicklung der Messe und über kolumbianische Kunst, die dort zu entdecken ist, mit sehr spezifischen Themen: "Kolumbien hat eine lange Geschichte von Gewalt, man wächst mit der Vorstellung auf, dass man viele Gegenden nicht besuchen kann, weil es dort kaum staatliche Strukturen gibt. Territorium war von Kartellen, Rebellengruppen und dem Staat immer wieder hart umkämpft, Tabu für uns Stadtmenschen, aber schon immer in unserem Kopf. Wenn ich eine Ausstellung zu diesem Thema besuche, denke ich manchmal: 'Nicht schon wieder! Wir sollten doch in der Lage sein, über etwas anderes zu sprechen!' Aber dann wird mir klar, dass das unser politischer Körper ist. So drücken wir uns aus. Wir kennen Großteile unseres eigenen Staatsgebiets nicht, wir wissen nicht wirklich, wie die Menschen dort leben, deshalb ist es eine sehr politische Angelegenheit, durch Kunst dieses Thema zu vermitteln."

Weiteres: Im Interview mit der taz erklärt die Künstlerin Natascha Sadr Haghighian ihre Kasseler Lichtskulptur, die an Halit Yozgat und Walter Lübcke erinnern soll, beide Opfer rechten Terrors. Elke Buhr plaudert für Monopol mit der zauberhaften Fran Lebowitz, die erklärt, warum sie Andy Warhol nicht mochte. In "Bilder und Zeiten" (FAZ) erinnert Thomas Steinfeld an den amerikanischen Kunsthistoriker Bernard Berenson. Besprochen wird die Ausstellung "Wohnkomplex" zur "DDR-Platte" im Potsdamer Minsk (FR).
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Literatur

Der Autor Fabio Stassi ist auf den Spuren von Antonio Tabucchi nach Kreta gereist. Der italienische Schrifsteller "liebte Griechenland - rau, essenziell, nur Felsgestein und Jahrhundertbäume, versunken im Mythos, Bergrücken voller Dornengestrüpp, Ziegen, Anis-Honigbrotkringel. Und so sollte auch sein Schreiben sein", schreibt Stassi in "Bilder und Zeiten" der FAZ. Hier "würde ich ihn sehr gerne fragen, was genau er auf Kreta gefunden hat. Ganz sicher, die unmittelbare Verzauberung, die schattigen Pergolen, den Salzgeruch in der Luft. Und mehr noch als das Meer, die Berge, die Wildpflanzen: das Heilkraut der Melancholiker und das der Liebe. Die steilen Felsschluchten, das dunkelglänzende Grün. Und seine Dichter, die von Unglück und Wechselfällen heimgesucht waren, wie Nikos Kazantzakis, auf dessen Grab geschrieben steht: 'Ich glaube an nichts. Ich erhoffe nichts. Ich bin frei.' Auch er spürte, was es heißt, wie es der Vers der portugiesischen Dichterin Sophia de Mello Breyner Andresen besagt, 'zur Rasse derer zu gehören, die durch das Labyrinth laufen, ohne jemals den Wollfaden des Wortes zu verlieren".

Weitere Artikel: Roman Bucheli erzählt in einem Longread für die NZZ von Annemarie Schwarzenbachs letzten Lebensjahren in der Schweiz. Nina Apin berichtet in der taz von den Feierlichkeiten rund um das 80-jährige Bestehen des Aufbau Verlags. Michael Hesse spricht für die FR mit Ken Follett über dessen neuen Roman "Stonehenge". FR-Kritiker Christian Thomas fügt seiner "ukrainischen Bibliothek" Karl Schlögels "Entscheidung in Kiew" hinzu. In "Bilder und Zeiten" der FAZ erinnert Martin Lhotzky daran, wie Donald Duck 1969 (in Deutschland im "Lustigen Taschenbuch" in den Siebzigern mit dem Titel "Donald mal ganz anders" dokumentiert, jüngst als dicker Band neu erschienen) zum Superhelden Phantomias und damit zum Rächer der Gedemütigten und Enterbten wurde.

Besprochen werden unter anderem Eva Illouz' Essay "Der 8. Oktober" über den Umgang der Linken mit dem 7. Oktober (NZZ, taz), Ozan Zakariya Keskinkılıçs "Hundesohn" (taz), Édouard Louis' "Der Absturz" (Freitag), Percival Everetts "Dr. No" (taz), Fann Attikis "Cave 72" (Presse), Jochen Schmidts "Holopoiia" (FR), Rebecca Godfreys und Leslie Jamisons "Peggy" (FAZ) und Heinrich August Winklers Memoiren (WamS).

In der Frankfurter Anthologie schreibt Matthias Weichelt über Kerstin Hensels "Gruß vom Kaßberg":

"Als ich Kind war fiel die Straßenbahn
Um in der Kurve ..."
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Bühne

Szene aus "Blösch". Foto: Krafft Angerer

Rafael Sanchez eröffnet die Ära der neuen Intendanz Karabulut/Sanchez am Schauspielhaus Zürich mit einer Adaption von Beat Sterchis Bauernroman "Blösch" - auf Schweizerdeutsch, mit Chalet, Hund, Jodlern und Ländlerkapelle. "Meinen die das ernst?" fragt nachtkritiker Tobias Gerosa und bläst die Backen auf. Dabei hat das Stück offensichtlich Potential: "Kühe sind hier alle immer wieder, schließlich ist der Titelheld Blösch die Leitkuh des wortkargen Bauern Knuchel. Ihr gilt die erste Bemerkung - 'Himmelheilanddonner!', dass sie schon wieder nur ein Stierenkalb auf die Welt bringt - und auch die letzte, dass ihr ungenießbares Fleisch nur noch entsorgt werden könne. Blösch begrüßt als erste den spanischen Gastarbeiter Ambrosio, der als Melker bei der Bauernfamilie Knuchel anheuert, und als sie später in den Schlachthof geführt wird, ist das für Ambrosio der Anlass, die für Fremde wie ihn unwirtliche Schweiz wieder zu verlassen. Das umreißt die beiden Welten des Romans und auch der Theaterfassung, sie ist explizit aufgeteilt in Bauerntheater und Schlachttheater."

Weiteres: Jakob Hayner trifft sich für die Welt mit der Theaterregisseurin Lena Brasch, die über Antisemitismus, Familie und Arbeit spricht.
Archiv: Bühne

Musik

Himmelherrje, in was hat sich Nina Chuba da nur verrannt, ächzt Juliane Liebert auf Zeit Online, während sie das zweiten Album der Popmusikerin aus Schleswig-Holstein hört, die mit ihrem Hit "Wildberry Life" vor drei Jahren für einiges Aufsehen sorgte und nun Hyper-Pop nach allen Regeln der Epigonen-Kunst vorlegt: "Grässlich", schimpft Liebert. "Noch schlimmer ist es, wenn Nina Chuba emotional wird. Im Moment sind deutsche Emoträller von Poprapperinnen das große Ding. Aber Chubas Songs 'Überdosis' und 'Unsicher' sind kaum zu ertragen - musikalisch und textlich aufgepumpte Floskeln." Einfach nur "irrsinnig schade, dass Nina Chuba nicht ... ihren eigenen Stil, ihren eigenen Sound weiterverfolgt. Stattdessen klingt sie inzwischen wie alle anderen. Glückwunsch zum Haus am Meer. Leider ist ein Großteil der marktgängigen Popmusik heute präzedenzlos schrottig und überflüssig. Das ist keine aus stilistischen Gründen gewählte Hyperbel, sondern im Wortsinn gemeint: grässlich, unhörbar. So furchteinflößend grausig, so abgefuckt und austauschbar herz- und geistlos, dass man einen baldigen Hörsturz erfleht, sich aus dem Taxi werfen will oder den Supermarkt niederbrennen möchte, in dem man den ganzen unerträglichen Mist zwangshören muss."



Auch Joachim Hentschel ist in der SZ einigermaßen fassungslos: Über weite Strecken klingen die Texte so, als "hätte sie sich ein bärtiger WDR-Jugendprogrammautor aus den achtziger Jahren ausgedacht". Dabei könnte alles so toll sein, wenn man Chuba nur lässt: Hentschel könnte sich vorstellen, wie sie "auf einer riesigen, türkisfarbenen Giraffe in die Szenerie einreitet. Sie könnte fette Eisenträger zu Fingerschmuck biegen. Würde in irgendeiner grauen Stadt, die wohl Berlin sein soll, Lichterketten um die Hochhäuser wickeln oder, mit Brauseschock-Kaugummis in der Backe, Juwelendiebe über Dächer jagen. Und so, ganz aus Versehen, Amazons James-Bond-Problem lösen."

Weitere Artikel: Karen Allihn berichtet in der FAZ vom Tsinandali Festival in Georgien, wo unter anderem Lisa Batiashvili und András Schiff auftraten. Detlef Diederichsen staunt in der taz (nach Lektüre eines Textes von Kieran Press-Reynolds dazu) über die Welle von KI-Country mit obszönen Pornotexten, die gerade Spotify fluten (im deutschen Sprachraum ist übrigens im Hinblick auf die Ästhetik des klassischen Schlagers der Sechziger und Siebziger genau dasselbe Phänomen zu beobachten). Stefan Fromman plauscht für die WamS mit David Kraft und Tim Wilke, die als Produzententeam The Cratez zahlreichen Größen im Deutschrap Nummer-Eins-Hits maßschneidern. Thaddeus Herrmann gibt in der taz Tipps fürs Musikstreamen abseits von Spotify.

Besprochen werden Alison Goldfrapps Album "Flux" (FR), ein "Greatest Hits"-Album der Hamburger Band Oidorno (Jungle World) und Mariah Careys Comebackalbum "Here For It All" (WamS).
Archiv: Musik
Stichwörter: Chuba, Nina, Hyperpop, Georgien