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14.03.2025. In der SZ erzähltYasmina Reza vom "alltäglichen Unglück", das es bei Gerichtsprozessen zu beobachten gibt. Fasziniert besucht die nachtkritik das Hamburger Schauspielhaus, in dem Karin HenkelTove Ditlevsens "Die Abweichlerin" auf die Bühne gebracht hat. Die FAZ betrachtet im Rijksmuseum Amsterdam, wie der amerikanische Foto-Kanon neu justiert wird. Der Perlentaucher feierte gestern 25-jähriges Jubiläum im Deutschen Literaturarchiv Marbach. Und alle trauern um die Komponistin Sofia Gubaidulina.
25 Jahre Perlentaucher - hier der Livestream unserer Veranstaltung gestern Abend im Deutschen Literaturarchiv Marbach.
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Bestellen Sie bei eichendorff21!"Mich interessiert das alltägliche Unglück, Pech, Entgleisung. Geschichten von Männern und Frauen, die vom üblichen Weg abkommen und von der üblichen Moral", sagt die SchriftstellerinYasmina Reza im SZ-Gespräch mit Johanna Adorján zu ihrer vor einigen Jahren entwickelten Vorliebe, Gerichtsprozesse zu besuchen. Aus den dort beigewohnten Schicksalen schöpft sie auch für ihr neues Buch "Die Rückseite des Lebens". "Ich sehe, wie leicht man auf die andere Seite geraten kann. Pech. Ein falscher Umgang. Eine falsche Entscheidung. ... Es ist sehr selten, dass man wahre Bösewichter sieht. ... Ich sehe Literatur nicht als Ort des erbaulichen Denkens. Ich habe keine Lektion zu erteilen und keine Botschaft zu vermitteln. Ich will nichts beweisen. Ich untersuche menschliche Eigenheiten, Leidenschaften, Entgleisungen. Ich gebe sie so wieder, wie ich sie empfinde, und versuche auf diese Weise, das Leben zu hinterfragen."
Außerdem: Yi Ling Pan liest für die taz die neue Ausgabe der LiteraturzeitschriftDelfi. Philip Krohn wirft für die FAZ Schlaglichter auf Robert Musils "Der Mann ohne Eigenschaften" unter den Eindrücken aktueller großpolitischer Wetterlagen.
Besprochen werden unter anderem SerhijZhadans Erzählungsband "Keiner wird um etwas bitten" (NZZ), ChristianKrachts "Air" (JungleWorld, Standard) und JessicaAnthonys "Es geht mir gut" (FR). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Die Ausstellung "American Photography" im Rijksmuseum Amsterdam "ruckelt am Kanon der Fotografiegeschichte", zumindest für FAZ-Kritiker Freddy Langer, und zeigt ihm auch die Melancholie, die dem Land of the Free und seiner Fotokunst innewohnt: "Neben dem ästhetischen Aspekt lenkt sie den Blick stets auf soziale Verhältnisse, öfter noch Missverhältnisse - mit einem Schwerpunkt auf dem schwarzen Teil der Gesellschaft. So dienen als Beispiele für die frühen, tausendfach verkauften Carte de Visites das Motiv eines von Peitschenschlägen zerschundenen Rückens eines Sklaven sowie ein Porträt der schwarzen Freiheitskämpferin Sojourner Truth. Gefolgt von hundert Jahre später entstandenen Reportagen über ein Leben an der Grenze zur Apartheid. Stellvertretend für millionenfach fotografierte Hochzeitsbilder wiederum erschreckt die Aufnahme eines weißen Offiziers in Uniform samt all seiner Orden, dessen Gesicht im Irakkrieg zur Unkenntlichkeit entstellt wurde, neben seiner starr ins Nichts schauenden, bildhübschen Braut, Freundin schon aus Schulzeiten."
Weiteres: Yelizaveta Landenberger berichtet in der FAZ vom Pinchuk Art Prize in Kiew. Der Standardfreut sich über die Wiederentdeckung von Gustav Klimts "Porträt eines afrikanischen Prinzen."
Nachtkritiker Andreas Schnell lässt sich von Tove Ditlevsens "Die Abweichlerin" in der Fassung von Karin Henkel am Hamburger Schauspielhaus in den Bann ziehen. Lina Beckmann verkörpert die Protagonistin Lise Mundus, die in einer Ehekrise nach einem neuen Mitbewohner sucht und sich ihre Suizidversuche mit Tabletten schönfärbt: "Virtuos gleitet Beckmann durch die verschiedenen, schon bei Ditlevsen angelegten Perspektiven, verwandelt sich im Nullkommanix von der tablettensüchtigen Dichterin in den Mann der treuen Haushälterin, der sich wiederum mal eben so mithilfe eines Pappfernsehers zum Maigret fantasiert. Das ist durchaus im Sinne Ditlevsens, die die doch recht düstere Geschichte ihrer selbst vielstimmig mit kühnem erzählerischem Drive und Witz gestaltet, und es nimmt dem Stoff etwas von der Härte."
Über "Ex" von Marius von Mayenburg an der Berliner Schaubühnekanntaz-Kritikerin Sophia Zessnik nur seufzen: Die Geschichte um ein Paar, das sich im Alltagstrott irgendwann nicht mehr viel zu sagen hat, ist weder innovativ noch aufregend, meint er: "Die passive Aggressivität, mit der sich das Paar die gegenseitige Missachtung um die Ohren wirft und die irgendwann sogar in aktive Gewalt umschlägt, trägt leider nicht über die gesamten zwei Stunden Stückdauer. Da hilft auch der Auftritt der titelgebenden Ex, der Zoohandlungsfachverkäuferin Franziska, nicht. Deren Figur bleibt derart schemenhaft, dass man es Darstellerin Eva Meckbach kaum verübeln mag, sie nicht ausfüllen zu können. Ob es nicht ausgereicht hätte, 'die Ex' wie anfangs als unsichtbares Damoklesschwert über der Beziehung schweben zu lassen, fragt man sich unweigerlich."
Weiteres: Der Regisseur Christopher Rüping darf sich über den Berliner Theaterpreis freuen, vermeldet die Berliner Zeitung.
Besprochen werden: Sebastian Hartmanns "Faust" am Staatstheater Kassel, ein Musiktheater nach der Oper "La damnation de Faust" von Hector Berlioz (FR) und "Making the Story" vom Kollektiv Futur 3 am Schauspiel Köln (Nachtkritik).
Besprochen werden WalterSalles' Oscargewinner "Für immer hier" (SZ, mehr dazu bereits hier), IdoFluks "Köln 75" über KeithJarretts "Köln Concert" (Zeit Online, mehr dazu bereits hier), MoritzTerwestens Dokumentarfilm "Sterben ohne Gott" (critic.de), die Netflix-Serienadaption von GiuseppeTomasideLampedusasRomanklassiker "Der Leopard", deren Abwandlungen Zeit-Online-Rezensent Raoul Löbbert mitunter ziemlich frech findet, AnandTuckers "The Critic" mit IanMcKellen (online nachgereicht aus der WamS), die ARD-Serie "Marzahn Mon Amour" nach dem gleichnamigen Roman von KatjaOskamp (FAZ), die Netflix-Serie "Zero Day" mit RobertdeNiro (Freitag), die auf Apple TV+ gezeigte Serie "Dope Thief" (taz) und die auf Amazon gezeigte Bibel-Adaption "House of David" (FAZ).
Die 1931 in der Sowjetunion geborene, 1992 nach Deutschland ausgewanderte Komponistin SofiaGubaidulina ist tot. Die Musikkritiker würdigen eine große Eigensinnige und Neugierige der Musikgeschichte. "Die unermüdliche Neugier und Gubaidulinas feines Gespür für klangliche Experimente jenseits der etablierten Hörerfahrungen lassen sich unter anderem an ihrer Vorliebe für ungewöhnliche Instrumentenkombinationen ablesen", schreibt Marcus Stäbler in der NZZ.
Vor allem aber war Gubaidulina eine religiöseMysterikerin, wie Reinhard J. Brembeck in der SZ schreibt: Sie "transformierte in ihrer Musik das Religiöse immer in einen Musikwundergarten, in dem sie alle seit der Romantik erdachten Klangmöglichkeiten kunstvoll und unverkennbar einpflanzte: Romantisches und Meditatives, Apokalyptisches und Impressionistisches, Zärtliches und Scharfrichtermäßiges. Gubaidulina kannte und nutzte das alles, um ihre Musikwelt zu errichten, die genauso reichhaltig und divers wie die reale Welt der Menschen sein sollte, was ihr immer auch gelang. Dabei ging es ihr wesentlich darum, mit Klängen, Melodien und Rhythmen die Menschenseelen und ihre Ängste, Träume, Lüste zu erforschen und zu dokumentieren. So wirken ihre Stücke nicht wie Artefakte, sondern wie lebende Organismen."
"Die Gegenwart erreichte Gubaidulina mit ihrer Musik vor allem, weil sie aus Symbol- und Verweiszusammenhängen schöpfte, die älter und größer sind als das Ich", hält Jan Brachmann in der FAZ fest. Aber "in ihren Werken, die häufig atonalen und strengen Materialplänen gehorchen, werden keine wohligen Archaismen mit reinen Dreiklängen als Existenzberuhigungspillen verteilt. Ein spätes, schockierendes Orchesterwerk trägt gar den Titel 'Der Zorn Gottes'. Vorweggenommene Erlösung ist diese Musik nicht, nur Sehnsucht danach - aus der Erfahrung von Schmähung, SchändungundSchuld."
Vor dem "reinigenden Klangdonnerwetter" im "Zorn Gottes" geht auch Welt-Kritiker Manuel Brug auf die Knie: Dieses Werk "machte seinem Namen mit reinigendem Jericho-Bläserdonner von allein vier Wagnertuben und zwei Basstuben, vehementen Streicherfuriosi und gleißenden Dies-Irae-Kaskaden alle Ehre. Diese domestizierte Aggression, gestisch, kontrapunktisch, vielschichtig, raffiniert, leuchtend, zivilisatorisch enthemmt, sie tat so gut! Marschtrommel und großer Gong ließen als tönende Apotheose den thronenden Christus des Jüngsten Tags erscheinen."
Weitere Artikel: Reinhard J. Brembeck erzählt in der SZ von seiner Begegnung mit dem US-Komponisten JohnAdams. Lorina Speder erklärt in der taz den Reiz der Sängerin UmmKulthum, deren 50. Todestag Ägypten in diesem Jahr gedenkt. KönigCharlesIII. zielt mit seiner eben auf Apple Music veröffentlichten Playlist eher nicht auf Distinktionsgewinn und Coolness, glaubt Marion Löhndorf in der NZZ: Stattdessen wirkt die Zusammenstellung "wie ein diplomatisch fein abgewogenes Musiksortiment". Außerdem meldet der Standard, dass es eine neue Rekonstruktion von Mozarts Antlitz gibt, aber "ob diese nun Mozart tatsächlich entspricht, muss offen bleiben".
Besprochen werden das neue Album von LadyGaga (NZZ, mehr dazu hier), das neue Album von GrupŞimşek ("Ein Unbehagen bleibt", findettazler Julian Weber, den die eine oder andere Zeile an einschlägigeParolen der Palästina-Solidarität erinnert), ein von AdamFischer dirigiertes Konzert der WienerSymphoniker mit der Sopranistin CamillaNylund (Standard), EddieChacons "Lay Low" (FR) und weitere neue Popveröffentlichungen, darunter das neue Solo-Album von Punklegende BobMould ("die Texte sind düster, die Melodien strahlend hell", findet Simon Brauer im Tagesspiegel).
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