Efeu - Die Kulturrundschau
Im Inneren bewegt
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14.01.2025. Die Theaterkritiker tauchen mit Johannes Eraths Inszenierung von György Kurtágs Oper "Fin de partie" in eine clowneske Weltuntergangsfantasie ein. Die Filmkritiker erwarten mit Spannung den deutschen Kinostart von Alexander Horwaths epischem Essayfilm "Henry Fonda for President", der die Geschichte nicht eines, sondern zweier Amerikas schreibt, wie die Presse festhält. Der Schriftsteller T.C. Boyle ist sich angesichts der Brände in Los Angeles im ZeitMagazin sicher: "Wir sind dem Untergang geweiht." Und alle trauern um den Werbefotografen Oliviero Toscani, der die Welt mit seinen Werken schockierte und faszinierte.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
14.01.2025
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Bühne

Die "trostloseste, die berühmteste Clownerie der Weltliteratur" hat György Kurtág zu einer Oper gemacht und mit Samuel Becketts "Endspiel" ein Stück vertont, in dem es um etwas ganz anderes geht als sonst in der Oper, macht SZ-Kritiker Wolfgang Schreiber klar. Das absurde Weltuntergangsszenario, das Johannes Erath für die Staatsoper Unter den Linden auf die Bühne gebracht hat, zeichnet sich aus durch seine "'Pausen und den Stillstand der Zeit, quasi das Warten auf etwas - das ist für eine Oper außergewöhnlich.' Hier gehe es einmal nicht um große Gefühle in Melodien, Gedanken, Konflikten, äußert Dirigent Alexander Soddy im Programmbuch. Mit der Staatskapelle Berlin gelingt ihm in hundert Minuten das Entscheidende: rhythmisch äußerst genau und doch hellhörig mit geschmeidiger Elastizität zu gestalten, die raffiniert geschichteten Klangfarben der komplexen Partitur aufleuchten zu lassen, immer wieder die folkloristischen Elemente von Akkordeon und Cimbalom in den Fluss zerrissener, bloß gezupfter, stockender Momente der Holz- und Blechbläser einzubinden. Ein Sog gezielt andauernder aphoristischer Verknappung muss entstehen."
Eingängig ist die Inszenierung und die Musik nicht gerade, findet FAZ-Kritiker Clemens Haustein, beeindruckende Szenen gibt es trotzdem: "Das Zirkushafte spielt eine Rolle, wenn Hamm, der Sohn, der nur noch sitzen, aber nicht mehr gehen, und Clov, sein Helfer, der nur noch gehen, aber nicht mehr sitzen kann, im paillettenbestickten Glitzeranzug erscheinen (Kostüme: Birgit Wentsch). Stephan Rügamer als glänzender Charaktertenor spielt und singt Nagg, den Vater, mit clownesker Agilität. Noch auf die Entfernung wirken Kraft und Präsenz seiner Mimik und Gestik." taz-Kritikerin Katharina Granzin ist "hingerissen" vom Bühnenbild: "Während das äußere Setting von Becketts Nicht-Drama prinzipiell maximale Trostlosigkeit vorsieht, wird diese Tristesse in der Oper ins Fantastische transportiert, wird Unsichtbares sichtbar gemacht: Wir sehen, was die statischen Figuren im Inneren bewegt, als äußere Aktion." Im Tagesspiegel schreibt Gregor Dotzauer über das Stück.
Außerdem: Tom Mustroph unterhält sich in der taz mit dem Dramatiker Jeton Neziraj, dessen Theaterstück "Six against Turkey" die Auslieferung von sechs türkischen Staatsbürgern aus dem Kosovo an die Türkei aufgreift, und nun überraschend von den kosovarischen Behörden abgesagt wurde. Besprochen wird Jette Steckels Inszenierung von Elfriede Jelineks Stück "Asche" am Thalia Theater in Hamburg (nachtkritik).
Kunst

Der Fotograf Oliviero Toscani, der mit seinen Skandal-Kampagnen für die Modemarke Benetton schockierte und faszinierte, ist im Alter von 82 Jahren gestorben. In den Achtzigerjahren warb er mit riesigen Plakatwänden, die das "blutgetränkte Hemd eines getöteten Soldaten" zeigten, erinnert Freddy Langer in der FAZ. Bald hatte sich für seine Strategie "eine eigene Vokabel etabliert: 'Shockvertising'". Toscani glaubt, so Langer, "sie eröffne den Menschen neue Perspektiven. Die Botschaft traditioneller Werbung, wonach man schön und erfolgreich würde, kaufe man ein bestimmtes Produkt, nannte er abfällig 'Schwachsinn', während er Kleidung benutze, um soziale Themen anzusprechen. Mit dieser Ansicht gewann er auch später noch Kunden. So fotografierte er 2007 für eine Jeans-Kampagne der Firma 'Nolita' das magersüchtige Fotomodell Isabelle Caro nackt ausgestreckt, nur Haut und Knochen."
In der SZ zeichnet Andrian Kreye Toscanis Werdegang nach: "Er hatte den Chef der Sportmarke Kappa überredet, eine Jeans-Kollektion mit dem Produktnamen Jesus herauszubringen. Sein Argument: Der Name habe einen hohen Wiedererkennungswert, sei seit zweitausend Jahren eine der erfolgreichsten Marken der Welt, aber nicht geschützt. Und so hingen zum Start in ganz Italien Plakate, auf denen nur ein Po in einer viel zu engen Jeans-Short zu sehen war, dazu ein Bibelvers als Slogan: 'Wer mich liebt, der folgt mir'." Bei Zeit Online schreibt Christoph Amend den Nachruf.
Musik
In der NZZ spricht Christian Wildhagen ausführlich mit Jewgeni Kissin über Dmitri Schostakowitsch, dem der Pianist in Luzern zum 50. Todestag eine Konzertreihe widmet. Kissin, der Russland 1991 verlassen hat und sich mit Haut und Haar gegen Putin ins Zeug legt, fühlt sich Schostakowitsch auch aus politischen Gründen nahe: "Tatsache ist, dass Schostakowitsch sehr unter dem Regime gelitten hat, er hat es gehasst. Das ist in seine Musik eingeflossen." Um die Zukunft Schostakowitschs in Russland macht er sich allerdings keine Sorgen: "Nachdem Schostakowitsch unter Chruschtschow mehr oder weniger rehabilitiert worden war, stieg er zu einer Art offiziellem Genie der sowjetischen Musik auf. Über die wahre Bedeutung seiner Musik wurde aber auch weiterhin nicht gesprochen. Ähnlich könnte man es in Zukunft handhaben. Was unpassend ist, wird verschwiegen. Wie bei Tschaikowsky. Er wird immer eines der russischen Idole bleiben, aber Tschaikowskys Homosexualität war schon in der Sowjetunion ein Tabu. ... Es gibt da eine doppelte Sprache: zwei Arten, über einen Künstler zu sprechen, eine offizielle und eine geheime."
Besprochen werden Ringo Starrs Countryalbum "Look Up" (Standard), eine Netflix-Doku über den 28-jährig verstorbenen DJ Avicii (Presse), The New Mournings Album "Songs of Confusion" (Standard), ein Konzert der Jungen Deutschen Philharmonie unter Delyana Lazarova (FR) und weitere neue Popveröffentlichungen, darunter "Who Let the Dogs Out" von den Lambrini Girls ("Ein Album wie ein schwerer Sodbrand", schreibt Christian Schachinger im Standard).
Besprochen werden Ringo Starrs Countryalbum "Look Up" (Standard), eine Netflix-Doku über den 28-jährig verstorbenen DJ Avicii (Presse), The New Mournings Album "Songs of Confusion" (Standard), ein Konzert der Jungen Deutschen Philharmonie unter Delyana Lazarova (FR) und weitere neue Popveröffentlichungen, darunter "Who Let the Dogs Out" von den Lambrini Girls ("Ein Album wie ein schwerer Sodbrand", schreibt Christian Schachinger im Standard).
Film
Alexander Horwaths epischer Essayfilm "Henry Fonda for President", der den Hollywood-Schauspieler mit dessen Familiengeschichte, seiner Filmografie und der Politik der USA engführt, startet in Österreich schon jetzt in den Kinos, in Deutschland müssen wir uns noch bis Ende Januar gedulden. Aber das Warten lohnt sich, versichert Lukas Foerster in der Presse: Alleine schon anhand von John Fords um 1940 entstandenen Fonda-Filmen "Trommeln am Mohawk", "Der junge Mr. Lincoln" und "Früchte des Zorns" legt der frühere Direktor des Österreichischen Filmmuseums frei, "wie ein einzelner Mensch mithilfe des Kinos zur Verkörperung einer kollektiven Geschichte werden konnte." Erkennbar wird Fonda als ein "unheroischer, von Selbstzweifeln geplagter Held. Tatsächlich entwirft Horwaths Film die Geschichte nicht eines, sondern zweier Amerikas. Denn neben dem selbstkritischen, nachdenklichen, mit seinen eigenen moralischen Ambivalenzen ringenden Fonda-Amerika gibt es noch ein anderes; eines, das selbstbewusst über Leichen geht und von linksliberaler Miesepeterei nichts wissen will. Als dessen Repräsentant taucht früh im Film Ronald Reagan auf. ... Die bittere Pointe bei Horwath besteht darin, dass es in der realen amerikanischen Geschichte dieser Ronald Reagan war, dem der Sprung von der Hollywood-Leinwand ins Präsidentenamt gelang." Für J. Hoberman in Artforum ist dieser Film "ein Meisterwerk angewandter Cinephilie". Das Blog des Österreichischen Filmmuseums dokumentiert Horwaths Einführung zur ebenfalls "Henry Fonda for President" betitelten Retrospektive, mit der er sich 2017 vom Filmmuseum verabschiedete.
Weitere Artikel: Silvia Hallensleben resümiert in der taz ein Kölner Symposium zum Thema Zeit in dokumentarischen und experimentellen Filmen. Besprochen werden Jesse Eisenbergs Holocaust-Tragikomödie "A Real Pain" (Standard), FloBers Scheidungskomödie "Es liegt an dir, Chéri" mit Charlotte Gainsbourg (Presse) und Halfdan Ullmann Tøndels Schuldrama "Armand" (FD, SZ).
Weitere Artikel: Silvia Hallensleben resümiert in der taz ein Kölner Symposium zum Thema Zeit in dokumentarischen und experimentellen Filmen. Besprochen werden Jesse Eisenbergs Holocaust-Tragikomödie "A Real Pain" (Standard), FloBers Scheidungskomödie "Es liegt an dir, Chéri" mit Charlotte Gainsbourg (Presse) und Halfdan Ullmann Tøndels Schuldrama "Armand" (FD, SZ).
Literatur

Außerdem: Aldo Keel widmet sich in der NZZ dem Niederschlag der Kolonialgeschichte Grönlands in der Literaturgeschichte. Linda Stift sieht für die Presse aktuelle österreichische Literaturzeitschriften durch.
Besprochen werden unter anderem Peter Handkes "Schnee von gestern, Schnee von morgen" (Standard), Juri Felsens "Getäuscht" (NZZ), eine Neuausgabe von Yukio Mishimas "Der Held der See" (NZZ), Bruno Coelhos "Die Insel" (FR), Michael Weins "Menschen der Erde" (taz) und Marianne Gareis' Neuübersetzung von José Maria Eça de Queirós' "Die Maias" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
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