Efeu - Die Kulturrundschau

Postlinearer State of Mind

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30.05.2014. Die Berlin Biennale führt diesmal in den Westen der Stadt und nicht jeder freut sich darüber: Die SZ sieht die Künstler domptiert, die Welt lernt immerhin, die Welt mit den Augen des 21. Jahrhunderts zu sehen. Die Berliner Zeitung sitzt in der Volksbühne stöhnend die Dauerselbstzerschmetterung Frank Castorfs in Ibsens "Baumeister Solness" ab. Für den Tagesspiegel ist der Abend dagegen ein wahrer Jungbrunnen. Die Jungle World interviewt die estnische Musikerin Maria Minerva.Und keine Filmkritikerin kann sich mit Angelina Jolies "Maleficent" anfreunden.

Kunst



Recht positiv berichtet Gesine Borcherdt in der Welt über die Berlin Biennale, die diesmal in den Westen der Stadt, nach Dahlem führt und sich der Frage stellt, warum wir Kultur immer noch durch das Auge des 19. Jahrhunderts sehen: "Gerade in Dahlem war die Gefahr groß, dass Eskimomalereien oder aztekische Fetische zu Requisiten junger Kunst werden, die hier in eigens freigeräumten Trakten zu sehen ist. ... Die besseren Werke der Ausstellung lassen jedoch die Finger von direkten Bezügen zur Sammlung und transportieren die Methoden der Geschichtskonstruktion in die Gegenwart. Zum Beispiel Wolfgang Tillmans: Er hat in seinem Raum die Erklärungstafeln des Hauses einfach hängen lassen und ihnen Vitrinen mit einem Riesenturnschuh und Fotos von menschenleeren Abfertigungsbereichen auf Flughäfen zur Seite gestellt - ein Bezug zwischen Text und Bildern stellt sich automatisch ein, und vor dem inneren Auge hat man plötzlich Expeditionen in nuklear kontaminierte Yeti-Zonen."

Auch tazlerin Brigitte Werneburg findet die Arbeit des Kurators Juan A. Gaitán ganz ausdrücklich lobenswert und dankt ihm "seine uneitle Auswahl zeitgenössischer Kunst".

Catrin Lorch von der SZ ist dagegen kaum überzeugt von dieser Biennale und auch die Verortung im Westen Berlins missfällt ihr: "Es gibt keine bessere Möglichkeit, Künstler zu domptieren, als sie in ein bestehendes Museum einzuladen, vor allem eines, das anderen Kulturen gilt. Weil Künstler wissen, was Museen wert sind. Nur an diesem Ort war zu erwarten, dass sich alle brav auf ihren Plätzen einrichten, statt, wie andernorts, unsentimental Raum zu besetzen." Außerdem: Die Kunstkritikerinnen der Berliner Zeitung führen durch das Programm. Im Standard berichtet Bert Rebhandl. (Bild: Biennale/Anders Sune Berg, Arbeiten von Wolfgang Tillmans in den Museen Dahlem)

Besprochen werden die Nolde-Retrospektive im Frankfurter Städel (Tagesspiegel), die große Humboldt-Schau in Paris (Joseph Hanimann ist in der SZ entzückt) und die demonstrativ angebrachten, neuen Kommentare zu den Exponaten im Reichsmuseum Amsterdam, mit der der Philosoph Alain de Botton die Besucher zu neuen Beobachtungen anregen möchte (Zeit).
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Bühne



Ulrich Seidler hat für die Berliner Zeitung Frank Castorfs neue Ibsen-Inszenierung "Baumeister Solness" an der Berliner Volksbühne besucht. Dabei hat der Theaterkritiker rasch bemerkt, um was es in dieser Aufführung eigentlich geht: "Um Castorf, fast nur um ihn, geht es in seiner Inszenierung von Ibsens Spätdrama, in dem es eigentlich um niemand anderem als Ibsen geht ... Sein Theater hat keine Reserve und geht dennoch immer weiter. Manchmal denkt man − Castorf weiß es − sein Theater ist das einzige. Berlin ist geduldiger und lustvoll-genervter Zeuge der Dauerselbstzerschmetterung eines grandiosen Narziss'."

Reingefallen, dürfte ihm da sein Kollege Wolfgang Behrens von der Nachtkritik zurufen, der zwar mit ganz ähnlichen Erwartungen an den Rosa-Luxemburg-Platz gekommen war, nur um sich dann vom Regisseur mächtig an der Nase herumgeführt zu fühlen. Er schreibt: "Das Künstlerdrama scheint Castorf nur insofern zu interessieren, als er es lächerlich machen kann. Aber sowas von! ... Castorf spielt nur ironisch mit öden selbstreferentiellen Versatzstücken, die nichts bedeuten. Es ist eine Reflexion über die Erwartung, dass sich Castorf im 'Solness' selbst reflektieren werde. Eine Selbstreflexion aber ist es gerade nicht. Ätsch!" Diebischen Spaß hatte Rüdiger Schaper vom Tagesspiegel, der als Volksbühne-Kenner zahlreiche Anspielungen erkannt hat und deshalb schließt: "Nach diesem Abend fühlt man sich jung." In der Welt bespricht Matthias Heine die Inszenierung, in der SZ Till Briegleb, in der FAZ Irene Bazinger. (Foto: Thomas Aurin)

Außerdem empfiehlt Eleonore Büning in der FAZ von Herzen den Besuch von Andreas Kriegenburgs in München aufgeführter Inszenierung von Bernd Alois Zimmermanns "Die Soldaten", die ihr durch Mark und Bein ging: "Man erschrickt, man wird in den Sitz genagelt, man vergisst das Atmen, gleich beim ersten Orchesterschlag." Und Barbara Villiger Heilig porträtiert in der NZZ die italienische Schauspielerin Maria Cassi, die mit ihren Soloabenden Theater füllt.
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Film



Während die Filmkritiker jubeln (etwa hier und hier), sind es interessanterweise gerade die Filmkritikerinnen, die die neue Dornröschen-Interpretation "Maleficent" aus dem Hause Disney kritisch sehen - und das gerade auch wegen der demonstrativen Versuche der Produktion, sich geschlechterpolitisch abgesichert zu verorten. Mit sehr eindeutigen Worten belegt ihn etwa Sophie Charlotte Rieger in einer essayistischen Analyse auf Filmosophie: Während der Film sein modernes Publikum mit zahlreichen Zugeständnissen zu umschmeicheln versucht, nutzt er im Grunde recht altbackene Elemente: "Der emanzipatorische Gehalt dieser Geschichte ist überdeutlich und wird mit dem Holzhammer verabreicht. Alles wird derart übertrieben (...), dass statt Nähe nur Distanz entsteht. Die Unterteilung von weiblichem und männlichem Prinzip ist plakativ und eindimensional, gesteht der Frau einen komplexen Charakter zu, belässt den Mann aber als platten Bösewicht, dessen Tod wir nur feiern können. ... Die nicht selten ebenso platt inszenierte Potenz der Männer feiern wir im Kino [zwar] viel zu oft. ... [Doch] ein Emanzen-Porno ist nicht automatisch auch ein guter Kinofilm!"

Auch Elena Meilicke ist beim Perlentaucher nicht überzeugt: "In den Zeitungen wurde die Neu-Erzählung der Dornröschen-Geschichte aus Sicht der bösen Fee als an sich schon feministischer Akt gefeiert: Ent-Teufelung der bösen Frau, Umschreibung zur verratenen Liebenden. Fragt sich nur, was für eine Art von Post-Post-Post-Feminismus am Werk ist, wenn einstmals mächtige Frauen nun zu armen Opfern voller Mutterliebe stilisiert werden. Was daran eine wertvolle Botschaft für kleine Mädchen von heute sein könnte, weiß ich nicht."

Außerdem: Im Freitag schreibt Lukas Foerster über Treppen im Film. Nachrufe auf die Regisseurin Helma Sanders-Brahms finden wir in der taz von Silvia Hallensleben und in der NZZ von Jörg Becker.

Besprochen werden ein Band mit Fotografien von F.W. Murnau (Freitag), die Patricia-Highsmith-Verfilmung "Die zwei Gesichter des Januars" (Berliner Zeitung) und Jürgen Brüggers und Jörg Haaßengiers Dokumentarfilm "Vom Ordnen der Dinge" (Zeit).
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Literatur

Martina Läubli stellt in der NZZ die ch-Stiftung vor, die Übersetzungen fördert. Roman Bucheli berichtet von den Solothurner Literaturtagen. Für den Freitag liest sich Michael Buselmeier durch die neue Ausgabe der Zeitschrift die horen, die unter anderem die Wiederentdeckung der einst populären Schriftstellerin Ina Seidel lanciert. Im Tagesspiegel spricht Lars von Törne mit dem Comiczeichner Luke Pearson. Nachrufe auf die afroamerikanische Schriftstellerin und Bürgerrechtlerin Maya Angelou finden wir in der taz von Dorothea Hahn und in der NZZ von Thomas Leuchtenmüller.

Besprochen werden neue Comics von Ed Piskor (taz), eine Ausstellung zu Ehren des Wagenbach-Verlags in der Berliner Staatsbibliothek (taz) und Farhad Showghis Gedichtesammlung "In verbrachter Zeit" (FAZ).
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Musik

Für die Jungle World interviewt Klaus Walter die estnische Musikerin Maria Minerva, die keinen Hehl daraus macht, dass sie sich kreuz und quer durch die Verzweigungen der Musikgeschichte hört, sich aber nur wenig von Aktualitäten beeindrucken lässt. "Wenn man [Paula Abdul] Ende der Achtziger erlebt hat, dann wüsste man zu gern, was Maria Minerva da heute hört. Ob sie der temporären Ersatz-Madonna mit ihrem trashigen Stretch-Mini-Look Qualitäten abgewinnt, die wir - Ungnade der frühen Geburt - gar nicht hören können? Die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen im Zeitalter der offenen Archive: Um Minervas Musik zu verstehen, muss man diesen postanalogen, postlinearen state of mind kapieren."

In der FAZ schreibt Peter Kemper über Altrocker Jeff Beck, der heute seine Deutschlandtour antritt.

Besprochen werden ein Konzert von FKA Twigs im Berghain (Berliner Zeitung), neue Alben von Kreisky und Nino (taz), Fennesz (Spex), Revere (ZeitOnline) und dem japanischen Quartett Bo Ningen (NZZ) sowie ein Auftritt von Robbie Williams in Berlin (Berliner Zeitung, Tagesspiegel, Welt).
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