25 Jahre Perlentaucher

Der letzte Klassiker der Moderne

Von Helmut Böttiger
11.03.2025. "Wie sich utopische Entwürfe mit der konkreten Lebensrealität vereinbaren lassen", ist das Generalthema.Helmut Böttiger antwortet auf die Kritikerumfrage des Perlentaucher.
25 Jahre Perlentaucher: Wir fragen die bekanntesten Kritiker und Kritikerinnen Deutschlands: "Welches waren für Sie die fünf prägendsten Bücher der deutschsprachigen Literatur seit 2000" (Editorial). Als Orientierung haben wir ihnen diese Liste mit den meistbesprochenen Büchern der deutschen Literatur seit 2000 mitgegeben. Am 13. März feiern wir mit dem Deutschland Literaturarchiv in Marbach und der Frage: Wohin geht die deutsche Literatur? Das Archiv der bisherigen Beiträge finden Sie hier. D.Red.

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- Wolfgang Hilbig: Das Provisorium
- Sibylle Lewitscharoff: Apostoloff
- Lutz Seiler: Kruso
- Ulrich Peltzer: Das bessere Leben
- Emine Sevgi Özdamar: Ein von Schatten begrenzter Raum

Im Jahr 2000 erschien Wolfgang Hilbigs Roman "Das Provisorium". Er wirkt wie ein Fanal aus dem 20. für das 21. Jahrhundert. Hilbigs Wiederaufnahme der schwarzen Romantik, die radikale Infragestellung seiner Biografie und seiner literarischen Prägungen führt eine existenzielle Aufladung des Schreibens jenseits des Literaturbetriebs vor: die obsessive Besetzung der Literatur durch einen Autodidakten aus der Unterschicht. "Das Provisorium" entwirft zugleich ein hyperrealistisches Bild für das Weiterleben der DDR. Hilbig ist so etwas wie der letzte Klassiker der Moderne.

Das Schwäbisch-Knorzige ist nie über den engeren Wirkungsbereich seiner Region hinausgedrungen. Vielleicht ist es deshalb so bemerkenswert, mit welcher Verve die gebürtige Stuttgarterin Sibylle Lewitscharoff in den Jahren nach 2000 die deutsche literarische Landschaft erobert hat. Sie stellt Fragen nach dem Ersten und Letzten und mischt dabei alle möglichen Sphären zwischen Hoch- und Popkultur. Witzig und abgrundtief kommt auch ihr Roman "Apostoloff" daher, der ihren hinreißenden Stil vielleicht am prägnantesten zeigt. Das Leben zwischen den Kulturen - der bulgarische Hintergrund der Autorin wird sarkastisch-wissend mitbefragt - ist hier bereits differenziert ausgeleuchtet, lange bevor es zu einem Generalthema der deutschsprachigen Literatur wurde.

"Kruso" ist der erste Roman Lutz Seilers, der längst als Lyriker auf sich aufmerksam gemacht hatte. Man merkt es seinem Prosastil an: poetisch, mit überraschenden Bildern und einem rhythmischen Sog, der jenseits aller Handlung eine eigene ästhetische Wirkung entfaltet. Motive aus der Literaturgeschichte und der unmittelbaren Gegenwart gehen ineinander über. Die Geschichte einer Gruppe von DDR-Aussteigern auf der Insel Hiddensee im Sommer vor dem Fall der Mauer 1989 hat einerseits eine ungemein verdichtete zeitgeschichtliche Dimension, andererseits wird sie zu einem einzigartigen Sprachkunstwerk. Die Sehnsucht nach einem poetischen Dasein bildet das überraschende Zentrum dieses spannenden und dabei hochpolitischen Romans.   

Ulrich Peltzer schließt an die großen westlichen formsprengenden Prosaautoren wie James Joyce oder William Faulkner an, und er verbindet das mit gesellschaftspolitischen Fragestellungen. Wie sich utopische Entwürfe mit der konkreten Lebensrealität vereinbaren lassen, ist sein Generalthema. Er beharrt, abseits aller Formen des Konsumismus, auf dem Rebellischen der Popkultur. Der große Roman "Das bessere Leben" handelt von aktuellen Arbeitsverhältnissen im sich beschleunigenden Finanzkapitalismus, aber das Ökonomische bildet nur den Hintergrund. Es geht um psychische Prozesse, um ein Bewusstseinspanorama. Und dass eine zeitgenössische Mephisto-Figur im Zentrum steht, ist ein ästhetischer Coup.

Mit zum Schönsten der letzten Jahre gehört, dass mit "Ein von Schatten begrenzter Raum" die Bedeutung von Emine Sevgi Özdamar voll erkannt wurde. Sie war die erste, die deutsche und türkische Erfahrungen zu etwas vollkommen Neuem verband: als deutschsprachige Autorin mit türkischer Muttersprache. Dabei geht es, trotz aller gewaltigen Erzählstoffe und der phantastisch ausufernden Sprache, nie um einen vermeintlich orientalischen Reiz. Özdamar beschreibt die türkische und die deutsche Gesellschaft in all ihren politischen Verwerfungen, und ihr Fluchtpunkt ist die Ästhetik, die Tradition des grotesken, absurden, skurrilen Theaters, der surrealistische Film, eine alles amalgamierende Sprache.