Efeu - Die Kulturrundschau
Von Jazz, über Soul zu Pop
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
05.11.2024. Der Prix Goncourt geht 2024 an Kamel Daoud für dessen Roman "Houris": Diese Entscheidung ist "ein Segen für Frankreich und darüber hinaus", jubelt die SZ. FAZ und FR applaudieren Nadia Loschky zu ihrer Inszenierung von Alban Bergs Oper "Lulu" in Frankfurt, die die Heldin als reale Frau und nicht als mythisches Wesen zeigt. Die taz schaut sich in der albanischen Theaterszene um. Die Musikkritiker trauern um den Komponisten und Musikproduzenten Quincy Jones.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
05.11.2024
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Literatur

Weitere Artikel: Irritierend stillos findet Andreas Platthaus von der FAZ das Schreiben, mit dem der Hanser Verlag die ja nicht unwesentliche siebzig Jahre umfassende Zusammenarbeit mit der Literaturzeitschrift Akzente für beendet erklärt: Jo Lendles "Verlautbarung benutzt den wohlbekannten Sound von Arbeitgeber-Beurteilungen beim Ausscheiden ungeliebter Mitstreiter".
Besprochen werden unter anderem Julian Volojs und Jörg Hartmanns Comic "Liberty" (Jungle World), Martin Beckers und Tabea Soergels Krimi "Die Schatten von Prag" (online nachgereicht von der Welt), Una Mannions "Sag mir, was ich bin" (FR), Andrea Köhlers Essay "Vom Antlitz zum Cyberface. Das Gesicht im Zeitalter seiner technischen Manipulierbarkeit" (NZZ), Tine Melzers "Do Re Mi Fa So" (FAZ) und eine Neuauflage von Arnold Zweigs "De Vriendt kehrt heim" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Kunst
Besprochen werden die Ausstellung "Parrot Territories" im Tieranatomischen Theater der Humboldt Universität (taz) und die Gustav-Metzger-Retrospektive im Frankfurter Museum für Moderne Kunst (Tsp).
Musik

Sein kommerziell größter Erfolg: "Thriller" von Michael Jackson, das bis heute meistverkaufte Popalbum. Es "ist von Anfang bis Ende kompositorisch wie rhythmisch hochkomplex, erscheint dabei simpel und eingängig; man könnte diese bedeutende Pop-Platte auch ohne Weiteres als Bigband-Werk bezeichnen", schreibt Jan Wiele in der FAZ. "Die abgefeimten Bläsersätze sind indes so geschickt ins Pop-Gewand eingenäht, dass sie kein Genre-Hindernis darstellen. Dass die einzelnen Stücke von Michael Jackson auch auf anderen von Jones produzierten Alben so gut (und so erfolgreich) sind, hat in vielen Fällen auch mit ihrem jeweiligen 'Gimmick' zu tun: ein Gitarrensolo des Rockmusikers Eddie Van Halen ('Beat It'), ein einmontiertes Motiv des kamerunischen Saxophonisten Manu Dibango ('Wanna Be Startin' Somethin''), ein auf Colaflaschen gespielter Disco-Groove ('Don't Stop Til You Get Enough')." Und die Regie beim fast viertelstündigen Clip zum Titelsong führte John Landis, damals auf der Höhe seines Hollywooderfolgs:
Jones' überwältigender Erfolg hat mit den amerikanischen Tugenden von "Ehrgeiz, Frechheit und Talent" zu tun, schreibt Tobi Müller auf Zeit Online. Aber auch mit Jones' Umzug nach Paris im Jahr 1957: Dort "produziert er viele Sessions und studiert vor allem Orchestrierung bei Nadia Boulanger, einer Mentorin von Igor Strawinsky und Lehrerin von vielen US-amerikanischen Genies wie Leonard Bernstein und Philip Glass. Er bleibt auch deshalb lange in Europa, weil er denkt, dass man einem Schwarzen in den USA niemals erlauben würde, Musik für Streicher zu schreiben. Jones wird in Paris zwar kein Avantgardekomponist, aber seine Arrangements werden komplexer, ohne die Leichtigkeit und den Swing zu verlieren. ... Hoch hinaus und doch locker bleiben wollte Jones damit, und beides gelingt ihm auf beispiellose Weise. Die Astronauten der Apollo 11 spielen 1969 auf dem Mond 'Fly Me to the Moon' im Kassettenrekorder, gesungen von Sinatra, gespielt von Basies Band, arrangiert von Jones. Houston grinst und wippt mit."
Weitere Nachrufe schreiben Julian Weber (taz), Stefan Hentz (NZZ), Josef Engels (Welt) und Harry Nutt (FR).

Weitere Artikel: Cassandra Schwarz blickt in der taz auf den anhaltenden Boom der koreanischen Popmusik und die Drangsal, die für ihre Aushängeschilder damit einhergeht. Manuel Brug weiß in der Welt, warum die Klassikwelt Kopf steht angesichts eines kurzen, in einem Archiv aufgestöberten Walzers von Chopin.
Besprochen werden ein Konzert von Jan Garbarek mit Band und dem Perkussionisten Trilok Gurtu in Wien (Standard), Laura Marlings Album "Patterns in Repeat" ("Wer das ominöse Kitchensink-Drama sucht, hier findet es sich in nicht unironischer Blüte", schreibt Christian Schachinger im Standard), diverse Popveröffentlichungen, darunter "Chromakopia" von Tyler, The Creator (Standard) und das gemeinsame Album "La grande accumulation" von Anadol und Marie Klock, das tazlerin Stephanie Grimm "an einen spätsommerlicher Spaziergang mit psychoaktiven Pilzen am Wegesrand" denken lässt.
Film
Besprochen werden Andres Veiels "Riefenstahl" (Jungle World) und Simon Verhoevens Komödie "Alter weißer Mann" (NZZ, unsere Kritik).
Bühne

"Bewundernswerte Eleganz und hohes Formbewusstsein" zeichnet Nadia Loschkys Inszenierung von Alban Bergs Oper "Lulu" aus, schwärmt FAZ-Kritiker Jan Brachmann. Loschky hat das Stück für die Oper Frankfurt in die Dreißigerjahre verlegt, was Brachmann an den "stilvoll-dezenten, in allen Schattierungen von beige und oliv gehaltenen Kostümen" von Irina Spreckelmeyer erkennen kann. Damit wird das in der Oper transportierte Frauenbild, das nun nicht gerade emanzipatorisch ist, "klug historisiert", findet der Kritiker. Die amerikanische Sopranistin Brenda Rae stellt die Tragik der Figur zudem überzeugend dar: "Lulu wird auf Herkunft und Körper reduziert; wo ihr der Weg ins Erwerbsleben versperrt ist, bleibt am Ende nur der Ausweg ins Gewerbe. Zugleich wird die Gefühlskälte Lulus angesichts der toten Männer um sie verständlich: Sie bringt innerlich ihre Seele vor den Ansprüchen, stets eine andere sein müssen, in Sicherheit. Brenda Rae als Lulu macht das ebenso überzeugend wie staunenswert sparsam. Stimmlich ist sie eine Frau der langen, hohen Töne, weshalb ihr das Parlando in mittlerer Lage im ersten Bild nicht so gut liegt. Aber ihr ans Publikum adressiertes 'Lied der Lulu' und der Ausruf 'O Freiheit! Herr Gott im Himmel!' sind stimmlich von irisierender Schönheit".
Das Stärkste an dieser Inszenierung, bekräftigt Judith von Sternburg in der FR, ist, dass Lulu hier auf das Leid reagiert "wie ein Mensch, nicht wie ein wunderliches Wesen". Optisch hat die Aufführung auch einiges zu bieten: "Auf der Drehbühne gleiten mehrere hohe Halbkreise flugs und geschmeidig und geben den Blick frei auf immer neue Arrangements, vom schneeweißen Badezimmer bis zum gespenstischen Londoner Sperrmüllberg. Sie können die Bühne auch abschotten."

Besprochen werden außerdem Leonie Rebentischs Adaption von Charlotte Gneuß' Roman "Gittersee" am BE Berlin (SZ), Timofej Kuljabin Inszenierung von Bertolt Brechts "Furcht und Elend des dritten Reiches" am Badischen Staatstheater Karlsruhe (nachtkritik), Emre Akals Inszenierung von "Barrrbie ein Puppenheim" im Thalia Theater Hamburg (taz) und Axel Ranischs Inszenierung der Strauss-Oper "Intermezzo" an der Semperoper Dresden (Welt), Kirill Serebrennikows Inszenierung von Alfred Schnittkes Opernsatire "Leben mit einem Idioten" am Opernhaus Zürich (NZZ).
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