Efeu - Die Kulturrundschau

Blitzaktion von nur 28 Minuten

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16.07.2024. Die FAZ bespricht Kirill Serebrennikows Film über die in Russland tabuisierte Homosexualität Tschaikowskis. Die taz freut sich, dass Remagen an die Künstlerinnen des Dada erinnert. FAZ und NZZ sind sich uneins: Ist William Kentridges Kammeroper "The Great Yes, the Great No" über südafrikanische Intellektuelle, die gemeinsam mit europäischen Flüchtlingen vor den Nazis fliehen, ein frischer Blick über den eurozentrischen Tellerrand oder kulturelle Aneignung? Der Standard langweilt sich, wenn Eminem mal wieder gegen Feministinnen und Liberale ätzt.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.07.2024 finden Sie hier

Film

Die löchrige Schönheit des Vergangenen: "Madame Tschaikowksi" von Kirill Serebrennikow

Kirill Serebrennikow fokussiert in seinem neuen Film "Madame Tschaikowski" auf die Ehe von Antonina Miljukowa und Peter Tschaikowski, die de facto nur auf dem Papier geschlossen wurde - und vor der der Komponist aufgrund seiner Homosexualität buchstäblich Reißaus nahm, zum Leid von Miljukowa, die sich offenbar in einer authentischen Liebesbeziehung wähnte. Tschaikowskis Homosexualität ist in Russland bis heute - oder vielleicht: gerade heute wieder - ein Tabu, schreibt Andreas Kilb online nachgereicht in der FAZ: "Das Denkmal, das ihr Serebrennikow setzt, hat ein Doppelgesicht: Es blickt zurück in eine Zeit, in der Homosexualität ebenso verboten war wie weibliche Autonomie, und voraus in eine Zukunft, in der beides selbstverständlich geworden sein wird. Auf der Schwelle zwischen beiden steht Serebrennikows Film. Da er nicht sehen kann, was kommt, hüllt er sich in die Schönheit des Vergangenen. Aber diese Schönheit ist löchrig: Sie lässt den Schrecken durchscheinen, der hinter ihr steckt, und die Sehnsucht danach, die Hüllen und Kostüme endlich fallen zu sehen. So muss es sein."

Weitere Artikel: Das Team von critic.de wirft Schlaglichter auf die schönsten Entdeckungen beim Festival "Il Cinema Ritrovato" in Bologna, dem alljährlichen Sommer-Pilgerort für Filmhistoriker. Mariam Schaghaghi spricht für Frankfurter Allgemeine Quarterly ausführlich mit Sean Penn über dessen jahrelanges Engagement in Krisenregionen von Haiti bis zur Ukraine. Nadine Lange spricht für den Tagesspiegel mit dem Filmemacher Levan Akin über dessen queeren Film "Crossing". Disney begann einst mit Animatiosfilmen und eröffnete dann ein Vergnügungspark-Franchise, der Europa-Park in Rust war zunächst ein Vergnügungspark und will nun dick ins Animationsfilmgeschäft einsteigen, schreibt Hanns-Georg Rodek in der Welt.

Besprochen werden Ross Glass' "Love Lies Bleeding" mit Kristen Stewart (Tsp) und Élise Girards "Sidonie in Japan" mit Isabelle Huppert (Standard).
Archiv: Film

Kunst

Bild: Sophie Taeuber-Arp, Motif abstrait (masques), Composition verticale-horizontale, 1917 © Stiftung Arp e.V., Rolandswerth/Berlin

Die Künstlerinnen des Dada wurden auch vergessen, weil sie oft keine Autorschaft auf ihre Werke erhoben - oder dem Kunstgewerbe zugeschlagen wurden, lernt Katrin Bettina Müller (taz) in der Ausstellung "der die Dada. Unordnung der Geschlechter" im Arp Museum Remagen: "Zu Dada in Köln gehörten Agnes Arntz, Angelika Hoerle und Marta Hegemann. Letztere hat 1926 August Sander fotografiert, mit einer Zeichnung von zwei Vögeln im Gesicht, die über ihre Wange fliegen. Von ihr zeigt die Ausstellung eine fantastische Landschaft (1939), in der Hände und Vogelköpfe aus amorphen Formen steigen: Sind es Hilferufe in einer Kulisse voller Ruinen? In einem Selbstporträt (mit kurzem Haarschnitt) hat sie sich als Torso dargestellt, eine klassische Form der Kunstgeschichte, in der ihr aber mit den Armen jeglicher Handlungsspielraum fehlt. Nicht alle der vorgestellten Frauen haben ein künstlerisches Werk so wie Hegemann hinterlassen, oft verlieren sich ihre Spuren auch in wenigen Dokumenten."

Bild: Keith Haring, Untitled, 1982, UAB 1317 © The Keith Haring Foundation. Foto: Elisabeth Greil, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Museum Brandhorst, München

Nicht nur die Neue Nationalgalerie feiert aktuell einen bislang unbekannten Warhol (unsere Resümees), auch das Münchner Museum Brandhorst zeigt Andy Warhol, allerdings neben Keith Haring. Denn wie weit die New Yorker Künstler einander inspirierten, war bisher wenig bekannt, erfährt Gabi Czöppan (Tsp) in der Ausstellung "Party of Life": "Klug stellt sie die Werke Warhols neben die von Haring und entlarvt, warum beide voneinander lernten. Gleich im ersten Raum fällt der Blick auf das bunte BMW-M1-Rennauto, das Warhol 1979 in einer Blitzaktion von nur 28 Minuten selbst anmalte, angeblich ohne ein Honorar dafür erhalten zu haben. Dahinter hängen Strichmännchen, die Keith Haring einst auf eine rohe Wand strichelte, bevor sich Galeristen das Kunstwerk von der Straße unter den Nagel rissen. Man sieht Andys schillernde Selbstporträts in weißer Silberperücke neben dem quietschbunten Comicporträt des Nerd-Brillen-Boys und Harings Porträt von Warhol als Micky Maus mit Dollarzeichen vor den Augen. Harings 'Pop Shop' von 1986, in dem man die Strichmännchen des Künstlers auf Skateboards, Buttons und T-Shirts für wenig Geld kaufen konnte, ist wieder aufgebaut."

Weitere Artikel: Nach der Diebstahl-Serie im British Museum war dessen Direktor Hartwig Fischer zurückgetreten, nun ist Fischer laut saudischer Museumskommission zum Gründungsdirektor eines neuen Museums für Weltkulturen in Riad ernannt worden, meldet Alexander Menden in der SZ. Hannes Hintermeier resümiert in der FAZ eine Tagung mit dem Titel "Die Rache des Tafelbildes" im Rahmen der Kulturhauptstadt Salzkammergut.

Besprochen werden die Gruppenausstellung "Sommer 24" des CCA Berlin im Neubau der Kaiser-Wilhelm Gedächtniskirche (taz) und die Ausstellung "Louise Bourgeois. Unconscious Memories" in der Galleria Borghese in Rom (FAZ).
Archiv: Kunst

Literatur

Besprochen werden Aroa Moreno Duráns "Ruths Geheimnis" (FR), Hans Christoph Buchs Essaysammlung "Vom Bärenkult zu Stalinkult" (Freitag), Charly Hübners "'Wenn du wüsstest, was ich weiß...'" über den Schriftsteller Uwe Johnson (online nachgereicht von der FAS) und Enrique Vila-Matas' "Montevideo" (FAZ). Mehr ab 14 Uhr in unserer aktuellen Bücherschau.
Archiv: Literatur

Bühne

Bild: Szene aus "The Great Yes, The Great No". Festival d'Aix-en-Provence 2024 © Monika Rittershaus

Ganz verzückt berichtet Anja-Rosa Thöming in der FAZ vom Festival in Aix-en-Provence, wo unter anderem William Kentridges Kammeroper "The Great Yes, the Great No" gegeben wurde - "fesselnd, erfrischend" und keineswegs "eurozentrisch", freut sich Thöming: "Grundidee für das Setting ist die historische Überfahrt des Frachters Capitaine Paul Lemerle im März 1941 von Marseille zur karibischen Insel Martinique. Europäische Flüchtlinge entkamen so den Nationalsozialisten im besetzten Frankreich, darunter Anna Seghers, André Breton, Claude Lévi-Strauss, der Maler Carl Heidenreich. Der Südafrikaner Kentridge interessiert sich genauso für internationale Künstler und Poeten, die dieselbe Route nahmen: die Tänzerin Josephine Baker, die Autorin Suzanne Césaire oder Léopold Sédar Senghor; dieser hatte in Paris die antikolonialistische Bewegung 'Négritude' gegründet. Einen Gastauftritt bekommt, ironisch als 'zweite Joséphine' apostrophiert, Napoleons erste Frau Joséphine - ihre Familie auf Martinique profitierte von der Arbeit entwurzelter Sklavinnen und Sklaven, die die Zuckerrohr-Industrie in Gang hielten."

Für die NZZ-Kritikerin Elenore Büning ist Kentridges Inszenierung indes nicht mehr als ein "Happening": "Die Show, nach Kentridge-Art wild bebildert, lebt von der Authentizität und der Vitalität südafrikanischer Musik und afrikanischer Sänger und Musiker. Sie tun so, als seien sie französische Intellektuelle, die im Kriegsjahr 1941 zu Schiff vor der Pétain-Regierung und den Deutschen fliehen. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Ein Fall von 'kultureller Aneignung'."

Kein anderes Opernhaus weltweit leistet sich ein derartiges Saisonfinale wie die Bayerische Staatsoper, staunt Manuel Brug in der Welt vor allem mit Blick auf Claude Debussys Oper "Pelleas et Melisande": "Regisseurin Jetske Mijnssen streicht jeden Märchenzauber und Grottenflair. Nur die diffusen Wasserschattierungen bleiben in Ben Baurs minimalistischer Ausstattung erhalten. Die beschränkt sich auf einen schmalen Parkettbodengrat, auf dem diese Gefährdeten und Gramvollen wandeln und tänzeln. Golaud (der grandios grobe Christian Gerhaher) nähert sich der seltsam einsamen Mélisande als Ballbekanntschaft zwischen Tanzenden, anschließend sind alle in der erstickenden Atmosphäre einer Jahrhundertwendevilla gefangen. Hier blüht die weibliche Hysterie der Entstehungszeit, aber die Männer reagieren wenig verständnisvoll."

Weitere Artikel: Auf Backstage Classical schreibt Monika Beer einen Nachruf auf ihren guten Freund, den im Alter von 86 Jahren verstorbenen Politikwissenschaftler und Wagner-Forscher Udo Bermbach, in der FAZ schreibt Laurenz Lütteken. Der Schauspieldirektor und Nachtkritiker Wolfgang Behrens denkt nach dem Attentat auf Donald Trump über den Begriff "Assassination" bei Shakespeare nach. In der SZ singt der Moderator und Comedian Thomas Hermanns eine Hymne auf das deutsche Musical - "diese schönste Theaterform". Im Tagesspiegel porträtiert Gunda Bartels den Schauspieler Philipp Hochmair, der dieses Jahr in Salzburg den "Jedermann" geben wird.

Besprochen wird Iiro Rantalas Opern-Inszenierung "Sanatorio Express" an der Frankfurter Kammeroper im Palmengarten (FR).
Archiv: Bühne

Musik

Schlicht genervt ist Standard-Popkritiker Christian Schachinger von "The Death of Slim Shady", dem neuen Album von Eminem, eine Art Duell zwischen Marshall Bruce Mathers (sein echter Name) und seiner Kunstfigur Slim Shady. Auf Schachinger wirkt das wie aus der Zeit gefallen. Der US-Rapper teilt darin mal wieder in alle Richtungen aus, ist der ewig Missverstandene, dem alle nur Unbill wollen und dessen Ironie nie einer verstehe - in diesem Fall gehe der Diss vor allem gegen Feministinnen und Liberale: "Das ist so gewagt konfrontativ wie erwartbar laff. Eminem, geh du voran. Hier rappt er nun, er kann nicht anders." Wir sind gewarnt:



Dann vielleicht doch lieber Sampha hören? Der arbeitete schon mit allen, die im Rap einen großen Namen haben, und euphorisierte gerade beim Melt-Festival sein Publikum. Darunter war auch Selma Schiller von der FAZ: Dieser Auftritt war "eine Sensation", schreibt sie und ist begeistert von "seiner durchdringenden und doch federleichten Stimme, ein heiseres und gleichzeitig schillerndes Falsett." Seine "Flexibilität ist erstaunlich. Die solistisch vorgetragene Liveversion seiner ... Ballade 'No One Knows Me Like the Piano', in der es um sein Verhältnis zur Musik, seine Kindheit in London und das Bedürfnis nach Sicherheit und Geborgenheit geht, ist in ihrer Verletzlichkeit anrührend. Im nächsten Moment versammeln sich dann alle fünf Musiker zu einer hypnotischen Trommel-Session am Bühnenrand und bringen das Publikum zum Rasen. Auf dem in ihrer Mitte aufgebauten Set erzeugen sie einen mitreißenden, afrikanisch anmutenden Groove, der sich bis zur Ekstase steigert und sich anschließend entlädt in den für Sampha so typischen, jedes Mal überraschenden und beinahe improvisiert klingenden akustischen und elektronischen Klängen. Ganz offensichtlich ist hier ein Freigeist am Werk, der Genre-Grenzen ausdehnt und manchmal sprengt."



Weitere Artikel: Christoph Dieckmann resümiert online nachgereicht in der Zeit das Weltmusikfestival in Rudolstadt, das seinen Fokus in diesem Jahr allerdings auf Deutschland legte. Der Schweizer Mainstream begeistert sich für David Bucher, berichtet Timo Posselt online nachgereicht in der Zeit. Wolfgang Schreiber staunt in der SZ über die Erfolgsgeschichte des Kissinger Sommers, das sich vom kleinen Provinzereignis in den Achtzigern zu einem namhaften Festival hochgearbeitet hat, bei dem sich namhafte Orchester die Klinke in die Hand geben. Besprochen wird John Cales Album "POPtical Illusion" (FR).
Archiv: Musik
Stichwörter: Eminem, Sampha, Piano, Rap-Musik