25 Jahre Perlentaucher

Der eigene Lebenslauf als Stoff

Von Cornelia Geißler
04.02.2025. "Die deutsche Teilung ist im 21. Jahrhundert Geschichte, doch sind vieler Menschen Leben dadurch geprägt worden." Cornelia Geißler antwortet auf die Kritikerumfrage des Perlentaucher.
25 Jahre Perlentaucher: Wir fragen die bekanntesten Kritiker und Kritikerinnen Deutschlands: "Welches waren für Sie die fünf prägendsten Bücher der deutschsprachigen Literatur seit 2000". Als Orientierung haben wir ihnen diese Liste mit den meistbesprochenen Büchern der deutschen Literatur seit 2000 mitgegeben. Am 13. März feiern wir mit dem Deutschland Literaturarchiv in Marbach und der Frage: Wohin geht die deutsche Literatur? D.Red.

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2003 Julia Franck: Lagerfeuer
2007 Katja Lange-Müller: Böse Schafe
2008 Marcel Beyer: Kaltenburg
2014 Katja Petrowskaja: Vielleicht Esther
2020 Lutz Seiler: Stern 111

Die deutsche Teilung ist im 21. Jahrhundert Geschichte, doch sind vieler Menschen Leben dadurch geprägt worden. Davon erzählt Ingo Schulze in mehreren Romanen mit je anderen Schwerpunkten, je anderem Ton. Wenn Reinhard Jirgl davon schreibt, dröhnen die Verbrechen der Deutschen in den Diktaturen mit. Und Clemens Meyer, das beweisen "Im Stein" und "Die Projektoren", entdeckt im geeinten Land neben der historischen die europäische Dimension. Ich vermisse in meiner Liste diese Namen, von denen ich hoffe, dass die Kolleginnen und Kollegen sie gewählt haben.

Julia Franck wurde 2003 mit "Lagerfeuer" von einer Geschichtenerfinderin zu einer Schriftstellerin mit einem Blick für die Verletzungen von Lebenswegen durch Politik. Der Roman spielt in den 1970er-Jahren im Notaufnahmelager Marienfelde, wo die DDR-Bürger landeten, denen die Ausreise gelang. Ohne die Figuren zu Symbolen aufzuladen, markiert die Autorin an ihnen die Lasten von Ideologie und Verrat; sie zeigt, wie schwer es ist, individuelle Freiheit zu erringen, auch wenn man den richtigen Pass besitzt. Soja in Katja Lange-Müllers Roman "Böse Schafe" (2007) hat das Lager hinter sich. Sie verliebt sich im West-Berlin des Jahres 1987 in den drogenabhängigen Aids-kranken Harry; das Virus wirkt so beängstigend unbeherrschbar wie das Wettrüsten. Katja Lange-Müller fasst Ängste und Endzeitstimmung präzise und mit einer Komik, die böse und traurig ist. Mit der Erfahrung der Covid-19-Pandemie und den Kriegen der Gegenwart liest sich das geradezu hellsichtig.

Im betrachteten Zeitabschnitt nahm eine große Zahl von Autorinnen und Autoren den eigenen Lebenslauf als Stoff. Innerhalb des autofiktionalen Erzählens variieren die Formen von Christa Wolfs "Stadt der Engel" über Angelika Klüssendorfs "Das Mädchen" zu Julia Schochs "Liebespaar des Jahrhunderts". Thomas Hettche lässt eine Figur am Tiefpunkt ihres Lebens in "Sinkende Sterne" seinen eigenen Namen tragen, Judith Kuckart ordnet sich in "Die Welt zwischen den Nachrichten" ein. "Vielleicht Esther" von Katja Petrowskaja ragt aus dieser Strömung thematisch und durch ihre Vorgehensweise heraus. Die Autorin erforscht ihre ukrainisch-jüdische Familienbiografie, fügt Fäden zusammen, die von nazideutschen Befehlsempfängern zerrissen wurden. Ihr beharrliches Suchen nach Informationen und einer Sprache dafür entfalten eine lang andauernde Wirkung.

In meiner Auswahl sind keine Gedichte. Sie hätten von Marcel Beyer oder Lutz Seiler kommen müssen, deren Zeitkapseln für mich zu den eindringlichsten gehören. Bei der 25-Jahres-Wahl entschied ich bei beiden für Romane. Beyers "Kaltenburg" (2008) verhandelt auf bis dahin ungelesene Weise die Frage der Verantwortung des Wissenschaftlers in der Gesellschaft, die sich beim Leser auflöst in die Frage nach der eigenen Position. In Etappen von 1942 bis zur Endphase der DDR geht es um einen Vogelkundler, der Züge von Konrad Lorenz trägt, und an dessen Karriere sich traumatische Erlebnisse und politische Verstrickungen ablesen lassen. Lutz Seiler zeigt in "Stern 111" die Möglichkeiten des Aufbruchs der Ostler nach 1989: Parallel erzählt er vom Wagnis der Eltern seines Helden Carl, aus Thüringen in den Westen zu gehen, und Carls Ankunft im Berlin des glücklichen Nachwendechaos. Während die Eltern sich von Rückschlägen nicht niederdrücken lassen, weil sie einem Traum folgen, wird Carls Leben zwischen Dichtung und Arbeit selbst zu einer Art Traum.  

5 aus 25, die Auswahl ist ungerecht. Auch der Trick, ein paar Titel mehr zu nennen, macht das nicht wett. Eine Vielzahl von Büchern aus dem ersten Vierteljahrhunderts wird bleiben.