Efeu - Die Kulturrundschau
In einem sanften Rausch
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06.05.2025. Die Filmkritiker schütteln den Kopf über Donald Trumps Zölle auf ausländische Filmproduktionen. Die FAZ taucht in Hamburg ein ins Werk des niederländischen Künstlers Bas Jan Ader, der vor fünfzig Jahren auf dem Atlantik verschwand. Propalästinensische Aktivisten haben es sich unter dem Motto "Escalate for Palestine" zum Ziel gesetzt, die Nova-Überlebende Yuval Raphael aus dem ESC-Wettbewerb zu mobben, berichtet der Tages-Anzeiger. Die FAZ beschäftigt sich mit der subversiven politischen Kritik in der Lyrik des russischen Exil-Dichters Igor Guberman.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
06.05.2025
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Film
Trumps Ankündigung, im Ausland produzierte Filme mit bis zu 100 Prozent Zollaufschlag zu belegen, sorgt nicht nur in Hollywood, sondern auch im Feuilleton für graue Haare und viel Ratlosigkeit. "Der Effekt seiner zollkriegerischen Blendgranate wird genauso verheerend sein wie der aller anderen politischen Projektile aus dem Oval Office", glaubt Andreas Kilb in der FAZ. Denn die Filmbranche ist komplett international aufgestellt, aber "anders als bei Autos, hat Amerika noch immer die Nase vorn. Wahr ist allerdings auch, dass Filmedrehen in den Vereinigten Staaten wegen hoher Studio- und Personalkosten teuer geworden ist, weshalb immer mehr Produktionen ins benachbarte Ausland oder nach Osteuropa ausweichen. Doch die Filme, die so entstehen, sind deshalb keinen Deut weniger amerikanisch; das Geld, das ihre Hersteller im Ausland ausgeben, fließt in Form von Rechteverkäufen und Kasseneinnahmen zu ihnen zurück. Indem Trump diesen Kreislauf unterbricht, zerstört er die Industrie, die er zu fördern vorgibt."
"Ärgern dürfte die amerikanischen Filmemacher zusätzlich, dass Steuerflucht allein natürlich nicht der einzige Grund ist, warum im Ausland gedreht wird", hält David Steinitz in der SZ fest. Denn "Hollywood geht auch dorthin, wo es die spektakulärsten Drehorte gibt. Man kann 'James Bond' und 'Mission: Impossible' nicht nur daheim drehen. Außerdem stimmt es nicht, dass die US-Branche schon halb auf dem Totenbett liegt, wie Trump es darstellt. Ganz so fantastisch wie 2019, im letzten großen Kinojahr vor der Pandemie, läuft es zwar nicht. Aber die meisten Covid-Nachwirkungen sind ausgestanden, auch die Folgen des Streiks der Schauspiel- und Drehbuchgewerkschaft, der Hollywood 2023 lahmlegte. Die Einnahmen an den US-Kinokassen sind im Vergleich zu 2024 schon wieder um knapp 16 Prozent gestiegen."
Weitere Artikel: Fabian Tietke (taz) und Leo Geisler (Filmdienst) resümieren die Internationalen Kurzfilmtage in Oberhausen, die in diesem Jahr erstmals unter der Leitung von Madeleine Bernstorff und Susanna Pollheim stattfanden. In vier von Lydia Kayß und André Malberg (der gelegentlich auch für den Perlentaucher schreibt) kuratierten Programmen wurden dort auch die nur noch in Einzelstücken auf Analogkopie vorliegenden Filme von Dietrich und Katharina Schubert in Erinnerung gerufen, berichtet Hannes Wesselkämper auf critic.de. Patrick Heidmann spricht für die FR mit dem norwegischen Regisseur Dag Haugerud über dessen "Oslo Stories"-Trilogie, die gerade Teil für Teil im Kino ausgewertet wird. Besprochen wird Waad al-Kateabs in Deutschland noch nicht gezeigter Dokumentarfilm "We Dare to Dream" über syrische Flüchtlinge bei den Olympischen Spielen 2020 (NZZ).
"Ärgern dürfte die amerikanischen Filmemacher zusätzlich, dass Steuerflucht allein natürlich nicht der einzige Grund ist, warum im Ausland gedreht wird", hält David Steinitz in der SZ fest. Denn "Hollywood geht auch dorthin, wo es die spektakulärsten Drehorte gibt. Man kann 'James Bond' und 'Mission: Impossible' nicht nur daheim drehen. Außerdem stimmt es nicht, dass die US-Branche schon halb auf dem Totenbett liegt, wie Trump es darstellt. Ganz so fantastisch wie 2019, im letzten großen Kinojahr vor der Pandemie, läuft es zwar nicht. Aber die meisten Covid-Nachwirkungen sind ausgestanden, auch die Folgen des Streiks der Schauspiel- und Drehbuchgewerkschaft, der Hollywood 2023 lahmlegte. Die Einnahmen an den US-Kinokassen sind im Vergleich zu 2024 schon wieder um knapp 16 Prozent gestiegen."
Weitere Artikel: Fabian Tietke (taz) und Leo Geisler (Filmdienst) resümieren die Internationalen Kurzfilmtage in Oberhausen, die in diesem Jahr erstmals unter der Leitung von Madeleine Bernstorff und Susanna Pollheim stattfanden. In vier von Lydia Kayß und André Malberg (der gelegentlich auch für den Perlentaucher schreibt) kuratierten Programmen wurden dort auch die nur noch in Einzelstücken auf Analogkopie vorliegenden Filme von Dietrich und Katharina Schubert in Erinnerung gerufen, berichtet Hannes Wesselkämper auf critic.de. Patrick Heidmann spricht für die FR mit dem norwegischen Regisseur Dag Haugerud über dessen "Oslo Stories"-Trilogie, die gerade Teil für Teil im Kino ausgewertet wird. Besprochen wird Waad al-Kateabs in Deutschland noch nicht gezeigter Dokumentarfilm "We Dare to Dream" über syrische Flüchtlinge bei den Olympischen Spielen 2020 (NZZ).
Musik
Propalästinensische Aktivisten haben unter dem gespenstischen Motto "Escalate for Palestine" zahlreiche Proteste beim Eurovision Song Contest in Basel angekündigt. Ihr Ziel: Yuval Raphael, die das Hamas-Massaker beim Nova Festival überlebt hat, aus dem Wettbewerb rausmobben - auch wenn in den Demo-Aufrufen ihr Name, anders als noch im letzten Jahr bei Eden Golan, nicht fällt, berichtet Andrea Schuhmacher im Tages-Anzeiger. Jonathan Kreutner, Generalsekretär vom Schweizerischen Israelitischen Gemeindebund, "vermutet dahinter taktische Gründe: 'Was Raphael am 7. Oktober widerfahren ist, ist Terrorismus, der von jenen Personen ausgeübt wurde, die diese Demonstranten gezielt verschweigen.' Die Aktivisten würden das Thema um Raphael gekonnt umschiffen und sich damit gleich selbst entlarven. 'Diese Gruppen können Raphael nicht persönlich erwähnen, ohne das Massaker der Hamas zu thematisieren und damit ihre eigene Glaubwürdigkeit gleich selbst massiv zu untergraben.'"
Hier Raphaels Wettbewerbsbeitrag:
Weiteres: Dietmar Dath gratuliert in der FAZ dem Rockmusiker Bob Seger zum Achtzigsten. Besprochen werden Darksides Album "Nothing" (FR), ein Konzert von Pete Doherty in Berlin (FAZ) sowie neue Klassik- und Jazzveröffentlichungen, darunter "Homage", das neue Album des US-Saxofonisten Joe Lovano mit dem Marcin Wasilewski Trio, das Standard-Kritiker Ljubiša Tošić in den Bann zieht: "Raffinement beherrscht die spontane Kommunikation, alles fließt und ist voll exzentrischer melodischer Wendungen. Expressivität ist hier auch eine Verwandte der Subtilität."
Hier Raphaels Wettbewerbsbeitrag:
Weiteres: Dietmar Dath gratuliert in der FAZ dem Rockmusiker Bob Seger zum Achtzigsten. Besprochen werden Darksides Album "Nothing" (FR), ein Konzert von Pete Doherty in Berlin (FAZ) sowie neue Klassik- und Jazzveröffentlichungen, darunter "Homage", das neue Album des US-Saxofonisten Joe Lovano mit dem Marcin Wasilewski Trio, das Standard-Kritiker Ljubiša Tošić in den Bann zieht: "Raffinement beherrscht die spontane Kommunikation, alles fließt und ist voll exzentrischer melodischer Wendungen. Expressivität ist hier auch eine Verwandte der Subtilität."
Kunst
FAZ-Kritikerin Alexandra Wach versteht nur zu gut, warum das Werk des niederländischen Künstlers Bas Jan Ader Kultstatus hat. Und, dass das nicht nur an seinem tragischen Verschwinden während einer Segelfahrt über den Atlantik vor fünfzig Jahren liegt, sondern auch an seiner Kunst, zeigt ihr eine beeindruckende Ausstellung in der Hamburger Kunsthalle. Auffallend ist für die Kritikerin hier die Faszination des Künstlers für das Motiv des Falls - im philosophischen wie praktischen Sinn: "Auch in der fotografischen Arbeit 'Untitled (Tea Party)' von 1972, in der Ader durch ein Waldstück zu einem Silbergedeck kroch, um von einer Fallbox gefangen genommen zu werden, rückt das Fallen in den Vordergrund, nicht zuletzt mit der Anspielung auf die Tee-Party des exzentrischen Hutmachers aus 'Alice im Wunderland'. Ader hat den Fall nicht erfunden, rezipierte Wittgensteins 'Tractatus logicophilosophicus' und Camus' Roman 'Der Fall'. Aber keiner hat das Motiv des Kontrollverlusts so hartnäckig aufgegriffen wie er, wenn er sich etwa dabei filmte, wie er auf dem Fahrrad absichtlich in eine Amsterdamer Gracht 'ausrutschte' oder nach langer Hängepartie von einem Baumast in einen Fluss fiel."
Weiteres: In der FR gratuliert Ingeborg Ruthe dem Georg-Kolbe-Museum, dem ersten Nachkriegs-Museum im Berliner Westen, zum anstehenden 75. Jubliäum. Besprochen wird die Ausstellung "Gerhard Richter · 81 Zeichnungen · 1 Strip-Bild · 1 Edition" in der Pinakothek der Moderne in München (tsp), "A History Of Influence" mit Werken von Mario García Torres im Fridericianum in Kassel (taz).
Weiteres: In der FR gratuliert Ingeborg Ruthe dem Georg-Kolbe-Museum, dem ersten Nachkriegs-Museum im Berliner Westen, zum anstehenden 75. Jubliäum. Besprochen wird die Ausstellung "Gerhard Richter · 81 Zeichnungen · 1 Strip-Bild · 1 Edition" in der Pinakothek der Moderne in München (tsp), "A History Of Influence" mit Werken von Mario García Torres im Fridericianum in Kassel (taz).
Literatur
Mit Carla Kasparis "Das Ende ist beruhigend", Amira Ben Saouds "Schweben" und Luise Meiers "Hyphen" entwerfen drei zwischen 1985 und 1991 geborene Autorinnen in ihren neuen Romanen Zukunftsszenarien, schreibt Thore Rausch in der SZ, und stellen "- bei aller Unterschiedlichkeit - einer Zeit, in der so viel ins Rutschen gekommen ist, eine überraschend gemeinsame Diagnose: Wer künftig noch glücklich sein will, muss sich betäuben. Schlafen, dissoziieren, vielleicht auch psychedelisch träumen sind dann Techniken des Überlebens. Ging es in fiktiven Zukunftsszenarien nicht früher darum, gegen alle Widerstände eine Utopie zu erkämpfen? ... Die Heldinnen dieser drei Romane jedenfalls finden einen gangbaren Ausweg aus einer reizüberfluteten, katastrophischen Welt in einem sanften Rausch. Die Zeit der großen Revolution erscheint vorbei. Das gilt für die fiktive Zukunft wie für unsere Zeit: Gehen auch wir in der Gegenwartsbewältigung gerade von der Phase der Verzweiflung in die der Erstarrung über? Das wäre fatal, denn der größte Gegner der Utopie ist - die Apathie."
Felix Philipp Ingold ergründet in der FAZ die Lyrik des 89-jährigen, russischen Autors Igor Guberman, der in Russland einst im Gulag festgehalten wurde, nach Israel auswanderte und heute in seiner alten Heimat als Aphoristiker geschätzt ist, während das Ausland ihn kaum kennt. Wegen des russischen Angriffs auf die Ukraine, geht er heute auf Distanz. "Wenn Igor Guberman heute eine globale literarische Reichweite hat, so deshalb, weil er als Exilant nicht nur seine ehemaligen Landsleute frei ansprechen kann, sondern auch bis nach Kanada und Japan mit der russischen Diaspora vernetzt ist. ... Dass die Texte des ehemaligen Regimekritikers und Lagerhäftlings in Russland weiterhin in Höchstauflagen erscheinen können, bezeugt seine bravouröse Fähigkeit, politisch brisante Themen und Probleme gewissermaßen 'durch die Blume' anzusprechen."
Weiteres: Alexander Menden hat sich für die SZ mit dem französischen Comiczeichner Luz getroffen, der in "Zwei weibliche Halbakte" aus Perspektive des gleichnamigen, von den Nazis geraubten Bildes von Otto Mueller die Geschichte der "entarteten" Kunst erzählt. In der FAZ gratuliert Teresa Grenzmann dem Hörbuchvorleser Felix von Manteuffel zum 80. Geburtstag.
Besprochen werden unter anderem Martin Suters "Wut und Liebe" (NZZ) und Katja Petrowskajas "'Als wäre es vorbei'. Texte aus dem Krieg" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
Felix Philipp Ingold ergründet in der FAZ die Lyrik des 89-jährigen, russischen Autors Igor Guberman, der in Russland einst im Gulag festgehalten wurde, nach Israel auswanderte und heute in seiner alten Heimat als Aphoristiker geschätzt ist, während das Ausland ihn kaum kennt. Wegen des russischen Angriffs auf die Ukraine, geht er heute auf Distanz. "Wenn Igor Guberman heute eine globale literarische Reichweite hat, so deshalb, weil er als Exilant nicht nur seine ehemaligen Landsleute frei ansprechen kann, sondern auch bis nach Kanada und Japan mit der russischen Diaspora vernetzt ist. ... Dass die Texte des ehemaligen Regimekritikers und Lagerhäftlings in Russland weiterhin in Höchstauflagen erscheinen können, bezeugt seine bravouröse Fähigkeit, politisch brisante Themen und Probleme gewissermaßen 'durch die Blume' anzusprechen."
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Besprochen werden unter anderem Martin Suters "Wut und Liebe" (NZZ) und Katja Petrowskajas "'Als wäre es vorbei'. Texte aus dem Krieg" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
Bühne

Eines der letzten wahren Tabus geht der französische Regisseur Mohamed El Khatib in seiner Inszenierung "Das geheime Leben der Alten" an, das bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen Premiere feierte, ruft SZ-Kritiker Max Florian Kühlem. Es geht nämlich um die Sexualität alter Menschen, denn ja, lernt Kühlem, der hier "starke Momente" erlebt, die gibt es durchaus: "Wenn man diesen Alten so zuhört, glaubt man tatsächlich irgendwann, was die 91-Jährige gleich zu Beginn mit Worten des französischen Dichters Alfred de Musset behauptet: dass die Liebe die große Sache im Leben ist, die Vereinigung zweier so furchtbar unperfekter Wesen. Die teilweise sehr detaillierten Einsichten, was das auch im hohen Alter noch bedeuten kann, mag manche schockieren, aber sie können auch entspannen. Sie zeigen, dass nicht automatisch zutrifft, was gemeinhin immer noch angenommen wird: dass Lust und Begehren im Alter enden, bei Frauen womöglich schon nach den Wechseljahren. Deshalb ist es besonders toll, dass Mohamed El Khatib mit der über 90-Jährigen einsteigt, die am liebsten täglich Sex hätte."
Besprochen werden Lotte van den Bergs und Tobias Staabs Inszenierung von Toshio Hosokawas Oper "Matsukaze" an der Münchner Staatsoper (FAZ), Andrea Moses' Inszenierung von Mike Svobodas Peter-Hacks-Oper "Adam und Eva" bei den Schwetzinger SWR-Festspielen (FR), eine Inszenierung von Lizzie Dorons Stück "Who the fuck is Kafka" des deutsch-israelisch-palästinensischen Theaterprojekts "Durch das Schweigen" am Schlosstheater Celle (taz).
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