Efeu - Die Kulturrundschau

Dieser Zauberklang

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14.08.2025. Die Feuilletons gratulieren Wim Wenders zum Achtzigsten: Die FAZ folgt seiner Entwicklung vom "einsamen Wanderer" zum "epischen Erzähler", der Tagesspiegel würdigt seinen "sense of place". Chemnitz war einmal das "sächsische Manchester" und eine wichtige Station in der Karriere Edvard Munchs, lernt Monopol in einer Ausstellung in den Kunstsammlungen Chemnitz. Das Toronto Filmfestival hat Barry Avrichs Film "The Road Between Us", der Material der Hamas-Massaker zeigt, aus dem Programm genommen - angeblich wegen Urheberrechtsbedenken, meldet Deadline
9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.08.2025 finden Sie hier

Film



Wim Wenders wird heute 80 Jahre alt. Ja, seine Filme zieht es in die Ferne, sie durchmessen und greifen Raum, "vom erzählerischen Gestus her aber ist er alles andere als ein expansionswütiger Herrscher", schreibt Gregor Dotzauer im Tagesspiegel. "Filmen heißt für Wenders bis heute, die Einbildungskraft offenzuhalten - nicht, sich Stoffe gewaltsam zu unterwerfen. Von Beginn an schöpfte er aus einem 'sense of place', der Landschaften und städtische Szenerien zum Ausgangspunkt seiner Geschichten machte. ... Amerika war nicht zufällig das mythische Land, auf das er seine Unendlichkeitssehnsucht projizierte. Die statuarische Macht von John Fords Western, allen voran den 'Searchers', hatten sich in sein romantisches Gemüt eingesenkt." Doch "das Amerikabild in den Filmen von Wim Wenders hat Risse und Brüche, sie werden bald Dokumente sein eines amerikanischen Jahrhunderts, das entschwunden scheint und sich im Blick des Europäers vielleicht wahrhaftiger spiegelt als in der Wahrnehmung Hollywoods", hält Susan Vahabzadeh in der SZ fest.

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Wenders, der Reisende, dieses Bild "stimmt nur zum Teil", schreibt Andreas Kilb in der FAZ. Denn zum Reisen gehört der Aufbruch von zu Hause und die Bewegung auf ein Ziel hin. Aber Wenders' Reisende haben kein Ziel und ihr Zuhause längst hinter sich." Erst seitdem Wenders mit "Der Himmel über Berlin" den Blick sehnsüchtig auf Deutschland gelegt hat, "hatten die Reisen auf einmal ein Ziel. Der einsame Wanderer Wenders wollte zum epischen Erzähler werden, die Männergeschichten mit weiblichem Randpersonal sollten sich zu Gesellschafts- und Weltpanoramen dehnen. Dass das in 'Bis ans Ende der Welt' nicht funktionierte, hat Wenders bis heute nicht verwunden, wie man in einem gerade im Verlag der Autoren unter dem Titel 'Wesentliches' erschienenen Essayband nachlesen kann."



Mehr Wenders: Reinhold Zwick widmet sich im Filmdienst der Spiritualität in Wenders' Filmen. Arte und etwas weniger umfangreich auch die ARD würdigen Wenders in ihren Mediatheken. In den Radioanstalten der ARD hingegen fühlte sich für Wenders offenbar niemand zuständig.

Anthony D'Allesandro meldet auf Deadline, dass das Toronto International Film Festival Barry Avrichs Dokumentarfilm "The Road Between Us: The Ultimate Rescue" kurzfristig wieder aus dem Programm genommen hat. Der Film zeigt Videomaterial, mit dem Hamas-Terroristen ihr genozidales Massaker vom 7. Oktober dokumentiert haben. Das Festival gibt an, den Film aufgrund angeblich ungeklärter Rechte am betreffenden Material nicht zeigen zu können. "Quellen berichten uns, dass das TIFF wegen des potenziellen Risikos gewalttätiger Proteste Abstand von dem Film genommen hat". Außerdem informierten Quellen, dass das Festival den Produzenten Auflagen gemacht habe, sollten die Filme im Programm gezeigt werden. Ihnen wurde mitgeteilt, "dass sie redaktionelle Änderungen vornehmen müssten". Das Festival bestreitet dies.

Weitere Artikel: Esthy Baumann-Rüdiger schreibt in der NZZ über die junge Schauspielerin Sydney Sweeney, der in Hollywood gerade insbesondere vom rechten politischen Spektrum die Herzen zufliegen. Beim Filmfestival Locarno mag die Schweizer Serie "The Deal" gerade sehr ankommen, doch aufatmen kann die schwächelnde Schweizer Filmbranche noch lange nicht, schreibt Urs Bühler in der NZZ. Dietmar Dath gratuliert in der FAZ Steve Martin zum 80. Geburtstag. Vor 50 Jahren lief die "Rocky Horror Picture Show" in den Kinos an und entwickelte sich schließlich zum Kultphänomen, erinnern Sara Piazza (taz) und Christian Schachinger (Standard).

Besprochen werden Ibrahim Nash'ats im ersten Jahr nach deren Machtübernahme entstandener Dokumentarfilm "Hollywoodgate" über die Taliban in Afghanistan (FD, Jungle World), Oliver Laxes "Sirat" (FD, FR, unsere Kritik), Cédric Klapischs "Die Farben der Zeit" (taz, Freitag), Danny und Michael Philippous Arthouse-Horrorfilm "Bring Her Back" (taz), die Disney-Serie "Alien:Earth" (Welt, FAZ, mehr dazu bereits hier), eine BluRay-Neuausgabe von Anthony Manns Westernklassiker "Nackte Gewalt" (FD) und Michael "Bully" Herbigs neuer Blödel-Western "Das Kanu des Manitu" (unsere KritikFD, FAZ, Standard, FR, NZZWelt).
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Kunst

Edvard Munch "The Lonely Ones (Die Einsamen)", 1906-1908. Foto: © President and Fellows of Harvard College, 2023.551

Dass Chemnitz zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine "reiche und international wirkende Industriestadt" war, lernt Monopol-Kritikerin Sarah Alberti in einer großen Ausstellung mit Werken Edvard Munchs in den Chemnitzer Kunstsammlungen. Denn auch Munch lebte eine Zeit lang in diesem "sächsischen Manchester", knüpfte Kontakte und hatte zahlreiche Ausstellungen, die damals, so Alberti, vor allem Skepsis hervorriefen. Im Zentrum der Schau steht aber "die Angst als überlebensnotwendiges Gefühl, versinnbildlicht durch Munchs Seelenlandschaften ... Von der titelgebenden Lithografie 'Angst' (1896) schauen uns leere Gesichter entgegen, und der blutrote Streifen-Himmel erzeugt wie auf Munchs bekanntem Gemälde 'Der Schrei' von 1893 eine bedrohliche Atmosphäre." Das ist auch uns nicht fremd, denkt Alberti mit Blick auf "das Gemälde 'Die Einsamen' (1899). Frau und Mann stehen am Meer, uns den Rücken zugewandt, wirken mit sich beschäftigt. Der Abstand zwischen beiden unüberwindbar. 'Zu zweit allein sein' besang die Band Die Höchste Eisenbahn diesen Zustand. Blau, Grau und Erdtöne verstärken das Gefühl emotionaler Kälte - ein universales Bild der Einsamkeit im modernen Zeitalter."

Die Zensur in den USA geht in eine neue Runde, berichtet unter anderem Jörg Häntzschel in der SZ. Donald Trump hat nun angekündigt, die Ausstellungen in den Smithsonian-Museen zu überprüfen: "Trumps Offizielle kündigten darin an, sie würden die Ausstellungen in zunächst acht der 21 Smithsonian-Museen auf den 'Ton, die historische Kontextualisierung und die Übereinstimmung mit amerikanischen Idealen' hin überprüfen. Die Museen hätten 120 Tage Zeit, 'spalterische oder ideologisch motivierte Sprache durch einigende, historisch korrekte und konstruktive Beschreibungen' zu ersetzen. 

Besprochen wird die Ausstellung "The Quiet Space" im Kraftwerk Berlin (taz) und die Ausstellung "Fiona Tan: Monomania" im Rijksmuseum Amsterdam (FAZ).
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Bühne

Nadine Conti greift in der taz einen Skandal um das Theater Osnabrück auf (unser Resümee). Regisseur Lorenz Nolting und die Dramaturgin Sofie Boiten erarbeiteten zusammen mit einem Missbrauchsopfer ein Stück, in dem der sexuelle Missbrauch durch Kirchendiener thematisiert werden sollte. Als aber die Proben begannen, stellte sich Intendant Ulrich Mokrusch plötzlich quer, das Regieteam gibt an, er habe  "darauf gepocht, dass man die Gefühle von Gläubigen im Publikum schützen müsse" und "religiöse Symbole nicht diskreditieren dürfe". Nun wird das Projekt nicht mehr realisiert, eine Protestveranstaltung, zusammen mit der Giordano-Bruno-Stiftung und dem Aktionskünstler David Farago fällt wohl auch ins Wasser, so Conti: "Farago hat schon öfter mit spektakulären, öffentlichkeitswirksamen Aktionen vor dem Kölner Dom oder auch in Rom dafür getrommelt, der Kirche die Missbrauchsaufarbeitung endlich aus der Hand zu nehmen. Farago plant nun, mit einer fahrbaren Bühne anzurücken, auf der das Regie-Team inklusive Karl Haucke, aber auch Vertreter aus Lokalpolitik und Bistum sitzen sollen - und zwar möglichst nah am Theater oder Dom. Die Stadt tut sich allerdings schwer damit, diese Aktion zu genehmigen, weil dort gleichzeitig noch die sommerliche Konzertreihe 'Theater-Beach' stattfindet."
Archiv: Bühne

Literatur

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Volker Weidermann porträtiert in der Zeit die DDR-Autorin Gerti Tetzner, deren Roman "Karen W." nun wieder aufgelegt wurde und die nach vielen Jahrzehnten des Schweigens im Alter von 88 Jahren wieder mit dem Schreiben begonnen hat (zuvor hatte auch Richard Kämmerlings für die Literarische Welt Tetzner besucht). Kirsten Küppers unterhält sich für die Zeit mit der New Yorker Schriftstellerin Lily Brett, über die aktuell ein Dokumentarfilm gedreht wird. Die SZ druckt einen Briefwechsel, in dem die junge afghanische Autorin Shamsia, die in Kabul lebt, und die italienische Schriftstellerin Francesca Melandri über Suizidgedanken, Identität und Melandris Long Covid-Erkrankung korrespondieren.

Besprochen werden Daniela Dröschers "Junge Frau mit Katze" (FR), Melanie Lüdtkes Comic "Hackenporsche" (FAZ.net), Chi Zijians "Das letzte Viertel des Mondes" (NZZ),  Susanne Kuhns von Nicolas Mahler illustrierter Bericht "Drei Wochen mit Thomas Bernhard in Torremolinos" (FAZ) und Helmut Lethens "Stoische Gangarten. Versuche der Lebensführung" (Zeit). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
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Musik

"Dieser Zauberklang": SZ-Kritiker Reinhard J. Brembeck hat viel Freude an dem 300 Jahre alten Clavichord namens Ursula, das ihm Alexander Gergelyfi in Salzburg präsentiert. Ausweislich einer Notiz seiner Witwe komponierte Mozart auf genau diesem Instrument einst "Die Zauberflöte": "Kaum jemand wird sich dieser übermächtigen Aura, der Genius scheint dann unter den Hörern zu weilen, verschließen können. Erst recht nicht, wenn Gergelyfi die 'Zauberflöten'-Ouvertüre darauf intoniert. Oder wenn man gar selber ungelenk ein paar Töne darauf anschlagen darf. Beim Mozart-Abend der 'Nachtmusiken' (unser erstes Resümee) stehen denn auch die drei Herren Nigl, Gergelyfi und der Schauspieler August Diehl ergriffen wie bei einer Leichenfeier um den unspektakulären und durchaus einem Sarg ähnelnden Kasten herum. Dann erst sperrt Gergelyfi den Deckel auf und entlässt den 'Zauberflöten'-Beginn in Richtung des atemlos lauschenden Auditoriums, das sich sehr schnell an das Leise, Intime und Elysische dieses Instruments gewöhnt. So nah kann man Mozart sonst nie kommen."

Benjamin Moldenhauer versteht in der taz den hiesigen Musikjournalismus nicht mehr: In Großbritannien hat die US-Künstlerin Sofia Isella letztes Jahr schon Stadionkonzerte für Taylor Swift eröffnet. Insbesondere über die geschickte Social-Media-Präsenz der Singer-Songwriterin hat sich um Isella eine regelrecht kultische, vor allem weibliche Fanbase gebildet. Aber hierzulande scheint sie gerade auch bei den Auskennern komplett unter dem Radar zu laufen. Nun hat sie in Berlin gespielt: "Das Publikum ist zu über 90 Prozent weiblich, und die üblichen Konzertquälereien bleiben entsprechend aus. Es wird nicht gerempelt und dominant gelärmt. ... Isella spielt alleine Gitarre, Violine und Klavier; der Rest kommt vom Band. In ihrer Musik verbinden sich Gothic-Pop, der Industrial Rock der neunziger Jahre und Neoklassik zu etwas Düsterem, das aber aufputscht - vielleicht, weil alle Intensitätserzeugung hier immer als allseitiges Empowerment verstanden werden will. In einigen Songs von Isella stecken mehr Ideen und Wendungen, als andere Künstler*innen auf einem ganzen Album zustande kriegen." Diese Musik "ist auf eine schwer fassbare Weise nicht nur ausgeprägt formbewusst, sondern wirklich formvollendet".



Außerdem: Luzi Bernet schreibt in der NZZ über den Cantatore Francesco De Gregori, der mit seinem beliebten, vor 50 Jahren veröffentlichten Album "Rimmel" wieder auf Tour geht. Besprochen werden ein Konzert von Bonaparte in Frankfurt (FR) und ein Konzert der Wailsers in Hanau (FR).
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