Efeu - Die Kulturrundschau

Kostenloses, rebellisches Kunst-Material

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27.06.2025. Die Feuilletons resümieren den Auftakt des Bachmann-Wettlesens, bei dem Nava Ebrahimi den "Endzeitfaschismus" in der Welt beklagte. Viel mehr fiel ihr leider nicht ein, seufzt die SZ. Monopol bewundert in München Straßenfotografie aus Mali. Die FR erfährt in Sylvie Kürstens Dokufilm über die Künstlergruppe Clara Mosch, wie rebellisch DDR-Kunst sein konnte. Die taz lauscht auf einem Album von Ndagga Rhythm Force dem Westafrika der Zukunft.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.06.2025 finden Sie hier

Literatur

Die wütende Rede, die der Jury-Vorsitzende Klaus Kastberger zum Auftakt des Wettlesens um den Bachmannpreis in Klagenfurt über den Sparzwang hält, dem unter anderem der Literaturkurs für junge Autoren zum Opfer fällt, nimmt die Literaturkritiker fast so in Beschlag wie die mit dem Titel "Drei Tage im Mai" gehaltene Eröffnungsrede der im Iran geborenen Schriftstellerin Nava Ebrahimi. Während Kastberger auch auf den wachsenden Einfluss der Rechten in der österreichischen Kulturpolitik einging, so Judith von Sternburg in der FR, beklagte Ebrahimi, "'wie abgrundtief egal den mächtigsten Menschen der Welt die Welt ist. ... Mich macht fertig, dass wir dem Endzeitfaschismus wenig entgegensetzen können, dass wir bislang keine ähnlich globale Vision entwickelt haben.' Am zweiten Tag ist der Zweite Weltkrieg in Europa genau seit 80 Jahren vorbei und wird ein neuer Papst gewählt. Die Welt interessiert sich für seinen Schulterumhang."

Ebrahimi musste ihre Rede bereits im Mai fertigstellen, entsprechend konnte sie nicht auf die aktuellen Geschehnisse im Iran eingehen, weiß Christiane Lutz in der SZ: "So richtig will ihr dann aber auch nichts einfallen, das Sinn ergibt. Tagebuchartig schildert sie ihre Tage im Mai, eine Fahrt zu einer Tanzperformance, ein Gespräch mit einer Freundin, die Lektüre des Textes eines Holocaustüberlebenden. 'Beinahe täglich bauen wir menschlich ab, senken wir unsere ethischen Standards, gewöhnen wir uns an neues Leid', sagt sie. (...) Am Ende formuliert Ebrahimi dann doch noch so etwas wie ein Plädoyer gegen die Alternativlosigkeit, einen Aufruf, zu gestalten."

Weiteres: Im Großbritannien wird derzeit der Windrush Day begangen, der an die jamaikanische Migration ab 1948 erinnert. Er "empfinde den Windrush Day als zynische Vertuschung eines Skandals", sagt der in Jamaika geborene und in England aufgewachsene Dubpoet und ehemalige Black Panther Linton Kwesi Johnson im taz-Gespräch mit Julian Weber: "Als er 2018 ins Leben gerufen wurde, geschah dies, um die schwarze Bevölkerung zu beschwichtigen. Sie war wegen der miesen Behandlung durch die Tories aufgebracht. Durch Ämterschlamperei wurden aus der Karibik stammende britische Staatsbürger entrechtet. Sie waren legal ins Land gekommen." Philipp Schröder resümiert für die FAZ den Vortrag mit dem Titel "Living Together", den Literaturnobelpreisträger Abdulrazak Gurnah an der Freiburger Universität im Rahmen der Hermann Staudinger Lectures gehalten hat. Besprochen werden unter anderem Anna Artwinskas Band über "Polnische Literatur im langen 19. Jahrhundert" (NZZ), Wolf Kampmanns "Zeig mir den Platz an der Sonne" (FR) und Mathias Brodkorbs "Postkoloniale Mythen" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
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Kunst

Auf dem Sotrama-Kleinbus-Bahnhof in Bamako, Mali, 2024, Fotografie © Sidiki Haidara

Das Münchner Museum Fünf Kontinente zeigt in der Ausstellung "Merci Maman" aktuell Straßenfotografie aus Mali. Zu sehen sind unter anderem Aufnahmen des malischen Foto-Kollektivs Yamarou, die in Bamako üppig bemalte Mercedes-Kleinbusse porträtiert haben. Diese sogenannten Sotramas zieren deutsche und US-Flaggen, Bob Marley, aber auch Porträts von Putin oder Gaddafi, weiß Sabine Matthes, die für Monopol mit Kurator Jonathan Fischer gesprochen hat. Wie unterscheidet sich das Kunstverständnis in Mali von unserem, will Matthes wissen: "Die meisten Malier haben weder Zugang zu Museen (es gibt einige in Bamako, aber ein Museumsbesuch gehört nicht zur traditionellen Kultur) noch Galerien oder Kunstausstellungen. Dafür ist Kunst im Alltag und auf den Straßen allgegenwärtig - ohne dass die Menschen das so nennen würden. Etwa in Form der Murals und Sotrama-Bemalungen, den raffinierten Kreationen der heimischen Schneider, den Marionetten-Theatern und überlebensgroßen Puppen, die anlässlich besonderer Zeremonien durch die Straßen paradieren. Besonders schrill wirken die Koredugaw - das sind Geheimbünde der Älteren, die sich mit Taucherbrillen, Kasperlmützen, Trommeln und Holzpferden wie heilige Narren aufführen. Sie werden oft als Streitschlichter und Friedensstifter gerufen."

"Who hasn't wanted to strangle their mother, at least once?" … Aneta Grzeszykowska's Mama #29. Foto: Aneta Grzeszykowska
Eine unheimliche Ausstellung besucht Guardian-Kritikerin Ariela Bard in der Buxton Contemporary in Melbourne: Unter dem Titel "The Veil" hat die polnische Fotografin Aneta Grzeszykowska sich selbst als Silikonpuppe nachgebildet und Aufnahmen von ihrer siebenjährigen Tochter Francziska samt Puppe gemacht, "die mit ihr spielt, sich um sie kümmert und sie terrorisiert. Es ist ein subversiver Akt, der die heiligsten Beziehungen - die zwischen Mutter und Kind - nimmt und umdreht (...) Ein unheimliches Bild aus der Mama-Serie, das durch einen Spalt in der Badezimmertür aufgenommen wurde, zeigt Francziskas Hände, die nach dem Rücken und dem Hals der Puppe greifen. Aber so wie Hitchcock Humor einsetzte, um Dunkelheit und Gewalt auszudrücken, so hat das Bild auch etwas Komisches an sich. Wer wollte seine Mutter nicht schon einmal erwürgen?"

Besprochen werden außerdem die Ausstellungen "Vija Celmins" in der Fondation Beyeler (NZZ), "Rendezvous der Träume. Surrealismus und deutsche Romantik" in der Hamburger Kunsthalle (FAZ, mehr hier) und Amy Sillmans Schau "Oh, Clock!" im Ludwig Forum Aachen (taz).
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Architektur

Günter Murr sucht für die FAZ am Tag der Architektur in Hessen Beispiele für das Motto "Vielfalt bauen". Insbesondere ressourcenschonendes Bauen steht im Mittelpunkt: "Im Frankfurter Stadtteil Sachsenhausen präsentiert das Gemeinnützige Siedlungswerk (GSW) das 'Trio im Stadtgrün'. Die sanierten Wohnblocks aus den Sechzigerjahren fallen nach der Sanierung vor allem durch die bunten Fassaden auf. Entscheidend sind aber die energetischen Verbesserungen, die nach der Planung von Lang + Volkwein Architekten aus Darmstadt durch Dämmung sowie den Einsatz von Wärmepumpen und Solarthermie erreicht wurden. Dadurch wurde Effizienzklasse B erreicht, vorher fielen die Gebäude in Klasse G mit einem hohen Energieverbrauch."
Archiv: Architektur
Stichwörter: Tag der Architektur

Film

"Go Clara Go." Bild: Lindenau Museum Altenburg/Archiv Ralf-Rainer Wasse.


Sylvie Kürstens Dokufilm "Go Clara Go" über die DDR-Künstlergruppe Clara Mosch zeigt FR-Kritikerin Ingeborg Ruthe, was in Sachen Kunst im Arbeiter- und Bauernstaat trotz allem möglich war: Zum Beispiel "die wilden, experimentellen Kunstaktionen in freier Natur, am Ostseestrand, allesamt nackt auf einem knorpeligen, blattlosen Baum. Als Kritik am heuchlerischen Umweltschutz im vormundschaftlichen Staat, am Waldsterben durch die überalterten Industrieanlagen, das Chemie-Gift in vielen Seen und Flüssen. Der eigene Körper war kostenloses, rebellisches Kunst-Material. Für ihre provokante 'Baumbesteigung' konkurrierten die Protagonisten damals nicht mit den ikonisierten (Land-Art-)Performances der Westkunst, sondern philosophisch und politisch kühn, mit Brecht-Versen aus 'An die Nachgeborenen.'" Hier der Trailer.

1971 hat es in Mexiko ein Frauenfußball-Turnier gegeben, das eigentlich eine Weltmeisterschaft war, wenn auch nicht von der FIFA anerkannt. Rachel Ramsay und James Erskines widmen dem frühen Frauenfußball nun den Dokufilm "Copa 71", den Bert Rebhandl in der FAZ trotz einiger Kritikpunkte gerne sieht: "Wie in vielen Fällen im neueren dokumentarischen Kino lässt auch 'Copa 71' von einer alternativen Version träumen, die weniger auf Spin hin getrimmt ist. Man muss nur die Fotografien der sechs Spielerinnenkader der teilnehmenden Mannschaften ein wenig mustern und hat schon eine riesige Liste an Themen und Fragen: Die politische Lage in Mexiko um 1970, der Faktor Indigenität, der Faktor Mode, der Faktor Kommerz (wurde die Mundial in Europa im Fernsehen gezeigt?), allgemeiner eine Geschichte der Emanzipation in einer Welt, die 'Entwicklungsländer' wahrzunehmen begann."

Weitere Artikel: Der kanadische Regisseur Denis Villeneuve soll für die nächste James Bond-Verfilmung das Steuer übernehmen, melden SZ und FR. Marge Simpson stirbt - aber erst in 35 Jahren, beruhigt Spiegel Online: Nach Gerüchten, die blauhaarige Familienmutter aus Springfield würde in der kommenden Staffel zu Tode kommen, stellt sich nun heraus, dass es sich um eine Vorausdeutung in die Zukunft gehandelt hat. Andreas Kilb gratuliert Isabelle Adjani in der FAZ zum Siebzigsten.

Besprochen werden Joseph Kosinskis Formel 1-Drama "F1" (Welt, FAZ, NZZ), Noémie Merlants "Les femmes au balcon" (NZZ), die finale Staffel der koreanischen Horror-Serie "Squid Game" auf Netflix (FAZ) und die vierte Staffel von "The Bear", die soeben auf Disney Plus angelaufen ist (BlZ).
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Bühne

"War Games." Bild: Judith Buss.


Was SKART da in der Zusammenarbeit mit Kindern und Jugendlichen auf die Bühne der Münchner Kammerspiele gebracht hat, ist etwas ganz besonderes, befindet Nachtkritikerin Susanne Greiner. "War Games" geht mit seinen zwölf verschiedenen Szenerien an die Essenz dessen, was Krieg ist, die Gewalt: "Am linken Bühnenrand tropft es schleimig aus Fäden auf einen dort liegenden Körper in Tarnfarbenoptik. Zwei große Stoffbanner mit Greifvögel- und Tauben-Silhouetten hängen vom Bühnenhimmel herab. Rechts am Boden stehen Computer und Mischpult. Von hier aus wird der Sound von Noisekünstler Anton Kaun live eingespielt. Er lässt sanfte Melodien auf harten Beat knallen, erzeugt dystopische Dissonanzen, die an die Schmerzgrenze gehen: Klang, der einlullt und aggressiv macht. Und sich so anfühlt, als verstehe da einer das Menschsein in seinem tiefsten Inneren."
Archiv: Bühne
Stichwörter: Münchner Kammerspiele, SKART

Musik

Lars Fleischmann (taz) lauscht dem "Westafrika der Zukunft" auf dem zweiten Album, das der Berliner Technoproduzent Mark Ernestus und die senegalesische Ndagga Rhythm Force nun aufgenommen haben: "Der vor Kurzem erschienene Zweitling 'Khadim' fasziniert nicht mehr durch das - lapidar ausgedrückt - exotische Moment glaubwürdiger, ungelenkter Volksmusik; 'Khadim' ist vielmehr innovativ und zugleich weit ab von anbiederndem folkloristischem Afrikanischsein. Dafür machen Ernestus und seine nunmehr drei Mitstreiter einen tiefen Tauchgang in die Reduktion. Es trommelt, klar, kommt aber mit deutlich weniger Tam-Tam-Rabba-Drab aus. Dafür übernimmt nun ein Prophet-5-Synthesizer aus dem Technofuhrpark die Leitung; es tanzt jetzt nicht mehr vor der Bühne, sondern in den Stücken selbst. Wobei: Zu diesen minimalistischen Séancen tanzen ohnehin nur hartgesottene Seelen oder bereits erlöste Gestalten, die mit geschlossenen Augen wummernde Bassfrequenzen empfangen." Hartgesottene Seelen wie wir hören gern rein:



Weitere Artikel: Frankreichs Präsident Macron hat sich für die Aufnahme der französischen Housemusik in das immaterielle Kulturerbe der UNESCO ausgesprochen, meldet Gerrit Bartels im Tagesspiegel. Für die SZ hat sich Joachim Hentschel mit Neue-Deutsche-Welle-Urgestein Annette Humpe zum Waldspaziergang getroffen, um mit ihr über die Neuausgabe ihres Ideal-Debütalbums und das Älterwerden gesprochen. In der FAZ berichtet Selma Schiller von Aufruhr in der niedersächsischen Musikszene: Die niedersächsische Musikförderung hat bekannt gegeben, die bisher ausschließlich Ensembles der Neuen Musik offenstehende Konzeptionsförderung für Ensembles aller anderen Sparten und Genres zu öffnen - ohne das Programm mit höheren Mitteln auszustatten.

Besprochen werden außerdem ein Cypress-Hill-Konzert in Frankfurt (FR) und ein Robbie-Williams-Konzert in Gelsenkirchen (SZ).
Archiv: Musik