Efeu - Die Kulturrundschau

Der Gestus eines leise bebenden Nachblickens

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
16.06.2025. Ayşe Güvendiren erschüttert die Nachtkritik mit ihrer hochpolitischen Inszenierung des NSU-Terrors und seiner Folgen am Staatsschauspiel Dresden. Die Hilti Art Foundation zeigt der NZZwie die Kühle Lyonel Feiningers mit dem "ungebändigten Furor" Ernst Ludwig Kirchners kommuniziert. Die SZ braucht starke Nerven beim Bachfest in Leipzig, die FAZ lernt beim Mozartfest in Würzburg die Folgen eines delikaten Pedalgebrauchs verstehen.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.06.2025 finden Sie hier

Bühne

"You Came, You Saw". Bild: Sebastian Hoppe.


"Radikales politisches Theater" erlebt nachtkritiker Tobias Prüwer mit Ayşe Güvendirens "You came, you saw - Ein No Escape Room" am Staatsschauspiel Dresden. Güvendiren erzählt, wie die Opferfamilien den Terror des NSU erlebt haben und noch von staatlicher Seite weiter diskriminiert wurden: "Ein Opfer aus Hanau wurde ohne Information an seine Familie obduziert - einige Reste seines Körpers wurden ihnen kommentarlos erst Monate später in einer Kühlbox zugeschickt. Ein Gerichtsmediziner mit Fleischklopfer bearbeitet zur Illustration Steaks. Diese lebendigen Bilder funktionieren nicht als Spielszenen, sondern als Hingucker, damit man den Text aufsaugt. Und der ist nicht nur einfach Text: Stimmen der Hinterbliebenen sind beigefügt, die berichten, wie Staat und Medien mit ihnen umgingen. Wie sie allein gelassen oder selbst zu Mitschuldigen erklärt worden sind. Dass es sich um rassistische Motive hinter den Morden handeln könnte, wollte ihnen niemand glauben. Dass noch einmal von ihnen selbst zu hören, ist das wahrhaft erschütternde Moment des Abends. Pars pro toto zeigt sich hier eine gesellschaftliche Realität."

Weitere Artikel: Kai Bremer schaut sich für die Nachtkritik auf dem Langen Wochenende der Neuen Dramatik in Münster um. Zum Abschied von Joachim Lux als Intendant des Thalia Theaters in Hamburg lässt Jakob Hayner in der Welt noch einmal die letzten 16 Jahre Revue passieren.

Besprochen werden außerdem die Oper "Voice Killer" am Theater an der Wien mit Musik von Miroslav Srnka und einem Libretto von Tom Holloway (Standard), Jerome Robbins' Choreografie "Other Dances" am Amsterdamer Het Muziektheater (FAZ) und die "Ensslin-Fragmente" von Friederike Drews nach einem Roman von Stephanie Bart im Ballhaus Prinzenallee (Taz).
Archiv: Bühne

Film

Hans J. Wulff unternimmt für den Filmdienst einen Streifzug durch Filme, in denen Esel und Kinder eine besondere Freundschaft pflegen. Georg Stefan Troller erinnert sich in der Welt an seine Begegnung mit Marlon Brando. Disney und Universal verklagen das KI-Startup Midjourney, meldet Max Fluder in der SZ. Besprochen wird die ZDF-Serie "Club der Dinosaurier" (taz).
Archiv: Film
Stichwörter: Troller, Georg Stefan

Kunst

Annegret Erhard sieht sich für die NZZ in der Liechtensteiner Hilti Art Foundation um, wo die neue Direktorin Karin Schick in ihrer ersten Ausstellung "InTouch" überraschende Dialoge zwischen den Kunstwerken zustande bringt: "Sie verfolgt mit Werken von Kandinsky, Kirchner, Feininger, Macke, Picasso und all den anderen Vordenkern unserer Zeitgenossen, einen Pfad, der die Gemeinsamkeiten, aber oft auch die Gegensätze augenfällig macht. So prallt die kühl konstruierte Situation eines Raddampfers vor bedrohlichen Wellentürmen von Lyonel Feininger mit dem ungebändigten Furor Ernst Ludwig Kirchners zusammen. Dieser schildert nämlich den 'Weg zur Staffelalp' 1919 als überbordendes Ergebnis seines 'Fanatischen Naturstudiums', wie er selbst einmal seine Ideensuche jener Jahre bezeichnete."

Weitere Artikel: Es ist wieder mal Art Basel-Zeit, das nimmt Philipp Meier in der NZZ zum Anlass, über die aktuellen Entwicklungen am Kunstmarkt auf dem Laufenden zu halten. Er lässt sich zudem von Katharina Grosse beeindrucken, sie ist dieses Jahr die Künstlerin, die den Messeplatz vor der Art Basel gestaltet. Florian Heimhilcher gratuliert dem Künstler Jim Dine in der FAZ zum Neunzigsten.
Archiv: Kunst

Architektur

Christoph Ingenhoven Architects, Düsseldorf; ingenhoven associates GmbH, Düsseldorf Rathaus Freiburg im Breisgau. Foto: HG Esch


Die Ausstellung "Architecture and Energy. Bauen in Zeiten des Klimawandels" im Deutschen Architekturmuseum Frankfurt hätte sich Matthias Alexander in der FAZ kritischer gewünscht - damit auch andere Architektinnen und Bauingenieure aus den Fehlern der anderen lernen können. Klimafreundliche Bauten aus verschiedenen europäischen Ländern werden "mit schönen Bildern präsentiert, ergänzt um einige Modelle, wie die Ausstellungsmacher überhaupt bei der Auswahl der Beispielprojekte darauf geachtet haben, dass das moralisch Mustergültige auch ansehnlich daherkommt. Die besorgniserregende Tendenz, Gestaltungsfragen zu vernachlässigen, solange nur die ökologische und soziale Vorbildlichkeit eines Bauprojekts erfüllt scheint, unterstützen die Ausstellungsmacher dankenswerterweise nicht. Was in der Schau dagegen zu kurz kommt, ist der unabhängige Blick auf die Projekte: Die Erläuterungstexte zu den einzelnen Bauten stammen offenbar von den Architekturbüros und Bauherren. Je nach Charakter betreiben die Autoren ihre Eigenwerbung mit Superlativen oder mit Dezenz."
Archiv: Architektur

Literatur

Bestellen Sie bei eichendorff21!
Im Tagesspiegel ist Lars von Törne gespannt, ob Ulli Lust am Dienstag die erste Comiczeichnerin sein wird, die (für einen Comic "Die Frau als Mensch") mit dem Deutschen Sachbuchpreis ausgezeichnet wird. Julia Hubernagel berichtet in der taz von den Literaturtagen des Leibniz-Zentrums für Literatur- und Kulturforschung. Der Schriftsteller Franzobel will mit einem Essay im Standard der allgemeinen Orientierungslosigkeit entgegen treten, damit wir alle wieder auf eine bessere Welt hoffen können. Sonja Zekri fasst in der SZ die Gründe dafür zusammen, warum der vor kurzem eingerichtete "Dar"-Exilpreis für Literatur auf Russisch quasi im Nu gescheitert ist.

Besprochen werden unter anderem der Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Heinrich Böll (FR), Nell Zinks "Sister Europe" (online nachgereicht von der Welt), Wolfgang Englers "Brüche. Ein ostdeutsches Leben" (taz), Lídia Jorges "Erbarmen" (NZZ),  Paul Maars Novelle "Lorna" (FR) und neue Hörbücher, darunter die Lesung von Katharina Zorns und Jasna Fritzi Bauers Roman "else" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Archiv: Literatur

Musik

Beim Bachfest Leipzig waren mitunter "starke Nerven gefragt", berichtet Helmut Mauró in der SZ. Unter dem Schlagwort "Transformation" sollte Bach an politische Diskurse der Gegenwart herangeführt werden: Thomas Höft etwa textete die "Johannespassion" um in ein Werk zum Leid queerer Menschen. Zweifellos hört man von "erschütternden Geschichten", schreibt Mauró. Aber das Gegenteil von gut ist oft nicht schlecht, sondern gut gemeint: Es "soll eine Erinnerungskultur geschaffen werden, die aber auch eine Opferkultur ist und eine Wutkultur und eine große Hoffnungslosigkeit. So heißt es in der großen Trostarie 'Es ist vollbracht' nun dezidiert 'Nichts ist vollbracht', gesungen wurde 'Nichts ist geschafft'. Das ist noch ein wenig banaler, und leider wählt der Textumdichter manchmal nicht nur die gendergerechte, sondern auch die komplett verstolperte Sprache. 'Da nun Omar für sich hatte gefasst den Entschluss' oder 'Weil nun wir heut wissen alles, was dort geschehen sollte" - so reden im Kino Außerirdische."

Jan Brachmann resümiert in der FAZ das Mozartfest in Würzburg. Wer den Komponisten bloß als Wirbelwind unter ADHS-Verdacht einschätzt, konnte hier andere Facetten erleben: "Der Pianist William Youn spielt mit der Amsterdam Sinfonietta unter Leitung der Geigerin Candida Thompson Mozarts Klavierkonzert A-Dur KV 414. In stiller Versenkung zitiert Mozart im zweiten Satz die Ouvertüre 'La calamità dei cuori' von Johann Christian Bach. Als Achtjähriger hatte Mozart den jüngsten Sohn Johann Sebastian Bachs in London kennengelernt und von ihm freundschaftliche Förderung erfahren. Achtzehn Jahre später, unmittelbar vor der Komposition dieses Konzerts, war Bach 1782 gestorben. Youn gibt der großen Kadenz in diesem langsamen Satz den Gestus eines leise bebenden Nachblickens auf etwas Verschwindendes. Die pochenden Tonwiederholungen verlieren durch delikaten Pedalgebrauch an Körper. Die Kadenz nimmt den Charakter eines frühromantischen Fragments an, das sich im Gedenken an den toten Komponistenfreund konkretisiert zum Fragment des menschlichen Lebens, zur Akzeptanz des Unvollendbaren." In der ARD Audiothek gibt es diverse Konzerte mit William Youn.

Julian Knoth kennt man von der Indieband Die Nerven, mit "Unsichtbares Meer" legt er nun sein Solodebüt vor. Seine Hauptband ist für verzweifelte Noiserockwände bekannt. "Auf Knoths Soloablum jedoch werden statt eines treibenden Basses nur die Saiten der Akustikgitarre gezupft, allenfalls ganz leicht mal angerissen", hält Gereon Asmuth in der taz fest. "Aber dann kommen gleich Streicherarrangements. Sie kleistern nichts zu. Sie stehen im Mittelpunkt." Im Titelstück gar "bieten Violine, Viola und Cello bieten eine Minute und 20 Sekunden ein Stück klassisches Gefiedel à la …, ja was ist das? Händel? Vivaldi? Telemann? Bach? Barock statt Rock. Weiter zurücknehmen kann ein Post-Punker sich nicht."



Weitere Artikel: Axel Brüggemann von Backstage Classical wurde das sonderbare Verfahren bei den Vorstellungsrunden für den Posten des Verwaltungsdirektors beim Gewandhausorchester zugetragen. Hans-Jürgen Linke berichtet in der FR von der Verleihung des Deutschen Jazzpreises in Köln. Ann-Kathrin Leclère findet es in der taz gar nicht schlecht, dass der Rapper Eko Fresh mit dem Bürgermeisteramt in Kerpen liebäugelt. Mit Kummer beobachtet Konstantin Nowotny im Freitag, dass der Indie-Begriff mittlerweile ziemlich auf den Hund gekommen ist.

Besprochen werden die Compilation "Eine Stadt wird bunt" über den Hamburger Hiphop der Neunzigerjahre (taz), das neue Album von Little Simz (NZZ), ein Konzert der Wiener Philharmoniker mit Piotr Beczala, den Wiener Sängerknaben und Tugan Sokhiev (Standard), Leif Ove Andsnes' Auftritt in Frankfurt (FR), ein Konzert von Chris Brown in Frankfurt (FR), der Abschluss des Nova Rock Festivals (Standard) und ein neues Album von Neil Young namens "Talking to the Trees" ("Es ist schwer zu sagen, wann die Musik von Neil Young zuletzt so düster geklungen hat", schreibt Wolfgang Luef in der SZ).

Archiv: Musik