Efeu - Die Kulturrundschau

Kulinarik, nein danke!

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19.01.2015. Der Tagesspiegel lernt bei Christian Thielemanns Berliner Beethoven-Konzert, wieviel Gewalt im Schmerz steckt. Die NZZ lässt sich in Marseille daran erinnern, dass Essen und Denken Gegensätze sind. Slate.fr und Welt fragen, warum sich französische Universitäten und Michel Houellebecq nichts zu sagen haben. Die taz erlebt im Institut für Alles Mögliche den USB-Stick als liebevoll gebasteltes Dingchen. Nach einem Blick auf die deutsche Modebranche trägt die FAZ Trauer.

Kunst


Die Installation "Supermercado" des Brasilianers Eduardo Srur in der Ausstellung "Food" in Marseille. Bild: Elsa Mudame

Samuel Herzog hat sich in Linz, Bergisch Gladbach und Marseille mehrere Ausstellung zum Thema Essen, Konsum und Ernährung angesehen. Besonders die Schau im Mucem hat ihn auf etwas gestoßen: "Von Chen Zhen gibt es eine kleine Wandarbeit zu sehen, in deren Zentrum ein karbonisiertes Buch steht. Darunter lesen wir auf einer Kiste: "Entre manger et penser". Dabei kommt uns die uralte Dichotomie zwischen geistiger und körperlicher Nahrung in den Sinn - und es fällt auf, dass dieser Gegensatz von den Food-Diskursen der Gegenwart stark unterminiert worden ist. Gilt es heute nicht fast als eine Selbstverständlichkeit, dass man mit der körperlichen auch geistige Nahrung aufnehmen kann, dass "manger" und "penser" sich kaum trennen lassen?"


USB-Shuffle-Show : Institut für Alles Mögliche

Ziemlich gut gelaunt berichtet Tilman Baumgärtel in der taz von einer Ausstellung im Berliner Kunstraum Institut für Alles Mögliche, das dazu aufgerufen hat, ihm digitale Kunst auf USB-Sticks zu schicken, die dann - als Datenträger - ausgestellt werden: Der Besucher ist dazu angehalten, die Inhalte der Sticks selbst zu erforschen: Dadurch entstehe eine "soziale Skulptur, bei der das Gespräch über die Fundstücke genauso wichtig ist wie die angeklickte Kunst selbst. Wer etwas findet, das ihn begeistert, kann sich die Arbeit einfach auf einen eigenen Datenträger laden und nach Hause nehmen. ... So operiert die DIY-Show an der Grenze von potenziell unendlicher digitaler Vervielfältigung und haptisch fassbarem Unikat, von Copyright und Open Source, von immaterieller Datei und liebevoll gebastelten Dingchen."

Und: Detroit in den 40ern, eine schöne Strecke beim Atlantic.
Archiv: Kunst

Musik

Von intensiven Momenten bei Christian Thielemanns Konzert mit Beethovens "Eroica" und den Berliner Philharmoniker erzählt Christiane Peitz im Tagesspiegel: "Beethovens Dritte als Studie über den Schmerz. Bohrend in den Kopfsätzen, betäubend im Marcia Funebre, unerbittlich, verzweifelt. Thielemann kehrt die Gewalt hervor, die dem Schmerz innewohnt ... Thielemanns Unbedingtheit, seine bezwingende Manier, jeder Phrase Gewicht zu verleihen, bricht mit der Routine des Klassikbetriebs. Kulinarik, nein danke."

Weitere Artikel: Im Tagesspiegel schwärmt Gregor Dotzauer außerdem von den Qualitäten des Jazzers Vijay Iyer, dessen neues Album "Break Stuff" (Hörproben) von Teju Coles Roman "Open City" inspiriert ist. Für die SZ hat Reinhard J. Brembeck die neue Philharmonie in Paris besucht, deren Akustik es "mit den unterschiedlichen Instrumentengruppen sehr verschieden gut" meint. Doch er ist sich sicher, dass die Technik dem noch Abhilfe schaffen wird. Im Tagesspiegel gratuliert Frederik Hanssen, in der FAZ Eleonore Büning Simon Rattle zum 60. Geburtstag.

Besprochen werden das neue Album von Sleater-Kinney (Berliner Zeitung, FAZ), das neue Album der Jazzband Ticho (taz), ein Konzert von Albrecht Mayer, Gabriel Schwabe und Vital Julian Fey (FR) sowie ein Konzert von JD McPherson (Tagesspiegel).
Archiv: Musik

Bühne


Heiner Müllers "Zement" am Maxim-Gorki-Theater. Foto: Esra Rotthoff

Heiner Müllers "Zement" gilt als wenig kompatibel zum Gegenwartstheater. Dass Sebastian Baumgarten sich an dem zuletzt unter einigem Aufsehen von Dimiter Gotscheff inszenierten Stück am Berliner Maxim Gorki annimmt, findet die Kritik daher zunächst einmal interessant. Sehr respektabel findet Dirk Pilz in der Berliner Zeitung das tief ins Grab der Geschichte blickende Ergebnis: Dies ist Theater "über unsere gespenstische Gegenwart, eingeklemmt zwischen den Zeiten, festgefroren zwischen Her- und Zukunft. Wo kommen wir her, wo gehen wir hin?"

Auch Christine Wahl attestiert in Tagesspiegel der Aufführung "archäologische Tiefenbohrung zum Zwecke kundiger Gegenwartsreflexion". In der taz vermisst Katrin Bettina Müller nicht nur bei Baumgartens Müller-Inszenierung, sondern auch Armin Petras" Bühnenadaption von Christa Wolfs "Der geteilte Himmel" an der Berliner Schaubühne das Nachdenken über die Gegenwart.


"Der Freischütz", Berliner Staatsoper

Sehr eingehend unterhält sich Irene Bazinger in der Berliner Zeitung mit Michael Thalheimer über dessen "Freischütz"-Inszenierung an der Berliner Staatsoper. Sehr ungehalten ist er dabei darüber, wie Werbung und Fernsehen populäre Opernstücke um ihre Tiefe berauben: "Für eine ernsthafte Auseinandersetzung mit Opern ist die heute verbreitete Erniedrigung von herausgerissenen Nummern und die Zweckentfremdung tödlich. Ich werde da regelrecht aggressiv."

Weitere Artikel: Kerstin Krupp und Susanne Lenz sprechen in der Berliner Zeitung mit der israelischen, derzeit in Berlin lebenden und arbeitenden Theaterfamilie Ronen unter anderem über Sorgen und Herausforderungen beim Umzug von Israel nach Deutschland. Das Pariser Theater Cine 13 hat das islamkritische Stück "Lapidée" kurz nach seiner Premiere abgesetzt, nachdem die Polizei einräumte, für die Sicherheit der Aufführung nicht garantieren zu können, meldet Axel Veiel in der Berliner Zeitung. Egbert Tholl gratuliert in der SZ dem Schauspieler Rudolf Wessely zum 90. Geburtstag.

Besprochen werden Dea Lohers "Gaunerstück" am Deutschen Theater Berlin (FAZ, mehr), Frank Hilbrichs Inszenierung von Hans-Ulrich Treichels und Detlev Glanerts Oper "Caligula" in Hannover (FAZ), Karin Henkels "Roberto Zucco"-Inszenierung in Zürich (FAZ) und Karin Beiers "Onkel Wanja"-Inszenierung am Thalia in Hamburg (SZ).
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Archiv: Bühne

Literatur

Michel Houellebecq ist an französischen Universitäten nicht gerade beliebt. Der einzige französische Schriftsteller, der im Ausland wirklich Aufsehen erregt, ist kaum je Gegenstand akademischer Arbeiten in Frankreich, berichtet Vincent Manilève in Slate.fr: "Die Adresse theses.fr, die seit 1985 350.000 Doktorarbeiten verzeichnet, findet nur zehn Arbeiten, die Michel Houellebecq ganz oder zum Teil gewidmet sind. J.M.G. Le Clézio steht bei über 30, Annie Ernaux bei 20, und Patrick Modiano, frisch gebackener Nobelreisträger, ist Gegenstand von 23 Doktorarbeiten."

Vielleicht liegt das ja daran, dass Houellebecq selbst kein Produkt der Universitäten ist und ihm die pompöse Selbstinszenierung der akademischen Bourgeoisie fremd ist, überlegt Tilman Krause in der Welt: "Seine Ahnen sind eher die poètes maudits vom Schlage eines Rimbaud oder Céline, Schriftsteller also, die nicht die geringste Ambition auf Ehrungen und Respektabilität besaßen, der französischen Bourgeoisie vielmehr mit einem "Leckt mich" begegneten - eine Haltung, die sich in Deutschland eher bei den Linken findet, während in Frankreich gerade unter den Rechten die wortmächtigsten Verwerfer des Bonton zu finden sind."

Besprochen werden Roland Butis "Das Flirren am Horizont" (Zeit), Gisela Burckhardts "Todschick" (taz), Wolgang Welts "Fischsuppe" (Tagesspiegel), Rainer Nickels "Der verbannte Stratege" (Berliner Zeitung), Stephan Thomes "Gegenspiel" (SZ, mehr) und Lizzy Hollatkos "Der Sandengel" (FAZ).

Außerdem jetzt online: Die Frankfurter Anthologie der FAZ, in der Hans Christoph Buch Ernest Wichners Gedicht "Desperates Berlin der Zeit 1920" vorstellt:

"Man liegt sich in den Armen
Sieht sich auf Beine
Und Liebestüchtigkeit an..."
Archiv: Literatur

Design

Nach der Berliner Modemesse Bread & Butter hat nun auch die Münchner Traditionsmarke Rena Lange Insolvenz angemeldet. In der FAZ sieht Sabine Spieler schwarz für die deutschen Labels, die auf dem internationaliserten Markt nicht mehr mithalten können: "Seit 20 Jahren verfolge ich als Journalistin die Höhen und Tiefen von Firmen wie Rena Lange, Strenesse, Escada, Joop!, Laurèl, René Lezard und St. Emile. Alles große Namen, die heute nur noch ein Schatten ihrer selbst sind."

Der Guardian begrüßt die erste britische Yves-Saint-Laurent-Ausstellung, die YSL-Erfinder und Erbe Pierre Bergé im sehr vornehmen Bowes Museum in Barnard Castle von County Durham organisiert hat. (Foto: Mondrian Short Cocktail Dress, Haute Couture Collection Fall/Winter 1965, Yves Saint Laurent. The Bowes Museum)
Archiv: Design