Efeu - Die Kulturrundschau
Eskapistischer Content
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07.10.2024. Auf Zeit Online blickt die Schriftstellerin Dana Vowinckel zum Jahrestag des 7. Oktober zurück auf "das schlimmste Jahr meines Lebens". Die FAS porträtiert die Regisseurin Henrika Kull, deren komplexer Film "Südsee" über eine junge Deutsche in Israel kaum gegen die Einseitigkeit des Diskurses ankommt. Die taz verläuft sich in der "nomadischen Bibliothek" des samischen Künstlers Joar Nango. Die nachtkritik durchlebt bei Adrian Figueroas Düsseldorfer Inszenierung von Wolfgang Borcherts Kriegsheimkehrer-Drama "Draußen vor der Tür" die Schrecken auf dem Schlachtfeld immer neu.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
07.10.2024
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Literatur
Die Schriftstellerin Dana Vowinckel blickt einem Essay für Zeit Online zum ersten Jahrestag des 7. Oktober zurück auf "das schlimmste Jahr meines Lebens": "Während meiner Lesereisen werde ich von wohlmeinenden Moderatoren regelmäßig vorab darüber informiert, dass man über das Ganze überhaupt gar nicht reden müsse, wir könnten uns einfach auf das Literarische in meinem Roman beschränken. Mich verletzt dieses 'Angebot', nicht über Israel und Palästina zu sprechen, oft mehr, als es mir Sicherheit verspricht - denn ohne das Politische, das gern ausgespart würde, wäre mir der Sicherheitsdienst vor der Tür erspart geblieben, und einige der Zuhörer im Raum. Es fühlt sich oft an, als würden sich die Moderatoren selbst um Unbequemes drücken wollen. Meistens antworte ich, dass mich das aber ohnehin beschäftigen würde, die Zuhörer auch, und dass ich es seltsam finde, den Elefanten im Raum nicht zu adressieren. ... Hinterher denke ich nur daran, was ich alles nicht gesagt habe: Wenn ich über die Geiseln spreche und über die Gewalt der IDF gegen die palästinensische Bevölkerung, spare ich den Antisemitismus in Deutschland aus. Wenn ich über den Antisemitismus spreche, spare ich die Repression palästinensischer, muslimischer und einiger linker Stimmen durch die Politik aus. Nie kann ich nach solchen Lesungen ruhig schlafen."
Weitere Artikel: Die Schriftstellerin Stefanie Sargnagel berichtet in einer Reportage von ihrem Flug mit dem Sea-Watch-Team übers Mittelmeer, um sich von der Lage der Flüchtlinge vor Lampedusa ein Bild zu machen. Besprochen werden unter anderem Maxim Billers und Dominik Grafs ARD-Hörspiel "Kein König in Israel" (FAZ), Isabelle Lehns "Die Spielerin" (FR), Sally Rooneys "Intermezzo" (NZZ) und neue Krimis, darunter Davide Longos "Am Samstag wird abgerechnet" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Uwe Wittstock über Walter Mehrings "Die kleinen Hotels":
"Vom Bahnhof angeschwemmt - im Strom der Massen
Fiebernd von Schwindsucht deines letzten Gelds ..."
Weitere Artikel: Die Schriftstellerin Stefanie Sargnagel berichtet in einer Reportage von ihrem Flug mit dem Sea-Watch-Team übers Mittelmeer, um sich von der Lage der Flüchtlinge vor Lampedusa ein Bild zu machen. Besprochen werden unter anderem Maxim Billers und Dominik Grafs ARD-Hörspiel "Kein König in Israel" (FAZ), Isabelle Lehns "Die Spielerin" (FR), Sally Rooneys "Intermezzo" (NZZ) und neue Krimis, darunter Davide Longos "Am Samstag wird abgerechnet" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Uwe Wittstock über Walter Mehrings "Die kleinen Hotels":
"Vom Bahnhof angeschwemmt - im Strom der Massen
Fiebernd von Schwindsucht deines letzten Gelds ..."
Film

Bert Rebhandl porträtiert in der FAS die Berliner Filmemacherin Henrika Kull, die sich der politischen Linken zuzählt und nach dem 7. Oktober - auch unter den Eindrücken eines längeren Aufenthalts in Israel kurz zuvor - nicht fassen kann, wie bedenkenlos sich ein großer Teil ihres Umfelds seitdem vor den antisemitischen Karren zerren lässt. Ihr 2023 fertiggestellter, durchaus mit Erfolg auf Festivals gezeigter Film "Südsee" über eine junge deutsche Frau in Israel fällt derweil durchs Netz: "In dieser aufgeladenen Atmosphäre hatte niemand mehr eine Motivation, 'Südsee' in Deutschland in die Kinos zu bringen. ... Im Wesentlichen ist der Film derzeit von seinem potentiellen Publikum abgeschnitten. Ein Weltvertrieb gab recht ausdrücklich zu verstehen, dass Festivals derzeit davor zurückscheuten, Filme zu zeigen, 'die die Situation schildern'. Eskapistischer Content habe es im Moment leichter. ... 'Südsee' ist zwar ein Einzelfall, doch bestimmte Aspekte lassen sich durchaus verallgemeinern. In einem Konflikt, der an Komplexität kaum zu steigern ist, dominieren eindimensionale Narrative. Die vielen Stimmen, die wie Henrika Kull versuchen, differenzierter zu erzählen, zu kuratieren, überraschende Perspektiven zu eröffnen, sind nicht in der Minderheit. Aber sie müssen gegen die Omnipräsenz der Instagram-Kacheln bestehen."
Außerdem: Ruth Lang Fuentes berichtet in der taz vom Auftakt des Human Rights Festivals in Berlin. Besprochen werden der ARD-Mehrteiler "Herrhausen" (Welt) und die Netflix-Doku "Mr. McMahon" über einen umstrittenen Wrestling-Unternehmer (taz).
Musik
Die Zeit hat ihr Gespräch mit Simon Rattle online nachgereicht. Unter anderem geht es um die Ausbildung des Musiknachwuchses, was immer schwieriger wird. Schon in den Achtzigern "wollte einer von Mrs. Thatchers engsten Beratern, Sir Keith Joseph, von mir wissen, was nötig sei, um herausragende Musiker auszubilden. Ich sagte: Man muss in den Grundschulen damit anfangen, in der Breite, und dann dranbleiben - aber ich merkte schon am Anfang des Satzes, dass dies für ihn die falsche Antwort war. Er wollte hören: Man muss ein paar Naturtalente finden und ihnen viel Geld geben, dann klappt es sicher. Nur leider ist das eben nicht wahr." Und "egal, mit wem ich aus der Wissenschaft oder der Wirtschaft spreche, ich höre immer wieder: Wir brauchen in Zukunft keine Arbeitsbienen, sondern kreative Menschen, die über den Tellerrand hinausschauen und verschiedene Ideen zusammenbringen, um damit komplexe Probleme zu lösen. Das ist die Standardantwort. Genau das lernt man in der Musik und in der Kunst, und noch dazu Kommunikation und Zusammenarbeit im Team."
Weitere Artikel: Torsten Groß plaudert für Zeit Online mit dem früheren Pavement-Musiker Stephen Malkmus über dessen neue Band The Hard. Besprochen werden Nemos neue Single (NZZ), ein Haydn-Abend mit Il Giardino Armonica im Wiener Musikverein (Presse), das neue Coldplay-Album (Presse) und Michael Lentz' Buch "Grönemeyer" (Welt).
Weitere Artikel: Torsten Groß plaudert für Zeit Online mit dem früheren Pavement-Musiker Stephen Malkmus über dessen neue Band The Hard. Besprochen werden Nemos neue Single (NZZ), ein Haydn-Abend mit Il Giardino Armonica im Wiener Musikverein (Presse), das neue Coldplay-Album (Presse) und Michael Lentz' Buch "Grönemeyer" (Welt).
Kunst
Stefan Trinks veröffentlicht in der FAZ eine Chronik der "durchgängig propalästinensischen" Artikel im Kunst-Magazin Hyperallergic. Wie zahlreiche Kunst- und Kulturbetriebe reagierte das Medium auf das Massaker des 7. Oktober mit Schweigen, um dann um so lauter gegen Israel zu hetzen. Hier zwei von Trinks aufgeführte Beispiele: "4. März 2024: Mit unverhohlener Freude wird von den massiven Protesten auf der Kunstmesse LA Frieze gegen Israel und dem Messe-Hauptsponsor berichtet: 'Deutsche Bank investiert in Völkermord'. Und 'Dekolonisierung ist mehr als nur ein Schlagwort in einer Pressemitteilung'." Oder: "Das bei der Räumung des Campus der Unis Washington und New York-Columbia beseitigte Propagandamaterial wie beschriftete palästinensische Fahnen wird in Hyperallergic als wüster Ikonoklasmus und als Vernichtung von Kunst beklagt."
Außerdem: Dorothea Zwirner besucht für den Tagesspiegel Ausstellungen zum 75. Geburtstag des Malers James Ensor, die die Stadt Antwerpen zum Beispiel im Königlichen Museum der Schönen Künste und im Museum Plantin-Moretus zeigt. Besprochen werden außerdem die Ausstellung "Ich weiß, dass ich mich verdoppeln kann. Gisèle Vienne und die Puppen der Avantgarde" im Georg Kolbe Museum in Berlin (tsp).
Außerdem: Dorothea Zwirner besucht für den Tagesspiegel Ausstellungen zum 75. Geburtstag des Malers James Ensor, die die Stadt Antwerpen zum Beispiel im Königlichen Museum der Schönen Künste und im Museum Plantin-Moretus zeigt. Besprochen werden außerdem die Ausstellung "Ich weiß, dass ich mich verdoppeln kann. Gisèle Vienne und die Puppen der Avantgarde" im Georg Kolbe Museum in Berlin (tsp).
Architektur

Der samische Künstler Joar Nango wurde in Hannover mit dem Kurt Schwitters Preis ausgezeichnet - taz-Kritikerin Gaby Hartel besucht sein Raumprojekt "Girje Gumpi" im norwegischen Bodø, eine "nomadische Bibliothek", in der sich Nachhaltigkeitskonzepte mit den indigenen Traditionen verbinden: "Seit 15 Jahren baut er diese Architektur gewordene Idee eines Denk- und Diskussionsortes in immer neuen Versionen: Mal wirkt die alles verbindende Struktur wie ein Schiffsrumpf, mal wie ein Walfischskelett aus Holz, mal wie eine Wurzelhöhle. In jedem Fall entsteht der Eindruck, als laufe man durch ein dicht verzweigtes, organisch gewachsenes Gebilde, das voller Überraschungen steckt. Dabei wird die Vorstellung von nachhaltigem Handeln, nachhaltigem Bauen und verantwortlichem Urbanismus direkt mit Händen greifbar. Das improvisierende Gestalten mit gefundenen Materialien wird genauso gefeiert wie das Herstellen von Gemeinschaft." Das Sprengel-Museum in Hannover zeigt außerdem eine Ausstellung mit Werken Joar Nangos.
Bühne

"Sehenswert" und "verstörend" ist Adrian Figueroas Inszenierung von "Draußen vor der Tür", die nachtkritikerin Dorothea Marcus am Düsseldorfer Schauspielhaus nachhaltig beeindruckt zurücklässt. Figueroa bringt das Drama von Wolfgang Borchert, in dem ein Kriegsheimkehrer an der Rückkehr in die Gesellschaft scheitert, als "Psychogramm des menschlichen Untergangs" auf die Bühne. Das Bühnenbild erweckt die dunklen Visionen des Protagonisten zum Leben, staunt die Kritikerin: "Grandios, wie hier die Bühnentechnik arbeitet, das gruselige Bühnenbild der dunklen, beweglichen Wohnkästen von Irina Schicketanz als Alptraumlandschaft agiert, sich auf der kunstvoll bewegten Drehbühne permanent heben, senken, drehen und die Figuren dank Videobearbeitung immer wieder in Fratzen und Zerrbilder verwandeln: Beckmanns Reise ist letztlich die Inszenierung einer posttraumatischen Belastungsstörung. Immer wieder wird Beckmann von Erinnerungen an Schlachtfelder und soldatische Befehle überfallen. Tapfer geht er von Station zu Station, Haus zu Haus, sie wachsen aus dem Boden, drehen sich weg und hin, können durchleuchtet werden oder finster abweisend schwarz sein, entstehen immer neue atemberaubende Bilder, finstere Labyrinthe und Gassen ohne Ausweg."
Außerdem: taz-Kritikerin Verena Harzer sieht sich die ersten drei Teile des Episodenfilms "Theater" von Calla Henkel und Max Pigetoff an, der im privaten Ausstellungshaus "Fluentum" in Berlin zu sehen ist. Besprochen werden Matthias Köhlers Inszenierung von Michael Bulgakows Roman "Der Meister und Margarita" am Schauspiel Erlangen (nachtkritik), Armin Petras Inszenierung von "Frei. Erwachsenwerden am Ende der Geschichte" nach dem Memoir von Lea Ypi (nachtkritik), Florian Fischers Adaption von Ronald M. Schernikaus "Kleinstadtnovelle" am Theater Magdeburg (nachtkritik), Selen Karas Inszenierung von "Ophelia/Hamlet" nach Shakespeare am Theater Essen (nachtkritik), Christina Rasts Inszenierung von Pierre Corneilles Stück "Spiel der Illusionen" und Ersan Mondtags Inszenierung von Sam Max' Stück "Double Serpent" am Staatstheater Wiesbaden (FR) und Fynn Malte Schmidts Inszenierung von Holger Schröders Stück "Il Trionfo dei Giganti 2" am Staatstheater Braunschweig (taz).
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