Efeu - Die Kulturrundschau

Jeder eine Ausnahme

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01.02.2018. Mit dem Künstler gerät heute auch seine Kunst unter Verdacht: Bilder müssen jetzt zum Gesinnungstest, kritisiert die Zeit. Kunstwerke haben ihre eigene Wahrheit, sekundiert in der FAZ der Frankfurter Museumsdirektor Philipp Demandt. Die Trennung von Kunst und Künstler ist intellektuell lähmend, meint dagegen der Filmkritiker A.O. Scott in der New York Times. Dass auch Frauen frauenverachtende Kunst machen, zeigt die Rapperin Ewa, die zuschlägt, "wenn die Cracknutte muckt".
9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.02.2018 finden Sie hier

Kunst

Tja, so ändern sich die Zeiten. Jahrhundertelang war die Überschreitung von Grenzen bei Künstlern Programm, "in der Kunst wie im Leben", schreibt Hanno Rauterberg in der Zeit. Kritisiert wurden sie dafür von den Spießern. Heute gelten die Spießer als Avantgarde, die zum Boykott von Kunstwerken ausrufen, wenn die Künstler sich etwas haben zuschulden kommen lassen. "Heute ist der Künstler keine Ausnahmegestalt, weil jeder die Ausnahme sein will. Und weil alle gerne Bohemiens wären, muss zumindest er auf bürgerliche Weise für seine Taten geradestehen. Dagegen wäre ja auch weiter nichts zu sagen. Was aber, wenn nicht nur des Künstlers Lebenswandel, sondern auch die Kunst unter Verdacht gerät? So richtig und wichtig es ist, einen Künstler, der seine Freiheit missbraucht, vor Gericht zu bringen, so verhängnisvoll wäre es, auch von seinen Werken peinliche Gesetzes- und Sittentreue zu verlangen. Genau das aber passiert: Bilder müssen zum Gesinnungstest."

Im Interview mit der FAZ hält der Frankfurter Museumsdirektor Philipp Demandt gar nichts davon, Kunstwerke aus moralischen Gründen abzuhängen: "Ob uns das heute gefällt oder nicht: Kunstwerke werden immer auch im Kontext des Begehrens geschaffen, seines Auslebens ebenso wie seiner Kompensation, aber auch seiner künstlerischen Übertreibung. Womöglich war das Begehren eine der maßgeblichen Triebfedern des Kunstschaffens überhaupt. Wertvorstellungen, die wir heute haben, aber auch Freiheiten, können wir nicht in die Vergangenheit zurückprojizieren. Und ein Kunstwerk ist etwas anderes als das Objekt seiner Darstellung, es hat eine eigene Wahrheit, eine eigene Autonomie."

Außerdem: Stefan Frenzen schreibt in der NZZ über die schwierige Situation von Künstlern und Galeristen in Havanna. Claudia Wahjudi sah für den Tagesspiegel Sung Hwan Kims Biennale-Film "Love Before Bond" in der Daad-Galerie.
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Stichwörter: Demandt, Philipp

Film

In der New York Times bekennt Filmkritiker A.O. Scott, wie verzwickt die Sache bei ihm mit Woody Allen ist. Er kann die Allen-Filme, die ihm viel bedeutet haben, nicht für sich ungesehen machen. Und er will das auch gar nicht. Eins allerdings will er auch nicht: Die alten Entschuldigungen für Allen, dem seine Adoptivtochter Dylan vorwirft, sie als Siebenjährige sexuell belästigt zu haben. "Like much else that used to sound like common sense, they have a tinny, clueless ring in present circumstances. The separation of art and artist is proclaimed - rather desperately, it seems to me - as if it were a philosophical principle, rather than a cultural habit buttressed by shopworn academic dogma. But the notion that art belongs to a zone of human experience somehow distinct from other human experiences is both conceptually incoherent and intellectually crippling. Art belongs to life, and anyone - critic, creator or fan - who has devoted his or her life to art knows as much."

Im Interview mit der Zeit erzählt die Schauspielerin Tippi Hedren, wie sie einst von Alfred Hitchcock sexuell bedrängt wurde. Als sie nicht nachgab, sorgte der britische Regisseur dafür, dass sie keine Rollen mehr bekam. "Schon vor der Arbeit mit Hitchcock war ich als Model sexuell belästigt worden. Hitchcock und Weinstein ähneln sich in der Selbstverständlichkeit, mit der sie vorgingen. Aber so etwas kann nur in einem Umfeld geschehen, das die Augen verschließt. Und da hat sich in den letzten fünfzig Jahren wenig verändert. Es ist unglaublich. ... Das Schlimme ist: Wenn es die Medien erreicht, gibt es ein großes Geschrei. Aber keine praktische Solidarität, wenn die Belästigung geschieht."






Daniel Day-Lewis als narzisstischer Modeschöpfer in Paul Thomas Andersons "Phantom Thread"

Die Filmkritik feiert Paul Thomas Andersons Haute-Couture-Liebesdrama "Der seidene Faden" mit Daniel Day-Lewis und Vicky Krieps. Die "Diskrepanz von überhöhter Form und privatem Drama" ist typisch für den Regisseur, merkt ein ziemlich begeisterter Andreas Busche im Tagesspiegel an: "Berauscht gleitet die Kamera über flämische Spitze aus dem 16. Jahrhundert und fliederfarbene Stoffbahnen aus Seide, die eine Armada an Näherinnen auf Geheiß des Meisters zu Kunstwerken verarbeiten. ... 'Der seidene Faden' ist so faszinierend feinnervig und genau beobachtet, dass man die Perfidie der Inszenierung mitunter vergisst." Auch taz-Kritikerin Barbara Schweizerhof ist fasziniert: "Die Geschichte des eitlen Narzissten, der nicht richtig lieben kann, weil er seine Arbeit und sich selbst zu wichtig nimmt, hat man schon oft gesehen. ... Anderson aber erzählt etwas Eigenartiges, gegen den Strich Laufendes, das mit dem vertrauten Geschlechterdiskurs irritierend wenig zu tun hat."

Susanne Ostwald porträtiert in der NZZ Daniel Day-Lewis, der angekündigt hat, sich mit diesem Film vom Schauspielgeschäft zurückzuziehen. Für den Standard hat sich Dominik Kamalzadeh mit dem Regisseur zum Gespräch getroffen. Annett Scheffel porträtiert in der SZ die Hauptdarstellerin Vicky Krieps. Weitere Besprechungen in Berliner Zeitung und Welt.

Von der Kunst zur Ausschussware: Adrian Daub erklärt auf ZeitOnline, was es mit Tommy Wiseaus grandios an die Wand gefahrenem Film "The Room" von 2003 auf sich hat, der als irrsinniges Vanitas-Projekt seines Machers längst in den Trashfilm-Kanon inklusive ausgelassener Kino-Vorführungen aufgestiegen ist. Den Anlass für diese filmhistorische Nachhilfestunde bietet James Francos diese Woche startender Film "The Disasster Artist", eine Verfilmung von Greg Sesteros gleichnamigem Enthüllungsbuch über die Dreharbeiten zu "The Room". SZ-Kritiker Philipp Stadelmaier hält Francos Film zugute, dass dieser "das Mysterium des Tommy Wiseau nicht völlig auflöst. ... James Franco zeigt auf berührende Weise, dass Wiseau vielleicht nicht einmal selbst weiß, wer er ist." Michael Pekler vom Standard ist skeptisch: Franco ersetzt "den Glauben durch Überzeugung. Soll heißen: So naiv Wiseau an die Arbeit herangegangen ist, so berechnend geht Franco in seiner Hommage ans Werk." Wenn Ihnen "The Room" gar nichts sagen sollte: Diese Videobesprechung des Nostalgia Critic führt ausführlich durch den Film:



"Die Mediatheken gefährden die Filmwirtschaft", ruft Alfred Holighaus, Chef des SPIO-Branchenverbands, auf ZeitOnline. Hintergrund: Die öffentlich-rechtlichen Sender möchten die Filme, die sie bei den Produzenten in Auftrag geben, gerne möglichst lange online anbieten. Doch "steht ein Film 30 Tage zur kostenfreien Nutzung in einer Mediathek von ARD und ZDF online zur Verfügung, kann der Wertverlust aller anderen Filmlizenzen bis zu 25 Prozent betragen. Dieses Geld fehlt dann in der Filmproduktion." Auf die Idee, dass man sich gerade als wirtschaftlich orientierter Filmunternehmer vielleicht auch einfach mal neue Wege einfallen lassen könnte, um Filme unabhängig von öffentlichen Mitteln zu produzieren, kommt Holighaus nicht.

Weitere Artikel: Der Verband "Pro Quote Regie" hat sich in "Pro Quote Film" umbenannt und vertritt nun feministische Interessen aus allen Gewerken der Filmproduktion, berichtet Christiane Peitz im Tagesspiegel. Außerdem meldet Peitz, dass in der Frage nach Dieter Kosslicks Nachfolge als Berlinale-Leiter bis zum kommenden Sommer eine Entscheidung getroffen sein soll. In der taz unterhält sich Fabian Tietke mit der Filmemacherin Barbara Albert über deren Film "Licht", in dem es um die Wiener Pianistin Maria Theresia Paradis geht. Andreas Hartmann empfiehlt Filme aus dem Programm des Final Girl Berlin Filmfestivals, das ausschließlich Horrorfilme zeigt, die von Frauen entweder inszeniert, geschrieben oder produziert wurden. Und Michael Meyns schreibt über die Filmreihe "Lost Films Found" im Berliner Kino Arsenal, bei dem unter anderem Fernando Birris Monumental-Experimentalfilm ORG zu sehen ist (hier unsere Kritik). Felix Simon bringt in der NZZ Hintergründe zu Apples Plänen, mit Eigenproduktionen ins Seriengeschäft einzusteigen.

Besprochen werden Gabe Klingers auf DVD erschienener Film "Porto" (taz), die von Arte online gestellte Serie "River" mit Stellan Skarsgård (Berliner Zeitung, FAZ), die bei ZDFNeo online gezeigte Thriller-Miniserie "Tabula Rasa" (FR) und die Verfilmung von Otfried Preusslers Kinderbuchklassiker "Die kleine Hexe" mit Karoline Herfurth (NZZ, Standard).
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Bühne


"Die Banalität der Liebe". Foto: Jochen Quast

Als virtuos und radikal lobt in der FAZ Achim Heidenreich die Regensburger Uraufführung von Ella Milch-Sheriffs Arendt-Heidegger-Oper "Die Banalität der Liebe": "Wenn das Böse banal sei, wie Arendt schrieb, dann ist auch Liebe nur ein Wort, behauptet Milch-Sheriff mit der Oper. Der auf zwei Sängerinnen - eine junge, eine alte - gesplitteten Hannah-Figur wird im Regensburger Theater der Prozess gemacht. Heidegger ist als junger Professor in Marburg mehr ein Fall für die aktuelle MeToo-Debatte und später, auch er von zwei Sängern dargestellt, nur ein verlogener alter Sack, dem freilich die junge Hannah das symbolische Blut, das an ihm klebt, aus seinem Gesicht wischt. In der zentralen Szene des Eichmann-Prozesses in Israel sitzt dann auch Arendt auf der Anklagebank, nicht Eichmann."

Besprochen werden außerdem Verdis "Maskenball" in Kiel (nmz), die Uraufführung eines musikalischen "Frankenstein"-Abends an der Deutschen Oper Berlin (nmz), Donizettis "Lucia di Lammermoor" am Theater Bremen (nmz), Simon Stones "Hotel Strindberg" in Wien (taz), Peter Turrinis "Fremdenzimmer" und Simon Stones "Hotel Strindberg" in Wien (NZZ) sowie Shakespeares "Kaufmann" in Hamburg und Simon Stones "Hotel Strindberg" in Wien (Zeit).
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Literatur

Für die Berliner Zeitung plaudert Peter Brock mit Krimiautor Horst Bosetzky, besser bekannt als -ky. Die NZZ meldet den Tod des israelischen Dichters Chaim Gouri. In der Zeit schreibt Durs Grünbein über Retif de la Bretonnes erotische Autobiografie, die von Reinhard Kaiser neu ins Deutsche übersetzt wurde.

Besprochen werden unter anderem Elena Ferrantes "Die Geschichte des verlorenen Kindes" (Berliner Zeitung, NZZ), Adam Hasletts "Stellt euch vor, ich bin fort" (Tagesspiegel) und Joshua Cohens "Buch der Zahlen" (FAZ).

Mehr auf unserem literarischen Meta-Blog Lit21 und ab 14 Uhr in unserer aktuellen Bücherschau.
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Musik

Unter Hiphop-Musikern scheint die Frage nach der persönlichen Moral keine Rolle zu spielen. Weder Vorstrafenregister noch frauenverachtende Texte stören sie, ihre Kunden oder die Kritiker, lernen Martina Kix und Lars Weisbrod, die den vorbestraften Rapper Xatar für die Zeit interviewt haben. Und wer glaubt, dass nur Männer Frauen verachten, wird hier eines besseren belehrt. Kix und Weisbrod zitieren die Rapperin und ehemalige Prostituierte Ewa, die im Sommer wegen 35 teilweise schwerer Körperverletzungen zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wurde. "Sie schlug Frauen, für die sie Freier organisierte. Das Urteil ist nicht rechtskräftig, sowohl die Rapperin als auch die Staatsanwaltschaft haben Revision eingelegt. Auszug aus dem Text ihres neuen Songs: 'Kopfnuss, Ewa ist back in the hood / Schelle links, Nasenbruch, wenn die Cracknutte muckt'."

Mit großem Interesse hört sich Ronald Pohl vom Standard durch die neue, "essenzielle" Compilation "To The Outside Of Everything", die die vier Blütejahre des britischen Post-Punk um 1980 bündelt: "Der Retrofuturismus stand klar im Zeichen des Kalten Krieges. Sein Nihilismus speiste sich aus der Avantgarde. Das Überhandnehmen von Bands, die Singles aufnahmen, um daraufhin von John Peel zur BBC-Session eingeladen zu werden, mag mit einer Tendenz zur Ablehnung von geregelter Lohnarbeit zusammenhängen. In Summe sah man Legionen von Gitarristen aus der englischen Provinz, die Vogelnester auf dem Kopf trugen (Echo & The Bunnymen), wie die Jünglinge im Feuerofen sangen oder sich als Huren des Unterhaltungsbetriebs geißelten."

Außerdem: Für die taz porträtiert Robert Miessner Nobert Jackschenties, der in Berlin den Privatclub betreibt, den er nach jüngsten Mieterhöhungen womöglich schließen muss.

Besprochen werden Terry Burrows' und Daniel Millers Buch über die Geschichte des Indie-Labels Mute (NZZ), ein Auftritt des B'Rock Orchestras mit der Sopranistin Anna Lucia Richter (Standard), ein Konzert von MGMT (taz), Perfomances von Gaika, TCF und IOANN beim Berliner Club Transmediale (taz), ein Auftritt von Drab Majesty (FR) und eine Zusammenstellung der Briefe des Komponisten Erich Wolfgang Korngold (FR).
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