Efeu - Die Kulturrundschau
Wo bin ich in der Musik?
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
12.07.2025. Die FAS sieht die Zukunft der Kunst zwischen neuen Steckdosen und alten Amphoren in einem Hamam in Prizren. Mit dem Abschied der Schriftkultur wird der Tanz tonangebend auf der Bühne, erkennt die Welt beim Festival in Avignon. In der Musik kann uns KI neue Perspektiven eröffnen, lernt die NZZ von dem Komponisten Ali Nikrang. Die taz erkennt im griechischen Herodeon, wie lang der Ruhm von Mäzenen andauern kann.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
12.07.2025
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Kunst

Warum nicht ein Ausflug nach Cottbus an diesem Wochenende? Wie gestern Freddy Langer in der FAZ (unser Resümee) ist heute auch taz-Kritikerin Katrin Bettina Müller hin und weg von der Ausstellung "Unbeschreiblich weiblich" im Dieselkraftwerk Cottbus über Frauenbilder in der DDR: "Nicht nur, weil man viele wenig bekannte Künstler kennenlernt, sondern auch durch die Mischung von repräsentativen und metaphorischen Positionen." Flankiert wird die Ausstellung von einer Kabinettausstellung über Punk und jugendliches Rebellentum und einer Schau aus den Plakat- und Grafiksammlungen über Kommunikationsformen, "die unter dem Radar der staatlichen Kontrolle liefen".
Weiteres: Bettina Wohlfarth besucht für die FAZ den Garten des Künstlers Bernar Venets in Le Muy an der Cote d'Azur. Tilman Krause gratuliert in der Welt der Berliner Museumsinsel, die ihren 200. Geburtstag mit der Ausstellung "Grundstein Antike. Berlins erstes Museum" im Alten Museum feiert. Besprochen werden Ausstellungen der Fotografinnen Candida Höfer im Hessischen Landesmuseum Darmstadt (FR) und Petra Gall im Schwulen Museum Berlin (Tsp).
Literatur

Der im Pariser Exil lebende algerische Autor Kamel Daoud artikuliert in einem Tweet an den algerischen Präsidenten seinen ohnmächtigen und tragischen Zorn: "Es gibt Tage, die man nie vergisst. Heute ist meine Mutter gestorben. Ich kann sie nicht sehen, um sie trauern, mich von ihr verabschieden und sie beerdigen, weil ihr mich aus meinem Zuhause verbannt und mir verboten habt, in mein Land zurückzukehren."
À Tebboune, Kamel Sidi Said, Belkaïm, et aux autres : il y a des jours qu'on n'oublie pas. Aujourd'hui, ma mère est décédée. Je ne peux pas la voir, la pleurer, ni la saluer et l'enterrer, car vous m'avez banni de mon foyer et m'avez interdit de revenir dans mon pays. pic.twitter.com/2TmyUnvNuH
- kamel DAOUD (@daoud_kamel) July 11, 2025
Weitere Artikel: Tilman Krause schlendert für die WamS mit der Schriftstellerin Antje Rávik Strubel durch den Park Babelsberg in Potsdam. Im "Literarischen Leben" der FAZ erzählt die Schriftstellerin Ulrike Almut Sandig von ihrem Besuch bei ihren Eltern in der Gohrischheide, wo ein verheerender Waldbrand auf alte Munition im Boden traf. In der FAZ spricht Rainer Schmidt mit dem Schauspieler Christian Berkel über dessen Roman "Sputnik". Iris Berben präsentiert in der Literarischen Welt (online nachgereicht) die Bücher, die sie geprägt haben.
Besprochen werden unter anderem Juan S. Guses "Tausendmal so viel Geld wie jetzt" (taz, mehr dazu auch in unserem Bücherpodcast), die Friederike-Mayröcker-Ausstellung im Literaturmuseum Strauhof in Zürich (NZZ), Taina Tervonens "Die Reparatur der Lebenden" über den Genozid in Srebrenica (Standard), Ocean Vuongs "Der Kaiser der Freude" (Jungle World), Annika Büsings "Wir kommen zurecht" (FR), Charlotte Runcies "Standing Ovations" (taz), Sue Hincenbergs Krimi "Very Bad Widows" (online nachgereicht von der FAZ), Marie Hermansons Krimi "Im Finsterwald" (online nachgereicht von der FAZ) und David Safiers "Die Liebe sucht ein Zimmer" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
In der Frankfurter Anthologie schreibt Rüdiger Görner über Regina Ullmanns Gedicht "Im Mohnfeld zur Gewitterszeit":
"Ich ging im Mohnfeld zur Gewitterszeit
vor vielen Jahren ..."
Bühne

Die ganze "Bandbreite der durch und durch widersprüchlichen jüdischen Wagner-Rezeption" lernt NZZ-Kritiker Robert Jungwirth in der Ausstellung "Tabu Wagner? Jüdische Perspektiven" kennen, die im Luzerner Richard-Wagner-Museum gezeigt wird: "Die Ausstellung zeigt, dass beispielsweise viele jüdische Musikerinnen und Musiker sich dessen ungeachtet für seine Kunst interessierten und auch engagierten. Wagner seinerseits hatte offenbar keinerlei Probleme damit, jüdische Künstlerinnen und Künstler für die Aufführungen seiner Opern in Anspruch zu nehmen. ... Beinahe bizarr mutet die Wagner-Begeisterung Theodor Herzls an. Der Begründer des politischen Zionismus schrieb 1895 an seiner visionären Schrift 'Der Judenstaat'. Zur Entspannung ging er dagegen abends gern in Aufführungen von Wagner-Opern."
Weitere Artikel: Katharina Granzin besucht für die taz in Athen das Medley "(Another) Winter Journey" in der Griechischen Nationaloper und eine "Turandot" im Herodeon ("die wohl beliebteste Spielstätte der Stadt überhaupt, belegt eindrucksvoll, dass privates Mäzenatentum sich in lang anhaltendem Nachruhm auszahlen kann. Herodes Atticus, der Stifter dieses ältesten noch erhaltenen antiken Odeon-Theaters, starb vor fast 2.000 Jahren, doch noch immer ist sein Name in aller Munde"). In der FR fragt sich Christian Thomas, warum eigentlich Goethes "Götz von Berlichingen" in diesem Bauernkriegsgedenkjahr nicht gespielt wird. In der SZ denkt Alexander Menden über das FlipFlop-Verbot an der Scala nach: Bekleidungsvorschriften dürften wenig fruchten, glaubt er: "Vielleicht lässt es sich in einer Epoche, in der vor allem für die Selbstfeier der größte äußerliche Aufwand betrieben wird, so erklären: Zieh dich für die Oper so an, wie du gerne auf den Insta-Fotos von der Hochzeit deines besten Freundes aussehen möchtest. Zeig Respekt!"
Besprochen werden außerdem die Uraufführung von Roland Schimmelpfennigs Neudichtung der Nibelungen-Sage als "See aus Asche", inszeniert von Mina Salehpour bei den Nibelungenfestspielen Worms (nachtkritik), Mozarts "Zauberflöte", inszeniert als patriarchatskritischer Klassiker von Marielle Sterra und Dennis Depta in der alten Stasizentrale in Berlin (nachtkritik), Philipp M. Krenns Inszenierung des "Fliegenden Holländers" an der Oper im Steinbruch (nmz), Philipp Westerbarkeis' Bühnenspektaktel "Schiff der Träume" nach Fellini am Theater Regensburg (nmz) und Julian Warners Soloabend "Der Soldat", eine Hommage an Frantz Fanon, am Theater Rampe in Stuttgart (nachtkritik).
Film
Aurelie von Blazekovic porträtiert für die SZ den Intimitätskoordinator David Thackeray, der bei Dreharbeiten zu intimen Szenen darauf achtet, dass es zu keinen Übergriffen oder unangenehmen Situationen kommt. David Steinitz (SZ) und Mariam Schaghaghi (FAS) sprechen mit Gillian Anderson über ihre Rolle in "Der Salzpfad". Im Filmdienst gratuliert Josef Nagel dem internationalen Filmkritikverband FIPRESCI zum 100-jährigen Bestehen. Micky Beisenherz stutzt in der SZ, dass die Produktion des neuen Films aus der "Tribute von Panem"-Reihe ausgerechnet in Duisburg nach Komparsen sucht.
Besprochen werden Willy Hans' "Der Fleck" (FAZ, unsere Kritik), Johann Betz' Dokumentarfilm "Sep Ruf - Architekt der Moderne" (Welt), James Gunns "Superman" (critic.de) und Oliver Rihs' Komödie "#SchwarzeSchafe" (FAS).
Besprochen werden Willy Hans' "Der Fleck" (FAZ, unsere Kritik), Johann Betz' Dokumentarfilm "Sep Ruf - Architekt der Moderne" (Welt), James Gunns "Superman" (critic.de) und Oliver Rihs' Komödie "#SchwarzeSchafe" (FAS).
Musik
Im Interview mit der Welt ist Peter Gelb, Generaldirektor der New Yorker Met, empört, dass Putin-Unterstützer Valeri Gergiev Ende Juli - "noch dazu indirekt mit EU-Geldern finanziert" - im Königsschloss von Caserta bei Neapel dirigieren soll: "Es ist ein Beispiel für moralische Korruption, Schwäche und möglicherweise Naivität. Die Menschen sollten es eigentlich besser wissen. Denn Valery Gergiev ist de facto Kulturminister Russlands, auch wenn es da noch einen anderen Apparatschik gibt. Ich finde es einfach schrecklich für die Welt, dass ein westliches Land, das an irgendeine Form von Demokratie glaubt, einen solchen Auftritt in diesem Moment zulässt, in dem Putin ukrainische Städte mit enormer Wucht bombardiert."
Hinter den Kulissen der Musikproduktion dürfte sich gerade eine Revolution abspielen, nimmt Dorothea Walchshäusl in der NZZ mit Blick auf aktuelle KI-Entwicklungen an. Von Alarmismus hält sie aber spürbar wenig, weshalb sie sich vor allem bei Projekten und Forschern umgehört hat, die die Sicht vertreten, dass Mensch und Maschine zum Vorteil der ersteren Hand in Hand arbeiten können. Etwa Ali Nikrang, Komponist und Professor an der Musikhochschule München: "Einen Widerspruch zwischen künstlerischer Originalität und kalter Statistik sieht er nicht. Tatsächlich komponieren Menschen ja auch nicht im luftleeren Raum ... Im Gegensatz zum Menschen hat die KI allerdings keine gefilterte Wahrnehmung, die eine ästhetische Bewertung vornehmen könnte. Für den Forscher liegt darin auch eine Chance: 'Die KI kann uns neue Perspektiven geben auf die Musik.'" Bloße Kopien sind für KIs kein Problem mehr. "'Für einen Komponisten aber ist das nicht besonders interessant. Ihn interessiert vielmehr: Wo bin ich in der Musik? Wie kann ich die KI so nützen, dass sie nicht einfach nur nachahmt, sondern für mich als Person mit meinem Ausdruckswillen nützlich ist?", sagt Nikrang."
Weiteres: Detlef Diederichsen erinnert in seiner taz-Kolumne mit Kittler daran, dass Pop-, Rock- und elektronische Musik einst aus militärischer Technologie entstanden sind, weshalb es wohl ein gallig-zynischer Treppenwitz der Geschichte ist, dass Spotify-CEO Daniel Ek heute seine den Musikern abgezockten Millionen in KI-Kriegsgerät investiert. Gerald Felber erzählt in "Bilder und Zeiten" der FAZ vom Weg in den Tod des im April verstorbenen Komponisten Christfried Schmidt. Claudia Reinhard ärgert sich im Tagesspiegel über das Comeback von Xavier Naidoo. Außerdem bringt die NZZ eine Beilage zum Lucerne Festival.
Besprochen werden Hans Ulrich Gumbrechts Essay "Leben der Stimme" (FR), die Ausstellung "Afrosonica Soundscape" im Ethnografischen Museum in Genf ("Es ist interessant, einem Museum beim Nachdenken über sich selbst zuzusehen", schreibt Andi Schoon in der taz), Justin Biebers neues Album "Swag" (Tsp, SZ), der Auftritt von Erci Ribb beim Rheingau Musik Festival (FR), das Auftaktkonzert der Frankfurter Reihe Jazz im Palmengarten (FR), das Jubiläumskonzert in Köln zu 30 Jahren Erdmöbel (FAZ) und das neue Album von Wet Leg (SZ, Zeit Online).
Hinter den Kulissen der Musikproduktion dürfte sich gerade eine Revolution abspielen, nimmt Dorothea Walchshäusl in der NZZ mit Blick auf aktuelle KI-Entwicklungen an. Von Alarmismus hält sie aber spürbar wenig, weshalb sie sich vor allem bei Projekten und Forschern umgehört hat, die die Sicht vertreten, dass Mensch und Maschine zum Vorteil der ersteren Hand in Hand arbeiten können. Etwa Ali Nikrang, Komponist und Professor an der Musikhochschule München: "Einen Widerspruch zwischen künstlerischer Originalität und kalter Statistik sieht er nicht. Tatsächlich komponieren Menschen ja auch nicht im luftleeren Raum ... Im Gegensatz zum Menschen hat die KI allerdings keine gefilterte Wahrnehmung, die eine ästhetische Bewertung vornehmen könnte. Für den Forscher liegt darin auch eine Chance: 'Die KI kann uns neue Perspektiven geben auf die Musik.'" Bloße Kopien sind für KIs kein Problem mehr. "'Für einen Komponisten aber ist das nicht besonders interessant. Ihn interessiert vielmehr: Wo bin ich in der Musik? Wie kann ich die KI so nützen, dass sie nicht einfach nur nachahmt, sondern für mich als Person mit meinem Ausdruckswillen nützlich ist?", sagt Nikrang."
Weiteres: Detlef Diederichsen erinnert in seiner taz-Kolumne mit Kittler daran, dass Pop-, Rock- und elektronische Musik einst aus militärischer Technologie entstanden sind, weshalb es wohl ein gallig-zynischer Treppenwitz der Geschichte ist, dass Spotify-CEO Daniel Ek heute seine den Musikern abgezockten Millionen in KI-Kriegsgerät investiert. Gerald Felber erzählt in "Bilder und Zeiten" der FAZ vom Weg in den Tod des im April verstorbenen Komponisten Christfried Schmidt. Claudia Reinhard ärgert sich im Tagesspiegel über das Comeback von Xavier Naidoo. Außerdem bringt die NZZ eine Beilage zum Lucerne Festival.
Besprochen werden Hans Ulrich Gumbrechts Essay "Leben der Stimme" (FR), die Ausstellung "Afrosonica Soundscape" im Ethnografischen Museum in Genf ("Es ist interessant, einem Museum beim Nachdenken über sich selbst zuzusehen", schreibt Andi Schoon in der taz), Justin Biebers neues Album "Swag" (Tsp, SZ), der Auftritt von Erci Ribb beim Rheingau Musik Festival (FR), das Auftaktkonzert der Frankfurter Reihe Jazz im Palmengarten (FR), das Jubiläumskonzert in Köln zu 30 Jahren Erdmöbel (FAZ) und das neue Album von Wet Leg (SZ, Zeit Online).
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