Efeu - Die Kulturrundschau

Wer den Hammer in der Hand hält

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11.03.2025. Der Perlentaucher veröffentlicht Thierry Chervels Interview mit Kamel Daoud, der mit ihm über die fatale Situation seines Freundes Boualem Sansal und die Machtdemonstrationen des algerischen Regimes gesprochen hat. Die FAZ erkennt dank Isa Genzken im Frankfurter Liebieghaus, dass die Gottkönigin Nofretete mit Sonnenbrille sogar noch eleganter ausgesehen hätte. Jungle World widmet Hirokazu Koreedas feinsinniger Mini-Serie "Asura" über ein japanisches Kleinfamilien-Chaos endlich die verdiente Aufmerksamkeit.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.03.2025 finden Sie hier

Literatur

Perlentaucher Thierry Chervel hat das Gespräch transkribiert, das er am Freitagabend im Deutschen Theater mit dem algerischen Autor Kamel Daoud führte. Daoud war für den Abend aus Paris angereist, unter anderem um über seinen Freund Boualem Sansal zu sprechen, der seit mehr als drei Monaten wegen seiner Meinungsäußerungen vom algerischen Regime gefangen gehalten wird. Sansals aktuelle Situation beschreibt Daoud so: "Er hatte tatsächlich einen Hungerstreik angefangen, aber laut Quellen, mit denen ich in Kontakt bin, hat er ihn auf Anraten seiner Ärzte abgebrochen. Er hat drei Anwälte, einen französischen Anwalt, François Zimeray, und zwei algerische Anwälte. Das Regime hat Zimeray die Einreise verweigert, mit einer Begründung, die man inzwischen kennt, nämlich dass er Jude ist. Offiziell sagen sie, es liege daran, dass Zimeray zu viel in den Medien geredet habe. Eine Zeitlang war von einem zweiten französischen Anwalt die Rede, den man hinzuschalten könnte. Aber das ist wegen der immer stärkeren Spannungen zwischen Frankreich und Algerien ins Wasser gefallen. Hinzu kommt ein Spielchen, das die Behörden spielen. Mal lassen sie seine Frau ihn besuchen, mal darf er ins Krankenhaus, dann muss er wieder ins Gefängnis. Damit wollen sie zeigen, wer den Hammer in der Hand hält. Und im Moment ist die Situation blockiert, es gibt keine Hoffnung." Der Abend für Boualem Sansal im Deutschen Theater wurde im Radio 3 des RBB übertragen und kann hier nachgehört werden.

Die NZZ bringt eine literarische Reportage des polnischen Schriftstellers Szczepan Twardoch vom Kriegsgeschehen in der Ukraine. Dieses wird vor allem von Drohnen bestimmt. "Das Kampffeld ist transparent geworden, Tod und Leben sind durch einen grauen Streifen getrennt, von einem Niemandsland: Da ist jemand, der nicht mehr lebt, aber auch noch nicht tot ist, schwebend zwischen den Zuständen, ausgeliefert der Gunst des Piloten. Der Major, der mir von den Drohnen erzählte, sprach auch über die Geländeformation, die seiner Ansicht nach keine größere Bedeutung mehr hat. Überall Kameras. Du brauchst keine Anhöhe mehr, um etwas zu sehen. Die Artillerie wird ohnehin möglichst tief versteckt. Strategische Bedeutung hat etwas anderes: Alles ruht auf Starlink. Die ganze Übertragung von Tausenden Videoaufnahmen, die Messenger Signal und Google Meet, der Informationskreislauf dieses Krieges, alles erfolgt mithilfe des Satelliteninternets. 'Wenn Musk uns das ausschaltet', sagte damals der Major, 'sind wir am Arsch. Dann haben wir nichts.'"

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Mit Helmut Böttigers Beitrag schließen wir unsere Kritikerumfrage nach den fünf prägendsten Büchern deutscher Sprache der letzten 25 Jahre ab, bevor wir am kommenden Donnerstag im Literaturarchiv Marbach unser 25-jähriges Bestehen feiern. Böttiger nennt Bücher von Sibylle Lewitscharoff, Lutz Seiler, Ulrich Peltzer, Emine Sevgi Özdamar und Wolfgang Hilbig, dessen "Das Provisorium" aus dem Jahr 2000 "wie ein Fanal aus dem 20. für das 21. Jahrhundert wirkt. Hilbigs Wiederaufnahme der schwarzen Romantik, die radikale Infragestellung seiner Biografie und seiner literarischen Prägungen führt eine existenzielle Aufladung des Schreibens jenseits des Literaturbetriebs vor: die obsessive Besetzung der Literatur durch einen Autodidakten aus der Unterschicht. 'Das Provisorium' entwirft zugleich ein hyperrealistisches Bild für das Weiterleben der DDR. Hilbig ist so etwas wie der letzte Klassiker der Moderne." Alle Beiträge zu unserer Kritikerumfrage finden Sie hier.

Weitere Artikel: Andreas Hartmann berichtet in der taz von seinem Treffen mit den Gründerinnen von zoraLit, einer genossenschaftlich organisierten Literaturagentur. Dazu passend berichtet Anna Hoffmeister in der taz von einer "Betriebsversammlung" in Leipzig, wo Schriftsteller sich über die prekären Bedingungen des Schreibens austauschten. Im Tagesspiegel-Fragebogen gibt die Comiczeichnerin Claudya Schmidt Auskunft über ihre Arbeit.

Besprochen werden unter anderem Heike Geißlers Essay "Verzweiflungen" (FR), Jovana Reisingers Essay "Pleasure" (Standard), Vigdis Hjorths "Wiederholung" (FAZ) und Christian Krachts "Air" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Archiv: Literatur

Film

Vielschichtige Menschen: "Asura" von Hirokazu Koreeda

Dass der japanische Autorenfilmer und Cannes-Gewinner Hirokazu Koreeda bereits seit Januar mit "Asura" eine Miniserie bei Netflix online stehen hat, hat die deutsche Feuilleton-Öffentlichkeit bislang eher nicht zur Kenntnis genommen. Tobias Obermeier holt das Versäumnis in der Jungle World nach. Auf Grundlage eines Romans von Kuniko Mukōda erzählt Koreeda von den Turbulenzen einer japanischen Kleinfamilie nachdem ans Tageslicht kam, dass der schon etwas ältere Vater eine Affäre mit einer deutlich jüngeren Geliebten hat. Dem Regisseur glückt "eine feinsinnige, erheiternde und clevere Serie, die einmal mehr Koreedas Kunst der nuancierten und komplexen Figurenzeichnung beweist", schreibt Obermeier beglückt. Die Serie "verzichtet gänzlich auf Plottwists oder Cliffhanger, jene Tricks, mit denen Serien allzu gerne um die überstimulierte Aufmerksamkeit ihrer Zuschauer buhlen. Die Serie ist klassisches, figurenzentriertes Erzählfernsehen. ... Nicht, was passiert, steht im Zentrum der Erzählung, sondern wie die Figuren mit dem Passierten umgehen. ... Koreeda zeichnet seine Figuren dabei nicht als reine Opfer einer männerdominierten Gesellschaft. In ihrer Vielschichtigkeit sind sie Menschen, die ebenso sehr Produkt der Gesellschaft sein können, wie sie für ihr eigenes Tun verantwortlich sind."

Außerdem: Valerie Dirk empfiehlt im Standard die Retrospektive Ousmane Sembène im Wiener Filmarchiv. Besprochen werden Céline Sallettes Biopic "Niki" über die Künstlerin Niki de Saint Phalle (Standard), die Netflix-Serie "Delicious" (FAZ), die ARD-Serie "Ghosts" (taz), Jonathan Eusebios Martial-Arts-Thriller "Love Hurts" mit Oscargewinner Ke Huy Quan (SZ) und Thomas Helbigs Buch "Film als Form des Denkens. Jean-Luc Godards Geschichte(n) des Kinos" (FAZ).
Archiv: Film

Kunst

Isa Genzken, Schauspieler, 2016. Ausstellungsansicht im Antikensaal. Foto © Norbert Miguletz


Das passt aber gut zusammen, findet Stefan Trinks in der FAZ: In einer Ausstellung im Frankfurter Liebieghaus treffen die Skulpturen der Künstlerin Isa Genzken auf Werke von ägyptischer Zeit bis ins 18. Jahrhundert. Eine vielversprechende Kombination, so Trinks, denn "in einer viele tausend Jahre umspannenden Sammlung wie der Frankfurter fügen sich Genzkens Werke geradezu harmonisch ein, weil Kunst und insbesondere Hoch- und Hofkunst häufig dem Exzess frönte, und das nicht nur im Manierismus." Die Skulpturen ergänzen und verstärken ihre Wirkung gegenseitig: "Eine weiße Gips-Pharaonin steht neben einer kräftig farbig gefassten auf von der Künstlerin entworfenen filigranen Holz-Ziehharmonika-Sockeln; beide tragen eloxierte Sonnenbrillen, die Nofretetes Eleganz trotz Verhängung des Blicks der geblendeten Gottkönigin noch betonen. Oder genauer: noch fokussieren, denn durch die semitransparente Brille der bunten Schönheitsgöttin sieht man deren Augen deutlich, und so kann der Betrachterblick den Pharaonenblick quer durch den Saal verfolgen."

Weiteres: Maritta Adam-Tkalec berichtet in der Berliner Zeitung über den Verbleib eines Glasfrieses des Künstlers Hans Vent aus DDR-Zeiten. Nicola Kuhn greift im Tagesspiegel die Raubkunst-Affäre um die Bayerische Staatsgemäldesammlung auf (unsere Resümees). Besprochen wird die Ausstellung "Polaroids. Helmut Newton Stiftung" im Museum für Fotografie Berlin (FAZ).
Archiv: Kunst

Bühne

Szene aus "Gertrude Stein und eine Begleitperson" am Frankfurter Kulturhaus. Foto: Andreas Kemler.

An Gertrude Stein, aber vor allem an ihre Partnerin Alice B. Toklas erinnert Anja Becker mit ihrer Inszenierung von Win Wells' Stück "Gertrude Stein und eine Begleitperson" im Frankfurter Kulturhaus, erfahren wir von FR-Kritikerin Judith von Sternburg. Eine sehenswerte "Bühnen-Bio" über die Freundin und Geliebte, deren "goldbrauner Anwesenheit" sich Stein 1907 zuwandte, wie Sternburg zitiert. "So schäbig der Raum, so symmetrisch stehen je ein körpergrößer Spiegel seitlich davor und vor diesem zwei kleine Sitzbänke. Wichtig ist das Manuskript aus leeren Seiten, das anfangs auf dem Boden liegt und dann, in Fetzen oder durch die Lüfte flatternd, für Steins Testament und Bücher einsteht. Beide tragen samtiges Schwarz: Toklas ein Kleid passend zu ihren kurzen Haaren, Sattler zum Steinschen Streichholzschnitt in Blond. Da das Stück den Todestag Steins zum losen Rahmen macht, ist seine Stein eine Geistpräsenz, der Dialog ein Geistergespräch, was Sattler in wabernde Bewegungen umsetzt."

Weitere Artikel: In der FAZ befragt Jürgen Kesting den Regisseur Tobias Kratzer zu seinen Plänen als neuer Intendant der Hamburgischen Staatsoper. Robert von Lucius schreibt ebenfalls in der FAZ den Nachruf auf den südafrikanischen Schriftsteller und Autor Athol Fugard, eine wichtige Stimme in der Protestbewegung gegen die Apartheid. Kathrin Bettina Müller stellt in der taz die Regisseurin Anita Vulesica vor, die mit ihrer Inszenierung von "Die Maschine oder: Über allen Gipfeln ist Ruh" (unser Resümee) zum Berliner Theatertreffen eingeladen ist.

Besprochen werden Elas Weilands Inszenierung der Performance "Ein Mensch ist keine Fackel" am Theater Aufbau Kreuzberg (tsp), Anna Malena Großes Adaption von Jane Austens "Stolz und Vorurteil" am Staatstheater Darmstadt (FR), Ulrich Wallers Inszenierung von David Mamets Stück "Oleanna - Ein Machtspiel" am St. Pauli - Theater Hamburg (nachtkritik).
Archiv: Bühne

Musik

An Karajan-Aufnahmen herrscht weißgott kein Mangel, aber die neue, 24 CDs umfassende Box "Live in Berlin 1953-1969" ist dann doch etwas Besonderes, schreibt Manuel Brug in der Welt: Über seine Studioaufnahmen wachte Karajan eifersüchtig, doch diese im genannten Zeitraum mit den Berliner Philharmonikern für den SFB und den RIAS entstandenen "Mitschnitte waren für Karajan Dienst am Subventionsgeber, Abfallprodukte ohne ewigen Wert, für das schnelle Vergessen der Radioarchive. Für die Nachwelt sind sie aber nun zwar keine Sensation, aber doch ein nachklingender Schatz ... Die Live-Konzerte sind nicht grundsätzlich anders in einer oft früh gefundenen, nur stetig ausgefeilteren, scheinbar definitiven Interpretation. Doch sie sind spontaner, direkter, abrupter. Sie sind auch aus dem Moment heraus und in der Konzertvariation mutiger als die geputzten, scheinbar perfekt makellosen Mikrosessions ohne Publikum", so Brug, der hier Karajan und das Orchester "bei der Arbeit" erlebt.

Weitere Artikel: Rahel Zingg (NZZ) und Patricia Shams (TA) stellen Zoë vor, die die Schweiz beim ESC vertreten wird. Andrian Kreye spricht in der SZ mit Thomas Anders, der die ersten sechs Modern-Talking-Alben ohne Dieter Bohlen neu aufgenommen hat. Ueli Bernays (NZZ), Edo Reents (FAZ), David Ensikat (Tsp) und Jakob Biazza (SZ) gratulieren Nina Hagen zum 70. Geburtstag.

Besprochen werden Lady Gagas neues Album "Mayhem" (Welt, SZ, mehr dazu bereits hier). Rebecca Blacks neues Album (Standard), Pastels Britpop-Album "Souls In Motion" (FR), ein Frankfurter Konzert des Ensemble Modern mit Werken von Brigitta Muntendorf und Hainbach (FR) sowie neue Popveröffentlichungen, darunter ein neues Album von Hamilton Leithauser (Standard-Kritiker Karl Fluch hat viel Freude an "den großen Gesten").

Archiv: Musik