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15.08.2025. Die FAZ betrachtet in Paris Raymond Depardons "taktvoll-dokumentarische" Fotos von Auschwitz. Das Toronto International Film Festival, das einen Dokumentarfilm nicht zeigen wollte, weil die Bildrechte der Hamas verletzt werden könnten, lenkt nun ein, meldet die Jüdische Allgemeine, wenn auch nur rhetorisch. Gerichte werden klären müssen, ob Trumps Eingriff in die Bundesmuseen verfassungskonform ist, meint die Welt. Die taz hört sich durch die besten Metal-Veröffentlichungen aus dem globalen Süden, die nicht selten zensiert wurden.
Lange vor Jürgen Teller, der jüngst einen Bildband über Auschwitz herausbrachte (mehr in unserem Fotolot), lichtete der französische Fotograf Raymond Depardon im Jahr 1979 das Konzentrationslager im Stil des "des Taktvoll-Dokumentarischen, Unpathetisch-Betroffenen, vor allem aber dezidiert Signaturfreien" ab, erinnert Marc Zitzmann, der für die FAZ die Depardon-Ausstellung im Mémorial de la Shoah in Paris besucht hat: Depardon versuchte "das Unfassbare zumindest in seinen materiellen Relikten zu erfassen, in Landschaften, Gebäuden und hinterlassenen Objekten. Depardons Bildkompositionen sind schnörkellos: sauber belichtet und fokussiert, fast unweigerlich lotrecht. Nur selten erlaubt sich der Fotograf eine expressionistische Schräge - besonders ausdrucksvoll im Querformat einer Laterne vor einem um 45 Grad gebeugten Wachturm. Was am stärksten im Gedächtnis haftet, ist der harte Kontrast zwischen verschneiten Dächern, Böden und Wiesen unter bleichem Himmel einerseits und finsteren Bauten, Bäumen und Masten anderseits."
Laut UNESCO wurden bis April 2025 485 Kulturstätten, darunter 34 Museen, in der Ukraine beschädigt, weiß Christian-Zsolt Varga, der sich in der FAZ die Frage stellt, wie der Angriff auf die kulturelle Identität die Arbeit von Kuratoren und Künstlern verändert. Nach wie vor versuchen auch die Künstler Widerstand zu leisten, gegen die Leere, den Angriff auf die Kultur und das Vergessen, erfährt Varga etwa von der BildhauerinZhanna Kadyrova. "Mit 'Russian Rocket' beklebte sie Fensterscheiben von Autos und S-Bahnen in europäischen Städten mit raketenförmigen Stickern. Während der Fahrt entsteht so die Illusion von Geschossen, die vor der Kulisse friedlicher Normalität vorbeifliegen. Für die Serie 'Harmless War' tauchte sie zerschossenen Kriegsschutt in weiße Farbe und überführte ihn in geometrische Skulpturen. Formal glatt, beinahe dekorativ. Es ist ein Angebot - und eine Kritik an der ästhetischen Entschärfung des Krieges im Westen."
Trump will die Bundesmuseen in Washington auf "spaltende" Narrative prüfen lassen (unser Resümee). "Das ist ein kulturpolitischer Dammbruch", kommentiert Marcus Woeller in der Welt: "Wenn die unterschiedlichen Perspektiven der historischen Forschung und Darstellung durch einen vom Weißen Haus diktierten inhaltlichen Standard ersetzt wird, dann ist das mehr als eine Verwaltungsvorgabe und mehr als ein zensorischer Eingriff - es ist der Versuch einer ideologischenRe-Formatierungder Geschichte. (...) Gerichte werden klären müssen, ob die Revision verfassungskonform ist. Die zentrale Frage: Handelt es sich bei Museumsausstellungen um staatliche Meinungsäußerung oder um kuratorische Inhalte, die vom ersten Verfassungszusatz (freie Meinungsäußerung) geschützt sind?" Zunächst aber komme es auf den "Ungehorsam" von Direktoren, Kuratoren und Mitarbeitern der Institutionen an, so Woeller. "Museen werden zu Schaufenstern der Regierungspolitik", kommentiert Daniel Völzke bei Monopol.
Besprochen wird die Bernd Zimmer-Ausstellung in der Berlin Galerie Brennecke (Tagesspiegel).
Die Jüdische Allgemeinemeldet (unter einer etwas zugespitzten Überschrift), dass das Toronto International Film FestivalBarryAvrichs Dokumentarfilm "The Road Between Us: The Ultimate Rescue" nach internationalen Protesten nun doch zumindest "möglicherweise" zeigen will. Der Film beinhaltet auch Videoaufnahmen von Hamas-Terroristen ihres Massakers vom 7. Oktober und wurde vom Festival vorgeblich wegen ungeklärter Bildrechte an diesem Material kurzfristig wieder aus dem Programm genommen. Hat Festivalleiter CameronBailey nun doch ein Einsehen, dass es gelinde gesagt kurios erscheint, mit Massenmördern um urheberrechtliche Lizenzen verhandeln zu wollen? Nicht ganz, im Grunde beharrt das Festival auf seinem Standpunkt und windet sich in schönster Pressemitteilungsprosa aus der Sache: "Bailey wies Zensurvorwürfe entschieden zurück und bezeichnete sie als 'eindeutig falsch'. Er betonte, dass das Festival weiterhin mit den Filmemachern zusammenarbeite, um die rechtlichen Rahmenbedingungen für eine Vorführung zu klären. 'Ich habe unsere Rechtsabteilung gebeten, gemeinsam mit den Filmemachern alle verfügbaren Optionen zu prüfen', erklärte Bailey. Gleichzeitig bat er um 'Geduld und Verständnis, während wir uns in diesem komplexen Umfeld bewegen'."
Gleich wird es besonders lustig: "Das Kanu des Manitu" Mit seinem ursprünglich als Komödie gemeinten Film "Das Kanu des Manitu" versucht Michael "Bully" Herbig an seinen Riesenerfolg von "Der Schuh des Manitu" von 2001 anzuschließen, zeigt dabei aber das deutsche Kino mal wieder von seiner tristen Seite: Eine freudlose, zu erduldende Sache, die einem mit voranschreitender Spielzeit das Gesicht versteinern zu lassen droht. Es ist wirklich "kaum zu fassen", stöhnt Benjamin Moldenhauer im Perlentaucher: "Das Drehbuch ... insistiert geradezu trotzig darauf, dass keine Zeit vergangen sei. Alles in diesem Film ist genau wie damals, als Kontinuität zwischen beiden Filmen dient nicht nur der erzählerische Ausgangspunkt - eine Parodie auf schon 2001 olle deutsche Karl-May-Verfilmungen -, sondern vor allem das, was einen hier fast anderthalb Stunden in den Sessel drückt: die radikale Abwesenheit von Wortwitz, Timing und Ideen bei der gleichzeitigen Ansage, dass es jetzt aber gleich mal besonders lustig werden wird."
Sehr melancholisch wird Rüdiger Suchsland auf Artechock, wenn er beim Filmfestival Locarno die aktuelle und im einzelnen auch gut gemachte und gut gemeinte Konfektionsware der Arthaus-Produktion neben einem Kracher wie JackieChans Hongkongklassiker "Police Story" aus den Achtzigern sieht, der dort an der Piazza ebenfalls in einer Hommage gezeigt wurde: "Joachim Trier nimmt sich selbst und seinen Stoff ernst und vermeidet ängstlich jeden Anhauch von 'schlechtem Geschmack', während Jackie Chan mit dem schlechten Geschmack unaufhörlich spielt. Überhaupt ist das Spielerische Joachim Triers Sache nicht - sein Film hat Exzess nur da, wo er in irgendeiner Weise notwendig ist und einen höheren Sinn erfüllt, also so könnte man sagen, da, wo er nicht exzessiv ist, sondern effizient." Es "ist eigentlich ein viel weniger normierter Film, er ist weniger verengt als die meisten Filme, die heute ins Kino kommen."
Weitere Artikel: Zu WimWenders' 80. Geburtstag (mehr dazu hier in unserem Resümee und dort bei Artechock) sprechen Jochen Wegner und Christoph Amend im Zeit-Interviewpodcast sieben Stunden lang mit dem Regisseur über die Zukunft des Kinos. Dunja Bialas ärgert sich auf Artechock, dass in den Räumlichkeiten des früheren Münchner Traditionskinos am SendlingerTor nun die Zeiten der Zwischennutzung angebrochen sind und ein Popup-Café dort halt gemacht hat. In der FAZ (online nachgereicht) gratuliert Dietmar Dath SteveMartin zum 80. Geburtstag. Und Cancel Culture in Frankreich: Jugendliche haben nach homophoben und frauenfeindlichen Gewaltandrohungen dafür gesorgt, dass eine Vorführung von Greta Gerwigs "Barbie" in Noisy-le-Sec bei Paris abgesagt werden musste, melden die Agenturen - Genaueres in einem Kommentar von Laurent Joffrin in lejournal.info.
Besprochen werden JulianVogels und JohannesBüttners "Reichsbürger"-Doku "Soldaten des Lichts" (FR), OliverLaxes "Sirāt" (Standard, Artechock, unsere Kritik) und CédricKlapischs Komödie "Die Farben der Zeit" (Welt, Artechock). Außerdem blicken Tagesspiegel und Filmdienst auf die wichtigsten Kinostarts der Woche.
Bestellen Sie bei eichendorff21!Birgit Schmid spricht für die NZZ mit dem Theaterautor, Kulturwissenschaftler und Psychologen LeonEngler über dessen Debütroman "Botanik des Wahnsinns". Lose autobiografisch eingefärbt, erzählt das Buch von einem jungen Mann, der den psychischen Erkrankungen in seiner Familie entfliehen will, dabei aber selbst in der Psychiatrie landet. Entsprechend dreht sich das Gespräch auch um Englers Einblicke in den Berufsalltag eines Psychologen - und er wehrt sich dagegen, psychische Erkrankungen bloß als tragisches Schicksal Vereinzelter abzutun: "Bürgerliche Familien haben eine andere Familiensaga, mit einer starken mündlichen Überlieferung, die zur Identitätsbildung beiträgt und den Selbstwert prägt. Die Geschichte von Arbeiterfamilien ist sprachloser." Deren "Kinder ... haben eine andere Art des Selbst- und Weltverständnisses, wo eben nichts selbstverständlich ist. Es muss um alles gefürchtet werden, die ganze Zeit, es geht um eine ganz andere Grundnot, einUrmisstrauen." Ein weiteres Gespräch mit Engler resümierten wir bereits an dieser Stelle.
Besprochen werden unter anderem AnnieErnauxs "Die Besessenheit" (Dlf Kultur), ThomasMelles "Haus zur Sonne" (Standard), DanielaDröschers "Junge Frau mit Katze" (online nachgereicht von der FAZ), VictorHeringers "Die Liebe vereinzelter Männer" (Intellectures), Paul Maars Novelle "Lorna" (online nachgereicht von der FAZ), Clémence Sabbaghs und Magali Bardos' Kinderbuch "Kajak" (FR) und neue Sachbücher, darunter Karl-MarkusGauß' "Schuldhafte Unwissenheit. Essays wider Zeitgeist und Judenhass" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Weitere Artikel: In der SZ verabschiedet Dorion Weickmann wehmütig das Tänzerpaar António Casalinho und Margarita Fernandes, die vom Bayerischen Staatsballett ans Wiener Burgtheater wechseln. Besprochen wird Ulrich Rasches Inszenierung der Donizetti-Oper "Maria Stuarda" bei den Salzburger Festspielen (Welt, mehr hier) und das szenische HipHop-Konzert "Longing to tell - A Blues Opera" von akua naru, Tyshawn Sorey, Anta Helena Recke, Ensemble Resonanz, nach "Longing to tell" von Tricia Rose (nachtkritik).
Benjamin Moldenhauer führt in der taz schwer beeindruckt durch die besten Metal-VeröffentlichungenausdemglobalenSüden. Die Zeiten, als man im globalen Norden auf popkulturelle Erzeugnisse aus dem Süden noch mit zwar wohlwollender Arroganz blickte, sind endgültig vorbei, freut er sich. Gerade nach Indonesien lohnt der Blick: "Metal war schon zu Zeiten der indonesischen Militärdiktatur zentraler Bestandteil der Jugend- und Subkultur des Inselreichs und kulturell so bedeutsam wie in wahrscheinlich keinem anderen als Schwellenland geltenden Staat. Metalbands galten der Kulturpolitik unter Suharto als 'Setan Barat', westliche Teufel, Alben wurden vielfach zensiert oder in vorauseilendem Gehorsam gar nicht erst veröffentlicht. ... Trotz aller Unterschiede in den politischen Systemen zeigen sich ähnliche Dynamiken auch in Westafrika - etwa bei Arka'nAsrafokor", dessen vielgestaltige Songs"sich - analog zu den politischen Protesten auf der Straße seit 2024 - als energetischer Angriff auf eine einbetonierte politische Landschaft lesen" lassen.
Insbesondere dieses Stück der indonesischen Band Incinerated legt uns Moldenhauer ans Herz:
Weitere Artikel: Christoph Forsthoff singt in der NZZ ein Loblied auf das Schweizer FestivalKlostersMusic. Stefan Weiss blickt gemeinsam mit dem Rockmusiker MarcoWanda im Standard-Gespräch auf die Geschichte dessen Band Wanda zurück. Kevin Weber erinnert in der NZZ an den Aufstieg der Teenieband TokioHotel vor zwanzig Jahren. Ronald Pohl erinnert derweil im Standard an BruceSpringsteens vor 50 Jahren erschienenes Album "Born to Run".
Besprochen werden NatalieBergmans Album "My Home Is Not In This World" (FR), ein Konzert des Bundesjugendorchesters beim Rheingau Musik Festival (FR), ein Konzert von Jethro Tull in Bad Nauheim (FAZ) und das neue Album von Twins ("Die Unperfektheit des Handgemachten lungert in jeder Note", schreibt Hilka Dirks in der taz).
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