Efeu - Die Kulturrundschau
Rücken zu Brücken
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
13.10.2026. Die taz staunt über die mutige Theaterszene in Tbilissi, die der Repression durch die putintreue Kavelashvili-Regierung trotzt. Ebenfalls die taz bringt eine zornige Antwort auf Maxim Billers Forderung an die Literaturkritik, nur noch das Wahre, Gute, Schöne zu besprechen. Die Welt erinnert sich in einer Pariser Ausstellung daran, warum die amerikanische Freiheitsstatue französisch und weiblich ist. Sebastian Brameshubers Film "London" zeigt, freut sich critic.de, dass Dialog über schwere Themen auch in unserer zerstrittenen Gegenwart noch möglich ist.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
13.10.2026
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Bühne

Eva Behrendt schreibt in der taz über die Theaterszene im georgischen Tbilissi, die Teil einer Protestbewegung gegen den zunehmenden autoritären Kurs des Landes unter dem moskaufreundlichen Präsident Mikheil Khavelashvili ist. Durch neue Gesetze "über die Transparenz ausländischer Einflussnahme" und "zum Schutz der Familienwerte und von Minderjährigen" geraten unabhängige, subversive Produktionen immer mehr unter Druck. "Diese Gesetze veränderten auch den öffentlichen Diskurs, wie das Royal District Theater in der Altsadt von Tbilissi erfahren musste: Aus Data Tavadzes immersivem Dokumentartheaterstück 'Liberté' verbreiteten Social-Media-Accounts heimlich gefilmte und aus dem Zusammenhang gerissene Ausschnitte, deren Verbreitung zu einem so massiven Shitstorm bis hin zu Exkommunizierungsdrohungen der orthodoxen Kirche führte, dass Tavadze und sein Protagonist Sandro Samkharadze für zwei Monate das Land verließen. Seither läuft die Inszenierung höchstens noch im Ausland." Dennoch halten nicht wenige die Stellung. Eine aktuelle georgische Produktion, die die Repressionen thematisiert, ist diesen Freitag in Berlin zu sehen, so Behrendt: "Nothing Political" läuft im Hebbel am Ufer als Teil des Festivals Love is a Verb #2.
"Ottone" kehrt zurück und die Kritiker sind mehrheitlich happy. Regisseurin Jetske Mijnssen bringt die Händel-Oper in Frankfurt äußerst geschmacksicher auf die Bühne, freut sich Manuel Brug in der Welt. Tatsächlich ist in diesem Fall eine nuancierte Inszenierung das A und O: "Selbst die musikalische Eleganz besitzt gelegentlich einen scharfen Rand. Händel lässt die Schönheit nicht einfach über die Konflikte hinwegleuchten; sie macht deren emotionale Dimension erst recht hörbar. Die Da-capo-Arie wird dabei zur barocken Wiederholungsschleife der Seele: Wer etwas zu sagen hat, sagt es erst, schmückt es anschließend virtuos aus und sagt es dann noch einmal, weil die Sache offenbar beim ersten Mal nicht ausreichend schön war." Judith von Sternburg zeigt sich in der FR ebenfalls angetan, besonders beglückt sie das "vorzügliche Damentrio" auf der Bühne, bestehend aus Paula Murrihy, Monika Buczkowska-Ward und Cecelia Hall. Deutlich weniger freundlich: Wolfgang Fuhrmann in der FAZ, er erlebt einen "Abend, der zu seinem Stück nichts zu sagen hat".
Dorion Weickmann (SZ) fühlt sich pudelwohl in dem Tanzstück "See You Sunday", das die Göteborger Operans Danskompani bei den Festspielen Ludwigshafen auf die Bühne bringt. Die Arbeit widmet sich zeitgenössischen Familienstrukturen und überzeugt vor allem dank ultrapräziser Körperbeherrschung: "Da knallen Hinterköpfe und flachgelegte Beine auf den Boden, werden Rücken zu Brücken gebogen, Gesäße mit Tritten bedacht und Arme in gewalttätige Verrenkungen gezwungen - alles gespickt mit artistischer Exzellenz. Zum Vorschein kommt ein alltagspathologischer Befund: 'See You Sunday' beleuchtet den Terror hinter Familienfassaden, verfolgt den Kollaps eines heteronormativen, autoritären und dysfunktionalen Systems, das seine Akteure geradewegs in die Hölle führt."
Außerdem: Peter Laudenbach schaut sich für die SZ in der Schlingensief-Ausstellung im Berliner Martin-Gropius-Bau um. Immer mehr Hollywoodstars drängen auf Broadway-Bühnen, berichtet Sarah Pines in der Zeit. Vincent Koch spricht für nachtkritik mit Theatermann Christoph Dittrich, Generalintendant in Chemnitz und Präsident der sächsischen Kulturstiftung, über Finanzprobleme und Zukunftsaussichten. Margaret Affenzeller unterhält sich im Standard mit den Theaterautorinnen Renate Welsh und Sabrina Mohamed über "Anfänge, das Jungsein und die Hoffnung". Last, but not least: Sascha Baron Cohen wird, gibt unter anderem der Standard durch, in Quentin Tarantinos erstem Theaterstück "The Popinjay Cavalier" die Hauptrolle übernehmen.
Besprochen werden ein "Lear" am Münchner Residenztheater mit Manfred Zapatka (FAZ), Verdis "Un ballo in maschera" an der Dresdener Semperoper und Tschaikowskis "Onegin" an der Oper Leipzig in einer Doppelbesprechung (FAZ), die Vampirkomödie "Dracula - Blutige Anfänger" an der Komödie am Kurfüstendamm, Berlin (Tagesspiegel, nachtkritik), "Klangstreich", ein Musiktheaterstück für Kinder am Theater an der Wien (Standard), Sonja Pikarts Kabarett-Programm "Stark" am Wiener Kabarett Niedermair (Standard), "Hoffmanns Erzählungen" am Staatstheater Wiesbaden (FR) und Adrian Figueroas Inszenierung von Thomas Melles "Haus zur Sonne" am Schauspiel Hannover (taz).
Literatur
Benno Schirrmeister ärgert sich in der taz so sehr über Maxim Billers kürzlich veröffentlichte Generalabrechnung mit der deutschen Literaturkritik (unser Resümee), dass er diese am liebsten nicht noch durch eine Antwort nobilitieren möchte. Macht er dann aber doch. Von Billers Plädoyer für eine Kritik, die sich darauf beschränkt, wahre Genies zu lobpreisen und alles, was niedrigschwelliger schreibt, vor den eisernen Toren des Elfenbeinturms darben zu lassen, hält Schirrmeister gar nichts: "Apodiktische Urteile und Geniekult kann Tiktok besser und schneller. Das Feuilleton hat seine Stärken eher in der Reflexion. Die ist notwendig, weil eben ein verbindlicher Maßstab für literarische Qualität zum Glück von niemandem ernsthaft behauptet werden kann. Auch Biller klärt die Frage nach ihr durch die extensive Nutzung des pimmeligen Adjektivs 'groß'. ... Moderne Literatur - also so ab 1800 - hat die Abwesenheit eines außerliterarischen Wertmaßstabs, einer abstrakten Regel, nie als Mangel empfunden, sondern als Teil ihrer Verfasstheit verstanden. Sie lebt, wenn sie sich ihrer selbst bewusst ist, orientierungslos, vereinzelt, verstreut in der Unordnung der Welt."
Außerdem: Florian Weber, Michael Hesse und Judith von Sternburg erinnern in der FR an Thomas Manns vor 125 Jahren erschienenen Roman "Buddenbrooks". Cara Hofmann porträtiert in der SZ die Buchcover-Gestalterin Marion Blomeyer. Besprochen werden unter anderem Helena Adlers "Die Atmung der Liebenden mit Anomalien" mit "verstreuten und nachgelassenen Texten" (Standard), Valeria Gordeevs "Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle" (NZZ) und Julia Francks "Ich ertrinke in den Wassern meiner eigenen Liebe. Rilkes letzte Geliebte" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Außerdem: Florian Weber, Michael Hesse und Judith von Sternburg erinnern in der FR an Thomas Manns vor 125 Jahren erschienenen Roman "Buddenbrooks". Cara Hofmann porträtiert in der SZ die Buchcover-Gestalterin Marion Blomeyer. Besprochen werden unter anderem Helena Adlers "Die Atmung der Liebenden mit Anomalien" mit "verstreuten und nachgelassenen Texten" (Standard), Valeria Gordeevs "Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle" (NZZ) und Julia Francks "Ich ertrinke in den Wassern meiner eigenen Liebe. Rilkes letzte Geliebte" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Kunst

Tilman Krause besucht für die Welt im Pariser Musée d'Orsay die Schau "Auguste Bartholdi. La Liberté éclairant le monde", die von der Entstehung der New Yorker Freihheitsstatue erzählt - die ja das Licht der Welt nicht in den USA, sondern in Frankreich erblickte. Auch konzeptuell steckt ganz viel Frankreich in dem vermeintlich uramerikanischen Monument: "Als Vorbild fungierte der Koloss von Rhodos. Doch der war ein Mann gewesen. Warum musste die Neuauflage eine Frau sein? Nun, das hing natürlich aufs Engste mit dem Selbstbild des offiziellen Frankreichs zusammen. 'La liberté guidant le peuple' (Die Freiheit führt das Volk an): So hieß das ikonische Bild von Eugène Delacroix, das sich auf die Revolution von 1830 bezog und eine Schöne mit viel nackter Haut auf die Barrikaden schickte. La Liberté, Marianne, la France: alles weiblich!"
Was ist nur mit der Wiener Galerienszene los, wundert sich Kate Brown auf monopol - gleich vier Häuser haben in letzter Zeit dicht gemacht. Im Londoner British Museum hingegen lockt der Teppich von Bayeux laut Bernhard Schulz/monopol regelrechte Besuchermassen an. Georg Imdahl unterhält sich in der FAZ mit Paloma Varga Weisz über die Ausstellung "WEISZ", die die Künstlerin in der Synagoge Stommeln in Pulheim dem künsterischen Werk ihres Vaters Feri Vargas widmet. Besprochen wird die Ausstellung "Liliane Tomasko. Les songes de la trame" im Dominikanerkloster Sainte-Marie de La Tourette in Éveux bei Lyon (Welt).
Architektur
Nikolaus Bernau beklagt im Tagesspiegel, dass Berlin nicht mehr, wie einst, mit innovativen architektonischen Projekten von sich reden macht, sondern, ganz im Gegenteil, durch "reaktionäre Verkehrspolitik" und auch ansonsten durchweg durch Ewiggestriges glänzt. Besprochen wird die Ausstellung "Metaxy. Zwischen Zerstörung und Wiederaufbau", die sich dem Wiederaufbau von Städten nach Kriegen und Naturkatastrophen widmet, in der Berliner Akademie der Künste (FAZ).
Film

Ein Mann nimmt für seine Fahrten auf der Autobahn zwischen Salzburg und Wien Beifahrer mit, um Benzingeld zu sparen, Gespräche entblättern sich - so die einfache Prämisse des Spielfilmdebüts "London" von Sebastian Brameshuber, der ansonsten Dokumentarfilme dreht. Dass der Film seine Gespräche nicht auf der Autobahn selbst, sondern wie einst das klassische Hollywood im Studio vor einer Rückprojektion aufnimmt, ist das i-Tüpfelchen, das Lukas Foerster bei critic.de endgültig begeistert: "Es geht in den Gesprächen im Auto - mal direkt, mal indirekt, im Ungesagten - um Migration, um wirtschaftliche Zwänge, um alte und neue Kriege, um die Last der klobigen nationalsozialistischen Vergangenheit und so weiter. ... Brameshuber stellt etwas her, was es in unserer medialen Gegenwart, in der sich zumindest im digitalen Raum bald alle gegenseitig geblockt haben, immer seltener gibt: eine Form, in der alles verhandelt und zwar nichts endgültig geklärt und beigelegt, aber manches vielleicht doch ein wenig tiefer durchdrungen werden kann. ... Der Film legt eine unhintergehbare Voraussetzung jedes sinnvollen gesellschaftlichen Dialogs offen - und erfüllt sie: die voraussetzungslose Begegnung zweier autonomer Individuen."
Weitere Artikel: "Es gibt Festivals, die sind einfach nur schön", schwärmt Annette Brauerhoch in ihrem Bericht für critic.de vom Auftakt des noch bis 14. Oktober laufenden Münchner Dokumentarfilmfestivals Underdox. In ihrer Reihe zum Neuen Deutschen Gangsterfilm widmet sich Silvia Szymanski ebenfalls auf critic.de Özgür Yildirims "Blutzbrüdaz" von 2012. Jakob Biazza plaudert in der SZ mit dem Schauspieler David Duchovny.
Besprochen werden Mykyta Gibalenkos "Camouflage", der laut tazler Jens Balkenborg "viel Universelles über Identität, Heimat und Migration" erzählt, und die auf MagentaTV gezeigte Serie "Droneland" (FAZ).
Musik
Joachim Hentschel (SZ) fällt in Madrid die Kinnlade gehörig nach unten: "Sie haben für Shakira einen ganzen Mitternachtskarneval aufgebaut. Ein eigenes Oktoberfest mit Lateinamerika-Thema." Für dessen Gestaltung als Kulisse der beinahe letzten Konzerte des kolumbianischen Superstars war das Architekturbüros Bjarke Ingels Group gewonnen worden: Die schufen einen "riesigen Parcours aus Fantasiezelten und immersiven Mitmachstationen, und alles leuchtet im Dunkeln. ... Es wurde zuletzt ja viel über den weltweiten Aufstieg des lange weggeklickten und als reine Renitenzmusik gesehenen Latin Pop gesprochen, der in den vergangenen Jahren stattgefunden hat. Shakiras großer Auftritt in Madrid fühlt sich nun an, als wäre man gemeinsam mit Zehntausenden von Gierigen und Spaßwilligen mitten in einer Popwelt gelandet, nur zwei Flugstunden von Deutschland entfernt, die komplett auf dieser alternativen Landkarte basiert. Es ist sehr süß und sehr fantastisch."
In der NZZ erinnert Wolfgang Stähr an den Bach-Dirigenten Karl Richter, der in den Sechziger- und Siebzigerjahren sehr gefeiert war, später auch aufgrund seiner muskelbepackt-schmetternden Interpretationen rasch zu den Akten gelegt wurde, aber nun mit einer großen, multimedialen Luxus-Edition zum hundertsten Geburtstag gewürdigt wird. Die Wiederbegegnung ist vor allem im historischen Abgleich interessant, gibt Stähr zu erkennen: Bei Richters Bach-Interpretationen "fehlt es nie an Intensität und Wahrhaftigkeit. Stattdessen mangelt es für heutige Ohren oft an Transparenz, Artikulation, tänzerischen Rhythmen, der Individualität der Stimmen, der Farbigkeit und Charakteristik der historischen Instrumente. Und nicht zuletzt steht die großformatige Besetzung der Chöre der Textverständlichkeit entgegen. Andererseits begreift man das Faszinosum dieses Dirigenten sofort beim Blick in eine Fernsehstudioproduktion der Matthäus-Passion von 1971: Richter lässt die Musik atmen und strömen, modelliert sie mit zurückhaltenden Bewegungen, mit Gesten von manueller Eleganz, wie man sie sonst nur von Carlos Kleiber oder von Mariss Jansons kannte."
Außerdem: Rita Argauer porträtiert in der SZ die Pianistin Hanni Liang, die den seit einem Jahr in München angebotenen Studiengang "Konzertdesign" leitet. Besprochen werden ein Konzert von Bilderbuch in Berlin (taz) sowie deren neues Album (NZZ), Cécile McLorin Salvants Auftritt in Frankfurt (FR) und neue, anspruchsvolle Stromgitarrenmusik, darunter Deafheavens EP "At Work in the Fields of the Womb" (Standard).
In der NZZ erinnert Wolfgang Stähr an den Bach-Dirigenten Karl Richter, der in den Sechziger- und Siebzigerjahren sehr gefeiert war, später auch aufgrund seiner muskelbepackt-schmetternden Interpretationen rasch zu den Akten gelegt wurde, aber nun mit einer großen, multimedialen Luxus-Edition zum hundertsten Geburtstag gewürdigt wird. Die Wiederbegegnung ist vor allem im historischen Abgleich interessant, gibt Stähr zu erkennen: Bei Richters Bach-Interpretationen "fehlt es nie an Intensität und Wahrhaftigkeit. Stattdessen mangelt es für heutige Ohren oft an Transparenz, Artikulation, tänzerischen Rhythmen, der Individualität der Stimmen, der Farbigkeit und Charakteristik der historischen Instrumente. Und nicht zuletzt steht die großformatige Besetzung der Chöre der Textverständlichkeit entgegen. Andererseits begreift man das Faszinosum dieses Dirigenten sofort beim Blick in eine Fernsehstudioproduktion der Matthäus-Passion von 1971: Richter lässt die Musik atmen und strömen, modelliert sie mit zurückhaltenden Bewegungen, mit Gesten von manueller Eleganz, wie man sie sonst nur von Carlos Kleiber oder von Mariss Jansons kannte."
Außerdem: Rita Argauer porträtiert in der SZ die Pianistin Hanni Liang, die den seit einem Jahr in München angebotenen Studiengang "Konzertdesign" leitet. Besprochen werden ein Konzert von Bilderbuch in Berlin (taz) sowie deren neues Album (NZZ), Cécile McLorin Salvants Auftritt in Frankfurt (FR) und neue, anspruchsvolle Stromgitarrenmusik, darunter Deafheavens EP "At Work in the Fields of the Womb" (Standard).
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