Efeu - Die Kulturrundschau
Kleine, schmutzige Statements der Wut
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
15.08.2024. Im VAN-Gespräch erinnert die Pianistin Olga Shkrygunova an ihren Kollegen Pawel Kuschnir, der vor kurzem in russischer Haft den Folgen seines Hungerstreiks erlegen ist. Die im Krieg gegen die Ukraine vergewaltigten Frauen werden im politischen Diskurs kaum erwähnt, klagt die polnische Regisseurin Marta Górnicka in der NZZ. Hyperallergic bewundert im Smithsonian American Art Museum Sterne, Reben und Jakobsmuscheln auf den Quilts der Amish. Im Tagesspiegel erzählt die New Yorker Underground-Filmemacherin Beth B., der in Berlin gerade eine Ausstellung gewidmet ist, dass sie Menschen heute lieber verführt als anschreit.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
15.08.2024
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Kunst

Wirklich glücklich waren die Amish nie, dass ihre Quilts seit den 1970er Jahren den Weg ins Museum fanden, weiß Julie Schneider auf Hyperallergic. Aber der Faszination der an modernistische Abstraktion erinnernden Muster kann sich Schneider in der Ausstellung "Pattern and Paradox: The Quilts of Amish Women" im Smithsonian American Art Museum dennoch nicht entziehen. Gezeigt werden fünfzig Quilts, die zwischen den 1880er und 1940er Jahren in Amish-Siedlungen in Pennsylvania, Ohio, Indiana und Illinois genäht wurden: "Um diese sehr unterschiedlichen Quilts herzustellen, teilten sich die Frauen Musterschablonen aus Pappe und halfen sich gegenseitig beim Zusammensetzen, Markieren, Quilten und Binden ihrer Kreationen. Aus zusammengesetzten Quadraten und Rechtecken, Streifen, Sternen, Dreiecken und Fächerformen entsteht ein Mosaik aus Quilttops. Aus präzisen Stoffrauten, die mit technisch kniffligen Y-Nähten verbunden werden, entstehen 'Tumbling Block'-Quilts mit verblüffenden, würfelförmigen optischen Täuschungen. Die 'Center Square'-Quilts, die manchmal auch als 'Plain Quilts' bezeichnet werden, verzichten auf die komplizierte Akkordarbeit zugunsten offener Stoffflächen, die die makellosen handgequilteten Motive einrahmen, darunter gefiederte Kränze, Weinreben, Kreuzschraffuren und Jakobsmuscheln."

Ein wenig hat sich die Kunst von Sarah Lucas, die in den Achtzigern als eine der Young British Artists Furore machte, überlebt, muss Adrienne Braun (Tsp) zwischen sexuell aufgeladenen Obst- und Gemüseskulpturen in der Ausstellung "Sense of Human" in der Kunsthalle Mannheim feststellen. Und viel Neues kommt nicht mehr: "Bis heute arbeitet sich Sarah Lucas an stereotypen Körperbildern und Weiblichkeit ab. Die kopflose Figur 'Michelle', die sie 2015 schon in Venedig im Britischen Pavillon der Biennale zeigte, liegt mit gespreizten Beinen auf einem wuchtigen Schreibtisch und evoziert unmittelbar Sex im Büro und die MeToo-Debatte. In der Mannheimer Kunsthalle präsentiert sie auch mehrere Varianten ihrer Frauenfiguren, die sie zunächst aus Stoffen und Nylonstrümpfen fertigt, inzwischen aber auch in Bronze mit unterschiedlichen Oberflächen. Das mag auf dem Kunstmarkt reüssieren, inhaltlich reproduziert sich Lucas hier nur noch selbst."
Weitere Artikel: In der FAZ würdigt die in Jerusalem lehrende Kunsthistorikerin Galit Noga-Banai nach einer Gastprofessur in Kassel die Gegendenkmäler des Künstlers Horst Hoheisel, der in Kassel aus den Überresten eines alten Kriegerdenkmals gerade erst ein Friedensdenkmal geschaffen hat. Ebenfalls in der FAZ berichtet Andreas Kilb vom Fund eines Mosaiks aus der Zeit Hadrians im nordenglischen Wroxeter.
Besprochen wird die Ausstellung "Neues aus der Sammlung (1835-2024). Entdeckungen und Erwerbungen" in der Heidelberger Sammlung Prinzhorn (taz).
Literatur
Thomas Ribi liest für die NZZ einen Brief des Papstes, der darin ein Loblied aufs Lesen singt (mehr dazu bereits hier). Im Welt-Gespräch mit Anuschka Roshani erinnert Kate Harrington an die Liebesbeziehung zwischen ihrem Vater und dem Schriftsteller Truman Capote, der darüber eine Art Ersatzvater für sie wurde.
Besprochen werden unter anderem Nana Kwame Adjei-Brenyahs "Chain Gang All-Stars" (FR), Alain Claude Sulzers "Fast wie ein Bruder" (NZZ) und Rainald Simons Übersetzung des chinesischen Epos "Vollständige Überlieferung von den Ufern der Flüsse" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Besprochen werden unter anderem Nana Kwame Adjei-Brenyahs "Chain Gang All-Stars" (FR), Alain Claude Sulzers "Fast wie ein Bruder" (NZZ) und Rainald Simons Übersetzung des chinesischen Epos "Vollständige Überlieferung von den Ufern der Flüsse" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Bühne

"Scheitern auf ganzer Linie", so lautet Judith von Sternburgs vernichtendes Urteil in der FR, nachdem sie bei den Salzburger Festspielen erlebte, wie die französische Regisseurin Mariame Clément Jacques Offenbachs "Hoffmanns Erzählungen" als Geschichte eines Filmregisseurs erzählt, der mehr mit der Kunst als mit der Liebe beschäftigt ist: "Wenn Regisseurin Clément … kein Interesse am großen Drama hat, ihm misstraut, Hoffmann als Liebendem und Leidendem misstraut, befindet sie sich ihrerseits gewissermaßen in der falschen Oper. Und sie muss dann etwas Neues erzählen und im Stück auffinden, das das rechtfertigen kann. Die Tatsache, dass bei ihr Antonia und auch Olympia ihre Affären mit dem Titelhelden überleben werden, ist zwar erfreulich. Es bleibt aber eine Nebenerscheinung im Gewusel der die Handlung grundlegend denunzierenden Einfälle. Wenn alles nur Kintopp ist, gibt es keinen Übergang ins Magische und Schwarzromantische..." Auch Standard-Kritiker Ljubiša Tošić meint: Trotz einiger "Slapstickteilerfolge" sind hier viele Chancen liegengeblieben.
In der FAZ hat Jürgen Kaube deutlich weniger auszusetzen, das Motiv der Filmszenerie gelingt nicht immer, meint er, aber neben der überraschungsreichen Inszenierung ist es vor allem die Sopranistin Kathryn Lewek, die als Olympia, Antonia und Giulietta brilliert: "Was wunderbar an Leweks Stimme ist, lässt sich näher bestimmen. Sie kommt aus einem starken Körper, Lewek steht mit beiden Beinen viel mehr auf dem Boden als es die von Offenbach entworfenen Geliebten Hoffmans tun. Ihre Olympia ist kein Aufziehautomat, sondern eine Rampensau im Barbarella-Look, die wegläuft, als ihr Hoffmann unter den Rock zu greifen versucht. Ihre Antonia verblutet nicht durch Gesang, sondern entzieht sich dem kunstreligiösen Theater, das um sie aufgeführt wird, durch einen resoluten Abgang. Als der Arzt gerufen wird, muss er sich, anders als im Original, nicht um sie, sondern um Hoffmann kümmern. Als Giulietta ist sie keine Königin der Nächte, aber ihr Gesang beglaubigt die Macht, die sie auf Hoffmann ausübt, weil sie ihre Koloraturen nicht kopfstimmig piepst, sondern aus der Brust mit vielen Zwischentönen singt."
Im November vergangenen Jahres feierte das Stück "Mothers - A Song For Wartime", das die polnische Regisseurin Marta Górnicka gemeinsam mit ukrainischen und belarusischen Flüchtlingen am Berliner Gorki-Theater inszenierte, Deutschland-Premiere, aktuell ist es beim Zürcher Theaterspektakel zu sehen. Frauen und Kinder seien im Krieg gegen die Ukraine "die im am stärksten gefährdete Gruppe und paradoxerweise die am meisten übergangene Gruppe im politischen Diskurs", sagt sie im NZZ-Gespräch: "Wir haben für 'Mothers' nach Themen gesucht, die in offiziellen Berichten verschwiegen werden. Das ist zum Beispiel die Gewalt gegen Frauen. Vergewaltigungen sind die mächtigsten Waffen der russischen Armee - eine Foltermethode, schlimmer als Mord, weil sie eine bleibende Verletzung und Demütigung im lebenden Opfer hinterlassen. Die Gewalt russischer Soldaten ist Teil des kollektiven Gedächtnisses von polnischen, weissrussischen und ukrainischen Frauen." Viele im Ensemble seien zudem enttäuscht über die zögerliche Unterstützung aus dem Westen, fährt sie fort: "Sie glauben, die westeuropäischen Staaten hätten zu lange an der Illusion gehangen, dass die Opposition aus dem heutigen Russland irgendwann eine Demokratie schaffen würde."
Weitere Artikel: In der Zeit singt Jil Sander dem als Hamburger Balletdirektor scheidenden John Neumeier ein knappes Abschiedsständchen: "John hat die Hamburger Kultur mit seinen fulminanten Choreografien reich und modern gemacht. Ich habe mich ihm in seiner Energie und der furchtlosen Umsetzung seiner Vision immer nah gefühlt."
Film
Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram anEine Ausstellung im Berliner Silent Green widmet sich der New Yorker Underground-Filmemacherin Beth B. Gemeinsam mit ihrem Mann Scott B drehte sie auf Schmalspur-Material "kleine, schmutzige Statements der Wut und des Misstrauens", schreibt Michael Freerix in der taz. Beide fanden damit in Sichtweite zur New Yorker Punkszene rasch Anschluss an andere Filmkünstler der Szene, die heute unter Begriffen wie "Cinema of Transgression" oder "No-Wave-Cinema" geführt wird. "Sie propagieren eine Strategie des visuellen Schocks. ... Aber wo ihre Kollegen auf Konfrontation und Provokation setzen, arbeiten die beiden an komplexen, aufklärerischen Narrativen. ... Ihnen ist die Analyse von Machtstrukturen in der Gesellschaft äußerst wichtig."
Andreas Busche hat sich für den Tagesspiegel mit Beth B getroffen. Wie passt eine frühere Provokateurin in den gegenwärtigen Kunstbetrieb, in dem "die Konzepte Achtsamkeit und Safe Spaces inzwischen allgegenwärtig sind - und fast schon zum Klischee geworden. ... 'Früher haben wir geschrien, so laut wie wir konnten', erzählt sie. Es sei eine Art Überlebensinstinkt gewesen. 'Aber natürlich hört niemand zu, wenn man ständig angeschrien wird. Also lernte ich, die Menschen zu verführen, damit sie mir zuhören. Als Gemeinschaft haben wir die Fähigkeit, ein Gefühl von Wärme und Zärtlichkeit zu den Menschen zu bringen, die darunter leiden - inklusive uns selbst.'"

"Selten ist aus etwas so Großartigem etwas derart Missratenes und Dämliches entstanden", schnaubt Dirk Schümer in der Welt nach der Netflix-Serie "Decameron" auf loser Grundlage von Boccaccios gleichnamiger Novellensammlung aus der Frührenaissance. Hatte Boccaccio noch "allem Todestrieb eine Absage erteilt und stattdessen weibliche Vernunft, individuelle Würde und die natürliche Sinnlichkeit aller Menschen gefeiert", besteht die Netflixvariante nurmehr aus Fäkalhumor und pubertär-verklemmten Fantasien. Traurig und dreist, wie hier "die eigene Denkfaulheit und Ahnungslosigkeit - unterfüttert mit punkigen Klängen à la The Clash - auch noch als witzige Innovation" verkauft wird. Dabei ist die Serie "nur der Beweis, dass, wenn es so weiterläuft, eine ganze Generation dabei ist, jegliches Geschichtsbewusstsein zu verlieren. Es gibt hier nur mehr die Gegenwartsästhetik, die Gegenwartsmoral, den Gegenwartsspaß als Kostümparty. Dabei brach mit Boccaccio und seinem Zeitgenossen Francesco Petrarca einst eine Epoche an, in der Vernunft und Skepsis die fundamentalistische Ideologie des mittelalterlichen Christentums ablösen konnten."
Weitere Artikel: Wilfried Hippen porträtiert für die taz den Bremer Sounddesigner Anders Wasserfall, der die Tonspuren von Filmen zum Klingen bringt. Maria Wiesner (FAZ) und Harald Hordych (SZ) gratulieren Pierre Richard zum 90. Geburtstag. Außerdem melden die Agenturen, dass die Schauspielerin Gena Rowlands im Alter von 94 Jahren gestorben ist.
Besprochen werden Jane Schoenbruns bislang nur in Berlin gezeigter Horrorfilm "I Saw the TV Glow" (Perlentaucher), Christel Buschmanns auf DVD wiederentdeckter "Gibbi Westgermany" von 1980 (taz, mehr dazu bereits hier), Fede Alvarez' Horror-Science-Fiction-Film "Alien: Romulus" (Perlentaucher, NZZ, FD, taz, FR), Fanny Liatards und Jérémy Trouilhs französischer Coming-of-Age-Film "Gagarin" (FAZ, Freitag, FD), Sean Wangs Komödie "Dìdi" (taz), Oz Perkins' "Longlegs" (Freitag, unsere Kritik), die Amazon-Serie "Perfekt verpasst" mit Bastian Pastewka und Anke Engelke (FAZ, taz) und Justin Baldonis Verfilmung von Colleen Hoovers Tiktok-Bestseller "It Ends with Us" (FR, Standard). Außerdem verschaffen SZ und Filmdienst einen Überblick zur aktuellen Kinowoche.
Musik
Im VAN-Gespräch mit Hartmut Welscher erinnert die Pianistin Olga Shkrygunova an Pawel Kuschnir, der vor kurzem in russischer Haft den Folgen seines Hungerstreiks erlegen ist. Der Pianist hatte zuvor den russischen Überfall auf die Ukraine scharf angeprangert (mehr dazu bereits hier und dort). Shkrygunova und Kuschnir kannten sich seit Kindertagen. Schon damals gab es "Legenden um seine Begabung, wie schnell er auswendig gelernt hat, wie früh er komponiert hat", erzählt sie. Aber warum versauerte er unbekannt in der Provinz? "Wir haben beide im selben Jahr die Aufnahmeprüfung für das Konzertexamen am Moskauer Konservatorium gemacht. Ich habe bestanden und er nicht. Und weißt du, warum? Weil ich nett und blond bin. Und er wollte Schumanns C-Dur-Fantasie spielen. Die Jury hat ihn aufgefordert, nur einen Satz daraus zu spielen, worauf er meinte: 'Ich kann das nicht machen, Schumann hat das Stück als Ganzes komponiert; wenn ich nur einen Ausschnitt spiele, breche ich mit meinem Konzept.' In der akademischen Welt, und besonders in Moskau, ist es so: Wenn du nicht die richtigen Verwandten hattest, wenn du nicht die richtigen Kontakte gehalten hast, wenn du nicht 'nett' warst, wurde es schwierig."
Weiteres: Ziemlich cool findet es Karl Fluch im Standard, dass Kamala Harris' politischer Mitstreiter Tim Walz in den Achtzigern offenbar mit den Replacements und Hüsker Dü und damit also "mit den Vorläufern der Alternative Music groß geworden" ist. Jeffrey Arlo Brown spricht für VAN mit dem Flötisten Dietmar Wiesner über die Geschichte der Jungen Deutschen Philharmonie, die ihr 50-jähriges Bestehen feiert. Holger Noltze wirft für VAN einen Blick auf Männerfeindschaften in der Musik. Besprochen werden ein Auftritt von Anne-Sophie Mutter und Daniel Barenboim beim Rheingau Festival (FR) und ein Konzert der Fado-Sängerin Lina in Frankfurt (FR).
Und Arno Lücker empfiehlt in VAN zehn Werke, die man von Louis Moreau Gottschalk kennen sollte, darunter "Le Banjo", für ihn "das Knallerstück überhaupt".
Weiteres: Ziemlich cool findet es Karl Fluch im Standard, dass Kamala Harris' politischer Mitstreiter Tim Walz in den Achtzigern offenbar mit den Replacements und Hüsker Dü und damit also "mit den Vorläufern der Alternative Music groß geworden" ist. Jeffrey Arlo Brown spricht für VAN mit dem Flötisten Dietmar Wiesner über die Geschichte der Jungen Deutschen Philharmonie, die ihr 50-jähriges Bestehen feiert. Holger Noltze wirft für VAN einen Blick auf Männerfeindschaften in der Musik. Besprochen werden ein Auftritt von Anne-Sophie Mutter und Daniel Barenboim beim Rheingau Festival (FR) und ein Konzert der Fado-Sängerin Lina in Frankfurt (FR).
Und Arno Lücker empfiehlt in VAN zehn Werke, die man von Louis Moreau Gottschalk kennen sollte, darunter "Le Banjo", für ihn "das Knallerstück überhaupt".
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