Im Kino
Ich kann nur Knast
Die Filmkolumne. Von Alice Fischer
25.06.2025. Der kleine Dean hat in seinem jungen Leben schon so manche Straftat begangen: Als seine Mutter eines Tages die Polizei ruft, muss er ins Gefängnis. Ron Leshem, Daniel Chen und Hagar Ben-Ashe zeigen uns in der Serie "Bad Boy" die Lebensrealität in einem israelischen Jugendknast.
Dean ist ein "böser Junge": ein schmächtiger Teenager, dessen chaotisches Leben vollends aus der Bahn gerät, als die Polizei an die Tür der Wohnung klopft, in der er mit seiner Mutter wohnt, und ihn mitnimmt. Seine eigene Mutter hat die Bullen gerufen, weil sie Angst vor Dean bekommen hat, sie selber ist allerdings auch nicht ohne - es wird schnell klar, warum Dean vielleicht nicht das stabilste Kind ist. Der Anruf bei der Polizei ist eine Kurzschluss-Reaktion, keineswegs rechnet sie damit, dass ihr Sohn ins Gefängnis kommt. Bei seiner Anhörung gehen dem Richter allerdings beim Anblick seines Vorstrafenregisters die Augen über, da kann auch Deans schwitzender Anwalt nichts ausrichten, er muss ins "Ofek", das israelische Jugendgefängnis. Dort soll es härter zugehen als im normalen Knast, Rückfall-Quote: 90 Prozent. Zum Glück lernt Dean Ankheisi kennen, einen hübschen Jungen, der sich von den mafiösen Strukturen im Knast nicht unterkriegen lassen will und Dean verspricht, ihn zu beschützen. Daraus wird dann aber leider nichts, wie uns die Macher mit einem Plot-Twist à la "Game of Thrones" schnell klar machen. Stattdessen muss Dean in eine Zelle mit Zoro, der ein junges Mädchen erschlagen hat und lebenslang sitzt - es sieht düster aus für den kleinen Dean.
Auf einer zweiten Ebenen begegnen wir dem Protagonisten im Erwachsenenalter, gespielt von Daniel Chen, der in der Serie leicht verfremdet seine Lebensgeschichte erzählt und auch im wahren Leben Comedian ist. Der erwachsene Dean, der sich nun Daniel nennt, verarbeitet die Traumata seiner Kindheit als Stand-Up-Comedian mit rabenschwarzem Humor: "Keiner will mit Teenagern im Bus sitzen, aber schon gar nicht im Knast. Immer wenn du denkst es geht nicht schlimmer, wird es schlimmer."
Getragen wird die Serie nicht nur von einem pointierten Skript, das die Balance zwischen Gewalt und Witz gekonnt hält, sondern auch von den DarstellerInnen, allen voran Guy Manster. Dessen furchtbar dünner und zerbrechlicher Dean kann so schön lachen, dass man manchmal weinen will, und trotz zahlreicher intimer Close-Ups werden wir seines Gesichts nie müde. Aber auch der Rest des Casts ist großartig, hervorzuheben auch Liraz Chamami als hartgesottene, aber niemals gefühllose Gefängnisleiterin oder der aus der Serie "Borders" bekannte Ben Sultan als intriganter Kleinganove.
Havtamo Farda changiert als Zion Zoro beängstigend gut zwischen schwelender Agression und Sensibilität. Zoro ist nämlich, anders als sein Ruf, eigentlich gar kein verrückter Psychopath. Aus anfänglicher Skepsis entsteht eine Komplizenschaft zwischen den Zellengenossen Dean und Zoro, dann eine unzertrennliche Freundschaft. Selbst nachdem Dean nach ein paar Monaten wieder entlassen wird, hört er nicht auf, seinen Freund mehrmals am Tag im Knast anzurufen, obwohl er damit nicht nur den Menschen außerhalb als auch innerhalb der Gefängnismauern auf die Nerven geht. In all dieser Rauheit und dem Männlichkeits-Gehabe ist diese Freundschaft so berührend, weil sie Deans kindliche Offenheit und Zärtlichkeit zeigt. Und sie rührt auch an ein großes, gesellschaftliches Problem, auf das Leshem und Chen einen neuen Blick werfen: Die Rückfallquote für Jugendliche Knast-Gänger ist nicht nur so hoch, weil sie in der echten Welt schnell wieder in die kriminelle Szene abrutschen und weitere Verbrechen begehen. Sie ist auch so hoch, weil die Insassen für die Zeit ihrer Haft in einen ganz eigenen Kosmos, eine Community eingebunden sind, in der man Freundschaften schließt, Feindschaften pflegt und in der alltäglichen Tristesse kleine Vergnügen sucht. Was soll ich denn da draußen, fragt Dean als er erneut eingebuchtet wird, "Knast ist das einzige, was ich kann."

Bei Leshem und Chen kommt alles immer ganz anders als wir denken. Wir werden immer wieder auf falsche Pisten geschickt: Erst wähnt man sich in einem Thriller, dann in einem Mafia-Film, einem fein psychologisch ausgearbeiteten Familiendrama und einer Coming of Age Geschichte. Aber eigentlich erzählen uns die Regisseure die Geschichte einer Heilung, deren Ende dann vielleicht doch ein wenig gar zu zuckersüß geraten ist. Die Botschaft ist klar: keiner dieser kriminellen Jugendlichen ist irgendwie abgrundtief böse oder für immer verloren, sie sind alle Kinder, die vom Weg abgekommen sind. Das vergisst man schonmal, dass diese am Ende allesamt ziemlich zahmen Lämmchen eben auch Mörder, Gewalttäter und Drogendealer sind und waren. Einerseits konfrontiert die Serie ihr Publikum mit einem interessanten moralischen Dilemma: Natürlich zeigt sich hinter dem Straftäter immer ein Mensch mit einer Leidensgeschichte und auch der schlimmste Schläger hat seine liebenswerten Schrullen. Allerdings machen es sich Leshem und Chen doch ein wenig einfach, wenn sie nicht nur den Frauenmörder Zoro, sondern auch alle anderen Knastinsassen am Ende als eigentlich grundsympathische junge Männer darstellen, denen nur ein wenig Zuneigung fehlt. Selbst der ziemlich schlimme Freddy, der Dean einmal sogar zu einem Mord zwingen will, ist am Ende am Ende doch eigentlich auch ganz nett. Was wir aber sehr gerne sehen ist ein mit der Welt und mit sich selbst versöhnter Dean, der herausgefunden hat, dass er, wie sein Erfinder Daniel Chen, doch ein anderes Talent hat als Knast und zwar, Menschen zum Lachen zu bringen. Das ist schön und nebenbei ist es auch ein Glücksfall für uns, weil wir so in den Genuss dieser hervorragenden Serie kommen.
"Bad Boy", 8 Folgen. Zu sehen bei Netflix.
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