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28.09.2026. Ex-Bachmann-Juror Philipp Tingler kritisiert die neue Jury-Vorsitzende Insa Wilke im Spiegel-Interview, die SZ glaubt, dass ein Generationenwechsel in der Jury dem Preis nur gut tun kann. Die Debatte um Thélyson Orélien geht weiter: Kamel Daoud fragt in Le Point, ob KI so gut ist wie ein Dichter. Die Exhumierung der Spontini-Oper "Die Vestalin" an der Berliner Staatsoper ist leider misslungen, findet die FAZ. Und noch was ist wichtig: Die Arab Straps sind am Höhepunkt ihres Könnens angekommen, jubelt die taz.
Szene aus "Tender Loving Care" Das Filmfestival San Sebastián ist mit einer Goldenen Muschel (und einer Auszeichung fürs beste Drehbuch) für MikeLeighs Sozialdrama "Tender Loving Care" zu Ende gegangen. Der Film - wohl der letzte des mittlerweile 84-jährigen Regisseurs - erzählt von zwei Sozialarbeiterinnen, von denen eine sich gerade getrennt hat. "Leigh erzählt von Verwandtschaft, Freundschaft und beruflicher Fürsorge, ohne diese Beziehungen zu einem einzigen Ideal von Nähe zu verschmelzen", schreibt tazler Thomas Abeltshauser rundum zufrieden mit der Juryentscheidung. Der Regisseur "zeigt, wie sehr Hilfe davon abhängt, wer über Akten, EntscheidungenundFolgen verfügt. Zugleich gesteht er den Sozialarbeiterinnen Erschöpfung, Ungeschick und ein Privatleben zu."
Im Wettbewerb von San Sebastián lief auch "Geister", der neue Film von FatihAkin, berichtet Rüdiger Suchsland in der Welt. Dabei handelt es sich um "eine romantische, streckenweise heitere Geschichte über Verlust und Schuld: Der 18-jährige Faris muss den Unfalltod seiner Freundin verkraften. Doch sie lebt weiter - als liebevoller Geist erscheint sie nachts in seinen Träumen. Ähnlich wie Wim Wenders einst im 'Himmel über Berlin' öffnet Akin in eleganten Schwarzweiß-Bildern ein Terrain, in dem das Reale und das Übernatürliche einander durchdringen. Im Gegensatz zu Wenders' Poesie des Raunens setzt Akin aber auf die Unmittelbarkeit des Gefühls."
Besprochen werden Visar Morinas "Von Scham und Geld" (Jungle World), ValeskaGrisebachs "Das geträumte Abenteuer" (SZ, unsere Kritik), DorisDörries "Frau Winkler verlässt das Haus" (SZ) sowie JonLucas' und ScottMoores Komödie "Spa Weekend" (SZ).
Und: In der Filmgeschichte steht SylvesterStallone neben Arnold Schwarzenegger zwar synonym für die hyperbolische Männlichkeit im Actionfilm der Achtziger - dass seine bekanntesten Filmfiguren Rocky und Rambo Heldenfiguren sind, die weinen können und zur Melancholie neigen, wird dabei aber oft unterschlagen. Die New York Times hat jetzt ein episches Interview mit Stallone geführt, in dem sich der Schauspieler und Regisseur erstaunlich reflektiert und selbstkritisch zeigt und Einblick gewährt in die emotionalen Deformationen einer von Kälte und Härte geprägten Kindheit.
"La Vestale" an der Staatsoper. Foto: Stephan Rabold.
Lydia Steier inszeniert an der Berliner Staatsoper "La Vestale" von Gaspare Spontini. Selten ist es geworden, dass man einer Oper des Generalmusikdirektors des preußischen Königs Friedrich Wilhelm III. lauschen kann, so Ulrich Amling im Tagesspiegel. Die Geschichte um eine verbotene Liebe mit staatsgefährdenden Ausmaßen wird hier ziemlich düster inszeniert, aber Amling ist es trotzdem nicht tiefgründig genug: "Die Konflikte erscheinen unverrückbar, das Individuum ohne die Hoffnung auf Glück eingepfercht zwischen den Ritualen kalten Prunks. Menschenleben sind hier nichts wert, das wird in quälender Intensität auf der Bühne gezeigt, während das Feuer durch das Verbrennen von Büchern am Leben gehalten wird. (…) Ob Spontini mit 'La Vestale' vor allem den Wunsch nach konservierender Prachtentfaltung bediente, oder bereits ahnte, welch gesellschaftlicher Pulverdampf die kommende Grand opéra durchziehen würde, will musikalisch entdeckt werden. Doch dafür geht es Carlo Rizzi am Pult der Staatskapelle allzu routiniert an, er weicht die oft spröde Größe der Musik auf, und in der Folge wird selbst das als leicht verdaulich aufgetischt, was einem zu denken geben könnte."
Auch Gerald Felber kommt in der FAZ zu dem Schluss, dass dieser Versuch einer Spontini-Renaissance gescheitert ist: "Spontinis Musik liegt abseits der gewohnten Gleise, und die abtörnende Inszenierung mag dazu beigetragen haben, diese Konstellation weniger als herausfordernden Reiz anzugehen denn als skeptisch angenommene, nicht unbedingt funkenschlagende Mühwaltung."
Besprochen werden: Christopher Rüpings "Deutscher Herbst" im Deutschen Theater Berlin (FAZ, Tagesspiegel), Philip Glass' Kammeroper "In der Strafkolonie" im Staatstheater Mainz (FR), "Wie Grischa mit einer verwegenen Idee beinahe den Weltfrieden auslöste" von Wilke Weermann nach dem Buch von Jakob Hein am Deutschen Theater Berlin (Tagesspiegel), "Sunville" von Sofia Jernberg, FistonMwanza Mujila und Stephanie Thiersch an der Deutschen Oper (Tagesspiegel), "Doppelgänger / Doppelganger" im HAU von der Gob Squad (Tagesspiegel), "Zwischen zwei Menschen entsteht manchmal, wie selten, eine Welt" mit Textteilen von Hannah Arendt und Elfriede Jelinek, inszeniert von Burkhard C. Kosminski am Schauspiel Stuttgart (Nachtkritik), "Fremde Sonne I" von RolandSchimmelpfennig, Regie führt Karin Beier am Deutschen Schauspiel Hamburg (Nachtkritik), das Doppel-Stück "In bester Lage / Moneyland", inszeniert von Kay Voges am Schauspiel Köln (Nachtkritik, SZ), "Die Ankunft", ein "Jelinek-Medley" am Wiener Volkstheater, Regie führt Jan Philipp Gloger (Nachtkritik, Standard), "Neuer Versuch" von Clément und Guillaume Papachristou am Staatsschauspiel Dresden (Nachtkritik), "ФielföلkaŠtát (äh, vielvölkastaat, oder was?)" von Ewe Benbenek, Regie führt Marie Bues am Schauspielhaus Graz (Nachtkritik) und "Die Geierwally" von Wilhelmine von Hillern, Julia Prechsl führt Regie am Münchner Volkstheater (SZ).
William Forysthe: Backwards, 2026. Foto: Roman März.
Andreas Kilb besucht für die FAZ "Das Gegenteil von Jetzt. Künstlerische Wege in eine andere Gegenwart" im Jüdischen Museum Berlin, eine Themenausstellung, die mit ihrem Titel eine wohl kollektive Sehnsucht bezeichnet, wie er vermutet. Sie besteht überwiegend aus Installationen: "Jede hat ihren eigenen Raum, bleibt für sich, redet mit sich selbst. Die stillste stammt von dem Choreographen WilliamForsythe. Er hat eine Bank an die Wand eines leeren Saals gestellt und dazu eine Gebrauchsanweisung in zwei Teilen geschrieben. Der erste fordert die Besucher auf, mit geschlossenen Augen von der Bank aus elf Schritte nach vorn zu gehen und sie anschließend mit derselben Schrittzahl im Rückwärtsgang wieder zu erreichen. Kaum jemandem gelingt es. Der zweite Teil verlangt, 'ohne Rhythmus', wie ein Blatt im Wind, aus dem Museum zu laufen. Wir haben es versucht. Es ist unmöglich."
Schon vor einigen Tagen hat Alan Posener in der Welt moniert, das Jüdische Museum setze sich hier anlässlich seines fünfundzwanzigsten Geburtstags mit Belanglosigkeiten auseinander. In Zeiten des wachsenden Antisemitismus hätte er sich eine Ausstellung gewünscht, die Stellung bezieht und nicht vor sich hinplätschert. Ihm kommt Forsythe mit seiner Installation vor wie ein "Yoko-Ono-Epigone": "Doch, doch, das ist Kunst, ebenso wie die Anweisung am Schluss der Ausstellung, 'ohne jeden Rhythmus' dem Ausgang zuzustreben. Sagen wir es so: Wer 'Das Gegenteil von jetzt' will, kann sich JohnLennons 'Imagine' anhören und hat nach drei Minuten und drei Sekunden künstlerisch und gedanklich mehr davon als vom einstündigen Gang durch eine Ausstellung, in der Alexander Kluge Kriegsmaschinen von KI entwerfen lässt und sich über deren bizarres Aussehen freut."
Weiteres: Stefan Grund beschäftigt sich in der Welt mit der Kulturoffensive Usbekistans, das Land gibt sich trotz seines autoritären Regimes betont kunstoffen. "Outsider Art" ist Kunst, die weitestgehend außerhalb des normalen Kunstbetriebs stattfindet, klärt Katharina Cichosch für monopol auf, das Magazin startet nun eine Reihe über Künstler, die sich unter diesem Label verorten lassen. Gürsoy Doğtaş schreibt für die taz den Nachruf auf die chilenische Malerin Cecilia Boisier. Philipp Meier informiert in der NZZ darüber, welche Highlights der Fondation Beyeler durch den neuen Bau von Peter Zumthor bestens zur Geltung kommen.
Besprochen wird: Sebastian Lettners Ausstellung "no more home" im Kreuzberger Klek (taz).
Schon vor einigen Wochen sorgte der offensichtlich konzertierte Rücktritt eines Großteils der Jury vom Klagenfurter Bachmann-Wettbewerb für hochgezogene Augenbrauen im Literaturbetrieb. Nun hat Ex-Juror PhilippTingler in einem Spiegel-Interview Einsicht in die gemeinsam getroffene Entscheidung gegeben: Die Jury wurde vor vollendete Tatsachen gestellt, dass InsaWilke als Juryvorsitzende zurückkehren solle - im Spiegel wirft Tingler Wilke nun vor, in einer Abstimmung einer zuvor auch von ihr "sehr gelobten" Kandidatin gezielt null Punkte zugesprochen zu haben, um der von ihr in den Wettbewerb gebrachten Autorin zum Sieg zu verhelfen. (Ganz nebenbei bemerkt entbehrt es im Lichte dieser Anwürfe nicht einer gewissen Ironie, dass Wilke in der Auseinandersetzung vor zwei Jahren um Juliane Lieberts und Ronya Othmanns Leak aus der Jury zum Internationalen Literaturpreis den beiden Autorinnen vorgeworfen hat, weder "Anstand" noch "Verantwortungsgefühl" walten zu lassen.)
Tingler kritisiert an Wilke fernerhin, "politische Gesichtspunkte über ästhetische zu stellen" sowie ihre angebliche Neigung "zum Aktivistischen, Gefühligen", schreibt Jörg Häntzschel in der SZ. "Die ebenfalls zurückgetretene Mara Delius verteidigt Tinglers Attacken, auch gegen den Vorwurf von Wilke, er habe gleich eine ganze Reihe von misogynenStereotypen gegen sie bemüht". Derweil wird laut Häntzschel beim für den Wettbewerb zuständigen ORF darüber gemutmaßt, ob Tingler sich eventuell "'selbst etwas ausgerechnet hat'. ... Der Streit um die Wokeness, der ja überall in der Kultur schwelt, wäre es wert gewesen, in der Bachmann-Jury ausgetragen zu werden. Doch mit ihren vielen weiteren, vereinshuberisch wirkenden Einwänden kratzen die zurückgetretenen Juroren an der eigenen Glaubwürdigkeit. Vielleicht tut der nun anstehende Generationswechsel dem Preis ganz gut."
In Frankreich geht die leidenschaftliche Debatte zu KI in der Literatur weiter. Entzündet hat sie sich an dem Roman "C'était ça ou mourir" des haitianischen, in Québec lebenden Autors Thélyson Orélien, dem vorgeworfen wird, er sei mit KI geschrieben. Von der Kandidatenliste des Prix Goncourt ist der Roman inzwischen entfernt. Kamel Daoud gesteht in Le Point seine Zerknirschung - denn er hatte den Roman ein paar Tage vor den Vorwürfen gefeiert. "Ich habe diesen Roman vor einigen Wochen gelesen, er hat mich begeistert, ich habe ihn gelobt und stehe dazu; denn es stimmt: Der Roman erscheint mir fulminant, barock, chaotisch, brutal, kraftvoll. Ich habe einen Autor gelobt, an den ich geglaubt hatte, und dazu stehe ich; doch das ist noch schwerwiegender als vermeintliche Unehrlichkeit oder journalistische Blindheit. Ich habe einen echten Text gelobt, der oft schön und stark ist, und damit habe ich die Maschine gelobt, die ihn hervorgebracht hat, und diese Maschine erweist sich als beeindruckend. Das ist die Wahrheit, die ich nur ungern eingestehen möchte."
Der "rechte" Autor Samuel Fitoussi (er ist Figaro-Kolumnist), der den Vorwurf zunächst über ein anonymes Twitter-Konto erhoben hat, ist schon einen Schritt weiter. Die eigentliche Debatte ist, ob KI einen Roman schreiben kann, der so gut ist wie ein von Menschen geschriebener Roman. Fitoussi setzt sich auf Twitter mit einem häufigen Argument auseinander: Es sei doch gar nicht so schlimm, wenn KI in der Literatur eingesetzt werde - es komme halt darauf an, den besten Prompt zu schreiben. Aber das ist für Fitoussi leider eine Illusion. "Damit dies zutrifft, müsste eine superintelligente KI von einem Menschen besser gesteuert werden als von sich selbst. Der Mensch müsste im Vergleich zur Intelligenz der Maschine genügend Bereiche behalten, in denen er die Oberhand behält. Wenn man jedoch die Entwicklungskurven der Modelle fortsetzt, wird dies nicht mehr lange zutreffen. Ich glaube, wir neigen bereits dazu, die erforderliche Qualität der Eingabeanweisung zu überschätzen, um ein hervorragendes Ergebnis zu erzielen. Bitten Sie zum Beispiel ein aktuelles KI-Modell: 'Schreibe den Anfang eines hervorragenden Romans zum Thema XX.' Das Ergebnis wird durchausveröffentlichungsreif sein."
In Deutschland gibt es bisher wenig Reaktionen auf die Debatte. Die SZ gab dem deutschen Übersetzer Jürgen Ritte Gelegenheit, die Kritik an dem Roman als rechte Kampagne zu brandmarken (unser Resümee), in Frankreich sind Orélien inzwischen auch andere, "klassische" Plagiate nachgewiesen worden - die deutsche Ausgabe ist bei Rowohltfür Juni angekündigt. Auf der Rowohlt-Seite steht noch, dass der Roman für den Prix Goncourt nominiert sei. Mehr zu KI in der im Journalismus heute in 9punkt.
Bestellen Sie bei eichendorff21!Außerdem: Im Standardporträtiert Bert Rebhandl die SchriftstellerinAnnCotten, deren "Grenzgänge zwischen Wissenschaft und Weirdness" er in der "Spannung zwischen Materialität, Sprachtheorie und Medientechnologie" verortet und zwar "immer mit dem Aspekt, dass 'Quatschmachen' sogar eine höhere Wissenschaft sein kann". Ingo Petz spricht für den Standard mit dem tschechischen SchriftstellerJaroslavRudiš. Konstantin Ames liest für die taz die neue Ausgabe der Wiener Literaturzeitschrift Idiome.
Besprochen werden unter anderem VolkerWeiß' "Katechon" (FR), Egon Erwin Kischs "Prager Verbrechen" (online nachgereicht aus der taz), KláraVlasákovás "Die Kugel" (Standard), die Ausstellung "Schreiben für die Seele" im Hölderlinturm in Tübingen (FAZ), Alexander Smoltczyks "Lissabon 1941. Stadt der Spione, Hafen der Hoffnung" (NZZ) und neue Kinder- und Jugendbücher, darunter CorneliaFunkes "Emma glaubt nicht an Feen" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Wenn die 90er-Jahre-Indiehelden ArabStrap mit "Half-Told Tales" das mittlerweile dritte Album ihrer Spätphäse nach der Funkstille in den Zehnerjahren vorlegen, dann markiert das weit mehr als einen bloß nostalgischen Anschluss an frühere Glanzzeiten, vielmehr zeige sich die Band "am Höhepunkt ihres Könnens angekommen", jubelt Uwe Schütte in der taz. "Man nehme nur das vorwärtsdrängende 'You You You' mit seinen betörendenItalodisco-Anklängen, zu denen Moffat die Tragödie des Älterwerdens so elegant wie scharfsichtig verflucht. 'Be a Man' wiederum bietet über sprudelnden Beats und zarten Klavierklängen eine wehmütige Reflexion über Vaterschaft im Zeitalter der toxischen Maskulinität. ... Schwermut wird auf 'Half-Told Tales' vermittels der Magie der Musik verwandelt in Levitation, Leid gerät zu Freude, Resignation mutiert in Optimismus."
Weiteres: Florian Weber berichtet in der FR vom Jazzpodiumin Frankfurt. Kurt Remele gratuliert im StandardFreddyQuinn zum 95. Geburtstag. Besprochen werden ein großes Konzert des Kyiv Symphony Orchestra in Düsseldorf (Welt) ein Konzert von ShitKid in Wien (Standard).