Efeu - Die Kulturrundschau
Zuhause bei den fernsten Dingen
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
04.02.2025. Monopol beugt sich über den neuen Verhaltenskodex der Documenta und fragt: Bleibt alles beim Alten? Die Welt überlegt derweil in München, ob Exzentrik nicht eine Kategorie der Kunst sein sollte. Die NZZ erlebt bei einer Filmreihe in Bern die emotionale Präsenz der Inuit in Grönland und staunt, wozu Kino in der Lage ist. FAZ und FR küren Albéric Magnards vergessene Oper "Guercoeur" in Frankfurt zum Stück der Stunde. Die Musikkritiker fragen sich: Sind die Grammys misogyn oder nicht?
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
04.02.2025
finden Sie hier
Kunst

Zwischen all dem "Konformismus und Biedermeier" tut etwas Exzentrik ziemlich gut, findet Annegret Erhard (Welt), die sich in der Pinakothek der Moderne in München die Schau "Eccentric" angesehen hat, deren Bizarrerie jede Menge Toleranz voraussetzt: "Krass und weitab jeder Norm krümmt sich Anna Uddenbergs 'Climber', eine Frauenfigur im nieten- und schnallenbewehrten Catsuit (...), qualvoll uneindeutig und brutal sexualisiert über ein Möbelstück. Der Gynäkologenstuhl der schwedischen Künstlerin mit der Anmutung eines Fitnessgeräts - oder vice versa - verweist auf ein sich ungebremst anbahnendes Amalgam von Mensch und Maschine im Dienst der Selbstoptimierung. Und daneben finden die Altmeister der bei aller Unwahrscheinlichkeit doch zunehmend wahrscheinlichen Gegenwelt des Schreckens und der Transformation ihren Platz: Cindy Sherman, Isa Genzken sowie Max Ernst und Salvador Dalí pfeifen und pfiffen auf die gängigen ästhetischen Regeln. Aber sind sie wirklich Exzentriker? Oder einfach Künstler, die höchst inspiriert Grenzen verschieben, die eigenwillig und radikal überzeugen? ... Gibt es eine Ästhetik der Freiheit? Was unterscheidet sie von der schlicht künstlerisch-originären Bildidee? Kann Exzentrik eine Kategorie der Kunst sein?"
Die Documenta hat einen Code of Conduct veröffentlicht, den sich Saskia Trebing für Monopol angesehen hat. Das Dokument ist ein Kompromiss, wird aber zu Widerspruch anregen, meint sie. So sollte der Kodex auch für die künstlerische Leitung gelten, gilt jetzt aber nur noch intern. Allerdings muss die künstlerische Leitung ihr Konzept drei Monate nach ihrer Wahl öffentlich vorstellen. Auch dass sich der Kodex zur "Gewährleistung von Schutz gegen Antisemitismus, Rassismus und jedweder anderen Form gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit" bekennt, dabei aber auf die IHRA-Definition zurückgreift, könnte Raum für Konflikte bieten, so Trebing. Problematisch findet sie aber vor allem folgenden Passus: "'Soweit die Documenta künstlerische Äußerungsformen als im Konflikt stehend zu den in diesem Code of Conduct manifestierten Verhaltensgrundsätzen beurteilt, behält sie sich vor, ihre hieraus resultierende Haltung zu kommentieren und dies gegebenenfalls auch im unmittelbaren Wahrnehmungsbereich ausgestellter Kunstwerke durch Kontextualisierungen zum Ausdruck zu bringen.' Hier wird also die Möglichkeit eröffnet, während eines Dissenz' zwischen künstlerischer und organisatorischer Leitung keine einvernehmliche Lösung finden zu müssen, sondern unterschiedliche Beurteilungen nebeneinander stehen lassen zu können. Ironischerweise kehrt hier genau die Strategie wieder, welche die Documenta auch 2022 anwandte, aber nie so klar als als solche benannt hat."
Weitere Artikel: In der Berliner Zeitung gefällt Ingeborg Ruthe Emmanuel Macrons Idee, einen Mehrpreis auf den Anblick der Mona Lisa im Louvre zu erheben, gar nicht schlecht: Könnte man sich in Berlin auch mit der Nofrete vorstellen, meint sie. In der taz berichtet Nadine Conti vom Fall des Bildes "Bunte Wicken und Rosen (Erbsenblüten)" des Malers Lovis Corinth, das seit 2008 von einer jüdischen Familie von der Stadt Hannover zurückgefordert wird.
Besprochen werden die Ausstellung "Ellen Auerbach und Lea Grundig - Zwei Künstlerinnen in Palästina" im Museum Eberswalde (taz) und die Ausstellung "Trésors du Petit Palais de Genève" mit Werken aus der Sammlung Oscar Ghez in der Hermitage in Lausanne (FAZ).
Literatur
Unsere Kritikerumfrage anlässlich von 25 Jahren Perlentaucher geht weiter (hier übrigens alle Beiträge unserer Reihe). Wir fragen: Welches waren für Sie die fünf prägendsten Bücher der deutschsprachigen Literatur seit 2000? Cornelia Geißler antwortet mit fünf Büchern von Julia Franck, Katja Lange-Müller, Marcel Beyer, Katja Petrowskaja und Lutz Seiler. Deren Romane nimmt sie zum Anlass, um thematische Schwerpunkt-Cluster zu identifizieren, von denen einer heraussticht: "Die deutsche Teilung ist im 21. Jahrhundert Geschichte, doch sind vieler Menschen Leben dadurch geprägt worden." Ein Niederschlag davon findet sich somit auch in in der Literatur. Auch "nahm im betrachteten Zeitabschnitt eine große Zahl von Autorinnen und Autoren den eigenen Lebenslauf als Stoff. "'Vielleicht Esther' von Katja Petrowskaja ragt aus dieser Strömung thematisch und durch ihre Vorgehensweise heraus. Die Autorin erforscht ihre ukrainisch-jüdische Familienbiografie, fügt Fäden zusammen, die von nazideutschen Befehlsempfängern zerrissen wurden. Ihr beharrliches Suchen nach Informationen und einer Sprache dafür entfalten eine lang andauernde Wirkung."Besprochen werden unter anderem Bill Gates' Autobiografie "Source Code" (NZZ), Kathryn Scanlans "Boxenstart" (taz), Richard Sennetts Essay "Der darstellende Mensch" (NZZ), Jean d'Amériques "Zerrissene Sonne" (FAZ) und Victor Heringers "Die Liebe vereinzelter Männer" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Film

Trumps Ankündigungen, sich Grönland schnappen zu wollen, macht eine Filmreihe in Bern zur arktischen Insel schlagartig überregional interessant, schreibt Patrick Holzapfel in der NZZ. Neben Filmen, die die Kolonialisierung der Region entweder zeigen oder selbst von einem kolonialen Blick informiert sind, gibt es auch solche, "in denen Inuit zu Wort kommen und ihren Blick auf das Leben in Grönland zeigen können. Eine solche Ausnahme stellt etwa das Kino von Zacharias Kunuk dar, dessen 'The Journals of Knud Rasmussen' die Begegnung mit den dänischen Forschern Anfang der Zwanzigerjahre aus der Sicht eines Inuit-Schamanen und seiner rebellischen Tochter erzählt. Dieser Perspektivwechsel offenbart, wozu das Kino in der Lage ist, wenn es tatsächlich 'zu Hause bei den fernsten Dingen' agiert. Dann führen die Filme vor Augen, wie wenig in den politischen Debatten und imperialen Ansprüchen an die in einem Gebiet lebenden Menschen gedacht wird. Drohen sie in den Nachrichten über die Ankündigung des US-Präsidenten in einer kaum zu greifenden Abstraktion zu versinken, erschrickt man in den Filmen fast über ihre körperliche und emotionale Präsenz."
Außerdem: Die Agenturen melden, dass die Schauspielerin Melisa Sözen in der Türkei kurzzeitig verhaftet wurde, weil sie in einer TV-Serie eine Kurdin gespielt hat, weshalb ihr nun ein Strafverfahren wegen "Propaganda" droht. Besprochen werden Alexander Horwaths "Henry Fonda for President" (Jungle World, taz, mehr zum Film bereits hier), Pablo Larraíns "Maria" mit Angelina Jolie als Maria Callas (Presse, mehr dazu hier) und die auf Sky gezeigte Animationsserie "Common Side Effects" (FAZ).
Bühne

Im Jahr 2019 wurde Albéric Magnards zwischen 1897 und 1901 komponierte Oper "Guercoeur" durch Intendant Ralf Waldschmidt aus der Versenkung gehoben, nun ist sie in der Inszenierung von David Hermann an der Oper Frankfurt zu sehen. Aktueller könnte das Stück um den Politiker Guercœur, der sein Land aus der Monarchie in die Republik geführt hat und nach seinem Tod noch einmal auf die Erde zurück darf, nicht sein, findet Jan Brachmann in der FAZ: "Das Volk hat die Demokratie satt. Das Land ist am Ende: schlechte Wirtschaftsleistung, mangelnde Verteidigungsfähigkeit im Fall eines Angriffs von außen, zu viel ungeregelte Zuwanderung. Wir brauchen wieder einen Diktator, ruft das Volk. Einen, der sagt: 'Unser Land zuerst!' Einen, der die Männer in Arbeit bringt und die Frauen an den Herd. Kurzum: einen, der uns von den Zumutungen der Freiheit erlöst und wieder Ordnung schafft. Das alles steht so, wörtlich, im Libretto von Albéric Magnard, das sich der französische Komponist selbst für seine Oper 'Guercœur' geschrieben hat." In der FR erkennt auch Judith von Sternburg eine Parallele zur Gegenwart in der Freiwilligkeit, mit der den Mächtigen hier Macht "überlassen wird, ohne Umsturz, ohne Putsch, aus demokratischen Verhältnissen heraus."

Im Berliner Ensemble setzt Peter Laudenbach (SZ) die VR-Brille auf und blickt auf Thomas Mann und seine Teufel im Laufstall. So inszeniert das Kollektiv Raum+Zeit im aktuellen Stück "Faustus:: 1550 San Remo Drive" den Dichter - überwiegend klischeehaft psychologisierend auf die sublimierte Homosexualität Manns anspielend, seufzt Laudenbach: "So wird das 25. Romankapitel, in dem Leverkühn in Italien dem Satan begegnet, hier zu einer albernen Stricherszene. Der faustische Pakt, Genie und Schaffenskraft gegen Wahnsinn und Liebesverbot, schrumpft zu einer eher ungeilen Anmache. Dabei verschmilzt die Inszenierung den Dichter und seine Romangestalt, Thomas Mann und Leverkühn, zu einer Bühnenfigur, einem klemmigen, kultivierten Herren, der den Avancen des Verführers recht hilflos gegenübersteht. (…) Dass diese Comic-Banalisierung des Teufelskapitels nicht peinlich wirkt, liegt vor allem an Martin Rentzsch, der seinen Thomas Mann mit einer nüchternen, vom Leben gehärteten Intelligenz spielt."
Weitere Artikel: In der Welt beerdigt Jakob Hayner nach 25 Jahren das postdramatische Theater: Nach der Kritik von links, etwa von Bernd Stegemann, kommt mit dem "agonistischen Theater" nun auch eine Gegenbewegung von rechts, durch den Schriftsteller Boris Preckwitz (AfD). Besprochen wird Eva-Maria Höckmayrs Inszenierung von Wagners Oper "Tristan und Isolde" am Staatstheater Darmstadt (FR)
Musik
Die Feuilletons resümieren die Grammy Verleihung, bei der Beyoncé nicht nur zum 99. mal nominiert war, sondern zum ersten Mal auch für das "beste Album des Jahres" (und überdies für das "beste Country-Album des Jahres") ausgezeichnet wurde. "Ernüchternd" findet es Jacqueline Krause-Blouin auf Zeit Online, "dass eine Schwarze Frau ein doch eher simples Countryalbum machen muss, um die verdiente Anerkennung für ihre Ausnahmekarriere zu bekommen". Da Beyoncé mit insgesamt 35 Auszeichnungen in ihrem Leben mehr Grammys als irgendwer sonst erhalten hat, ist ihre Karriere allerdings auch nicht eben unanerkannt. Christian Schachinger vom Standard ruft derweil in Erinnerung, dass es sich um einen reinen Branchenpreis handelt: "13.000 Jurymitglieder der Grammy Recording Academy entscheiden über die Vergabe. Wer gut verkauft, hat beste Chancen auch mit diversen Preisen bedacht zu werden."
Ansonsten wurden die begehrten Preise in diesem Jahr einigermaßen mit der Gießkanne verteilt, schreibt Ueli Bernays in der NZZ, aber vor allem (mit Ausnahme von Kendrick Lamar) an Frauen. "Seit Jahren dominieren die Frauen die Grammys; und sie sind längst auch in sogenannte Männerbastionen vorgedrungen. Die Rapperin Doechii etwa hat den Grammy für das beste Rap-Album erhalten, und die Sängerin St. Vincent gewann dank 'Broken Man' den Award für den besten Rocksong. Bei der anhaltenden weiblichen Dominanz muss man sich vielleicht bald einmal Gedanken machen über eine Männerquote."
Jenni Zylka in der taz würde wohl widersprechen: Ja, die Newcomerin Doechii, der vor kurzem mit ihrem (auch von uns empfohlenen) "Tiny Desk Concert" alle Herzen im Netz zuflogen, hat zwar den Grammy fürs beste Rap-Album erhalten - aber seit Bestehen des Preises 1989 ist sie nach Lauryn Hill (1999) und Cardi B (2018) erst die dritte Frau in dieser Kategorie: Nun zählt sie "zu diesem viel zu kleinen Kreis, der den traditionellen Sexismus und die Misogynie der Branche widerspiegelt. Das - im doppelten Sinne - ausgezeichnete Album 'Alligator bites never heal' ist Doechiis drittes 'Mixtape'" und "jeder Ton darauf ist den Grammy wert. ... Über ihren Sinn für Breaks würden sich auch Busta Rhymes freuen. Als Kind ihrer Zeit lässt sie zudem fantastische Videoclips produzieren. In "Denial Is a River" rennt sie durch TV-Sitcom-Settings und rekapituliert ihre Karriere im Eminem-Style direkt in die Kamera."
Weitere Artikel: Beate Scheder und Julian Weber resümieren in der taz das Festival CTM Berlin. Wilhelm Sinkovicz schreibt in der Presse einen Nachruf auf den Klarinettisten Peter Schmidl. Besprochen werden das neue Album von The Weeknd (Zeit Online, mehr dazu bereits hier), ein neues Album von Sharon Van Etten (Tsp) und weitere neue Popveröffentlichungen, darunter die laut Standard-Kritiker Christian Schachinger "etwas willkürlich zusammengestellte" Compilation "Krautrock Eruption".
Ansonsten wurden die begehrten Preise in diesem Jahr einigermaßen mit der Gießkanne verteilt, schreibt Ueli Bernays in der NZZ, aber vor allem (mit Ausnahme von Kendrick Lamar) an Frauen. "Seit Jahren dominieren die Frauen die Grammys; und sie sind längst auch in sogenannte Männerbastionen vorgedrungen. Die Rapperin Doechii etwa hat den Grammy für das beste Rap-Album erhalten, und die Sängerin St. Vincent gewann dank 'Broken Man' den Award für den besten Rocksong. Bei der anhaltenden weiblichen Dominanz muss man sich vielleicht bald einmal Gedanken machen über eine Männerquote."
Jenni Zylka in der taz würde wohl widersprechen: Ja, die Newcomerin Doechii, der vor kurzem mit ihrem (auch von uns empfohlenen) "Tiny Desk Concert" alle Herzen im Netz zuflogen, hat zwar den Grammy fürs beste Rap-Album erhalten - aber seit Bestehen des Preises 1989 ist sie nach Lauryn Hill (1999) und Cardi B (2018) erst die dritte Frau in dieser Kategorie: Nun zählt sie "zu diesem viel zu kleinen Kreis, der den traditionellen Sexismus und die Misogynie der Branche widerspiegelt. Das - im doppelten Sinne - ausgezeichnete Album 'Alligator bites never heal' ist Doechiis drittes 'Mixtape'" und "jeder Ton darauf ist den Grammy wert. ... Über ihren Sinn für Breaks würden sich auch Busta Rhymes freuen. Als Kind ihrer Zeit lässt sie zudem fantastische Videoclips produzieren. In "Denial Is a River" rennt sie durch TV-Sitcom-Settings und rekapituliert ihre Karriere im Eminem-Style direkt in die Kamera."
Weitere Artikel: Beate Scheder und Julian Weber resümieren in der taz das Festival CTM Berlin. Wilhelm Sinkovicz schreibt in der Presse einen Nachruf auf den Klarinettisten Peter Schmidl. Besprochen werden das neue Album von The Weeknd (Zeit Online, mehr dazu bereits hier), ein neues Album von Sharon Van Etten (Tsp) und weitere neue Popveröffentlichungen, darunter die laut Standard-Kritiker Christian Schachinger "etwas willkürlich zusammengestellte" Compilation "Krautrock Eruption".
Kommentieren