Efeu - Die Kulturrundschau

Nicht zu lösendes Mysterium

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10.04.2014. Die Manifesta-Biennale könnte in Russland etwas verändern, lockt in der SZ der Direktor der russischen Eremitage Michail Piotrowski. Der Standard feiert das freie Spiel des amerikanischen Synthesizerpioniers Charles Cohen. In der Zeit erklärt Harold Bloom, warum Shakespeare besser ist als Goethe, Cervantes, Rabelais oder Moliere. Die FAZ stellt die Fernsehdoku "24 Stunden Jerusalem" vor.

Kunst

Im SZ-Interview mit Catrin Lorch hat Michail Piotrowski, Direktor der russischen Eremitage, erwartbar wenig Verständnis dafür, dass im Ausland wegen der Krim-Krise Forderungen nach einem Boykott der Manifesta-Biennale in seinem Haus laut werden: "Die meisten hier wären sowieso froh, wenn eine Ausstellung wie die Manifesta nicht stattfindet. In Russland gibt es diesen Trend zur Isolation. Russland will den Westen ausblenden: Das sind keine Freunde, das sind Idioten - lasst uns hier in Russland unser Leben leben, wir können uns das leisten. Ein Boykott bestärkt solche Haltungen nur. Als Museum ist es unsere Aufgabe, die Brücken offen zu halten, prinzipiell und so lange es geht. Wir wollen, dass die Manifesta hier stattfindet, damit sich etwas verändert."

Außerdem: In der taz schreibt Ophelia Abeler über die Biennale im Whitney Museum in New York. An der Akademie der Künste in Berlin wurde über das Kulturforum diskutiert, berichtet Udo Badelt im Tagesspiegel. In der Zeit berichtet Thomas Assheuer von der Quadriennale Düsseldorf. Sehr beeindruckt ist Nils Minkmar in der FAZ von der Ausstellung, die das Jüdischen Museum in Frankfurt dem legendären Staatsanwalt Fritz Bauer widmet. Und er weiß, was man von dem schwulen, jüdischen Sozialdemokraten lernen kann, der für die Verfolgung von NS-Verbrechern, die Reform des Sexualstrafrechts und die Humanisierung des Strafvollzugs stritt: "Dass der Staat sich gerade denen gegenüber, denen er die Freiheit genommen hat, human zeigen muss, war eine von Fritz Bauers fundamentalen Überzeugungen."

Besprochen werden die Zurbaran-Ausstellung im Brüsseler Palais des Beaux-Arts (NZZ), die Veronese-Ausstellung der Londoner National Gallery (Tagesspiegel) und die Nik-Nowak-Ausstellung in der Berlinischen Galerie (Tagesspiegel).

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Musik

Im Standard berichtet Christian Schachinger vom Donaufestival, dessen große Entdeckung der US-Elektronikpionier Charles Cohen ist. Mit fast siebzig Jahren ist Cohen noch immer ein Geheimtipp, weil er kaum Tonträger veröffentlicht und stattdessen lieber auf seinem "Buchla Music Easel"-Synthesizer improvisiert: "Der US-Musiker weigerte sich bis dato meist mit Erfolg dagegen, diese Improvisationen auf Tonträger zu veröffentlichen. Cohen arbeitete lieber live für Tanz, Performance, Theater. Die Musik wurde zwar aufgenommen, aber für das Archiv. Freies Spiel bedingt, dass man nicht zurückschaut. Sonst gräbt man sich den Boden unter den Füßen weg." Bei Youtube ist Cohen an seinem Arbeitsgerät zu sehen:



Für den Tagesspiegel sprechen Nadine Lange und Sebastian Leber mit Jan Delay. In der Zeit erinnert sich Reiner Luyken an die Bach-Aufführungen - insbesondere die "Johannes Passion" - mit Karl Richter. In der SZ porträtiert Andrian Kreye den Jazzrock-Musiker Pat Metheny. Die Presse meldet, dass der mit einer Million Dollar dotierte Birgit-Nilsson-Preis heuer an die Wiener Philharmoniker geht.

Besprochen werden das Album "Curse the Law" der schwedischen Indieband Könsförrädare (Zeit) und das Berliner Konzert von Laibach (Tagesspiegel)
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Literatur

Sechs Seiten Shakespeare heute in der Zeit. Der Literaturwissenschaftler Harold Bloom macht im Interview klar, was der Unterschied ist zwischen Shakespeare und allen anderen Dichtern: "Es gibt im 'Faust' keine Personen. Faust ist keine Person, Mephisto nicht, Gretchen nicht. Der Unterschied zwischen Goethe und Shakespeare ist derselbe wie der Unterschied zwischen Shakespeare und Christopher Marlowe oder Ben Jonson, beides brillante Autoren, aber sie geben uns keine Menschen, nur Karikaturen. Cervantes hat zwei Menschen, den Ritter und Sancho Pansa. Rabelais hat vielleicht zwei oder drei geschaffen. Molière kommt Shakespeare am nächsten - hat etwa zwölf Personen. Shakespeare hat mehr als hundert bedeutende Figuren geschaffen und etwa tausend Nebenfiguren, und jede von ihnen spricht individuell, handelt individuell, klingt anders, ist anders als all die anderen."

Außerdem: Peter Kümmel würdigt den Dramatiker Shakespeare, sechs Bühnenkünstler - von Gert Voss bis Rene Pollesch - bringen ihm ein Ständchen. Marion Poschmann widmet sich dem Lyriker Shakespeare und eine Seite ist der Shakespeare-Rezeption in Brasilien, Indien, Jordanien und China gewidmet. Armin Mueller-Stahl spricht im Interview über die drei Deutschlands, in denen er gelebt und gearbeitt hat. Michael Krüger schreibt den Nachruf auf den Schweizer Schriftsteller Urs Widmer.

Weitere Artikel: Für die Berliner Zeitung fährt Harald Jähner mit dem wegen seines Buchs "Deutschland von Sinnen" umstrittenen Autor Akif Pirinçci Taxi und fühlt sich dabei an Ekel Alfred erinnert. Zeit online meldet derweil, dass sich das Warenhaus Manufactum aufgrund von "weltanschaulichen Differenzen" von seinem Gründer Thomas Hoof distanziert, der auch Pirinçcis Verleger ist. Maike Albath unterhält sich in der NZZ mit Joachim Sartorius, der das Literaturfestival Eventi Letterari Monte Verita kuratiert.

Besprochen werden die Ausstellung "Hugo von Hoffmansthal im Ersten Weltkrieg" des Goethe-Museums in Frankfurt (FR), Mark Fishers poptheoretisches Buch "Ghosts of my Life" (taz), eine Biografie Dora Diamants (NZZ), Dieter Richters "Das Meer" (FAZ) und Elias Canettis "Buch gegen den Tod" (SZ).
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Film

Breit in den Feuilletons besprochen wird Yael Reuvenys Dokumentarfilm "Schnee von Gestern", in dem die aus ihrer Heimat nach Deutschland ausgewanderte Israelin und Enkelin einer Shoah-Überlebende ihre Familiengeschichte und das Reden, beziehungsweise Schweigen über den Mord an den Juden aufarbeitet. In der taz ist Andreas Busche sehr beeindruckt: Die Regisseurin zeigt, "wie tief sich die Erfahrung der Shoah in das Bewusstsein der deutsch-jüdischen Geschichte eingegraben hat. Nicht als Staatsdoktrin, wie Yael es in Israel erlebt, sondern als historisches Narrativ, das Generationen von Menschen vereint und trennt. Das Schweigen, das diese Erzählung umhüllt, zu brechen, ist nur der erste Schritt auf dem Weg zu einer Verständigung."

Im Freitag hält Silvia Hallensleben den Film und dessen Recherchearbeit für geglückt. Er oszilliere "in seiner vielfach ineinander gespiegelten dokumentarischen Konstruktion kunstvoll zwischen kriminalistischer Recherche und nicht zu lösendem Mysterium." In der FAZ bespricht Andreas Platthaus den Film.

Hans-Christian Rössler schildert in der FAZ, unter welchem politischen Druck die palästinensischen Mitarbeiter bei der arte/br-Produktion "24 Stunden Jerusalem" gestanden haben, die immer wieder boykottiert, abgesagt und verschoben werden sollte: "Um ihre politische Unabhängigkeit zu beweisen, zahlte die Produktionsgesellschaft die finanzielle Unterstützung zurück, die die israelische Stadtverwaltung ihr gewährt hatte. Zum Schluss signalisierte sogar die Palästinensische Befreiungsorganisation PLO, dass sie keine Einwände gegen den Film habe. Doch drei Tage bevor die Dreharbeiten beginnen sollten, brach ein neuer Sturm los: Im Internet und in Telefonanrufen wurden die palästinensischen Regisseure, Kameraleute und Protagonisten wieder als Vaterlandsverräter beschimpft und mit Gewalt bedroht."

In der Jüdischen Allgemeinen ist sich Ayala Goldmann nicht sicher, ob sich der Aufwand, siebzig Teams an drei Tagen in Jerusalem drehen zu lassen, überhaupt gelohnt hat.

Weitere Artikel: Carolin Weidner unterhält sich in der taz mit der Regisseurin Serpil Turhan über deren Dokumentarfilm "Dilim Dönmüyor - Meine Zunge dreht sich nicht". Außerdem bringt die taz ein Gespräch von Isabella Reicher mit der türkischen Regisseurin Yesim Ustaoglu über deren Film "Araf - Somewhere in Between". Ijoma Mangold führt für die Zeit ein Gespräch mit dem Schauspieler Max Riemelt.

Besprochen werden weiterhin der Lego-Film (FR, Welt), Bruno Barretos "Die Poetin" (Tagesspiegel), Mohammad Rasoulofs Film "Manuscripts Don't Burn" (NZZ), Pawel Pawlikowskis Filmdrama "Ida" (Welt), David Ayers Actionthriller "Sabotage" (Der Standard) und Neil Burgers Verfilmung von Veronica Roths Bestseller-Trilogie "Die Bestimmung" mit Kate Winslet (Welt, Berliner Zeitung, taz).
Archiv: Film