Efeu - Die Kulturrundschau
Sind es die Schicksalsfäden der Nornen?
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
27.09.2024. Die taz verheddert sich in den 300 Kilometern an blutroten Schnüren, die die Künstlerin Chiharu Shiota in den Stollen des KZs Ebensee aufgehängt hat. Mit Library Music von Peter Thomas begibt sich die taz auf eine Noise-Forschungsreise. Krieg wird weder besser, wenn Frauen ihn führen, noch, wenn er ästhetisiert wird, gibt die FAZ Jeanine Tesori mit auf den Weg, die mit ihrer Oper "Grounded" die Saison an der Met eröffnet hat. Standard und Zeit Online tänzeln bestens schlecht gelaunt mit The Cure durch den Herbstnebel.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
27.09.2024
finden Sie hier
Kunst

Das KZ Ebensee, eine Außenstelle des KZs Mauthausen, liegt in den Bergen nahe dem oberösterreichischen Kurort Bad Ischl, Zwangsarbeit und Mord sollten hier unauffällig abgewickelt werden, erinnert Regine Müller in der taz. In die dort liegenden Stollen hat sich die Künstlerin Chiharu Shiota mit 300 Kilometern Schnüren vorgearbeitet und bei Müller einen bestürzenden Eindruck hinterlassen: "Wassertropfen zittern schwer an den abertausenden von roten Schnüren, aus denen Shiota ihre Arbeit gewirkt hat. Im kalkulierten Gewirr der Fäden hat sie einen Reigen von 25 schwebenden roten, überlebensgroßen Kleidern hintereinander aufgehängt. Es sind feierlich schlichte, bodenlange Gewänder, die für religiöse Rituale taugen würden. Die Kleider haben ihre leeren Ärmel leicht ausgebreitet, die langen Schleppen sind von unsichtbarer Hand wie die Brautschleier bei royalen Hochzeiten leicht angehoben, damit nichts den schmutzigen Boden berührt. Schwerelos scheinen diese Gewänder von den Schnüren - sind es die Schicksalsfäden der Nornen?"

Für seine Abschiedsausstellung setzt Ralph Gleis, scheidender Direktor der Alten Nationalgalerie, noch einmal auf seine geliebten Impressionisten, sogar Monets "Paris-Triade" ist dank Leihgaben aus Ohio, Den Haag und Paris erstmals vollständig in Deutschland zu sehen, staunt Ingeborg Ruthe, die in der Berliner Zeitung mit Monet, aber auch Caillebotte, Pissarro oder Renoir noch einmal vom Balkon aus auf Paris vor dem Modernisierungsboom blickt: "Allesamt waren sie begeistert von der Gegenwart, vom Zukunftsglauben, vom modernen Städtebau. Es gibt nur bunte, keine düsteren Schatten, kein Omen der Barrikadenkämpfe, des Blut-Mai 1871, des Deutsch-Französischen Krieges. Das Leben ist schön, trotz der Schlechtigkeiten der Welt: Es ist Frühling." Im Tagesspiegel feiert auch Bernhard Schulz die Ausstellung.
Weiteres: In der Berliner Zeitung berichtet Ulrich Seidler von den Protesten gegen den CDU-Landrat Michael Geisler, der die seit einem Jahr durch Sachsen und Sachsen-Anhalt tourende Ausstellung "Es ist nicht leise in meinem Kopf" mit Porträts von Asylsuchenden kurzerhand aus den Räumen des Landratsamtes Sächsische Schweiz/Osterzgebirge in Pirna verbannte. Besprochen wird die Ausstellung "Mark Dion: Delirious Toys" in der Bundeskunsthalle Bonn (FAZ).
Bühne

Weiteres: Der Standard bereitet die Bochumer schon mal auf Nicholas Stemann vor, der ab Sommer 2027 das Schauspielhaus Bochum leiten soll. Der israelische Theaterregisseur Guy Ben-Aharon erklärt im Interview mit dem Standard, warum er die Likud-Partei mit der NSDAP vergleicht und verkündet sein Credo: "Ich persönlich halte aber drei Dinge für am schlimmsten: Kapitalismus, Kolonialismus und das Patriarchat."
Besprochen werden außerdem Anna Bergmanns Adaption von Fellinis "E la nave va" am Deutschen Theater Berlin (nachtkritik), Golda Bartons "Datscha", eine Umarbeitung von Gorkis "Sommergästen" in den Sophiensälen (nachtkritik), die performativen Installationen "Now" und "[EOL]. End of Life", mit denen das Wiener Brut-Theater seine neue Spielzeit eröffnet (Standard) und Kay Voges' Bühnenkommentar zur anstehenden Wahl in Österreich, "Drei Tage für Österreich. Ultimative Feier der Demokratie (bevor's zu spät ist!)" und ein Video, in dem die Punkband Die Hitlers ihren Song "Euerr Wille geschehe (Heim ins Rrreich!)" zum besten gibt (SZ, im Standard fragt Ronald Pohl, ob Faschismuskritik wirklich so grobschlächtig sein muss).
Literatur

Besprochen werden die Ausstellung "Der europäische Koran" im Wiener Weltmuseum, die dem Standard-Kritiker Stefan Weiss zwar zeigt, wie sehr etwa Goethe der Koran beeindruckte, Kontoversen der Gegenwart aber lieber ausspart. Außerdem: Thomas Klöcks "Chronik der laufenden Ereignisse" (SZ), Wolfgang Ullrichs "Identifikation und Empowerment" (FAZ), Hendrick Streecks "Nachbeben" (FAZ), Michel Foucaults "Der Diskurs der Philosophie" (FR). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Film
Sven Trautwein empfiehlt in der FR Herbstserien der Streamer. Im Tagesspiegel berichtet Christiane Peitz über das äußerst mühselige Ringen um eine große Reform der Filmförderung. Das Zurich Film Festival (ZFF) lässt die Vorführungen von Anastasia Trofimovas Film "Russians at War" ausfallen, berichtet Andreas Scheiner in der NZZ. Er behauptet, die Ukraine habe Druck auf das Festival ausgeübt, dabei habe keiner der empörten ukrainischen Journalisten oder Politiker den Film gesehen.
Besprochen werden ein ZDF-Film über die letzte Olympia-Kür von Kati Witt (Tsp) und Alexandre Ajas Horrorfilm "Never Let Go" (FR).
Besprochen werden ein ZDF-Film über die letzte Olympia-Kür von Kati Witt (Tsp) und Alexandre Ajas Horrorfilm "Never Let Go" (FR).
Musik
Wer wusste schon, dass Peter Thomas, bekannt vor allem als Komponist der Titelmelodie von "Der Alte" oder von diversen Edgar-Wallace-Verfilmungen, einen schier unendlichen "Schatz" an Library Music, also meist GEMA-freie Gebrauchsmusik für die Nutzung in Filmen und im TV, komponiert hat, fragt Detlev Dietrichsen in der taz. Zum Glück wird dieser Schatz jetzt auf dem Album "The Tape Masters Vol. 1 - Library Music" zugänglich gemacht, freut sich der Kritiker. Viele Musiker nutzen das Komponieren von Library Music nicht nur als Zubrot, sondern auch als Möglichkeit, ihre "kühnsten avantgardistischen Ideen zu verwirklichen", klärt Diedrichsen auf - so auch Thomas: "Bei Peter Thomas war es von jedem etwas. 'Hammond A Lolo' wirkt zunächst wie ein handelsübliches Instrumental an der Hammond-Orgel, wird aber durch gewagten Effekteinsatz eher zum Fall von uneasy Listening; 'Lazer' ist eigentlich nur ein mörderisch verzerrtes Gitarrensolo auf einem Schlagzeug-Groove, 'Evening Air A' ist ein funky Jam auf Basis des 'Come Together'-Bass-Riffs der Beatles. 'Electric Cats' ist eine Noise-Forschungsreise auf funky Beat, während 'Galaxy Fall Out' und 'Nightmare On LSD' komplett abstrakte Klangabenteuer sind." Auf das Abenteuer lassen wir uns natürlich ein:
Nach 16 Jahren erscheint mit "Songs of a Lost World" im November ein neues Album von The Cure, die Single "Alone" war bereits immer mal wieder auf Konzerten zu hören, für den Standard hat Christian Schachinger reingehört und festgestellt: "Mit dem schleppenden Trauermarschduktus der siebenminütigen Ballade Alone hat Robert Smith als alte, etwas aus der Form geratene Nebelkrähe des fröhlich im Herbstnebel tänzelnden und torkelnden und mit erstickter Stimme vorgetragenen Gruftiepop zwar textlich und musikalisch nicht seinen Themenpark erweitert. Weltschmerz und Daseinsüberdruss gehen immer noch mit romantischer, aber letztlich immer in die Grube fahrender Liebe einher." Aber: "So gut, weil schlecht drauf, werden wir uns schon lange nicht mehr gefühlt haben." Auf Zeit online bespricht Christoph Schröder den Song. Wir hören rein:
Weitere Artikel: In der NZZ hätte Ueli Bernays hingegen gern auf jüngste Comebacks von Oasis, Manu Chao, Katy Perry oder Nelly Furtado verzichtet. Besprochen werden das Fratopia-Festival in der Alten Oper Frankfurt (FR), ein Gedenkkonzert des polnischen Geigers Adam Baldych zur Erinnerung an den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs in der Berliner St.-Elisabeth-Kirche (taz) und das Festival "Störenfriede: Jazz, Protest + Revolution" in der Deutschen Nationalbibliothek in Leipzig, bei dem über die subversive Kraft des DDR-Jazz diskutiert wurde (FAZ).
Nach 16 Jahren erscheint mit "Songs of a Lost World" im November ein neues Album von The Cure, die Single "Alone" war bereits immer mal wieder auf Konzerten zu hören, für den Standard hat Christian Schachinger reingehört und festgestellt: "Mit dem schleppenden Trauermarschduktus der siebenminütigen Ballade Alone hat Robert Smith als alte, etwas aus der Form geratene Nebelkrähe des fröhlich im Herbstnebel tänzelnden und torkelnden und mit erstickter Stimme vorgetragenen Gruftiepop zwar textlich und musikalisch nicht seinen Themenpark erweitert. Weltschmerz und Daseinsüberdruss gehen immer noch mit romantischer, aber letztlich immer in die Grube fahrender Liebe einher." Aber: "So gut, weil schlecht drauf, werden wir uns schon lange nicht mehr gefühlt haben." Auf Zeit online bespricht Christoph Schröder den Song. Wir hören rein:
Weitere Artikel: In der NZZ hätte Ueli Bernays hingegen gern auf jüngste Comebacks von Oasis, Manu Chao, Katy Perry oder Nelly Furtado verzichtet. Besprochen werden das Fratopia-Festival in der Alten Oper Frankfurt (FR), ein Gedenkkonzert des polnischen Geigers Adam Baldych zur Erinnerung an den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs in der Berliner St.-Elisabeth-Kirche (taz) und das Festival "Störenfriede: Jazz, Protest + Revolution" in der Deutschen Nationalbibliothek in Leipzig, bei dem über die subversive Kraft des DDR-Jazz diskutiert wurde (FAZ).
1 Kommentar