Efeu - Die Kulturrundschau

Innere Alltagskummerüberwindungskämpfe

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26.06.2025. Die Feuilletons rasen in Joseph Kosinskis Motorsportfilm "F1" mit Brad Pitt über die Rennstrecke: Ein Film wie ein gutes Rennauto, freut sich der Perlentaucher. Monopol entdeckt auf der Momentum-Biennale im norwegischen Moss Kunst in Scheunen und auf Feldern. In der Zeit erzählt Barbara Kingsolver von ihrer Kindheit in Hilbilly-Land. Die FAZ beweint mit Miley Cyrus besonders leidenschaftlich die untergegangene "Abba-bis-Madonna-Welt". 
9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.06.2025 finden Sie hier

Film

Gut geölte Maschine: Szene aus Joseph Kosinskis "F1".

Um "Momente höchster Konzentration und Leistungsfähigkeit" geht es in Joseph Kosinskis Motorsportfilm "F1", stellt Nicolai Bühnemann beim Perlentaucher fest. Der von Formel-1-Weltmeister Lewis Hamilton mitproduzierte Film dreht sich um den ehemaligen Rennfahrer Sonny Hayes, der nach einem schweren Unfall in die Kriminalität abrutscht und überzeugt den Kritiker mit einem Spiel aus Einfachheit und Komplexität: "Bei aller Gegenwärtigkeit, die Filme, in denen Technologie eine zentrale Rolle spielt, fast immer an sich haben, nimmt sich eine große Jerry-Bruckheimer-Produktion wie 'F1' im von aufgeplusterten Franchise-Filmen dominierten Hollywood der Gegenwart wie ein faszinierender Fremdkörper aus: Eine gut geölte Maschine, in der sich Einfachheit und Komplexität ständig gegenseitig durchdringen. Der Plot ist gewunden wie eine Rennstrecke: Männer mit Riesenegos müssen ihre Pläne und Bedürfnisse aufeinander abstimmen, ein Rennfahrer und eine Chefmechanikerin verlieben sich und ein aalglatter Manager intrigiert im Hintergrund, was das Zeug hält. Komplex ist auch der Schnitt in den Rennszenen, die einen Großteil der Laufzeit ausmachen." 

Auch Zeit-Kritikerin Berit Dießelkämper kann dem Film, trotz etwas Kitsch und latentem Konservatismus einiges abgewinnen - vor allem den Rennszenen: "Zunächst wird aber sehr viel Auto gefahren - auf Strecken, die aussehen, als hätte sie ein auf Rechtshändigkeit umgeschultes Kind gemalt: ein ermüdeter Papagei in Monza; eine schwer verletzte Fledermaus in Abu Dhabi. Dort werden dann jene wunderbaren Szenen produziert, die die Faszination dieses Sports und folglich auch des Films ausmachen, der für die Dreharbeiten exklusiven Zugang zu den Originalkulissen hatte. Da ist der Blick ins Cockpit mit der Nahaufnahme eines willensstarken Mannes in konzentrierter Einsamkeit; der Blick aus dem Cockpit auf die vorbeifliegende Strecke; oder auf die anderen umhertanzenden Wagen (...)" Das gefällt auch Daniel Kothenschulte in der FR, allerdings gibt es da ein anderes Problem: "Vielleicht entstanden so die realistischsten F1-Rennszenen der Filmgeschichte, doch den eigentlichen Superlativ gewinnt der Film für sein flächendeckendes Product Placement (...) Anfangs mag man das noch dem Realismus zurechnen, bald aber nervt diese optische Werbetrommelei kolossal."

Das italienische Kino steckt in der Krise, berichtet Ulrike Sauer in der NZZ - Kinos sterben, die Produktion ist am Boden: "Schuld an ihrer Notlage gibt die moribunde Branche der Regierung. Sie habe den Kinoproduzenten vor einem Jahr den Geldhahn vollends abgedreht und die überfällige Reform der staatlichen Filmförderung seither verschleppt. Es geht um Steuervergünstigungen, die seit 2016 das Wachstum der italienischen Filmwirtschaft beflügelt und viele ausländische Produktionen angezogen haben. Die Neugestaltung des Gesetzes blieb das Kulturministerium schuldig."

Weitere Artikel: Silvia Hallenleben weist in der taz auf die Filmreihe "Pioneers of Black British Cinema" hin, die im Berliner Arsenal-Kino im Wedding stattfindet. Besprochen werden Kevin Macdonalds und Sam Rice-Edwards Dokumentarfilm "One to One: John Lennon und Yoko Ono" (FR), Ryan Fleck und Anna Bodens Horrokomödie "Freaky Tales" (taz, SZ) und die israelische Netflix-Serie "Bad Boy" (Perlentaucher).
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Literatur

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Die amerikanische Autorin Barbara Kingsolver, deren neues Buch gerade erschienen ist, kommt aus "Hillbilly-Land" - genau wie J.D. Vance. Im Zeit-Gespräch mit Volker Weidermann schildert sie, wie sie nach und nach die Scham ablegte, über ihre Kindheit zu schreiben und warum die ärmeren Gegenden der USA weiter arm bleiben: "Sie beschreibt eben, wie es dazu kommt, dass Augen aus Todeszonen zu blicken scheinen, wie Menschen in die Todeszonen geraten, welches Unheil sie geerbt haben und wie die Bergbaukonzerne, die die Region jahrzehntelang ausbeuteten, dafür sorgten, dass die Menschen hier, ihre billigen Arbeitskräfte, möglichst ungebildet bleiben. Das ist nicht didaktisch, sondern erlebt. 'Literatur', sagt Barbara Kingsolver, 'ist Zusammenarbeit zwischen Autor und Leser. Literatur sagt: Lass uns ein Gespräch führen. Lass uns gemeinsam spazieren gehen durch diese neuen Orte, die ich erfunden habe. Sei für eine Weile dieser Charakter oder jener. Fühl für eine Weile die Fröhlichkeit, die Traurigkeit, die Scham, den Schrecken und die Trauer. Fühle all das zusammen mit mir, und dann kehre in dich zurück und lebe in der Welt. Das liebe ich an Literatur.'"

Weitere Artikel: Jolinde Hüchtker unterhält sich für die Zeit mit der Comic-Künstlerin Uli Lust, die gerade den Deutschen Sachbuchpreis für ihr Buch "Die Frau als Mensch" erhalten hat. Besprochen werden Dietmar Daths Roman "Skyrmionen" (Zeit), Thomas Manns "Essays III 1926-1933. Text und Kommentar in einer Kassette" (FR), Felix Hollaenders Roman "Das Erwachen des Donald Westhof" (FAZ) und Margaret Goldsmiths Roman "Good-bye für heute" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
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Kunst

Christian Boltanski: Misterios. Bild: Eivind Lauritzen.



Bettina Krause ist für Monopol auf der Momentum-Biennale im norwegischen Moss unterwegs. Die Verbindungen zwischen Ort, Klang und Natur unter dem Titel "Between/Worlds: Resonant Ecologies" sind etwas gewöhnungsbedürftig, hält sie fest, aber nicht uninteressant: "Es ist ein aufmerksamer Erkundungsgeist gefragt, um die Kunstwerke zu entdecken, die sich draußen auf dem riesigen Gebiet in alten Scheunen, zwischen Baumgruppen oder auf Feldern verteilen. Zu den eindrucksvollsten Erfahrungen in den Räumen der Galerie gehört Christian Boltanskis Videoarbeit "Misterios", die auf drei riesigen Screens die Küste Patagoniens zeigt. Ein Kanal gibt die vom Wind erzeugten Klänge dreier Trompeten-artiger Kupferinstrumente wieder, die an Walgesänge erinnern. Zwei weitere Bildschirme zeigen den menschenleeren Strand und das Meer, von der Morgendämmerung bis zum Sonnenuntergang als meditatives Setting. Mit genug Geduld erhascht man in dem 12-stündigen Loop einen zufällig von der Kamera eingefangenen Blick auf Wale oder Robben im Wasser."

Für die NZZ berichtet Ute Miller von einer kuriosen Begebenheit: Das Heiligenbildnis Maria Santísima de la Esperanza Macarena in Sevilla ist bei einer Restauration ziemlich verunstaltet worden, finden die entsetzten Mitglieder der Macarena-Bruderschaft, insbesondere sind die Wimpern zu lang und die Miene zu blass. Was ist passiert: "Zwischen dem 16. und dem 20. Juni hatte Professor Francisco Arquillo Torres die Macarena einer 'Behandlung' unterzogen. Vertrauensvoll hatte ihm die Bruderschaft der Esperanza Macarena die Statue überlassen. Schliesslich hatte der 85-jährige Arquillo die Jungfrau bereits 1978 und 1992 restauriert, stets zur Zufriedenheit der Gläubigen. Seither gilt er als 'Hausarzt' der Heiligen. Doch diesmal hatte er keinen Erfolg. Noch am selben Tag, an dem die Macarena dem Publikum gezeigt wurde, bot Arquillo an, den Schaden zu beheben, doch seine Offerte wurde ausgeschlagen." Auch Spiegel Online schildert, die Bruderschaft habe um Entschuldigung gebeten und einen neuen Restaurator beauftragt, der die Wimpern der Esperanza Macarena wieder auf Normalmaß zurechtstutzen soll.

Weiteres: Die Hamburger Kunsthalle und die Stiftung Hamburger Kunstsammlungen haben 2,4 Millionen Euro für René Magrittes Gemälde "Le Palais de Rideaux" (Der Palast der Vorhänge) springen lassen, meldet die FR mit dpa. Susanna Petrin besucht die "Pionierin der Hotelkunst" Elizabeth Weiner in New York (NZZ).
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Bühne

Nachtkritiker Christian Rakow stellt die Kostümbildnerin Leonie Falke vor: Sie entwirft "Kostüme für Ästhetiken der Entschleunigung". Besprochen wird: "Destination: Origin" von Mohammad Rasoulof auf den Berliner Festspielen (Zeit).
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Musik

Die Bamberger Symphoniker touren in Ostasien - die FAZ schickt Robin Passon vorbei, der uns aufschlüsselt, wieso das Programm in Städten wie Seoul oder Kaohsiung mit Brahms Erster Symphonie oder Rachmaninoffs Zweitem Klavierkonzert derzeit noch wenig experimentierfreudig ausfällt: "Über Jahrzehnte der kontinuierlichen Zusammenarbeit, die weit mehr ist, als im Ausland 'schön zu spielen', tut sich etwas beim asiatischen Publikum. Sehr zur Freude der Symphoniker wollen die Veranstalter bei der nächsten Tour sogar das finanzielle Wagnis eingehen, Werke von Bruckner oder Mahler ins Programm aufzunehmen; für asiatische Hörgewohnheiten immer noch ein Novum. 'Je weiter wir aus Europa weggehen, desto konventioneller müssen wir die Programme gestalten, wenn wir die Hallen füllen wollen', so Axt (der Intendant, d.Red.). Gerade setzt man bei allen Konzerten noch auf den tradierten Dreisprung aus Ouvertüre - Solokonzert - Symphonie und versucht zaghaft, den asiatischen Horizont vermittels der Ouvertüren zu weiten."

Die Pop-Welt ist in Bewegung, befindet Dietmar Dath in der FAZ angesichts des neuen Films, den Miley Cyrus als Begleitung für ihr neues Album "Something Beautiful" hat drehen lassen: Er "reproduziert jetzt die historische Hallström-Abba-Mischung von Vergnügtheit, Pathos, Disco, Sehnsucht, Sex und inneren Alltagskummerüberwindungskämpfen nicht einfallslos, als wäre der Zugriff auf die entschiedene Verneinung moderner Einsamkeit, den diese Mischung seinerzeit mit Energie versorgte, heute gerade so leicht zu haben wie damals. Vielmehr drückt das Ding, durch das Frau Cyrus hier singt und tanzt, zwar einerseits aus, dass jene Abba-bis-Madonna-Welt zwingend sterben musste, ja: dass sie auf Tiktok jeden Tag weiter stirbt. Aber der Film knuddelt die besagte Welt andererseits noch mal besonders heftig, genießt und beweint sie simultan."



Weiteres: Der Sänger Bobby Sherman ist gestorben, melden Tagesspiegel und FRJüri Reinvere gewinnt den Opus Klassik als Komponist des Jahres, meldet die FAZ. Dirigentin des Jahres ist Joana Mallwitz, Leiterin des Konzerthausorchesters Berlin, wie der FR zu entnehmen ist. Die Auszeichnung als Sängerin und Sänger des Jahres geht an die Mezzosopranistin Emily D'Angelo und den Tenor Benjamin Bernheim. Simon Rattle erinnert in der Zeit an seinen Lehrer, den eben verstorbenen Pianisten Alfred Brendel. Eleonore Brüning berichtet für das VAN Magazin von den Potsdamer Musikfestspielen, wo "Orlando generoso" von Agostino Steffani mit Dorothee Oberlinger und dem Ensemble 1700 aufgeführt wird. Besprochen wird: Der Auftritt von Ludovico Einaudi in der Frankfurter Festhalle (FR).
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