Efeu - Die Kulturrundschau

Der Evidenzblödsinn der visuellen Gegenwart

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08.09.2014. Nach einem mauen Wettbewerb gibt es immerhin allgemeine Zustimmung zum Goldenen Löwen für Roy Anderssons Groteske "A Pigeon Sat on a Brench Reflecting on Existence". Der Tagesspiegel freut sich gar über Venedigs klares Bekenntnis zur Filmkunst. Die SZ vermisste allerdings Glamour und rote Teppiche. Die NZZ erlebte an der Wiener Burg einen wuchtigen Saisonauftakt. Nach der "Woyzeck"-Premiere am Berliner Ensemble prüft die Berliner Zeitung Leander Haußmann auf seine Tauglichkeit fürs Intendantenamt. Und im Standard spricht Angelika Klüssendorf über die kalten gekachelten Wände des Westens.

Film



Venedig hat seine Löwen vergeben. Die Entscheidung, Roy Anderssons "A Pigeon Sat on a Brench Reflecting on Existence" mit dem Hauptpreis sowie daneben noch Joshua Oppenheimers "The Look of Silence" und Andrei Konchalovskys "The Postman"s White Nights" zu prämieren, hält Christiane Peitz vom Tagesspiegel für "ein klares Bekenntnis zur Filmkunst. Zu einem Kino jenseits des Mainstreams und zu einem Festival, das sich die Verteidigung eben dieser Filmkultur auf die Fahnen geschrieben hat."

In der FAZ freut sich Dietmar Dath, dass zwei seiner Favoriten gewonnen haben, die zumal auf je verschiedene Weise "mit dem Evidenzblödsinn der visuellen Gegenwart" umgehen. Auch Rüdiger Suchsland von Negativ Film hält die Juryentscheidung für hervorragend: "Dies ist eine Parteinahme für radikale Kunst, für Film als Medium des Unbequemen." Neben Daniel Kothenschulte in der FR kann auch Cristina Nord von der taz mit den Auszeichnungen gut leben, auch wenn sie darin eine Verlegenheitslösung nach einem eher mittelmäßigen Wettbewerb sieht. Geärgert hat sie sich aber über den Mangel an "interessant ausgestalteten Frauenfiguren". Sophie Charlotte Rieger stellt auf kino-zeit.de ähnliche Beobachtungen an. Susan Vahabzadeh von der SZ sieht in in den Juryentscheidungen unterdessen ein falsches Signal, nämlich eines gegen roten Teppich und Glamour - beides habe das Festivalkino aber zumindest in gesunden Dosen nötig, wolle es sich nicht marginalisieren.

Außerdem: Beim Filmfest in Toronto hat Bert Rebhandl die Weltpremiere von Christian Petzolds neuem Film "Phoenix" gesehen: Im Cargo-Blog hat er dazu eine schöne Notiz verfasst. Lesenswert ist dazu auch dieses Interview in Frieze, das Sarah Khan mit dem Berliner Regisseur geführt hat. Im Tagesspiegel führt Gregor Dotzauer durch das Programm des Berliner Doku.Arts-Festivals. Sehr schön außerdem: Ein Videoessay über Spiegel im Film - zu sehen bei arte.
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Bühne


Wolfram Lotz: Die lächerliche Apokalypse. Copyright: Reinhard Werner, Burgtheater

Die Theatersaison in Wien begann mit der pompösen Trauerfeier für Gert Voss, wie Barbara Villiger Heilig in der NZZ berichtet, und wurde mit Wolfram Lotz" Mash-up "Die lächerliche Finsternis" fortgesetzt, einem Hörspiel "nach Francis Ford Conrads "Herz der Apokalypse"". Den angepeilten ironischen Ernst hat das Stück jedoch knapp verfehlt, meint Villiger Heilig: "Es geht um Somalia, Afghanistan, den Balkan; um Piraten, Kriegsopfer, Soldaten, Neo-Kolonisatoren; um arme Schlucker aus überall; um Präpotenz und Ohnmacht; Rassismus, Islamismus und Sexismus. Und um Theater. Wenn die blonde Stefanie Reinsperger - eine Wucht! - zu Beginn das Plädoyer des "schwoazen Negas" Ultimo performt, weiblich-weanerisch, erzählt sie außer der himmeltraurigen Drittwelt-Story auch vom lokalen Prekariat. Derb und charmant zugleich, verkehrt sie zudem die Blackfacing-Debatte."

Leander Haußmanns Inszenierung von Büchners "Woyzeck" am Berliner Ensemble hält Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung zwar nur für mäßig gelungen, als Nachfolger des streitbaren BE-Intendanten Claus Peymann kann er ihn sich aber ganz gut vorstellen: "Die handwerkliche Solidität seiner Arbeiten ist unbestreitbar und sein ästhetischer Zugriff wohltuend gegenwärtig im Vergleich zu dem, was man vom amtierenden BE-Hausherrn geliefert kriegt. Aber auch mit seiner boulevardtauglichen Großfressigkeit, mit seiner Fähigkeit, auf den Konsens zu pfeifen und die Öffentlichkeit vor den Kopf zu stoßen, wäre Haußmann ein würdiger Nachfolger." André Mumot attestiert Haußmann, mit dem "Woyzeck" "großes, ja wirklich großes Theater" geleistet zu haben, in der FAZ bespricht Irene Bazinger die Aufführung.

Einen weiteren Büchner gab es zum Berliner Saisonauftakt mit Patrick Wengenroths "Leonce und Lena"-Inszenierung an der Schaubühne. Christine Wahl setzt im Tagesspiegel zum ausführlichen Vergleich an und schließt: "Der Comebacker vom BE präsentiert eine sorgfältige, gegenwartstaugliche Büchner-Lesart von suggestiver Wirkung, und sein Kollege Wengenroth an der Schaubühne sucht immerhin den Büchner-Diskurs. Da ist man in Berlin durchaus schon uninspirierter in eine neue Theater-Saison gestartet!"

In der SZ sprechen Christine Dössel und Thomas Fromm mit Matthias Hartmann, dem im März 2014 wegen Unregelmäßigkeiten in der Bilanz geschassten Intendanten des Wiener Burgtheaters. Der wehrt sich ganz ausdrücklich gegen die Vorwürfe und sieht sich bei seinen Absegnungen der Jahresbilanzen seitens der Buchhaltung gezielt hinters Licht geführt. Zwar steht er zu einer verantwortlichen Position, "aber bitte nicht mit diesem Ätschbätsch-Effekt: Wir haben da was verschoben und du hast es nicht gesehen, jetzt bist du mit schuld. Wenn vorsätzlich getrickst und versteckt wird, dann kann man das als künstlerischer Direktor nicht sehen. Das ist unmöglich."

Besprochen werden Romeo Castelluccis in Bochum aufgeführte Inszenierung der Oper "Neither" (SZ),Dušan David Pařízeks am Wiener Akademietheater aufgeführtes Stück "Die lächerliche Finsternis" (Nachtkritik, FAZ).
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Kunst

In der FAZ bringt Mario Damolin Hintergründe zum einzigen privat geführten GULag-Museum in Ostsibirien. Von einer "sehr emotionalen" Südkorea-Biennale berichtet Sabine Vogel in der FAZ. Im Tagesspiegel gratuliert Moritz Eckert dem Künstler Christian Boltanski zum 70. Geburtstag. ZeitOnline bringt eine schöne Bilderstrecke mit Aufnahmen von Wasser- und Gastürmen aus Bernd und Hilla Bechers Fotoband "Basic Forms/Grundformen".

Besprochen wird eine Ausstellung über weibliche Figuren in Videogames im Computerspielemuseum in Berlin (Jungle World).
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Stichwörter: Gulag, Südkorea, Hilla Becher

Musik

Ljubisa Tosic befasst sich im Standard mit dem Eklat an der Wiener Staatsoper, wo Generalmusikdirektor Franz Welser-Möst nach anhaltendem Streit mit dem Intendanten Dominique Meyer hinwarf. Manuel Brug schreibt darüber in der Welt.

Walter Weidringer interviewt in der Presse zum 85. Geburtstag den Dirigenten Christoph von Dohnányi, der Wien eh für das reinste Haifischbecken hält: "In Wien muss man ein bisschen anders denken, dort können Sie schneller in eine Sonnenfinsternis geraten als Sie glauben. Das kann auch lustig werden, man muss nur wissen, was man will."

Weiteres: In der Spex stellt Kristofer Cornils das Label Our Voltage vor, das mit queeren, sexualpolitisch subversiven Veröffentlichungen an die Zeit von Queercore und Riot Grrrl anschließt. In der Berliner Zeitung empfiehlt Peter Uehling Aufnahmen von Barockmusik, deren "utopisch-arkadischem Zauber" er ganz erliegt. Jens Balzer berichtet von bei der Berlin Music Week besuchten Konzerten. Dass er beim Techno-Set nur auf Sand schwofen konnte, nimmt er den Veranstaltern allerdings krumm, denn "insbesondere bei reiferen Techno-Freunden sorgt das schnell für Schmerzen in den Gelenken." In der taz berichten Philipp Rhensius und Jens Uthoff von den Diskussionsveranstaltungen rund um das Branchentreffen. Außerdem von der FAZ jetzt online nachgereicht: Harald Schmidts launige Besprechung von Johann Hinrich Claussens Studie "Gottes Klänge".

Besprochen werden Konzerte vom Berlin Festival (Tagesspiegel), ein Auftritt von F.S.K. (taz) und der Auftakt des Beethovenfests in Bonn durch John Eliot Gardiner und das London Symphony Orchestra (FAZ).
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Literatur

Im Standard spricht die Schriftstellerin Angelika Klüssendorf über ihren Roman "April", ihre Erinnerungen an die DDR und ihre Ausreise 1985 nach West-Berlin: "Natürlich war die ganze DDR-Propaganda auch an mir nicht spurlos vorübergegangen. Ich stellte mir den Westen sehr kalt vor, die Wände gekachelt, die Menschen parfümiert, ganz ohne Eigengeruch. Das bezog sich allerdings nur auf Westdeutschland. Spanien habe ich mir damals schon deutlich schöner vorgestellt. In den ersten drei Monaten, als ich in Berlin-Marienfelde im Aufnahmelager lebte, hatte ich großes Heimweh - auch nach meiner Leipziger Leberwurst."

Weitere Artikel: In der Berliner Zeitung stutzt Arno Widmann über die Unbekümmertheit, mit der Erich Mühsam in seinen Tagebüchern politische Morde rechtfertigt. Lars von Törne porträtiert im Tagesspiegel den Comicautor David Vandermeulen. Das Projekt der schottischen Künstlerin Katie Paterson, für eine Future Library tausend Bäume in einem Wald nördlich von Oslo zu pflanzen erinnert Wieland Freund an die Voyager, die Musik ins All funkt, um Außerirdischen einen Eindruck von menschlichem Leben zu geben.

Besprochen werden Lutz Seilers "Kruso" (Tagesspiegel, FR, Zeit, unsere Leseprobe), Uwe-Karsten Heyes Buch über die Familie Walter Benjamins (Jungle World), Jörg Ulberts und Jörg Mailliets Comic "Gleisdreieck" (Tagesspiegel), Joyce Carol Oates" "Zwei oder drei Dinge, die ich Dir nicht erzählt habe" (FAZ) und Wolf Haas" neuer Brenner-Krimi "Brennerova!" (SZ, mehr)
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