Efeu - Die Kulturrundschau
Das eiskalte Bier nach einer langen Truckfahrt
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
17.03.2025. Der Tagesspiegel wird mitgerissen von der "archaischen Kraft" in Barrie Koskys Inszenierung der Glass-Oper "Echnaton". Die FAZ kritisiert das Bolschoi-Ballett, das eine Choreografie des Putinkritikers Alexei Ratmansky aufführt, ohne seinen Namen zu nennen. Zeit Online staunt beim International Countryfestival in Berlin über die immense Popularität dieser Musik: Liegt es an der Ehrlichkeit des Genres? In der FAZ erinnert der Literaturwissenschaftler Wolfgang Hottner an den norwegischen Schriftsteller Dag Solstad.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
17.03.2025
finden Sie hier
Bühne

Eine "archaische Kraft" bricht sich Bahn in Barrie Koskys Inszenierung von Philip Glass' Oper "Echnaton", staunt Rüdiger Schaper im Tagesspiegel. Kosky bringt die Geschichte von Echnaton, dem altägyptischen König, der den Sonnengott Aton zum einzig wahren Gott erklärte und damit als Mitbegründer des Monotheismus gelten kann, "bildmächtig" auf die Bühne der Komischen Oper Berlin, und auch die Musik kann sich hören lassen, lobt Schaper: "Der Begriff Minimal Music, oft bei Philip Glass benutzt, hat etwas Missverständliches, Verniedlichendes. Tatsächlich entladen seine melodischen Schleifen eine meditative Energie, mit der man irgendwo auf einer höheren Ebene, zwischen Barock und Rave landet. Jonathan Stockhammer, im Umgang mit Glass-Partituren erfahren, leitet das Orchester der Komischen Oper mit ansteckender Disziplin auf diese Flächen kosmischer Weite. Das bleibt lange danach im Ohr, im Kopf, im Körper."
Das russische Bolschoi-Ballett führt die Choreografie "The Bright Stream" des ehemaligen Direktors Alexei Ratmanskys auf, ohne seinen Namen zu erwähnen, berichtet Wiebke Hüster in der FAZ. Ratmansky positioniert sich klar gegen Putin und lebt seit 2009 in New York. In einem Statement auf Social Media, aus dem Hüster zitiert, wendet sich Ratmansky an das Theater: "Merkt euch: Jeder Schritt, den ihr in diesem Ballett macht, ist gestohlen. Jeder Applaus hallt wider von Heuchelei."
Weiteres: In der FAZ berichtet Gerald Felber vom Lyoner Opernfestival. Christina Gegenbauers Inszenierung von Akın Emanuel Şipals Stück "Mutter, Vater, Land" am Landestheater Detmold (nachtkritik), Lilja Rupprecht Inszenierung von "Die Vögel" am Schauspielhaus Zürich (FAZ), Tobias Herzbergs Inszenierung von Eve Leighs Stück "Verbranntes Land" (Salty Irina) am Schauspielhaus Wien (nachtkritik), Christoph Marthalers und Anna Viebrocks Inszenierung von "Wachs und Wirktlichkeit" an der Berliner Volksbühne (SZ, taz), Peter Jordans Inszenierung von "Don Quijote" nach dem Roman von Cervantes am Schauspiel Frankfurt (FR, FAZ).
Musik
Marlene Knobloch hat für eine Reportage auf Zeit Online das Internationale Countryfestival in Berlin besucht, wo sie so ungläubig wie staunend die immense Popularität des Genres nicht nur in den USA, sondern auch hierzulande zur Kenntnis nehmen musste. Vielleicht, mutmaßt sie nach vielen Begegnungen und Gesprächen, ist das Genre auch "deswegen so beliebt, weil Menschen Geschichten wollen. ... Wo andere Genres mit I-love-yous und Tonight gonna be a good night-Zeilen offen lassen, wen man überhaupt liebt, oder warum die Nacht jetzt genau gut werden wird, ist Country konkret, voller Details. Songs können sich nicht verstecken hinter giftgrünem Schriftzug und Persona-Inszenierung. Ein Song funktioniert, oder er funktioniert nicht. ... Und in Zeiten, in denen die Leute ständig Angst haben, etwas zu verlieren, sei es Geld, ihre Sicherheit, den Frieden in Europa, ihren Ruf auf der Arbeit, hält man sich gern an Traditionellem, Altbekanntem fest. ... Und sicher, Canyon-Prärie, Whiskey im Blut, das eiskalte Bier nach einer langen Truckfahrt auf dem Highway, Boots, Jeans und Jesus, darin steckt unheimlich viel Kitsch, Überzeichnung, Nostalgie, sowieso historische Verklärung. Aber auch Wahrheit."
Und wer konnte je George Jones widerstehen?
Im SZ-Gespräch schwärmt Filmkomponist Hans Zimmer von den heutigen Möglichkeiten der Score-Komposition: Nach einem Gespräch mit dem Regisseur "gehe ich ins Studio und fange an, zu schreiben - auch ohne die Bilder. Da ist oft noch gar nichts gedreht worden. Das war bei vielen Filmen so, und ich liebe diese Freiheit, einfach Musik zu schreiben, der man am Ende eine Richtung gibt."
Besprochen werden Richard Dawsons Album "End of the Middle" (taz), ein Auftritt von Phillip Boa in Frankfurt (FR) und ein neues Album des österreichischen Indiepop-Duos Cari Cari (Standard).
Und wer konnte je George Jones widerstehen?
Im SZ-Gespräch schwärmt Filmkomponist Hans Zimmer von den heutigen Möglichkeiten der Score-Komposition: Nach einem Gespräch mit dem Regisseur "gehe ich ins Studio und fange an, zu schreiben - auch ohne die Bilder. Da ist oft noch gar nichts gedreht worden. Das war bei vielen Filmen so, und ich liebe diese Freiheit, einfach Musik zu schreiben, der man am Ende eine Richtung gibt."
Besprochen werden Richard Dawsons Album "End of the Middle" (taz), ein Auftritt von Phillip Boa in Frankfurt (FR) und ein neues Album des österreichischen Indiepop-Duos Cari Cari (Standard).
Literatur
Der Literaturwissenschaftler Wolfgang Hottner schreibt in der FAZ zum Tod des Schriftstellers Dag Solstad, der "mehr als fünf Jahrzehnte hinweg die prägende literarische Stimme" Norwegens war. "Solstad verstand sich als Chronist des Industrialisierungs- und Modernisierungsprozesses seines immer reicher werdenden Heimatlandes, das sich für ihn durch die Ölmillionen von einer sozialdemokratischen Utopie zu einem kapitalistischen Normalfall entwickelte. Die Auseinandersetzung mit gescheiterten politischen Hoffnungen wurde zum Stoff seiner besten Romane wie 'Gymnasiallehrer Pedersen' oder 'Roman 1987', in denen er von der 'höchst eigenartigen Geschichte dieses Landes' erzählt." Auch in späteren Roman "beschreibt Solstad die verlorenen Ideale der Achtundsechziger-Generation. ... Das Mäandernde, Umständliche und Abschweifende wurde ihm früh zur Methode, und mit ebendiesem Tonfall hat er der norwegischen Literatursprache zu ungeahnten Höhen verholfen."
Weitere Artikel: Im Dlf Kultur sprechen Jörg Plath und Dorothea Westphal mit den fünf für den Leipziger Buchpreis nominierten Übersetzern. Ronald Pohl porträtiert im Standard den Schriftsteller Mario Wurmitzer. Christoph Krummenacher meldet in der Solothurner Zeitung, dass der Schriftsteller Peter Bichsel gestorben ist.
Besprochen werden unter anderem Christian Krachts "Air" (FR, online nachgereicht von der Welt), eine Ausstellung in der Bundeskunsthalle Bonn zu Susan Sontag (online nachgereicht von der FAS), Walburga Hülks Biografie "Victor Hugo. Jahrhundertmensch" (Standard), Lukas Maisels "Wie ein Mann nichts tat und so die Welt rettete" (Standard), Timo Brandts "Oder die Löwengrube" (Standard), Helene Hegemanns "Striker" (SZ) und neue Hörbücher, darunter Charly Hübners Lesung von Otfried Preußlers "Krabat" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Ralph Dutli über Christine de Pizans "Allein. Bin. Ich":
"Allein bin ich und will es immer bleiben,
allein hat mich mein süßer Freund gelassen,
allein ohne Gefährten schwunglos treibend ..."
Weitere Artikel: Im Dlf Kultur sprechen Jörg Plath und Dorothea Westphal mit den fünf für den Leipziger Buchpreis nominierten Übersetzern. Ronald Pohl porträtiert im Standard den Schriftsteller Mario Wurmitzer. Christoph Krummenacher meldet in der Solothurner Zeitung, dass der Schriftsteller Peter Bichsel gestorben ist.
Besprochen werden unter anderem Christian Krachts "Air" (FR, online nachgereicht von der Welt), eine Ausstellung in der Bundeskunsthalle Bonn zu Susan Sontag (online nachgereicht von der FAS), Walburga Hülks Biografie "Victor Hugo. Jahrhundertmensch" (Standard), Lukas Maisels "Wie ein Mann nichts tat und so die Welt rettete" (Standard), Timo Brandts "Oder die Löwengrube" (Standard), Helene Hegemanns "Striker" (SZ) und neue Hörbücher, darunter Charly Hübners Lesung von Otfried Preußlers "Krabat" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Ralph Dutli über Christine de Pizans "Allein. Bin. Ich":
"Allein bin ich und will es immer bleiben,
allein hat mich mein süßer Freund gelassen,
allein ohne Gefährten schwunglos treibend ..."
Film
Tal Sterngast spricht für die taz mit dem Bildhauer und Filmemacher Assaf Gruber. Claus Löser empfiehlt in der Berliner Zeitung eine Berliner Aufführung von Sema Poyraz' und Sofoklis Adamidis' 1981 an der DFFB entstandenem Film "Gölge". Das Team von critic.de - darunter einige, die auch für den Perlentaucher schreiben - resümiert den 22. Hofbauerkongress, der dieses Mal in Wien stattfand.
Besprochen werden die Wiederauffühurung von Andrzej Żuławskis Kultklassiker "Possession" aus dem Jahr 1981 (Jungle World), Todd Komarnickis "Bonhoeffer" (Standard), Moritz Terwestens Dokumentarfilm "Sterben ohne Gott" (SZ, epd, Kinozeit, critic.de) und die ARD-Serie "Marzahn Mon Amour" nach dem gleichnamigen Roman von Katja Oskamp (taz).
Besprochen werden die Wiederauffühurung von Andrzej Żuławskis Kultklassiker "Possession" aus dem Jahr 1981 (Jungle World), Todd Komarnickis "Bonhoeffer" (Standard), Moritz Terwestens Dokumentarfilm "Sterben ohne Gott" (SZ, epd, Kinozeit, critic.de) und die ARD-Serie "Marzahn Mon Amour" nach dem gleichnamigen Roman von Katja Oskamp (taz).
Kunst

Photo: Stefan Altenburger Photography, Zürich
Eine Einladung, sich der eigenen Fantasie zu bedienen, sieht Uta Appel Tallone (NZZ) in den Bildern der Schweizer Künstlerin Louisa Gagliardi, die das MASI in Lugano zeigt. Die "enigmatischen, magisch-traumhaften Bildmomente" ziehen die Kritikerin in ihren Bann: "In einem kleinen Seitenraum der Ausstellung hat die Künstlerin die Wände zur Gänze mit ihrer Malerei überzogen, so wie man es aus mit Fresken geschmückten Kirchenräumen aus dem Mittelalter und der Renaissance kennt. Dargestellt sind hier zwei Personen in Übergröße, ausgestreckt im Schlaf liegend, das Bettlaken geht in einen üppig rauschenden Wasserfall über. Auffallend sind die wie nachträglich eingekratzten 'Graffiti', die sich der Symbole der Vanitas-Stillleben aus dem Barock bedienen: heruntergebrannte Kerzen, angebissenes Obst, ein umgekipptes Weinglas, eine Blüte, die zwar noch im vollen Saft steht, aber die das baldige Verblühen ahnen lässt. Die Zeit ist im ständigen, unaufhörlichen Fluss."
Weiteres: Das ehemalige Haus der Kunsthändlerin Galka Scheyer in Los Angeles wurde von einem deutschen Unternehmer gekauft, berichtet Benno Herz in der FAZ, und wird so vor dem Abriss bewahrt. Besprochen werden die Ausstellung "Jetzt ist alles gut" mit Werken von Käthe Kruse in der Berlinischen Galerie (taz) und mehrere Ausstellungen in der Timo Miettinen-Collection in Berlin (Tagesspiegel), und die Ausstellung "Malgorzata Mirga-Tas - eine alternative Geschichte" im Kunstmuseum Luzern (NZZ).
1 Kommentar