Efeu - Die Kulturrundschau
Wesentliches geschieht in einem Wimpernschlag
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08.09.2025. Dass Jim Jarmuschs Film in Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet wurde, lässt die Kritiker einigermaßen ratlos zurück: Für die NZZ ist es "schlimmstes Boomer-Kino", die taz fragt sich, ob die Auszeichnung vielleicht als verkappter Lebenswerkpreis zu verstehen ist. Begeistert sind dafür alle Kritiker von Jens Harzers Einstand am Berliner Ensemble: In Oscar Wildes "De Profundis" sieht die FAZ einen "Künstler mit zerschlagener Seele", die Nachtkritik kommt mit Harzers Spiel so nah an den Text wie nie zuvor. Alexander Melnikov spielt Rachmaninow auf dessen Flügel so, wie die FAZ ihn noch nicht gehört hat.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
08.09.2025
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Film

Jim Jarmuschs "Father Mother Sister Brother" hatte bei den Filmfestspielen Venedig niemand für die Goldenen Löwen auf dem Zettel - im Gegenteil, bei der Kritik fiel der Film weitgehend durch. Die Jury um Alexander Payne sah das anders und hob den Film aufs Siegerpodest. Kaouther Ben Hanias Gazafilm "The Voice of Hind Rajab" erhielt den Großen Preis der Jury, Kathryn Bigelow ging als Kritikerfavoritin leer aus - hier alle Preise im Überblick. Mit Jarmuschs Film wurde ein "albern-ehrgeizloses Triptychon" ausgezeichnet, ärgert sich Jan Küveler in der Welt, aus einem durchaus vorweisbaren Pool an Favoriten hat man ausgerechnet "schlimmstes Boomerkino" preisgekrönt, stöhnt Tobias Sedlmaier von dieser Entscheidung "irritiert" in der NZZ.
Gnädiger ist tazler Tim Caspar Boehme: Dieser Film "hat etwas von einer Summa, in der Jarmusch einige seiner Lieblingsmittel zusammenfasst." Ein Preis also eher fürs Lebenswerk, wie 2024 für Almodóvar. "Eine falsche Entscheidung ist dies zwar nicht, doch bleibt ein Bedauern, dass andere Mitbewerber für ihre Ideen zum Teil gar nicht oder kaum gewürdigt wurden." Darunter etwa Ildikó Enyedis "Silent Friend", ein Umweltschutzfilm, der viele Kritiker verzaubert hat, darunter auch Andreas Busche (Tsp). Jarmusch hat diesen Preis - seinen ersten Hauptpreis auf einem A-Festival - "vielleicht nicht für den richtigen Film bekommen, aber letztlich ist es trotzdem besser, einen auszuzeichnen, der sich um das Kino verdient gemacht hat, als ihn auf ewig leer ausgehen zu lassen", findet Susan Vahabzadeh in der SZ.
Auch Dietmar Dath (FAZ) zählte zu den Kritikern, die von Jarmuschs Film weniger als wenig halten, bemerkenswert findet er die Entscheidung der Jury dann aber doch: Längst treibt es "die ambitionierte Regie, sich an gigantischen Weltproblemen zu messen", doch die Jury hat entschieden, "dass eine Regie, die von diesen Versuchungen einfach die Finger lässt, dafür Anerkennung verdient. Jarmusch ist der Gegenwart per Rolle rückwärts ausgewichen. Man kann das regressiv nennen, auch reaktionär, niedlich oder langweilig. Jarmuschs Fans werden sagen: Wie sonst soll man die kleinen, warmen, alten Kinosäle retten, die Zuflucht vor allerlei lautem Aktualitätsdreck versprechen, wenn nicht damit, dass man Filme stärkt, die dort seit Gott weiß wann gelaufen sind und nirgendwo anders wirklich hinpassen? Das klingt menschenfreundlich und lieb. Aber je genauer man es anschaut, desto pessimistischer sieht's aus."
Und im Allgemeinen? Den Wettbewerb zeichnete "eine Dominanz des amerikanischen Kinos" aus, "wie sie noch vor zehn Jahren unvorstellbar gewesen wäre", schreibt Susan Vahabzadeh in der SZ. Hier wurden "die unterschiedlichen Erzählstile und Perspektiven sozusagen wegglobalisiert. Und es wirkt auch seltsam unzeitgemäß, wenn sich ein europäisches Festival gerade jetzt einer US-Kino-Hegemonie unterwirft. Ein bisschen mehr Selbstbewusstsein könnte Europa gerade gut gebrauchen." Katja Nicodemus von der Zeit spricht hingegen von einer "Vitalität des US-amerikanischen Kinos" und lobt "seine Fähigkeit, das eigene Land, seine Kultur und Politik, seine Mythen und Abgründe immer wieder aufs Neue zu beleuchten, zu ergründen und auf noble Art auch darunter zu leiden." Weitere Resümees in FR und Filmdienst.
Kunst
Andreas Kilb macht sich in der FAZ Gedanken darüber, was Ikonoklasmus und Künstliche Intelligenz miteinander zu tun haben. Für die gleiche Zeitung besucht Georg Imdahl die Künstlerin Dana Schutz in ihrem New Yorker Atelier. Der Fotograf Andreas Gursky erhält den Staatspreis 2025 des Landes Nordrhein-Westfalen, meldet ebenfalls die FAZ. Besprochen wird die Ausstellung "Ich, das Tier. Vom bösen Wolf bis Donald Duck - Tiere im Comic" in der Grimmwelt in Kassel (FAZ).
Bühne

Jens Harzer gibt am Berliner Ensemble mit Oscar Wildes "De profundis" sein Debüt - und die Kritiker sind hingerissen. Wilde hatte den langen, im Gefängnis verfassten Brief an seinen Liebhaber gerichtet und als künstlerisches Bekenntnis mit einem Bibelzitat betitelt. Für Simon Strauss in der FAZ richtet Harzer in seiner Rolle "die Pistole gegen sich selbst, den von der Gemeinschaft Ausgestoßenen, Verworfenen, gegen denjenigen, der einmal ein Großer war und nun ganz klein gemacht worden ist. 'Ich bin für die Ausnahme geschaffen - nicht für die Regel', ruft er sich ins Gedächtnis und zerbricht doch an dieser Maxime. Die Stille der Zelle, die Einsamkeit, die Scham - jetzt überwältigt sie ihn. Jetzt beißt er sich den Unterarm blutig, jetzt reißt er das verschwitzte Hemd auf: Kein Clown mit zerbrochenem Herzen, sondern ein Künstler mit zerschlagener Seele kauert da, dem man die Bücher und die Feste genommen hat. Dem nur noch das Leben bleibt, ohne all die guten und schlechten Geister, die ihn zum Schreiben verführt haben."
Nachtkritiker Janis El-Bira sieht im Spiel des Ifflandring-Trägers einen "süchtig machenden Vorgang, wie dieser Schauspieler sich und uns Texte transparent zu machen versteht. Wie er momentweise fast aus dem Tritt zu kommen scheint, sich tatsächlich aber genau neben einen Satz stellt, um dessen rätselhafte Zeichen noch beim Sprechen verdutzt anzuschauen. Wort um Wort, als ginge ihm all das just eben zum ersten Mal durch den Kopf, während die Hände jene schönen Bewegungen unsicherer Redner vollführen, die ihre selbstgebauten Wortschlaufen in der Luft mitzeichnen. Das Premierenpublikum wird Harzer dafür am Ende fest und lautstark ins Herz schließen."
Peter Laudenbach macht in der SZ auf den Gefühlsreichtum von Wilde aufmerksam, den Harzer auf der Bühne verkörpert: "Harzer zeigt, wie Wilde die Verzweiflung auskostet, in den Schmerz stürzt, sich daraus befreit und an seiner Liebe festhalten will, weil sie sein letzter Halt ist. Die kostbare Sprachbehandlung, die fein nuancierten oder abrupt kippenden Gefühlszustände, der Rückzug nach innen, die Sehnsucht, die Explosion der Bitterkeit und das somnambule Wegträumen, das sind hier nicht so sehr Virtuositätsdemonstrationen, sondern lauter Anläufe, Wilde von innen heraus zu verstehen und zum Leuchten zu bringen." Auch der Tagesspiegel ist hingerissen.
Weiteres: Die Schauspielerin Julischka Eichel fordert weniger Sparzwang und mehr Lust an der Verschwendung (Nachtkritik). "Bumm Tschak oder Der letzte Henker" von Ferdinand Schmalz am Wiener Burgtheater, Regie führt Stefan Bachmann (Welt), Wolfgang Menardis Inszenierung "Opening Night" nach John Cassavetes am Staatstheater Mainz (FR), Sharon Eyals "Corps de Walk" am Hessischen Staatsballett Wiesbaden (FR) und Klaus Manns "Mephisto", inszeniert von Nicolai Sykosch am Staatsschauspiel Dresden (Nachtkritik).
Design
NZZ-Kritikerin Maria Becker lustwandelt staunend durch die neue Dauerausstellung "Swiss Design Collection", mit der sich das Museum für Gestaltung in Zürich zu Feier seines 150-jährigen Bestehens beschenkt hat. "Alle Sparten der Sammlung sind präsent: Kunsthandwerk, Grafik, Plakat, Typografie, Bekleidungs- und Industriedesign. Highlights ebenso wie Verborgenes aus den Archiven werden zugänglich gemacht. ... Man staunt, mit welcher ästhetischen Ordnung die Fülle der Objekte präsentiert ist. Allein die Bahnen der Stoffmuster an den Wänden sind eine reine Lust. ... Auch die Typografie kommt nicht zu kurz und lehrt uns ganz nebenbei, wie selbstverständlich Logos und Piktogramme den öffentlichen Raum prägen. Der neue Schauraum ist eine Schatzkammer der Entdeckungen und wird einer Sammlung gerecht, die zu den besten Europas gehört."
Musik
FAZ-Kritiker Gerald Felber resümiert die Konzerte, die er beim Musikfest Berlin hörte, darunter ein Berlioz/Beethoven-Abend mit dem Orchester Les Siècles unter Ustina Dubitsky, der ihm zuweilen doch zu kulinarisch ausfiel. "Einem Teil der Hörer freilich verschlug solch tendenziell filmmusikalisch und Tiktok-geprägtes Musikdenken keineswegs die Laune. ... Wenn freilich selbst nach dem 'Gang zum Richtplatz' Zwischenbeifall losbricht, nimmt diese Art moderner Konzert-Kommunikation leicht makabre Züge an. Was indessen hervorragend funktionierte und auch skeptische Hörer aufzukratzen vermochte, war die Demonstration der enormen Klangfantasie und des Farbenreichtums der Partitur, die mit dem historischen Instrumentarium eine ganz andere Durchschlagskraft gewinnen. Als beim Hexensabbat die alten Holzblasinstrumente grelltönig miauten und ferkelig quiekten, Ophikleiden rautönig aus der Tiefe röhrten und wüste Schlagwerkbatterien den Fieberpuls hochtrieben, gab es kein Halten mehr: kollektive Ekstase."
Mit Genuss hört sich FAZ-Kritiker Jan Brachmann durch das von Alexander Melnikovs auf Rachmaninows Flügel eingespielte Album "Visiting Rachmaninoff" mit der Sopranistin Julia Lezhneva. Der Pianist erweckt Rachmaninows Instrument "neu zum Leben. Er benutzt das rechte wie das linke Pedal, um Halbschatten auf die Töne zu legen, sie schimmern zu lassen, und verzichtet manchmal aufs Pedal für eine tollkühne Leichtigkeit. Statt Tiefe und Ergriffenheit zu demonstrieren und Gewicht zu zelebrieren, entsteht unter Melnikovs Händen all dies durch Beiläufigkeit. Er entwickelt einen Interpretationsstil, der das Flüchtige als das Existenzielle begreift. Wesentliches geschieht in einem Wimpernschlag. Erfasst ist dadurch die Tragik von Rachmaninows Musik selbst: Sie reflektiert, dass nicht einmal in der ästhetischen Kontemplation unsere Endlichkeit aufgehoben wird."
Weitere Artikel: Helmut Mauró resümiert in der SZ den Busoni-Wettbewerb in Bozen, wo sich im Sieg von Yifan Wu aber auch in der hohen Zahl chinesischer Teilnehmer mal wieder zeigte, welche Rolle China in der Klassik mittlerweile spielt. Karl Fluch berichtet im Standard von seiner Reise nach Belfast, wo er sich in der lokalen Musikszene umgesehen hat. Roland Berens erinnert in der FAZ als Zeitzeuge an den ersten Auftritt der Rolling Stones in Deutschland vor 60 Jahren. Wolfgang Sandner schreibt in der FAZ einen Nachruf auf den Dirigenten Christoph von Dohnányi. In der Frankfurter Pop-Anthologie schreibt Thomas Combrink über Bob Marleys "Redemption Song":
Besprochen werden das Beethoven- und Brahms-Konzert des Orchestra dell'Accademia Nazionale di Santa Cecilia unter Daniel Harding mit Igor Levit als Solisten beim Rheingau Musik Festival (FAZ), das Konzert des Orchestre des Champs-Élysées beim Musikfest Berlin (Tsp), Audrey Hoberts Debütalbum "Who's the Clown" ("Umarme das Peinliche an dir", nimmt tazlerin Johanna Sethe als Lektion aus diesem Album mit), ein Konzert der Sächsischen Staatskapelle im Rahmen des Rheingau Musik Festivals (FR), der dritte und abschließende Band von Ricky Riccardis Biografie über Louis Armstrong (online nachgereicht von der FAZ), ein neues Album der Deftones, deren Musik zwar jährlich älter klingt, während ihr Publikum aber immer jünger wird (Zeit Online), Lea Desandres und Thomas Dunfords Album "Songs of Passion" mit Liedern von John Dowland und Henry Purcell (FAZ) sowie das postume Album "Broken Homes and Gardens" des vor zwei Monaten verstorbenen Folkmusikers Michael Hurley ("Wenn die letzten Töne des Albums verklungen sind", fragt sich Ulrich Rüdenauer in der FAZ, "wie nun ohne Michael Hurley alles auszuhalten sein soll".)
Mit Genuss hört sich FAZ-Kritiker Jan Brachmann durch das von Alexander Melnikovs auf Rachmaninows Flügel eingespielte Album "Visiting Rachmaninoff" mit der Sopranistin Julia Lezhneva. Der Pianist erweckt Rachmaninows Instrument "neu zum Leben. Er benutzt das rechte wie das linke Pedal, um Halbschatten auf die Töne zu legen, sie schimmern zu lassen, und verzichtet manchmal aufs Pedal für eine tollkühne Leichtigkeit. Statt Tiefe und Ergriffenheit zu demonstrieren und Gewicht zu zelebrieren, entsteht unter Melnikovs Händen all dies durch Beiläufigkeit. Er entwickelt einen Interpretationsstil, der das Flüchtige als das Existenzielle begreift. Wesentliches geschieht in einem Wimpernschlag. Erfasst ist dadurch die Tragik von Rachmaninows Musik selbst: Sie reflektiert, dass nicht einmal in der ästhetischen Kontemplation unsere Endlichkeit aufgehoben wird."
Weitere Artikel: Helmut Mauró resümiert in der SZ den Busoni-Wettbewerb in Bozen, wo sich im Sieg von Yifan Wu aber auch in der hohen Zahl chinesischer Teilnehmer mal wieder zeigte, welche Rolle China in der Klassik mittlerweile spielt. Karl Fluch berichtet im Standard von seiner Reise nach Belfast, wo er sich in der lokalen Musikszene umgesehen hat. Roland Berens erinnert in der FAZ als Zeitzeuge an den ersten Auftritt der Rolling Stones in Deutschland vor 60 Jahren. Wolfgang Sandner schreibt in der FAZ einen Nachruf auf den Dirigenten Christoph von Dohnányi. In der Frankfurter Pop-Anthologie schreibt Thomas Combrink über Bob Marleys "Redemption Song":
Besprochen werden das Beethoven- und Brahms-Konzert des Orchestra dell'Accademia Nazionale di Santa Cecilia unter Daniel Harding mit Igor Levit als Solisten beim Rheingau Musik Festival (FAZ), das Konzert des Orchestre des Champs-Élysées beim Musikfest Berlin (Tsp), Audrey Hoberts Debütalbum "Who's the Clown" ("Umarme das Peinliche an dir", nimmt tazlerin Johanna Sethe als Lektion aus diesem Album mit), ein Konzert der Sächsischen Staatskapelle im Rahmen des Rheingau Musik Festivals (FR), der dritte und abschließende Band von Ricky Riccardis Biografie über Louis Armstrong (online nachgereicht von der FAZ), ein neues Album der Deftones, deren Musik zwar jährlich älter klingt, während ihr Publikum aber immer jünger wird (Zeit Online), Lea Desandres und Thomas Dunfords Album "Songs of Passion" mit Liedern von John Dowland und Henry Purcell (FAZ) sowie das postume Album "Broken Homes and Gardens" des vor zwei Monaten verstorbenen Folkmusikers Michael Hurley ("Wenn die letzten Töne des Albums verklungen sind", fragt sich Ulrich Rüdenauer in der FAZ, "wie nun ohne Michael Hurley alles auszuhalten sein soll".)
Literatur
Andreas Platthaus schreibt in der FAZ einen Nachruf auf den Literaturwissenschaftler Hansgeorg Schmidt-Bergmann. Besprochen werden unter anderem Vicki Baums "Ausgewählte Werke" (FR), Thomas Melles "Haus zur Sonne" (Welt), Oksana Maksymchuks "Tagebuch einer Invasion" (taz), Leif Randts "Let's Talk About Feelings" (Standard, online nachgereicht aus der LitWelt), Anna Prizkaus "Frauen im Sanatorium" (Freitag), Helmut Lethens "Stoische Gangarten, Versuche der Lebensführung" (Tsp), Pier Vittorio Tondellis "Getrennte Räume" (online nachgereicht von der FAS) und Marko Dinićs "Buch der Gesichter" (Standard). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
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