Efeu - Die Kulturrundschau

Weg mit den nassen Fetzen!

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05.08.2024. Die Kritiker überschlagen sich in ihrem Lob für Krzysztof Warlikowskis Aufführung von Mieczysław Weinbergs Oper "Der Idiot" in Salzburg: ein "Triumph" jubelt die FR, ein "Meisterwerk" die SZ. Die taz begegnet im Freud-Museum in Wien dem Unheimlichen im Heimeligen. Der russische Pianist Pawel Kuschnir ist den Folgen seines Hungerstreiks erlegen, meldet die FAZ. Eine Nummer zu groß findet Zeit Online das Adele-Konzert in München: "Intimität und Größe" standen dort in keinem Verhältnis. "Völlig verrückt, aber irre berührend" urteilt hingegen die SZ.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.08.2024 finden Sie hier

Bühne

Bogdan Volkov als Fürst Lew Nikolajewitsch Myschkin in "Der Idiot" bei den Salzburger Festspielen.

Es ist für nachtkritiker Thomas Rothschild völlig unverständlich, dass die Oper "Der Idiot" von Mieczysław Weinberg seit ihrer Uraufführung vor elf Jahren auf keiner deutschen Bühne zu sehen war. Immerhin kann man das jetzt bei den Salzburger Festspielen nachholen und zwar in einer Inszenierung von Krzysztof Warlikowski - der Kritiker ist begeistert. Das Libretto hält sich streng an eine gekürzte Version von Fjodor Dostojewskis Roman und auch die Musik ist ganz nah am Text: "Ganz nach den Konventionen der Operntradition ist Fürst Myschkin mit einem Tenor, der maßlose Rogoschin...mit einem Bariton oder Bass, Nastassja Filippowna mit einem Sopran und die brave, hinterhältige Aglaja mit einem Mezzosopran besetzt. Die Personen der Handlung werden nicht nur durch die Stimmlage, sondern mehr noch durch die musikalische Semantik charakterisiert. Weinbergs streckenweise tonmalerische, klug instrumentierte Musik nützt rhythmische und harmonische Elemente des Jazz und der Folklore, die vorrangig der zugleich komischen wie bedrohlichen, typisch dostojewskischen Figur des Lebedjew attribuiert werden."

Diese Aufführung ist "ein später Triumph" für Weinberg und "wahrhaft festspielwürdig", jubelt auch Judith von Sternburg in der FR: "Wie Musik und Text sich in jedem Moment wieder frisch und intensiv verbinden, sind auch Personenführung und Handlung eng geführt und als wäre alles aus der jeweiligen Situation geboren. Wie im Leben, aber hier doch in der Kunst.

"Nichts weniger als ein "Meisterwerk" ist das, pflichtet Egbert Tholl in der SZ bei. Das liegt auch an Dirigentin Mirga Gražinytė-Tyla: "Die Musik weiß mehr als die Figuren. Wie Gražinytė-Tyla das herausarbeitet, ist fast schon aberwitzig aufregend, sicherlich auch anstrengend - Weinbergs 20 Jahre vor dem 'Idioten' entstandene 'Passagierin' ist in ihrer harten Wucht sicherlich theaterwirksamer. Weinberg bleibt innerhalb der Tonalität, geht aber immer wieder an deren Grenzen, Gražinytė-Tyla und das Orchester fühlen sich sichtlich wohl an diesem Grat der Begegnung von Klangsinnlichkeit und schroffer Expression." Auch Eleonore Büning schreibt in der NZZ euphorisch über die Aufführung. FAZ-Kritiker Jan Brachmann hat hingegen mehr erwartet: Den "spirituelle Imperialismus" Dostojewskis wisse die Oper nicht in Bilder zu fassen, insgesamt bleibe sie "unter ihren Möglichkeiten".

Szene aus "Orestie I-IV". Foto: Armin Smailovic.

Weniger angetan scheinen die Kritiker von Nicolas Stemanns Antiken-Kompilation "Orestie I-IV" gewesen zu sein, die ebenfalls in Salzburg zu sehen war. nachtkritiker Martin Thomas Pesl hat sich etwas gelangweilt: Die "Inszenierung kommt nicht recht in Fahrt. Das mag daran liegen, dass er das Genre Antikenmarathon zwar mit ehrlicher Neugier anpackt, dabei aber irgendwie late to the party ist und im altbekannten Stoff einen griffigen Gegner (wie einen Jelinek-Text) vergeblich sucht. Weder arbeitet Stemann mit bestehenden Übersetzungen noch mit einem Autor wie Schimmelpfennig. Er selbst hat eine Fassung erstellt, gut verständlich, leidlich unterhaltsam und auf die nicht sonderlich originelle These fokussiert, dass die Menschen nicht anders können, als einander zu morden."

Christine Dössel ist in der SZ komplett genervt vom "oberlehrerhaften" Auftreten des Regisseurs, der zwischendurch als Moderator auf die Bühne kommt. In der FR schreibt Judith von Sternburg ebenfalls nicht ganz überzeugt.

Außerdem: In der FAZ unterhält sich der Choreograph Olivier Dubois über seine Pläne als zukünftiger Direktor des Tanzfestivals Bozen.
Archiv: Bühne

Literatur

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Im FAZ-Bücherpodcast spricht Dietmar Dath mit Hannes Riffel über Alan Moores an James Joyce erinnerndes 1400-Seiten-Epos "Jerusalem", das Riffel gerade in jahrelanger Kleinarbeit ins Deutsche übersetzt hat.

Besprochen werden unter anderem Ronya Othmanns "Vierundsiebzig" (Standard), Nora Bossongs "Reichskanzlerplatz" (Standard), Heiner Bastians "Das Gedächtnis des Vergessens" (FR), Fleur Jaeggys "Die seligen Jahre der Züchtigung" (TA), eine Neuausgabe von Joseph Conrads "Nostromo" (online nachgereicht von der LitWelt), Marek Edelmans "Erinnerungen an das Warschauer Ghetto - Das Ghetto kämpft" (SZ) und neue Krimis, darunter Lisa Sandlins "Der Auftrag der Zwillinge" (FAZ).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Hans Christoph Buch über Christian Friedrich Daniel Schubarts "Die Forelle":

"In einem Bächlein helle,
Da schoss in froher Eil
Die launische Forelle ..."
Archiv: Literatur
Stichwörter: Buch, Hans Christoph

Musik

Der im Mai verhaftete, russische Pianist Pawel Kuschnir ist den Folgen seines Hungerstreiks erlegen, meldet Kerstin Holm in der FAZ: "Auf Youtube führte Kuschnir den Kanal 'Ausländischer Agent Malder' (Inoagent Malder), wo er nach Beginn der russischen Großinvasion in die Ukraine vier Video-Monologe publizierte, auf denen er sich und andere Gegner des Putin-Regimes anklagte, den russischen Faschismus nicht verhindert zu haben. 'Wir begreifen, dass wir in dieser Hölle zugrunde gehen werden', sagt der Musiker in einem, 'also sterben wir wenigstens wie Christenmenschen.' Millionen Russen hätten einst ihr Leben gelassen, um den Faschismus zu beenden, den Putin aber verkörpere. Die Gräueltaten von Butscha seien eine Schande fürs Vaterland, heißt es auf dem jüngsten vom Januar 2024." Hier spielt er die 24 Präludien von Rachmaninow.



Am Freitagabend hat Adele mit ihrem zehn Konzerte umfassenden Münchner Zyklus begonnen, für den eigens eine Open Air Arena für über 70.000 Menschen aufgebaut wurde, die nach dem Event wieder abgerissen wird. "Wie Adele da in München nun am Bühnenrand steht, mit bloßem Auge besehen zwergenhaft klein im Halbrund der Zehntausenden, allein mithilfe unzähliger Kameras übergroß und mehrfach auf die eben größte Videoleinwand der Welt projiziert, offenbart sich die wesentliche Schwäche dieser technisch perfekten Inszenierung", schreibt Rabea Weihser auf Zeit Online: "In ihrem Gigantismus kann die Show weder die Magie von Adeles Musik noch ihrer Person abbilden. Intimität und Größe klaffen im Verlauf des Abends immer weiter auseinander. ... Irgendwo steht und singt Adele. Irgendwas sagt sie." Aber wenn es "einen Grund gibt, warum diese Menschen alle hier sind, dann doch, weil sie den echten Körper der Diva sehen und erleben wollen. Aber der ist eben nur noch als Projektion erkennbar."

Der Popstar füllt den Abend mit hemdsärmeliger Rustikalität, notiert Katrin Nussmayr in der Presse: Adele "scherzt und plaudert wie eine gesprächige ältere Urlauberin an der Weinbar und trinkt aus ihrem tönernen Bierkrug. Es ist schließlich Bayern, und Adele liebt Bier, wie sie mehrfach versichert. Gleich zu Beginn steckt sie sich das Mikro in den Ausschnitt ihres nachtblauen Abendkleids, um sich die Schleppe von der Taille binden zu können: Weg mit dem nassen Fetzen! 'Look at it dripping!' Da kann man sich fast vorstellen, wie Adele ihre Anfänge in Londoner Pubs gestaltet haben könnte, witzelnd und fluchend und saufend und zwischendurch dramatisch trällernd auf Barhockern."

Ja, meint auch Marlene Knobloch in der SZ: "Adele ist das Gegenteil einer Zeitgeist-Schleimerin. Sie schmiert kein glitzerndes Camouflage über Hierarchien, verrenkt sich nicht Richtung Augenhöhe, mimt keine beste Freundin für die Fans. ... Es ist exakt diese zittrige, leidende Ehrlichkeit, das leicht divenhafte, die sich zuspitzenden Lippen, das Augenrollen, das Verhaspeln, das viele, ungeplante, ausfransende Reden, die Sehnsucht nach Alkohol, die sie laut und fluchend ausspricht, es ist dieses völlig strauchelnde Pendant zur perfekten Inszenierung, das diesen Abend zu einem völlig verrückten, aber irre berührenden Popereignis macht." In der FAZ ist Matthias Alexander beeindruckt, wie reibungslos diese organisatorische und logistische Herausforderung über die Bühne geht: "Vielleicht sollte man Konzertveranstalter als Berater für Großprojekte anheuern."

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Weitere Artikel: Lars Fleischmann spricht für die taz mit Eric Pfeil anlässlich dessen zweiten Buches über den Italo-Pop über die widersprüchliche Politik und Kultur Italiens. Christoph Forsthoff fragt sich in der NZZ, wie sich das Menuhin-Festival in Gstaad nach dem ersten Intendantenwechsel seit zwei Jahrzehnten neu aufstellen wird. Jakob Thaller vom Standard hat sich an einem Tag durch die gesamte Taylor-Swift-Diskografie gehört (Zwischenstand um 17 Uhr: "Neurologisch gesehen habe ich mittlerweile Migräne und keine Lust mehr auf dieses Experiment."). Stefan Fromman resümiert in der Welt das Metal-Festival in Wacken. In der Welt gratuliert Frederich Schwilden Helene Fischer zum 40. Geburtstag. Joachim Hentschel hat sich für die SZ mit der Berliner Band Blond getroffen.



Besprochen werden Vince Staples' Album "Dark Times" (taz), Anne Sauers Buch "Look What She Made Us Do" über Taylor Swift (online nachgereicht von der FAZ), das Abschlusskonzert von Jan Voglers Nachwuchsworkshop in Neuhardenberg (Tsp), und ein Konzert der Audi Jugendchorakademie beim Rheingau Musik Festival (FR).

In der Frankfurter Pop-Anthologie schreibt Philipp Krohn über "Fugazi" von Marillion:

Archiv: Musik

Film

In der Jungle World fasst Tobias Obermeier die Auseinandersetzungen um die Ausstellung im Oscar Museum der Academy in Los Angeles zusammen: Unter anderem wurde kritisiert, dass die jüdischen Pioniere Hollywoods für ihre Verdienste nicht ausreichend gewürdigt, sondern vor allem als Widerlinge geschmäht wurden (mehr dazu bereits hier und dort). Heide Rampetzreiter plaudert für die Presse mit dem Schauspieler Ewan Mitchell, der aktuell in der zweiten Staffel von "House of the Dragon" zu sehen ist. Besprochen wird Ivan Calbéracs französische Boomer-Komödie "Liebesgrüße aus Nizza" (FAZ).
Archiv: Film

Kunst

GREGORY CREWDSON, Ohne Titel 1998-2002. © Gregory Crewdson

Dass das "Unheimliche", wie Sigmund Freud schrieb, nicht im Fremden entsteht, sondern gerade im vertrauten Alltäglichen wohnt, wird taz-Kritikerin Regine Müller in einer Ausstellung im Sigmund Freud Museum in Wien vor Augen geführt. Unterschiedliche Künstler stellen hier zum Thema "Das Unheimliche. Sigmund Freud und die Kunst" aus. Besonders prägend findet Müller "ein Fototableau von Gregory Crewdson aus der Serie 'Twilight' von 2001/2002, eine hyperrealistisch inszenierte Szene wie aus einem subtilen Horrorfilm, eine Familienaufstellung der unheimlichen Art: In einer düsteren Küche ist der Tisch gedeckt, Vater und Sohn sitzen einander am Esstisch gegenüber, die Atmosphäre ist zum Zerreißen gespannt, die jüngere Tochter blickt dagegen verstört ins Leere. Niemand schaut zur geöffneten Tür, durch sie hat die Mutter nackt durch einen Scherbenhaufen schlurfend das Zimmer betreten. Im Hintergrund ein Messie-Szenario, gestapeltes Geschirr, Essensreste, Müll. In der Luft liegen unausgesprochene Konflikte. Die nackte Mutter, ihr früh gealterter Körper, ihre offensichtliche Unsichtbarkeit drängt eine psychoanalytische Deutung förmlich auf - Verschweigen, Gewalt, ödipale Verstrickungen. Ein beklemmendes Bild."

Weiteres: In der SZ schwärmt Max Florian Kühlem von einem Besuch im Kröller-Müller-Museum, in dem außer der zweitgrößten Van-Gogh-Sammlung auch die Ausstellung "Den Wald vor lauter Bäumen" zu sehen ist. In der FAZ freut sich Andreas Kilb, einen chinesischen Bodhisattva im Dogenpalast in Venedig wiederentdecken zu können: Die Buddha-Figur steht eigentlich im Humboldt-Forum in Berlin, dort sei sie aber in der Masse der Exponate untergegangen.

Besprochen werden die Ausstellung "Holy Fluxus. Aus der Sammlung Francesco Conz" in der St. Matthäus Kirche am Kulturforum in Berlin (taz) und die Ausstellung "Der große Schwof - Feste feiern im Osten" in der Kunsthalle Rostock (FAZ).
Archiv: Kunst