Efeu - Die Kulturrundschau

Wo ist Alf, wenn man ihn braucht

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10.06.2026. Angela Schanelec hat ihren neuen Film "Meine Frau weint" mit Schauspielern besetzt, die keine deutschen Muttersprachler sind - für die taz Zeugnis einer wunderbaren Befremdung. Spielbergs "Disclosure Day" wiederum feiert laut Welt die heilende Kraft der Empathie bei der Begegnung mit Außerirdischen. Eine Zürcher Ausstellung zeigt laut NZZ, wie man in der Gegenwart mit Kunst aus der Kolonialzeit umgehen kann. Außerdem jede Menge Verdi: Die FAZ tanzt in Garsington mit einer "La Traviata" auf dem Vulkan, Van begegnet in einem Amsterdamer "Simon Boccanegra" archaischer Wucht
9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.06.2026 finden Sie hier

Film

Nähe und Ferne beim Handball: "Meine Frau weint" von Angela Schanelec

In Angela Schanelecs neuem Film "Meine Frau weint" spricht etwas aus den Figuren und durch sie hindurch, hält Ekkehard Knörer in der taz fest: In dem minimalistischen Drama um ein Paar, in dem die Frau Clara wohl eine Affäre mit einem anderen Mann hatte (der nach einem Unfall gestorben ist), sind die Hauptrollen nicht mit Muttersprachlern besetzt, sondern mit der Französin Agathe Bonitzer und dem Serben Vladimir Vulević. In den Dialogen zu erleben "wunderbare Befremdung. Das Deutsche wird, in den langen Dialogen, obwohl grammatikalisch perfekt, zu einer unvertrauten, einer anderen Sprache: zu einer Sprache, in der sich die Rhythmen verschieben, in der die Laute weicher werden, als man sie kennt. Zu einer Sprache, die nicht nur mit den Individuen im Gespräch ist, die sich die fremden Laute und Rhythmen aneignen müssen. Sondern auch zu einer Sprache, in der die andere, die Muttersprache, das Französische, das Serbische zugleich anwesend ist." Andreas Busche freut sich im Tagesspiegel an zahlreichen "hinreißenden Details" in diesem Film.

Schaut Menschen beim Schauen zu: "Disclosure Day" von Steven Spielberg

Mit "Disclosure Day" begibt sich Steven Spielberg zurück auf altbekannntes Terrain: Filme über Erstbegegnungen mit Außerirdischen und deren Folgen. Das war bei ihm schon romantisch ("Close Encounters of the Third Kind"), kindlich-naiv ("E.T."), liebevoll fürsorglich ("A.I."), konfliktreich ("Krieg der Welten") und archaisch-mysteriös ("Indiana Jones & das Königreich des Kristallschädels"). Der Clou in "Disclosure Days": Hier leben die Außerirdischen - Area 51 eingedenk - längst und unerkannt unter uns und sollen schließlich richten, was die Menschen in den letzten Jahren so verbockt haben. "Es ist ein Film über die heilende Kraft der Empathie", schreibt Jan Küveler in der Welt. Bei Spielberg steht deshalb das Internet für ein Vereinzelungsmedium, während der Fernsehen eine Aufwertung erfährt: Es "steht für die Gemeinschaft, in der sich die Familie und das Land vor dem Bildschirm versammeln. Das provinzielle Studio in Kansas wird zum Epizentrum einer globalen Epiphanie. Die Welt ruht, und sogar vom Dritten Weltkrieg, der offenbar wegen eines nicht näher erklärten Militärputsches in Nordkorea kurz vor dem Ausbruch steht, will keiner mehr etwas wissen." 

Katrin Doerken ist im Perlentaucher sehr begeistert: Dieser Film schließt ziemlich gelungen an Spielbergs Klassiker "Close Encounters..." an: "Spielbergs Kino bleibt eines, das Außenseitertum oder genauer: neurodivergente und synästhetische Weltwahrnehmungen umarmt, sogar selbst innerhalb ihrer Modi operiert." Derweil ärgert sich David Steinitz in der SZ grün und blau: Spielberg hatte einen Film über das Verschleiern von Informationen und Nebelkerzen in Form von Fake News versprochen, doch "das Horrorkabinett des Silicon Valley ist in diesem Film genauso wenig vertreten wie der amtierende US-Präsident. ... Wo ist eigentlich Alf, wenn man ihn braucht?"

"Spielberg hat eine Art filmische Predigt entworfen, die sich der klassischen Rhetorik des amerikanischen Films (die er selbst entscheidend mitgeprägt hat) bedient - und zwar so sehr, dass sie diesen Vorgang quasi in all seiner Nacktheit präsentiert", schreibt Axel Weidemann in der FAZ. Der Film hat tolle Ideen, aber sie fügen sich nicht zu einem großen Ganzen: "Stattdessen schauen wir Menschen beim Schauen zu, beim Glaubenwollen, beim Lauschen der Predigt, der ob der Größe ihres Gegenstandes (extraterrestrische Andersartigkeit und deren kommunikativer Überbrückung) am Ende die Worte ausgehen. Überzeugen soll hier mehr der Blick auf die Bilder: Erstkontakt als Videobeweis."

Das staunende "Spielberg-Face" hatte Kevin B. Lee vor vielen Jahren in einem tollen Videoessay als zentrales Spielberg-Motiv buchstäblich sehr anschaulich freigelegt: 



Weiteres: Die britische Serie "Half Man" wirkt auf tazler Georg Diez "wie die Antwort der Kunst auf die Politik", beziehungsweise "umgekehrt: Die Kunst zeigt, was der Politik fehlt - an Widersprüchlichkeit, an Ambiguität, an Zweifel und Verzweiflung und Emotionen." Geologen haben untersucht, wie ihr Berufsstand im Kino dargestellt wird, meldet Svenna Triebler in der Jungle World. Jakob Thaller gratuliert im Standard Mel Brooks, der gerade seinen neuen Film "Spaceballs 2" fertiggestellt hat, zum hundertsten Geburtstag. Besprochen wird die Amazon-Serie "Off Campus" (Welt).
Archiv: Film

Kunst

Anna Rein-Wuhrmann, Lydia Mo'ngewelune Kamerun, 1914
© Museum Rietberg

Kann eine Ausstellung in der Gegenwart Kunst aus kolonialen Kontexten zeigen, ohne den nicht-weiße Menschen herabwürdigenden kolonialen Blick zu reproduzieren? An dieser Frage laboriert die Kunstwelt seit geraumer Zeit. Das Zürcher Museum Rietberg unternimmt nun in der Ausstellung "Fast ein Paradies: Kolonialzeitliche Fotografie in der Gegenwartskunst" einen neuen Versuch, berichtet NZZ-Kritiker Dario Veréb: "Das Publikum sucht vergeblich nach Fotografien, die nackte oder in Ketten gelegte Menschen zeigen. Guyer hat sich explizit dagegen entschieden, die extremsten Zeugnisse kolonialer Gewalt aufzunehmen, aus der berechtigten Sorge, dass ihre Zurschaustellung unbewusst die historische Exotisierung und Viktimisierung der Abgebildeten fortschreiben könnte. Stattdessen zeigt die Ausstellung Fotografien, die familiäre Zugehörigkeit und Momente der Selbstbehauptung festhalten."

Auf dem Mariendorfer Industriegelände befindet sich, "ein Schatz, von dem man in Berlin kaum weiß". Und zwar in der hier untergebrachten "Artothek der Sozialen Künstlerförderung", erzählt Nicola Kuhn im Tagesspiegel. Versammelt sind hier um die 15000 Kunstwerke der vom Berliner Senat zwischen 1951 und 2003 (als Wowereit das Programm beendete) geförderten lokalen Künstler, die im Auftrag der Stadt Kunstwerke zu vorgegebenen Themen schufen: "Wer die Arbeiten heute studiert, staunt über die Qualität, Hingehuschtes wurde nicht geliefert. Da wäre das große Gemälde von Dorothy Iannone, die in bewährter Form ihren farbigen Kosmos nackter Göttinnen und wilder Pattern sprühen lässt, Ewa Partum reichte einen Dreiklang zersplitterter Schallplatten auf blauem Grund ein, Elke Lixfeld eine elfteilige abstrakte Serie auf groben Holzplatten mit dem Titel 'Essence'. Auffällig ist der große Anteil an Frauen beim Förderprogramm, insgesamt vierzig Prozent." Eine vom Landesamt für Gesundheit und Soziales gegründete Stiftung arbeitet nun unter der Leitung der Kuratorin Julia Rust von Krosigk an der Erschließung der Bestände.

Weiteres: Sabine B. Vogel berichtet in der NZZ über Erbstreitigkeiten um ein verloren geglaubtes, nun aber wiedergefundenes Klimt-Gemälde. Besprochen werden die Schau "Sven Johne, Alexandre Sladkevich, Michael Wesely: Kleiner Mann - was nun?" im Projektraum Alte Feuerwache, Berlin (BlZ) und die Ausstellung "Cassirer und der Durchbruch des Impressionismus" in der Alten Nationalgalerie, Berlin (Welt).
Archiv: Kunst

Bühne

La Traviata © Julian Guidera for Garsington Opera

Gina Thomas besucht für die FAZ die Saisoneröffnungen zweier britischer Opernhäuser. Auf dem Programm stehen Evergreens: In Glyndebourne wird "Tosca" gegeben, in Garsington "La Traviata", in beiden Fällen wird die Handlung in die Epoche des historischen Faschismus verlegt. Von der britischen "Tosca" ist Thomas nicht allzu angetan ("weniger als die Summe der Teile"), deutlich mehr Freude hat sie an der Neufassung des Verdi-Klassikers. Regisseurin Louisa Muller zeichnet "das Bild einer auf dem Vulkan tanzenden Pariser Halbwelt, deren karnevalistische Ausgelassenheit den Fatalismus der Kurtisane im Angesicht des Todes spiegelt. (…) Im Zuge des Abends nimmt Violettas hedonistischer Freundeskreis zunehmend ausgefallene Züge an, als verwandle die fiebrige Phantasie der Sterbenden die Nachtschwärmer in Vorboten des Todes."
Simon Boccanegra © Ben van Duin for Nationale Opera & Ballet

Noch mehr Verdi: Holger Noltze besucht für van in Amsterdam am Nationale Opera & Ballet eine hervorragende Aufführung des "Simon Boccanegra". Eine der besten Verdi-Opern, meint Noltze, aber sie wird selten gespielt, vor allem aufgrund der äußerst komplizierten Handlung. Regisseurin Jetske Mijnssen jedoch "ist eine Meisterin sorgfältiger Personenregie, sie weiß um die große Macht der kleinen Gesten. ... Sie verlegt das Stück ins Uraufführungsjahr der revidierten Fassung 1881. Es war ja Verdis Gegenwart, auch sein Leiden am zerrissenen Italien, das ihn motivierte, den ein Vierteljahrhundert alten Stoff nochmal anzufassen. Die steifen Krägen und hochgeschlossenen Kleider zeigen ihre Träger als Gefesselte. Mehr Aktualisierung braucht es nicht. So gelingen auf der riesigbreiten Simultanbühne Bilder von archaischer Wucht und nie als fake-Historiengemälde: Darin agieren Menschen."

Weitere Artikel: Helmut Ploebst blickt im Standard voraus auf das Wiener Impulstanz-Festival, das vom 9. Juli bis zum 9. August stattfinden wird. Shirin Sojitrawalla macht sich auf nachtkritik Gedanken zum Zusammenhang von Schwimmbad und Theater. Susanne Lenz erzählt in der BlZ eine Anekdote von ihrem letzten Opernbesuch

Besprochen wird "Travelogue I - Twenty to eight" ein Frühwerk von Sasha Waltz, das das Salzburger Tanzfestival Sommerszene eröffnet. "Das Stück ist so weitsichtig angelegt, dass es potenziell alle anspricht", freut sich Helmut Ploebst im Standard.
Archiv: Bühne

Architektur

Peter Richter schaut sich für die SZ die Pläne für den Interimsbau an, in den der deutsche Bundespräsident samt Präsidialamt in nicht allzu ferner Zukunft umziehen muss, weil Schloss Bellevue saniert wird. Einige Grundübel der Berliner Gegenwartsarchitektur kann man auch hier besichtigen, so etwa die "Schießscharten" genannten schmalen, hohen Fensterfronten; geschuldet sind sie, lesen wir, vor allem Verwaltungsvorschriften. Außerdem leidet der Bau schon jetzt an seiner doppelten Funktionsbestimmung: Erst soll der Präsident mit all seinen Repräsentationsbedürfnissen hier hausen, später dann eine schnöde, noch unbekannte Bundesinstitution: "Also unten Behörde, oben Buckingham Palace? Ein bisschen so haben sie es tatsächlich angelegt. Die Beletage ist hier das oberste Stockwerk. Die alte Logik des Schlossbaus mit seinen zeremoniellen Prachttreppen weicht der von Chefetage und Penthouse. Wer aufmerksam schaut, sieht auch von außen die Schießscharten nach oben höher werden."

Weitere Artikel: Zeitler Tobias Timm schaut sich derweil im noch aktuellen Amtssitz um: Im Schloss Bellevue wird als Zwischennutzung ab dem 13. Juni zwei Wochen lang Kunst ausgestellt, von Tillmans bis Bonvicini. Auch Dirk Schümer erinnert in der Welt an den vor 100 Jahren verstorbenen Antoni Gaudí und besucht eine Messe in der Sagrada Família. In der SZ macht sich Moritz Baumstieger Gedanken zu Francis Fukuyamas Gedanken über Stuttgart 21
Archiv: Architektur

Musik

In der taz greift Yannic Walter auf, was wir vor einem Monat in unserer Magazinrundschau nur erwähnt haben: Dass der von Social Media befeuerte Aufstieg von Null auf Hundert der Indieband Geese keineswegs nach alter Sitte viral vonstatten ging, sondern Folge einer Aktion der einschlägigen Agentur Chaotic Good ist, die mit KI-Bots, Fake-Accounts und einer geschickten Manipulation von Social-Media-Algorithmen künstlich Hype generieren kann: "In dieser menschenleeren, von Siliziumsandstürmen heimgesuchten Einöde gibt es außer den großen Medienmonopolen und ihren Zulieferern wie Chaotic Good nur Verlierer. ... Man hat die vermeintlichen Gatekeeper der Vergangenheit (Journaille, A&R, Promotion) durch gewissenlose Online-Vermittlungsformen ersetzt, in deren Maschinenwelt man lieber Content sagt statt Kunst: Wo viel Geld investiert wird, muss künstlerischer Erfolg planbar werden, und Inhalt wird zur Variablen. Den im kapitalistischen Realismus unerträglichen Zustand, dass der Wert von Kunst eben nicht ohne Weiteres quantifizierbar ist, hat man durch den Betrug ersetzt, mit viraler Reichweite gelänge dies auf 'demokratische' Weise doch."

Besprochen werden ein Bach-Konzert in Wien von András Schiff (Standard) und Frikos Album "Something Worth Waiting For" (FR).
Archiv: Musik

Literatur

Es bleibt einem auch nichts erspart: In Frankreich macht Annie Ernaux im Pali-Tuch Wahlkampf für den Linkspopulisten Jean-Luc Mélenchon, berichtet Ann-Kristin Tlusty in der Zeit. Florian Leclerc berichtet in der FR vom Auftakt des Literaturm-Festivals in Frankfurt. In der taz resümiert Ralph Trommer den Comicsalon Erlangen. Andreas Platthaus kündigt anlässlich von 250 Jahren USA eine FAZ-Serie über das Land und seiner Selbsterzählungen im Spiegel seiner Literatur an.

Besprochen werden unter anderem Richard Mabeys "Uneigentliche Landschaft" (FR), Valérie Perrins "Tata oder das Geheimnis meiner Tante Colette" (FAZ), Luo Lingyuans "Kinder der roten Erde" (NZZ) und Diarmaid MacCullochs "Niedriger als die Engel" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Archiv: Literatur