Efeu - Die Kulturrundschau

Es fehlt der Swag

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17.08.2026. Molières "Menschenfeind" kann die Kritiker in Jette Steckels Salzburger Fassung mit seiner bunten Teletubbies-Ästhetik nicht recht überzeugen. Die Jüdische Allgemeine fragt, warum Maha El Hissy, der sie Antisemitismus vorwirft, in die Jury des Deutschen Buchpreises berufen wurde. Die FR bestaunt beim Filmfestival in Locarno sinnliche Handchirurgen. Steffen Kopetzky spricht mit der Zeit über die Waldbrände im Hürtgenwald. Die FAZ bewundert in Dresden japanische Holzschnitte - und ihre Fälschungen. 
9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.08.2026 finden Sie hier

Literatur

In der Jüdischen Allgemeinen kann Daniel Neumann es nicht fassen: Ausgerechnet die Literaturkritikerin Maha El Hissy wurde in die Jury des Deutschen Buchpreises berufen. Für Neumann ist sie schlicht eine Antisemitin, er empfiehlt einen Blick in ihre Essayreihe "Literature of Unsettlement" in der Berlin Review, in der sie Israel konsequent als koloniales, genozidales, apartheidartiges Unrechtsprojekt darstelle. So etwas hat Konsequenzen, erinnert Neumann: "Wer Israel nicht mehr als einen Staat betrachtet, der falsche oder sogar verwerfliche Entscheidungen treffen kann, sondern als Verbrechen an sich, verschiebt zwangsläufig auch die Frage nach seiner Existenzberechtigung. ... Was würde wohl passieren, wenn man einen intellektuell versierten Rechtsextremen in die Jury berufen hätte? Götz Kubitschek etwa. Der kollektive Aufschrei von Literatur- und Kulturbetrieb wäre ohrenbetäubend. Zu Recht! Warum aber bleibt es bei den bösartigen und geschichtsrevisionistischen Äußerungen von Maha El Hissy still? Warum müssen es wieder die Juden selbst sein, die das selbstverständliche aufschreiben und öffentlich machen?"

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Im Interview mit Zeit online spricht Steffen Kopetzky über seinen 2019 erschienenen Roman "Propaganda", der im derzeit brennenden Hürtgenwald spielt. "Ich habe sofort daran gedacht, dass der Wald in den Jahren 1947 bis 1949, also kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, schon einmal brannte. Das waren zwei sehr trockene Ausnahmejahre, die mit der Trockenheit heute vergleichbar wären, und es lag wegen des Krieges viel Bruchholz herum, das sich entzündet hatte. Durch das Feuer detonierten wiederum die herumliegenden Bomben und Minen. Es gibt apokalyptische Beschreibungen davon, wie man in der Nacht die Sprengsätze hochgehen hörte, wieder genau wie im Krieg. Die Situation heute ist also gewissermaßen die Wiederkehr dieses Brandes, der eine Wiederkehr des Krieges war. … hier kommen Weltkrieg und Klimawandel zusammen. Zwei Kriege im Grunde genommen, der eine ein Krieg, den die Menschheit gegen sich selbst führt durch ihre Art zu wirtschaften und die Natur auszubeuten. Das macht es umso bedrückender."

Weitere Artikel: Der Deutsche Buchpreis trägt dazu bei, dass die Bestsellerlisten "immer lokaler, um nicht zu sagen: nationaler" werden, klagt Peter Teuwsen in der NZZ. Linus Schöpfer streift für die NZZ mit dem Schriftsteller Urs Augstburger durch die völlig ausgetrocknete Schweiz

Besprochen werden u.a. Heinz Strunks "Memories of Heidelberg" (FR), zwei wiederaufgelegte Krimis von Mary Roberts Rinehart und Dorothy Bowers (FR), Hans-Jürgen Papiers "Unantastbar" (SZ), Christian Steckers Plädoyer "Ohne Koalitionskorsett und Brandmauern" (SZ), Monchis "Jenseits der Brandmauer" (FAZ), (zum Buch gibts im Tsp auch ein Interview mit dem Autor) und Daniel Damlers Roman "Masaya" als Hörbuch (FAZ).
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Bühne

"Der Menschenfeind". Foto: Armin Smailovic.


Molières "Menschenfeind" wird in der Inszenierung von Jette Steckel auf den Salzburger Festspielen auch kein Kritikerliebling, ist sich Nachtkritiker Jakob Hayner sicher, obwohl extra die Hamburger Band UWE engagiert wurde, um zu zeigen, wie gut Hip-Hop-Battles und Molière zusammenpassen: "Ins Auge fallen die Kostüme von Pauline Hüners. Jede Figur wirkt wie in einen Farbtopf gestürzt, was bei der von Kopf bis Fuß in kräftiges Blau getauchten Barbara Nüsse als Philinte an 'Avatar' erinnert oder insgesamt an die Teletubbies. Klar, all colours are beautiful und jeder liebt den Regenbogen, aber dass auch noch das Lichtbühnenbild von Florian Lösche immer wieder in der Farbe der gerade tonangebenden Figur erstrahlt" ist Hayner zu viel, zumal diese "erstaunlich blass" bleiben. "Auch szenisch wirkt vieles eher leblos, bis auf Ausnahmen wie bei der kraftvollen Schlussansprache von Célimène. Anders gesagt: Es fehlt der Swag."
 
SZ-Kritikerin Christine Drössel kann mit der auf modern gebürsteten Inszenierung in der SZ ebenfalls wenig anfangen: "Das Prinzip 'Battle' unterliegt als Grundgedanke auch der Inszenierung. Wenn die Figuren in dem leeren Leuchtkasten aufeinandertreffen, tun sie das als Kombattanten, die sich, emotional begleitet oder sarkastisch kommentiert von der Live-Musik, Sprachduelle liefern. Mitfiebern tut man schon deshalb nicht, weil diese Figuren so entindividualisiert sind." Jürgen Kaube ist in der FAZ nicht ganz so streng, er konzentriert sich auf einige Highlights, zum Beispiel die Geliebte des Titel-Antihelden und die Kämpfe, die sie ausficht: "Die Célimène Maja Schönes beginnt zurückhaltend, sie ist die farbloseste Figur, die verkörperte Ausrede (freundlicher: schlagfertig), nimmt aber im Lauf des Abends Tempo auf und kämpft um ihre Freiheit, nicht in Besitz genommen werden zu wollen. Ihr Zickenkrieg mit Lisa Hagmeister als fies-intelligenter Arsinoé in einer Szene, in der die beiden Konkurrentinnen einander belecken, beleidigen, beraten und miteinander verhandeln, gehört zu den Höhepunkten des Abends (...)." Im Standard findet Margarete Affenzeller die Inszenierung gelungen.

Saba-Nur Cheema und Meron Mendel schreiben in der FAZ zum vermeidbaren Skandal um das Volksbühnenbad (unsere Resümees): "Wir finden, es braucht eine aufgeklärte Debatte darüber, wo Safe Spaces für Minderheiten geschaffen werden sollen - und wo sie fehl am Platz sind." In der SZ nimmt Peter Laudenbach das Theater als Vorzeichen dafür, was uns bald überall blühen könnte: "Die Volksbühne und ihr kleines Volksbad wurden zum Zielobjekt des rechten Kulturkampfs", schreibt er und fordert mehr Resilienz vom Kulturbetrieb.

Weiteres: Auf dem Zürcher Theater Spektakel gibt es leicht bekleidete Männer zu sehen, aber es werden auch Diskussionen über den Zustand der Demokratie geführt, entdeckt Nachtkritiker Tobias Gerosa. Philipp von Studnitz gratuliert Christian Thielemann in der Welt zur 200. Aufführung in Bayreuth. Das Berliner Festival "Tanz im August" hat begonnen, Sandra Luzina hat sich für den Tagesspiegel umgeschaut. Besprochen wird Agniete Lisickinaite und Igor Shugaleevs "Clap & Slip" beim Zürcher Theater Spektakel (NZZ).
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Musik

Arno Widmann denkt in der FR über 150 Jahre "Götterdämmerung" in Bayreuth nach. Laura Mies berichtet in der taz von der Techno-Parade "Rave the Planet", die am Wochenende in Berlin stattfand. Gregor Kessler besucht für die taz in Oregon/USA die sehr sympathische 77-jährige Toody Cole, die demnächst mit ihrer Garagenrockband Dead Moon für eine Konzertreise nach Europa kommt.

Hier schon mal eine Kostprobe:



Besprochen werden das neue Album von Phoebe Bridgers (NZZ), eine Aufführung von Händels "Messiah" mit dem King's Consort beim Rheingau Musik Festival in Kloster Eberbach (FR), Ellen Alliens neues Album "New Life" (FR) und ein Konzert von The Cure (Zeit online).
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Film

Szene aus Ann Orens "Object a"


Daniel Kothenschulte berichtet in der FR vom Filmfestival in Locarno, wo ihm besonders drei Filme gefielen, Hong Sangsoos mit dem Regiepreis ausgezeichneter "Nowhere to Lay My Eyes", Nicolaas Schmidts "September Afternoon" und Ann Orens "'Object a': Der kleine Buchstabe des Titels ist ein Monument in Lacans Psychoanalyse als Bezeichnung für jenen Motor des Begehrens, dem wir niemals habhaft werden. Für ein erfolgreiches, auf Handchirurgie spezialisiertes Paar, in geheimnisvoller Präzision gespielt von Aenne Schwarz und Louis Hofmann, ist es ein wohlgehegter, stets neu gefüllter Freiraum innerhalb ihrer ansonsten durchdeklinierten Leben. In Operationssaal und Schlafzimmer findet ihre von weiblicher Dominanz geprägte Sinnlichkeit Erfüllung - und sucht naturgemäß nach immer neuen Lustobjekten. Eines ist eine temporäre Prothese, die sich die Frau von einem Kunsthandwerker bauen lässt, um nach einem Fußbruch weiter zu agieren. Man muss kein Fetischist sein, um der Schönheit dieser kinetischen Skulptur aus Chrom und Leder zu erliegen." In der NZZ schreibt Tobias Sedlmaier zu Locarno.

Weiteres: Alexander Kloß erinnert sich in der taz an die "völlig neue Filmerfahrung", die ihm vor 25 Jahren Hayao Miyazakis Anime "Chihiros Reise ins Zauberland" bescherte. Besprochen werden Jono und Benji Bergmanns Doku "Noga" über ein israelisches Künstlerpaar und den 7. Oktober (Welt), Roderick Warichs "Funeral Casino Blues" (Tsp) und Annekatrin Hendels Inselporträt "Hiddensee" (Tsp).
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Kunst

Toshusai Sharaku: Der Kabuki-Schauspieler Iwai Hanshiro IV in der Rolle der Amme Shigenoi, 1794. Kupferstich-Kabinett, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Foto: Caterina Miksch.


Die Präzisionsarbeit japanischer Holzschnitte entdeckt neben erstaunlich vielen jungen Menschen im Dresdner Kupferstich-Kabinett auch FAZ-Kritiker Andreas Platthaus in in der Ausstellung "Japan auf Papier in Dresden - Utamaro, Hokusai, Hiroshige und die Grafik der Moderne". Dort wird seit den Zeiten August des Starken gesammelt, Anfang des 20. Jahrhundert wurde die Japan-Sammlung noch einmal bedeutend erweitert: "Damals bemühte man sich in Dresden auch schon um Blätter von Sharaku, jenem geheimnisvollen Künstler, der spät im achtzehnten Jahrhundert für eine ganz kurze Zeit Porträts von Kabuki-Schauspielern entworfen hatte, die schon seine eigenen Zeitgenossen gefesselt hatten: durch ungewöhnliche Nahsicht, aufwendigen Materialeinsatz (etwa beim Druck eingestreuten Metallstaub für Glimmereffekte) und tief empfundenes Verständnis für die Psychologie der dargestellten Theaterrollen." Seine Blätter waren so begehrt, dass sie oft gefälscht wurden. "Dresden kann ein echtes zeigen und eines, das jüngst als Holzschnitt identifiziert werden musste, der erst hundert Jahre später in betrügerischer Absicht hergestellt worden war und für die Forschung lange als ein Meisterblatt gegolten hatte."

Weiteres: In der italienischen Stadt Messina wird derzeit im großen Stil Kunst geklaut und, zumindest in Teilen, kurz darauf wieder in die Freiheit entlassen, wundert sich Ruth Lang Fuentes in der taz
Besprochen werden außerdem die Ausstellungen "Kunst gegen Rechts" in der Alten Feuerwache in Berlin (taz) und "Die Welt im Fokus" in der Albertina in Wien (monopol).
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